Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 31 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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•rttrO . <f9>Mf4t famHimau* -־■■=■■=־:״.,"■Sm■ __■ Hvrte deckt die Gemeinde ih« KultuSbediirfnisi< zum großen Teile aus den Ertragnissen der Stiftungen, welche einschließlich der Humanitären über eine viertel Million betragen. Denn die Anzahl -er kapitalslräftigen Steuerträger ist hier, wie in allen ländlichen Kultusgemeinden, im steten Abnehmen begriffen, und nur der Friedhof mit seinen alten, verwitterten Grabsteinen, deren Inschriften von fachkundiger Seite verzeichnet und registriert werden sollten, bevor fie dem vollständigen Verfalle entgegen gehen, gibt ein Zeugnis ehemaliger Größe und Bedeutung der Gemein-e. Dr. Theodor Haas. ״Edem." Jüdischer Verlag, Berlin. Kein Buch ist zeitgemäßer als dieses. War der Krieg für das Judentum mehr als für jedes andere Volk ein nationales Unglück, da er uns zwang, Bruder gegen Bruder zu kämpfen, da er des letzten׳ frommen Ghettobewohners Ideale zerstörte, die Sabbatruhe zerschoß, wie Staub, Angehörige auseinanderwirbette, das Familienleben zerriß, so ist die Zeit die dem unheilvollen Weltkrieg folgt, wo um den Weltfrieden gefeilscht Wird, noch unheilvoller, unseliger für die Juden. Wenn uns nicht ein Schimmer der Hoffnung auf Erlösung tröstete, fürwahr, man müßte Asche aufs Haupt streuen und trauernd niederkauern in zerrissenen Kleidern, Ein Pogrom jagt den andern. Sine Metzelei löst die andre ab.... Ist wieder der Geist der gottlosen Gottfriede von Bouillon erwacht? Gdom rast — auferstanden in altem Hatz, der eigentlich immer jung bleibt. Und die Juden? Ducken sich, protestieren und warten... . Von unseren Fehlern, Sünden, Vergehen sei hier nicht die Rede. Einzelne find schuldig. Gestraft, gepeinigt wird aber ein ganzes Volk, die Unschuldigen sind die Opfer des Haffes, der Wut, Märtyrer Blutzeugen ihres Glaubens, ihrer Treue. Kreugzüge — in neuer Form? Oder ein ewiger Tischa-beab? Wir wähnen uns ins Mittelalter, in die Zeit der Zerstörung Jerusalems versetzt. Grausamer als die Römer waren aber doch die Christen, die im Mittelalter auszogen dasselbe Jerusalem, das ein anderes schien, zu befreien. Man lese nur diese erschütternden- Berichte, die in dem trauerschwarzen Buche vereinigt sind wie in einem Sarg. Ausgegraben werden sie zu neuem Leben erwachen.Auflodern werden ' Flammen daraus, aber unsere Tränen loschen sie. Wozu auch in Hatz und Rache glühhen? In . die Hand jedem Knaben, jedem Mädchen möchte ich dieses Buch drücken. Lerne Dein Volk kennen und lieben. Und unsere Dichter sollten danach dreifen und sich Begeisterung und Liebe daraus holen. Wie verblassen gegen die sachlichen, aufwühlenden, großartigen, inbrünstig frommen, charakterfesten gottergebenen Berichte, die man Gedichte benennen darf, alle Schilderungen verzückter Mönche büßender Anachoreten, stammelnder Madonenbeter, an denen sich unsere Dichter leider solange gelabt und geschult haben. Kehret zum Volke zurück, möchte man ihnen zurufen, leset seine eigenen blutgetränkten Geschichten, lernet den echten Judenschmerz und auch den wahren Edom kennen. Und ihr werdet wahr werden., Zu beziehen durch die Admin. dieses Blattes. Marek Scherlag. ״Die Gestattung des Völkerrechts nach dem Welt krieg." Beinahe täglich findet man in der Presse Artikel, in denen dem Wunsche nach der Schaffung von wirklichen Garantien für den künftigen Frieden Ausdruck gegeben wird. Ein Buch von kompetenter Seite über diesen Gegenstand kommt daher sicherlich heute einem allgemein empfundenen Bedürfnis entgegen. In dem soeben erschienenen Werke über ״Die GestaltungdeS Völkerrechts nach dem Weltkrieg" (Verlag: Orell Fützli, Zürich, Preis 10 Fr., geb. 12 Fx.) hat es der bekannte schweizerische Völker- .rechtsgelehrte Prof. Dr. Otfried Nippold nun unternommen, wie und unter welchen Voraussetzungen solche Garantien nach dem jetzigen Kriege geschaffen werden können. Es ist selbstverständlich, datz die Basis dieses Fortschritts in der Art her Gestaltung des künftigen Völkerrechts gelegen sein mutz. Nippold unterscheidet zunächst streng zwischen Völkerrecht und Kriegsrecht und betont, datz die künftigen Fortschritte natürlich vor auf dem Gebiete des Völkerrechts und nicht, des Kriegs, rechts zu suchen sind. PS erste der zu lösenden Anfgaben auf dem Gebiete des Völkerrechts stellt sich die Regelung des Verfahrens bei Streitigkeiten zwischen den Staaten dar^ und zwar in dem Sinne, datz die Staaten sich künftig verpflichten müssen, sich in Streitfällen einem solchen Verfahren auch tatsächlich stets zu unterwerfen. Aber Nippold ist der Ansicht — und diese An- Mt wird, wie er nachweist, heute wohl in der ganzen Wett geteitt —, datz es nach den Erfahrungen dieses Krieges nicht mehr genügen kann, eine solche Rechts- Pflicht zu statuieren, sondern daß man daneben auch. reale Garantien dafür schaffen mutz, daß die Staaten diesen zu statuierenden Pflichten auch wirklich nachkommen. Mit bloß moralischen Garantien kann man sich heute «icht mehr begnügen. Nippold schlägt daher vor, ein System von völkerrechtlichen Zwangmitteln zu schaffen, die eine Sanktion für die tatsächliche Beachtung des Völkerrechts im Staatenleben darstellen sollen. Beim Vorhandensein eines solchen Systems von Sanktionen würde man nicht nur dazu gelangen, die Beachtung deS Völkerrechts nach Möglichkeit zu sichern, sondern fie nötigenfalls auch direkt zu erzwingen. Die einzelnen Maßnahmen, die für eine solche Erzwingung des BötterrechtS in Betracht kommen könnten, werden in dem Buche eingehend erörtert. ES handelt sich dabei vor allem um wirtschaftliche, aber eventuell auch um militärische Maßregeln. Nippold zeigt des. Weitern, datz es voraussichtlich notwendig sein wird, eine Staatenliga zu begründen, wenn man ein System von Zwangsmitteln in das Völkerrecht einführen will, da es auf dem Boden der Haager Konferenz kaum gelingen dürfte, so weitgehende Fortschritte zu erzielen. Die Ausführung der Nippoldschen Vorschläge würde also auch zu einer Beseitigung des militärischen Systems führen. Für das Kriegsgericht hat der jetzige Krieg nach dem Verfasser vor allem die Lehre ergeben, datz der rein militärische Krieg infolge der Fortschritte des Verkehrs und der Technik veraltet ist und daß der humanere wirtschaftliche Krieg, der Handelskrieg, sich als die ZukuyftSform des Krieges darstellt. Ihm wird daher vor allem die künftige Arbeit am Kricgsrechte zu gelten haben. Der Verfasser erblickt in dieser Parallelität zwischen Völkerrecht und Kriegsrecht — denn auch im künftigen Völkerrecht sollen wirtschaftliche Zwangs-, mittel neben militärischen Zwangsmitteln hergehen und den letzteren ebenfalls vorgehhen — einen dcutlichen Hinweis darauf, wie sich die weitere künftige Ent- Wicklung zu vollziehen haben wird: sie liegt in einer allmählichen Absorbierung des Kriegsrechtes durch das Völkerrecht, vermöge deren das Völkerrecht im Staatenleben stetig an Terrain gewinnen und schließlich in demselben zur Herrschaft gelangen soll. So würde also eine Gestaltung des Völkerrechts im Sinne der Nippoldschen Vorschläge dazu führen, daß künftig auch im internationalen Leben das Recht in der Tat über der Macht stehen, datz die Selbsthilfe, der Krieg/ immer mehr in den Hintergrund gedräqgt und daß dadurch dasjenige System, das sich hauptsächlich auf die Macht statt auf das Recht stützen will, das militärische System, ein für alle mal beseitigt würde. Der Verfasser weist in seinem sehr lesenswerten Buche im weiteren auch auf die Gründe hin, weshalb man an der Ausführbarkeit der von ihm gemachten Vorschläge in keiner Weise zu zweifeln braucht. Wir möchten das Studium seines Werkes jedermann umsomehr empfehlen, als es heute kein Thema'gibt, das für die ganze Menschheit wichtiger wäre, wie das in diesem Buche behandelte. Die Nippoldschen Voxschläge besitzen aber auch umso größeren Wert, als der Verfasser ein Gelehrter von Weltruf ist, der seit einem Vierteljahrhundert schon unter den Vorkämpfern für die Fortbildung des Völkerrechts gestanden hat, und der heute zu den in der ganzen Welt anerkannten Führern der Bölkerrechtswissenschaft gehört. Als ehemaliger Diplomat.ist der Verfasser aber auch mit der internationalen Staatenprqxis vertraut. Er zeigt in seinem Buche daher nur gangbare Wege und hält sich von allem, was ünrealisierbar ist, vorsichtig fern. Da das Buch außerdem so geschrieben ist, daß nicht nur der Fachgelehrte, sondern jeder Gebildete es mit Genuß lesen kann, so zweifseln wir nicht, datz dasselbe sich bald weitester Verbreitung zu erfreuen haben wird. B ü ch e r ei n l a u f. (Besprechungen Vorbehalten.) Hermann SuderNiann: Litauische Geschichten. I. G. Cottasche Buchhandlung Nachf. Stuttgart-Berlin. 6 Mark. Albert S. Asseo: Das Massengrab. Europäische Bücher. Max Rascher Verlag, Zürich. Gotthart Josef: Das Wahrheitsproblem in dem philos. Lebenswerte Bernard Bolzanos. Paulinius- Druckerei Trier a. d. Mosel. Dienemann, Dr. Mar: Judentum und Christentum. 2te Auflage. Mark 2.50. I. Kaufmann, Frankfurt a. M. Band 3. Ttorm Theodor: Auf der Universität. Aquis submersus. Eine Malerarbeit. Verlag Ullstein u. Co. Berlin. Vergor Julius: Ostjüdische Arbeiter im Kriegs. Ein Beitrag zur Arbeitervermittlung unter Juden. Sonderabdruck aus ״Volk und Land". Rar Brod: Das große Wagnis. (Roman.) Kurt Wolfs Verlag, Leipzig. Souperus: L'erxes oder der Hochmut. Verlag Wil- Nr. 8! Helm Borngräber, Berlin. Marquard Alfred: Die Liebe des Spartakus. R-.׳- man. 2te Auflage. M. 7. Türmer Verlag, Greinee und Pfeiffer, Stuttgart. Vuber Marti«: Der heilige ׳Weg. Ein Wort an die Juden und Völker. Geb. 5 M. Lfterarische Anstalt Ru - ten und Löning, Frankfurt a. M. Hugo Gnielezuk: Der Riefe vom Huhtbergc. R. 3, Verlag Wilh. Gottl. Korn, BreSlau. Sarl Jentsch: Volkswirtschaftslehre. M. *jWk *kv. lag Fr. W. Grunow^ Leipzig. Birnbaum, Dr. N.: Vor dem Wandersturur. Berlag L. Sänger, Frankfurt a. M. Giesebrecht Fr.: Die Grundzüge der Walzel Oskar: Die deutsche Dichtung seid Mrlües Tod. Askanischer Verlag, Berlin. Einladung zu einer jüdischen Hilfskonferenz. Im Nachstehenden veröffentlichen wir de« Wortlaut der vom ״Komitee der Jüdischen Delegationen" versandten Einladungen zu einer jüdischen Hilfsikonferenz: An die Gesellschaften und Komitees, die -er Hilfe für die vom Kriege betroffenen Juden gewidmet sind! In dem Moment, in. dem der allgemeine .Frieden kommen wird, steht das Judentum der ganzen. Welt vor einer außerordentlichen Aufgabe. Es gilt, jenen Brüdern, die durch die Frontkämpfe, durch Deportationen, Pogrome, Okkupationen und sonstige Schrecken des Krieges ruiniert worden sind, die wirtschaftliche Wiederaufrichtung zu ermöglichen. Der größte Teil der osteuropäischen Juden befindet sich in einem Zustand wirtschaftlichen Zusammenbruches, der eine Anspannung sämtlicher jüdischer Kräfte erforderlich macht, wenn diese Massen nicht untergehen sollen. Dazu find nicht nur ungeheuere Finanzmittel notwendig, sondern auch eine wohlüberlegte Systematisierung und Organifierung der ganzen RekonstruktionSarbeit. Leider haben in verschiedenen Ländern bei weitem noch nicht alle Juden, die dazu imstande find, auch nur der primitiven Pflicht gegenüber ihren Brüdern genügt. Während Amerika und einzelne Länder Euro-» Pas für die, vom Kriege betroffenen Juden Bewundernswertes geleistet und einen großen Opfermut bekündet haben, gibt es bedeutende Teile des,jüdischen Volkes, die trotz. des Anblicks ihrer hungernden und verschmachtenden Brüder bewußt oder unbewußt eine passive Gesinnung an den Tag gelegt. haben, j Noch stehen die Formen nicht fest, welche die Möglichkeit schaffen werden, die Folgen der Katastrophen zu!vernichten oder zu mildern. Soviel ist klar: die Hilfe muß von gewaltigen Dimensionen sein und zugleich nicht einer unzulänglichen, zeitweiligen, philanthropischen Aktion gleichen, sondern einen ernsten, Wirtschaftlichen und sozialen Charakter tragen.'Zwei große Aufgaben müssen also zugleich gelöst werden: Die Beschaffung der Mittel und die richtige Verteilung. Beide Aufgaben sind aber miteinander aufs engste verbunden. Aus den Formen der Hilfe ergeben sich auch die Formen der Herbeischaffung der Mittel. Für eine großangelegte soziale Art der Rekonstruktion sind ganz andere Mittel aufzubringen, als für eine rejne Wohltätigkeitsaktion, sogar wenn sie in ein gewisses System gebracht wird. Was im Sinne einfacher Verschenkung nicht zu erreichen ist, läßt sich durch Anleihen, deren Ver- Wendung kontrolliert wird, durch ein großangelegtes System der Herbeischaffung von. Rohmaterialien oder ähnliche Methoden wohl durchführen. Je mehr es sichergestellt witdr datz die Empfänger durch das gange System der Verwendung in die Lage versetzt werden, die gewährten Subventionen zurückzuerstatten, desto gröher werden die Möglichkeiten der Aufbringung grandioser Mittel sein. Gewaltige׳ Probleme stehen bevor. Um diese Probleme zu lösen, muß eine ungeheuere Energie entfaltet werden, begleitet von Sachkenntnis sowohl der lokalen Verhältnisse wie der Situation und des Lebens der Juden selbst.' Wird diese Aktion in jedem׳ Lande unabhängig organisiert und durchgeführt, so muß das Werk chao- > tisch, philanthropisch und nur von vorübergehendem - Nutzen sein. Eswird den Untergang der Millionen nicht aufhalten und wird in seinen katastrophalen Wirkungen die Juden aller Länder beeinträchtigen. Das Komitee der Jüdischen Delegationen" zu Paris, welches für die Interessen des OstjudentumS eintritt, möchte rechtzeitig dafür Vorsorge tragen, -ah durch die Bereinigung aller Kräfte in das drohende Chaos Ordnung hineinkomme, möchte rechtzeitig eine unübersehbare Katastrophe verhindern. Denn eine solche Katastrophe wird es fein, wenn nicht in der,allernächsten Zeit die Richtlinien festgelegt werde«, wie alle