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Jüdische Volksstimme · 1920-01-15 · Heft 3 (15.1.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXI (1920)
Issue
Heft 3 (15.1.1920)
Date
1920-01-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrg. XXI, *♦ Nummer 3 ־ ♦ 8 et» MM eif e: ' *.• Deutschland, genzjährig . . , , Nutzland, ganzjähriß. Balkan. Frankreich. Deutschösterreich. ---a *. Ih»nen 1550־ . *ronen 30*— . Mark 20 — . Rubel 12׳— I . Frank« 84׳— . . . K 60.- I ---m Brünu, 15. Jlnn0r 1920. 24. Thewts 5680 E Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe g^ Buchhändlerifche Vertretung: vtt, Ale»», Ktzipziß Inserate: dev 6-spaltige Zentimstervaum 3 K Unverlangte redaktionelle Beiträge »oerdea nicht t-ono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügeu. jüdischnationale Vereinigung, Brünn. Montag, den 19. Jänner findet in der Schwechater Bierhalle eine Wählerversammlung statt.-. . .׳'■׳ i». .... Referenten: Dr. Max Brod, Dr. Mgelo Goldstern Prag. IW־־ Beginn 8 Uhr abends. -Wtz Feuilleton. Der slowakische Bergjude. Von Dr. Theodor Haas (Brünn), Der mit frevelhafter Hand entfachte Weltkrieg hat nicht nur materielle Güter von ׳ unschätzbarem Werte zerstört, sondern in viel tiefgreifenderer Weise auch auf die ethischen Güter Übergriffen, indem er die kulturellen Errungenschaften zurückschleuderte, und an deren Stelle die Verrohung und Verwilderung der Menschheit umso mehr zu Tage trat, je länger die Kriegsfurie die geplagte Menschheit verfolgte, und je mehr Ünzufriedenheit sich in den Maffen anhäufte. Und als nach der gewissenlosen Fortsetzung de- Krieges bis zum letzten »Weißbluten" die Front der Mittelmächte zusammenbrach, und die Soldaten nach mehr als 4 Jahren menschenunwürdiger Leiden in zügelloser Auflösung von der Front und den Kaders der Heimat zustrebten, da machte sich mit elementarer Ge- Walt der langverhaltene Unmut Luft, und nach den unzähligen Erfahrungen der Weltgeschichte erging er sich in erster Linie an den Juden, den ewigen Prügelknaben für die Sünden Anderer. So war dies auch auf der Slovakei der Fall. Trotzdem hier, ebenso wie auch anderswo, die jüdischen So: daten ihr Leben und ihre Gesundheit fürs ״Vaterland" geopfert hatten, die gleichen Mühen und Strapazen mitmachten, wie ihre christlichen Landsleute, und trotzdem die Juden daselbst Jahrhunderte lang in friedlicher Eintracht mit ihren christlichen Mitbürgern gelebt hatten, wurde dennoch die dortige jüdische Bevölkerung die Zielscheibe der im vollsten Maße entfeffelten Volkswut. Soldaten und Invaliden gaben meist das Signal, beschäftigungslose Individuen schlossen sich ihnen an, und schließlich wollten selbst die vermögenderen Elemente nicht leer ausgehen, als sie sahen, daß straflos geplündert wird, und den Juden mitunter ihr ganzes Hab und Gut verschleppt wird^ Es waren böse Zeiten, welche für die slovakischcn Juden im November vorigen Jahrs heranbrachen. Der Arme wurde ebenso wenig geschont, wie der Reiche, und eine ausgesprochene Pogromwelle ergoß sich über Stadt und Land, bis in die letzte Ansiedlung im entlegenen Gebirge. In den ״Kopanicen", den zerstreuten Ansiedlungen innerhalb der Rodungen der ausgedehnten Karpathen- Wälder längs der mährischen Grenze, wohnte gleichfalls ein Jude, welcher in armseliger Bedürsnislosig^ feit sein Leben fristete. Schon sein Vater hatte dort gewohnt, als armer Mann, welcher neben einer Schenke und. einem kleinen Geschäfte ein Fuhrwerk betrieb^ mit dem er für sich und gegen geringe Entlohnung auch für andere Fahrten unternahm, nach Trenöin auf die Märkte, nach Neutra zur Komitatsbehördss, nach Bösing um Wein, nach Bisenz um Spiritus.' Auch der Sohn hatte diesen Beruf übernommen. Die Bevölkerung, innerhalb welcher er lebte, war arm, konnte nur mit schwerer Arbeit dem kargen Boden so Vielabringen, als sie zu ihrem bescheidenen Lebensunterhalte benötigte, und auch der Jude dort war arni, gerade daß er bei gering«» Ansprüchen seine Familie Brünn, 14. Jänner 1620. Bor einigen Wochen ging die Nachricht von der Gründung der ״deutsch-demokratischen Freiheitspartei" als Reichspartei durchs Land und zwischenwcilig wurde in Brünn die Bezirksorganisation dieser Partei ins Leben gerufen. Die Stellungnahme der nationalfühlenden Juden zu dieser Partei wäre Unter normalen Verhältnissen gegeben; denn wir müssen es naturgemäß wärmstens begrüßen, wenn durch die Gründung einer wahrhaft demokratischen Partei reaktionäre, chauvinistische Strömungen — in welchem Lager immer — geschwächt werden. Die Verhältnisse, Unter denen die deutsch-demokratische Freiheitspartei auf den Plan trat, sind aber bedauerlicherweise nicht normale und fordern daher unsere Stellungüahme zu dieser Partei in einem von uns prinzipiell gar nicht gewünschten Sinne heraus. ' Wiederum haben sich Juden in den Vordergrund dieser Partei gedrängt, Juden, die durch ihre Aufdringlichkeit, ihren Radikalismus ihre Zugehörigkeit zum Judentume vergessen zu machen und die Zugehörigkeit zur^ deutschen Nation < betonen zu Müssen glauben, ohne zu bedenken, daß sie sich wie ein Bleigewicht an die Fersen dieser neuen Partei hängen und sie von Vorneherein dem Tode weihen. Wir achten die Ueberzeugung jedes ehrlichen Menschen und sind nicht so einsichtslos, um jenen Juden nicht Verständnis entgegenzubringen, die, in einer wirklich freiheitlichen Aera ausgewachsen, sich mit dein Gedanken nicht befreunden können, daß diese Aera vorüber ist und sich mit der Verzweiflung eines Ertrirkenden an jeden Strohhalm klammern, der ihnen das ׳ Festhalten an ihrem Jugendidealismus ermöglicht. Was wir aber den führenden jüdischen Persönlichkeiten in der neuen Partei verübeln und verwehren müssen, ist, daß sie durch ihre Hartnäckigkeit, mit der sie sich in führende Rollen emporzuschwingen suchen, durch ihre erhalten, und seine Kinder in der Volksschule des nahen Städtchens unterrichten lassen konnte. Und auch er blieb von der Plünderung nicht derschont, trotzdem sein Sohn gemeinsam mit seinen Landsleuten die Leiden des Schützengrabens ertragen mußte. - Die entfesselte Menge tobte um sein Haus, und vergriff sich bereits an seinem Vermögen. Was sollte er beginnen, wenn er vollständig yusgeplündert wurde, wohik und an' wen sollte er sich wenden? Er fleht um Erbarmen. Er wirft dem rasenden Edom das hin, was er zur Errettung seiner armseligen Habe, zur Erhaltung seiner Existenz hingeben kann, womit er die wilde Menge besänftigen zu können dermeint, seinen Glauben! Er verspricht, die Taufe anzunehme«, wenn in der Plünderung inne gehalten wird, wenn es ihm ermöglicht wird, weiter im Gebirge vege« tieren zu können. Was weiß er denn vom Judentum? Er lebt abgeschieden und einsam draußen, und nur zu den hohen Feiertagen ist er vom Gebirge herabgestiegen, um dem Gotte seiner Väter zu dienen, den Tempel des nahen Städtchens zu besuchen. Sonst waren die Bande, welche ihn ans Judentum knüpften, nur sehr lose. «Doch kaum war ihm das Wort entfahren, möcht' er's in Busen gern bewahren." Ja, er war nur mehr lose mit dem Judentum verknüpft, aber im Herzen war er doch Jude. Umsonst! Shylock besteht auf seinem Schein, und wenn de« Juden das Leben lieb ist, nicht nur sein Bmmöge», muh er sein Wert einüisey.

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