Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 34 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2622032-2622066--4152-2625421- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jahr«. XX. totmatct 34. .. Kronen lS*Sv .. . . » Kronen 30*— Deutschlands -an-jährt- ...... Mark 20 — Nntzlcknd, ganzjährig ...... Rubel 12- — Balkan, Frankreich , Krank» 24*— Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration*. Brürm. Udlsrgasie S Buchhändlerische Vertretung: Vtt» SUtVMf Krl-zig Inserate: dev 6-spaltige Zentimstevmmn 2 Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht veno, riert. — Vtanuskrivten ist Rückporto heißnsügen« Wien-Brünn. 14 Uovsmksr ISIS. 21. Sl»k0k»»olt»fgn SSSS Prag—Lemberg. > Fünfunddreißig Jahre, Bilu. Beitrag zur Geschichte einer palästinensischen (Stuben־ tenkolonie. — 1884—1919. Beklagenswert war der Zustand des Judentums im 19. Jahrhundert. Sämtliche Erscheinungen und Merkmale, welche die Gesellschaften, die sich ihrem Ende nahen, charakterisieren, kommen in diesem Zeitraum unserer Geschichte in ihrer ganzen Grellheit und Nacktheit zum Vorschein. Keine einzige Hauptidee reguliert oder leitet das Leben des damaligen Judentums. Erschreckend wahrlich ist das Bild der Desorganisation und der gesellschaftlichen Zerfahrenheit. Weder ein Wille, noch eine Betätigungsmöglichkeit gibt sich kund. Die alte Generation, die sich noch immer von mittelalterlichen Begriffen beherrscht, in Sicherheit wiegte und verknöchert war, verlor den Boden unter den - Füßen, die neue Generation aber, die sich modern ausleben wollte, verließ die jüdischen Reihen ünd überging allzuoft in fremde, ja sogar feindliche Lager. ES schien, als sei das allmähliche Verschwinden, Erlöschen und Absterben des Judentums eine notwendige unabwendbare Folge der damaligen Sachlage/Doch dringt schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die erdrückende und demütigende Finsternis von Zeit zu Zeit ein Heller Lichtstrahl ein. Hie und da treten auf die Bühne des jüdischen Lebens Männer der Tat und Denker auf (Mordechaj, Manuel Noah, Moses Heß,' Hirsch Kalischer), die die jüdische Renaissance auf jüdischem Boden verfechten. Dies sind aber nur einzelne, in der Wüste rufende Stimmen. Damit diese Kampfrufe einen Widerhall bei den Massen des jüdischen Volkes sinden sollen, benötigte man unbedingt starke äußere Impulse. Die Rolle dieses Stimulans übernahm der in den 80er Jahren im Westen in die Haltne emporgeschössene Antisemitismus und der im vollen Sinne des Wortes 81:.1::י T_r i TTjrafigBgijELT 11X01 ־» Feuilleton. M. Z. Feierberg: Die Schatten. —-Und alles, was,die große und weite Welt an Reiz und Lust enthält; und alles, was das sprudelnde Leben an .Pracht und Kostbarkeit besitzt— zog meine Seele nicht so an, wie der Schatten. Viele lieben den Tag und das Licht, ich aber liebe die Nacht und den Schatten. Eine finstere Nacht und ein schwarzer Schatten — gibt es etwas Schöneres auf Erden? Und die erbarmungslose Sonne reißt mir die Augen auf: das Licht drängt mich, die verfluchte, falsche und eitle, Welt zu sehen und sie zu genießen. Das flatterhafte Herz wird jeden Augenblick, bei jeder flüchtigen Erscheinung, bei jeder niedrigen Leidenschaft erregt und will in fremde Kreise eindringeN. Unten ist die Hölle weit geöffnet, das Herz sinkt da tief, tief hinunter und zieht mein ganzes Wesen und all meine Empfindungen nach sich. ' Ünd da ich gegen, meinen Willen an die nichtige Welt gebunden bin und mein wildes und lüsternes Herz sich an den Strahlen der bezaubernd strahlenden Sonne ergötzt und mich meinem geliebten Schatten nicht nachgehen läßt, so will ich mich auch jetzt wenigstens für einen Augenblick dem Schatten zuwenden. —- Nachts. Ich sitze in der alten, morschen ״Schul", die Sonne ist schon längst untergegangen, draußen heult ein stür- Mischer Wind, an die zerbrochenen Fensterscheiben poallzu extreme, allzu brutale, weil in blutigen Pogromen sich entladende Antisemitismus,des Ostens. Nach Liesen Pogromen begann die jüdische Jugend Rußlands darüber nachzudenken, auf welche Weise das palästinenfische Programm zu verwirklichen wäre und fing an, die individuelle und soziale Würde auf sich wirken zu lassen. Sic, wollte ihren Seelenumschwung vor ^dcr Welt durch eine große und ewige Tat dokumentieren. Einige russische Jünglinge mit Salman Dawid Lewontin an der Spitze legten nach unbeschreiblichen Schwierigkeiten, Hindernissen und Kämpfen den Grundstein zur ersten jüdischen Ackerbaukolonie in Palästina ״Nischon L'Zion". Obwohl diese Kolonie mit unaussprechlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, steckte sich doch.die überaus begeisterte jüdische Jugend Rußlands und sodann aüch Rumäniens ein höheres Ziel vor Augen und beharrte bei demselben unerschütterlich; das dieser Jugend früher vorschwebende, von Mystik durchdrängte Ziel wurde ihr immer klarer und sie begann sich in Verbänden zu organisieren, die nach den Anfangsbuchstaben des prophetischen Spruches ״Beth Jaäkob )echu whnelcha" (״Haus Jakobs, kommt, wir »vollen gehen", Jes. 2, 5) den Namen ״Bilu" führten. Die Leute, die sich diesen ״Bilu"-Verbänden angeschlossen Hallen, wachten sich zur Aufgabe, das Auswandern nach Palästina, um dortselbst AckerbaukülöNten. zu gründen. Die Bilu, deren es anfangs kaum fünfundzwanzig ab, durchquerten voll Begeisterung beinahe ganz Rußland, gingen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und predigten ... Sie schütteten dem Volke ihr Herz aus, offenbarten ihm ihre teuersten Träume und Ziele, Bestrebun-. gen und Hoffnungen, begeisterten und enthusiasmierten die breiten Schichten des jüdischen Volkes. Ihre Arbeit fand aber in erster Zeit nur unter der Jugend^ Widerhall. — Die Bilu übersahen in ihrem Eifer und Begeiste- Hend und mit dem matten Scheine meiner Kerze herumspielend. Die Ständer stehen wie Grabsteine da und ich stehe in der Mitte des Hauses, an die Estrade gelehnt und lerne aus der vor mir offenliegenden Gemarah. Mein kleines Lichtlein brennt leise surrend und bespritzt den Traktat mit Talktröpfchen; ein Matter Schein ergießt sich von ihm üh.er das ganze Haus und füllt:den Raum mit düsterem Schatten: der Schein flattert um mich herum und verliert sich in der Finsternis; an allen Enden des Hauses lagert eine öde Finsternis, die von dort aufsteigt und sich oben an der Decke ausdehnt und von dort wieder auf die Thoralade herniedersteigt; und die Schatten bewegen sich, ein Schatten ergießt sich in den zweiten, einer dehnt ׳-sich über den andern aus. Das ganze Haus scheint sich zu bewegen, die Wände bücken sich, die Schatten sprechen freundlich miteinander und liebkosen sich: sie sprechen, sie flüstern — und ich verstehe nichts... Sie flüstern leise einander zu und . ich höre nichts. Und ich spiele mit dem Schatten, ich verschlinge sie, ich atme sie ein und freue mich über ihr schwarzes Aussehen und wünsche, daß sie noch finsterer würden, daß sie sich ausdehnten über die ganze Welt, süße Angst und freudigen Schrecken verbreitend. Und die Gemarah liegt offen vor mir und ich lerne daraus mit trauriger Stimme und herzzerreißender Melodie und die Schatten lauschen und tanzen >ihr nach, mein Herz schlägt vernehmbar; die Weise dringt in das innerste des Herzens ein. Was ich dann empfinde — weiß ich nicht; ich verstehe die Unmenge, der mich beherrschenden Gewalten nicht, die in diesen glücklichen. Augenblicken friedlich bei rung, die sich ihnen emportüxmenden Schwierigkeiten, die überwunden werden mußten. Sie zogey in den Kampf mit dem heißen und sicheren Glauben an die Richtigkeit ihrer Sache. Sie gingen aus, vo,n Liebe zu ihrem Volke und zu ihrem Lande ergriffen, mit höhereu und lauteren Idealen und mit dem Willen zur Aufopferung. Und nicht nur auf dem heiligen Boden standen ihnen Widerwertigkeiten bevor; auch in Rußland selbst hielten verschiedene Schwierigkeiten ihreü Triumphzug ein wenig auf. Die russische Regierung hatte jede Agitation für die Auswanderung aus Rußland verboten, aber die jungen Idealisten, die Bilu kümmerten sich darum einen Pfifferling und als ob sie das Verbot garnichts anginge, setzten sie sich über die primitivsten Vorsichtsmaßregeln hinweg und betrieben unermüdlich weiter, ihr Aufklärungswerk, die breiten Massen unseres- Volkes aus der Lethargie zu Wecken. Nach kurzer Zeit konzentrierte sich die Arbeit der Bilu-Anhänger im neugegründeten Zentralbüro zu Odessa; später gründeten sie auch ein Büro in Konstantinopel, welches ihre di-- plomatische Aktion zu leiten hatte. Es irrten die Bilu, wenn sie der Ansicht waren, daß es ihnen auf diplomatischem Wege gelingen werde, irgend eine Erleichterung oder Konzession von der tür- §Weu Meaiermm,^u..srkanaen.^^biaser irrigonAuffaffung bestärkte sie der abenteuEche4 renco Oliphant; ober während der eine Teil der In» gend politisierte, arbeitete der andere mutig und ünerschrocken weiter... ' _ J ־ Am 11. November 1884 gründeten neun Bilu rn Palästina die Musterkolonie «Katra"> oder wie sie in der Bibel genannt wird ״Gedera", wodurch das jüdjsche Volk zu weiteren kolonisatorischen Proben ermutigt wurde, v ״ . Die Bilu haben diese Kolonie gegründet, ohne die geringsten Mittel und ohne die nötigsten Werkzeuge ' «SSW— ■■■ 11« ■11■ .... ■■■ —WWWNS« einander weilen. Und ich mach die größten Anstrengungen, mich selbst ein Wenig zu verstehen,und eine Erinnerung an diese heilige Wonne zu retten. Und da erkannte ich zum erstemnale, daß mich die Schatten gewaltig anziehen ... sie zogen mich in stiller Nacht in die ״Schul", sie haben die traurige Melodiq in den Talmud hineingewoben, sie waren es, sie allein... Aber wer sind denn diese Schatten? Was Hab ich denn mit diesen zu tun? Mein Vater erzählte mir, daß die einzige Freude seiner finsteren Jugend das nächtliche Talmudstudium in der Schule gewesen war. Und während er von seinen Jugenderinnerungen sprach und mir seinen Lernfleih schilderte, da flössen Tränen von seinen Augen, Tränen der Sehnsucht nach den wonnigen Nächten des Thörastudiums im Beth-Hamidrasch. Dann, so meinte er, hätte er empfunden, daß ein Geist von oben zu ihm hinabgestiegen wäre und ein heiliges göttliches Fe> fein Herz mit heißer Liebe zur traurigen Melodie, zur Nacht und zu dem Schatten erfüllt hätte. . . . Wer weiß! Vielleicht liebe auch ich dieselbe Melodie, dieselbe Nacht und dieselbe Schatten? ... Ich habe es wohl von meinem Vater geerbt . . .. O Vater, glücklicher Armer! Du hast das heilige Feuer in deinem Herzer? durch das Feuer der Leidenschaft nicht erstickt! Du hast deine Seelenwärme im kalten Lebensmeere nicht gelöscht! L>u, mein-Vater, hast jede leidenschaftliche Regung unterdrückt, noch bevor sie entstand — und in mir, deinem unglücklichen Sohne, kämpfen verschiedene Flammen, das Lebensmeer reißt mich unwiderstehlich hin, eine Leidenschaft wird nur OMelttt die ״Wlrede Uoiksstimme".