Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XXI (1920)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1920)
- Date
- 1920-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JODISCHE VOLKSSTIMME. Bezugspr eise: . Redaktion u. Administration: Brtinn, Krapfeng. 19. halbjåhrig ....... mm Buchhåndlerische Vertretung: Otto Klemm, Lelpzig. ganzjåhrig. Inseratet der 6-spaItige Milimeterraum 5. K 2.—. Deutschosterreich. Kronen 50.-— Unveriangte redaktionelle Beitråge werden nicht Deutschland, ganzjåhrig .... honoriert. Manuskripten ist Rttckporto beizuftigen. Jahrgang XXI. BrBnn» M^Ysmo0 - Nummer 5.* Wiener jiidische Kinder nach Mahren. Holland, Schweiz, Danemark haben uns den Rang abgelaufen,' indem sie bereits seit einem Jahre Wiener jiidische Kinder aufnehmen und yerpflegen. Nun wollen und diirfen wir nicht zuriickbleiben. Und es ist uns tatsåchlich'gelungen, der Idee, Kinder nach Mahren zu bringen, zum Erfolge zu verhelfen. Konnten wir friiher zu dem Hilfswcrke der wackeren A n i t ta M ti 11 e r nur soweit beitragen, dail Znaim die dort durchfahrenden Kinder labte, so soli es nun ganz anders werden. Wir sind uns dessen wohl bewuBt, dail mit unserem Hilfswerke — einige hundert Kinder aus Wien hier in Måhren zu beherbergen — nur ein Tropfen in das groile Meer des Elends fållt, da aber die Not nun so hoch gestiegen ist, miissen wir so helfen, wie wir konnen,. Jetzt soli alles zusammenstehen! Jetzt7 sei alle unsere yerfugb ar.e Kraft dar.auf verwendet, unseren Brtidern aus Wien Hilfe zu bringen! Und es ist nicht zufållig, dail von den Kronlåndern des alten Oesterreich Måhren mit dieser Aktion beginnt. Wir måhrischen Juden sind doch mehr oder weniger beinahe alle durch verwandtschaftliche Bande an Wien gekniipft, wir alle, mehr oder weniger, sind Wien dankbar fiir die Gaben, die wir dort empfangen haben. Ein Groilteil unserer Akademiker hat an den Wiener Hochschulen studiert; die gesamte mahrisjhe zionistische V/elt hat ihre Lehren aus Wien errtpfangen; alles, was noch jiidisch an uns ist, haben wir Wien zu verdanken. Wenn gar nichts in die Wagschale fiele, so miiilten wir Zionisten schon in Verehrung zu unserem verewigten Fiihrer Theodor H e r z 1 das Wiener Judentum stiitzen, indem wir seine Kinder dem Hungertode entziehen. FEUILLETON. Der Lockschen. Humoreske aus dem jiidischen Leben. * Von S. Bachenheimer-Geestemiinde. Meier Goldberg und seine Frau Minchen machten wieder eine Sabbatvisite bei Lotheims und es wurde gemiitlich geruddelt. Julius Lotheim aber war miide und schlief in seinem Sessel ein. Desto eifriger wurde die Unterhaltung von seiner Frau — Rieke — und Minchen weitergefiihrt. Aus der Kliche drang ein stiller Duft in das gc~ mtitliche Sttibchen. Ein Lokschen brodelte in schwimmendem Mengfett. Er kitzelte den „langen Meier" in der Nase und reizte seinen Gaumen. Da kam der „lange Meier" auf efne ganz verflixte Idee. Auf die Idee folgt bald die Tat. Meier ging leise hinaus in die Ktiche, wåhrend die Frauen eifrig plauderten, offnete den Bratofen und eins, zwei, drei zog er deSi Topf mit dem Lokschen aus seinem warmen Versteck. Dann lief er durch die Hintertflr, durch den Garten, hintiber in sein Håuschen und stellte den aus seiner Tåtigkeit aufgestorten Lokschen in seinen Bratofen. Nach einem .Weilphen kam Minchen, die ihren Qatten vom Fenstør aus beobachtet hatte, nach Hau« se und die beiden Leutcben lieBen sich den Lotheimschen Lokschen gut schmecken. Hungernd, frierend, ohne Licht und ohne Freude ist die Wiener Judenheit den entsetzlichsten Qualen ausgesetzt Wohl glaubten wir immer, daB das Deutschtum der Cechoslovakei mit gutem Beispiele vorangehen wird, daB unsere Deutschen, der deutsche GroBgrundbesitz, die deutsche Schwerindustrie, das groile deutsche Kapital in erster Reihe zur Unterstiitzung ihrer osterreichischen Bruder marschieren wtirden. DaB die Liebe, die angeblich die Sudetendeutschen an ihre Briider in Oesterreich kntipft, in Tat umgesetzt werde; daB unsere Deutschen ihren Brtidern im „Reiche" nicht nachstehen werden, die unter noch schwererén Verhåltnissen leben, als die Sudetendeutschen. Nichts ist geschehen! Vergebens beinahe hat Dr. Renner an unsere Tore gepocht. Wien hungert, Wien frier ti Die „Stidmark" hatte auf Ztindholzchenschachteln die Verse geschrieben: „Den Brtidern im bedrångten Land, warmftihlend Herz, hilfreiche Hånd"! Wo ist das warmftihlende Herz geblieben? Als WKiftvgtøcfettch fréTT'då-htrtfe es ungezåhlte Freunde, nun sich aber die Zeiten ge- åndert haben, ist es verlassen: Nun wollen wir Juden wenigstens zeigen, dall wir ftir unsere Briider noch ein warmfiihlendes Herz im Leibe haben. Wir wollen nicht der Kulturwelt das Schandmal vor Augen ffihren, daB die måhrische Judenheit nicht imstande war, den Wienern einige hundert Kinder abzunehmen. Im Gegenteil, es soli unsere Ehrenpflicht sein, die Kinder so zu betreuen und zu behtiten, als wåren es unsere eigenen. Denn es ist ja Fleisch von unserem Fleische, Blut von unr serem Blute. Unsere jiidischen Familien in der Provinz werden gewiB nicht bei diesem Hiliswerk zurtickstehen wollen, sowie unser Blatt jederzeit allen Anregungen auf diesem Gebiete sein Augenmerk schenken wird. Inzwischen war Julius Lotheim aus seinem Vormittagsschlåfchen aufgewacht. „Der Schlaf am Morgen", so sagen die Weisen Israels, „taugt nichts; er bringi de" Menschen um die Welt". Julius Lotheim brachte er diesmal nur um seinen Lokschen. Allmåhlich war es Mittag geworden und der durch den stiBen Schlaf gestårkte Magen Lotheims sehnte sich nach der gesetzten Bohnensuppe und dem fetten Lokschen. Als aber der Schmaus losgehen soilte und Rieke Lotheim den Bratofen offnete, wurde es ihr schwarz vor den Augen; sie stierte in das leere Schwarz der Bratrohre und sah — nichts. Hatte sie nicht gestern, am Freitag, einen Lokschen fabriziert? Tråumte oder wachte sie? Von der ganzen Herrlichkeit des Lokschen war. nichts mehr ubrig geblieben, als der siiBliche Gerueh, der ihr verriet, daB sie einen Lokschen gemacht hatte. Wo war der geblieben? Rieke sttirzte erregt ins Sttibchen und schrie laut auf: „Denk’ dir nur, Julius, der Lokschen ist fort!" „Bist du meschugge", erwiderte Lotheim, „er hot doch ka Fltigel, daB er fliegen, und ka Råder, daB er fahren kann!" , Aber der Lokschen war schon sehr weit fort, und, wenn er auch nicht flog oder fuhr, so war er doch in vollster Bewegung. Die beiden Lotheimschen Eheleute beschlossen nun, auf die Suche nach ihrem heiBersehnten Lokschen zu gehen und lieBen Haus und Hof in Stien. Bald entstand im ganzen Dorf ein Aufrubr, denn die Kunde von dem Diebstahl verbreitete siehvon Haus zu Haus mit Windeselle. Vorlåufig hat die rilhrige jiidische Frauenorganisation in Brtinn dieses Hilfswerk in die Hånd genommen und wir wollen hoffen, daB hier niemand zurtickstehen wird. s Die Regierui^g hat die Bewilllgung zur Ein re ise der Kinder erteilt. Nun ist es an uns måhrischen Juden gelegen, die Kinder gut und rasch unterzubringen. Aber sehr rasch.! Denn die Not in Wien wird immer groBer, der Winter zieht vorbei und es wåre traurig, wenn wir mit unserem Hilfswerke nicht noch im Winter beginnen wtirden. Nun alle Bedenken beiseite geschoben! Alle Parteistreitigkeiten weglassen! Jedes personliche Moment fn den Hintergrund stellen! Ob diese oder jene Organisation dies Werk unternimmt, es muB unterstutzt werden. Ob diese oder jene Partei die Anregung gibt, ihr muB Folge geleistet werden. Denn Niemandem braucht man die Notlage Wiens auseinanderzusetzeu, jeder von uns kennt sie, jedermann weiB es! Wie soli denn das ferne Austønd helgen, wenn wir die Nachbarn zurtickstehen, wenn wir unsere schtitzenden Hånde voii unseren notleidenden Brtidern zuriickziehen!. Deshalb auf zur Hilfe! G. K. Unverbesserlich! Der Deutsche Hausball fand diesmal unter neuem Namen als „Ball ftir das deut^he Haus" statt, veranstaltet, „mit Rticksicht auf die verånderten Verhåltnisse nicht vom Ausschusse des deutschen Hauses selbst, sondern von einem besonderen Ballausschusse, der sich zum Ziele gesetzt hat, dem Ver- Auf der Suche kamen Julius und Rieke auch zu , Goldbergs. Die schliefen aber so fest wie die Ratten und erst nach langem Rtitteln erhob sich der „lange Meier", um Lotheims ganz gehorig die Leviten zu lesen, wejl man ihn im Schlafe gestort und eines so schweren Vergehens zu beschuldigen versuchte. Als Lotheims aber unverrichteter Sache nach Hause gehen wollten, sah Rieke ihren Lokschentopf in der Ktiche Goldbergs stehen. Sie ergriff ihn an den Ohren und eilte mit ihrem gefoppten Månnchen unter Schelten und Schimpfen durch die Hinterttir nach Hause. „Da haben wir wieder einmal etwas Schones angerichtet", sprach Minchen zu ihrem Gatten, „Du wirst sehen, der Lotheim nimmt uns den Spafi tibel. und, wer weiB, am Ende zeigt er uns auch noch belm Amtsanwalt an." „Hab nur ka moreh (Furcht) sagte Meier, „der Lotheim is nit so gefåhrlich, er wird uns hochstens mal auch so an Streich spielen." In der ganzen Woche lieBen sich Lotheim nicht blicken und Goldbergs blieben auch auBer SchuBweite. v Wåhrend dieser Woche sann Lotheim auf Rache und Meier Goldberg dachte dartiber nach, wie er diese vereiteln konne. Der „lange Meier" iiberragte Lotheimchen an KdrpermaB und Qeist. Er heckte mit seinem Kompagnon Minchen einen Plan aus, der unbedingt gelingen mufite. Der nåchste- Freitag kam, Minchen mufite einen Lokschen maeben. Aber, was fQr einen I Erst machte Minchen einen Teig, einen Teig wie er bei allen normalen Lokschen, Kucheln, Schølenten etc. gemacht wird. Die Hålfte de^TetVtS welgerte sie, um file ala