Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 29 (2.10.1919)
- Date
- 1919-10-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 ״Mische B-NSstkmme" Nr. *29 Er werde -weiter mit den offiziellen Organisationen des polnischen Staates in Verbindung stehen und weiter dahin wirken, datz die offiziellen Beziehungen zu den Juden sich beffern. Die Regierung werde in den nachsten Tagen eine Erklärung über ihr Verhältnis zu den Juden abgeben. Dies werde hoffentlich bessere Bezic- Hungen zwischen beiden Teilen der Bevölkerung schaffen. Im allgemeinen gab Morgenthau in seinem Gcspräch der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Lage der Juden in Polen sich künftig bester gestalten werde. Die Jubenfrag: nqch benT Kriege. (Eine große Versammlung in Stockholm.) Gelegentlich der Beratung des jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes Poale-Zion, an der Delegierte aus verschiedenen Ländern teilnghmen, findet in Stock- Holm am Sonnabend den 27. Sept. im großen Saale der Läkaresellskapet eine vom Poale-Zion Büro organisierte große Versammlung mit dem Thema ״Die Judenfrage nach dem Kriege" statt. Die ökonomischen und politischen׳ jüdischen Fragen, die mit dem Friedensschluß zusammenhängen, werden auf der Versammlung behandelt werden. Als Redner treten u. a. auf: Dr. N. Syrkin-Newhork, der Delegierte des jüdisch-amerikonischen Kongresses zur Friedenskonferenz, (der über die Tätigkeit der jüdischen Delegation in Paris und die Behandlung der Judenfrage auf der Friedenskonserenz sprechen wird.) A. Revutzky-Kiew, der früher! Minister für jüdische Angelegenheiten in der Ukraina (jüdische Lage in der Ukraina und die Judenfrage), Nir-Warschau (der jüdisch-polnische Konflikt), Efrani Blumenfeld-Jaffa (die Lage in Palästina), S. Rubaschoff-Berlin (die Lage der Juden Ost-Europas), L. Chasanowitsch (der jüdische Weltkongreß). Die Dersammlung findet unter dem Vorsitz von Ing. S. Kaplansky statt. * Die Forderungen des jüdischen Nationalrates OstgalizinS betreffs Ausweisung der jüdischen Flüchtlinge. Eine Delegation des jüdischen Nationalrates für Ostgalizien intervenierte am 16. u. 17. September bei den Gesandschaften und kompetenten Faktoren in Sachen der Maffenausweisung der Flüchtlinge und ersuchte dieselben, der deutsch-österreichischen Regierung folgende Forderungen des Nationalrates zu überreichen und Schritte für. ihre Erfüllung zu unternehmen. 1. Den ,Ausweisungstermin für jene Flüchtlinge, die nach ihrer Heimat zurückkehren können, angesich: der herannahenden jüdischen Feiertage bis Ende Oktober 1919 zu verschieben. 2. Den in ihre Heimat zurückkehrenden Flüchtlingen die Mitnahme ihres gesamten beweglichen Hab und Guts zu ermöglichen und sicherzustellen. 3. Allen Flüchtlingen die Mitnahme ihres Vermögens $n Geld, Wertpapieren und anderen Effekten zuzusichern. 4. Den Flüchtlingen aus Ostgalizien, wo die meisten Wohnorte infolge des Krieges ganz zerstört oder nur noch dem NaMen nach existieren, das Weiterverbleiben in Deutsch-Oesterreich bis zum Frühling 1920 zu gestatten. 5. Maßnahmen zu treffen, die die Flüchtlinge gegen Chikane seitens der Behörden schützen. Die Vertreter der Gesandtschaften erklärten, daß ihre Gesandtschaften den vorgebrachten Wünsck״- des Nationalrates entgegenkommen werden und bei den maßgebenden Faktoren der deutsch-österreichischen 9* gierung die nötigen Schritte zu unternehmen bereit seien. . / Judenverfolgungen in Nngarn. Wiener Blätter melden aus Steinamanger neue Exzesse gegen die Juden. In Tapolcza wurden drei Personen getötet und dreißig schwer verletzt. 80 Geschäfte wurden geplündert, der Schaden ist auf 40 Millionen Kronen geschätzt. In Diszel wurden zahlreich! Jstden getötet. Die zur Unterdrücküng der Unruhen berufenen Truppen nahmen an der Verfolgung teil. Bisher wurden 92 Personen verhaftet. Der weiße Terror in^Sauerbrunn. Wiener-Neustadt, 29. September. Der Weiße Terror wütet in Sauerbrunn in unerhärter Weise. Heute trafen hier diesbezüglich Nqchrichten ein, die wohl ein Einschreiten ber ungarischen Behörden notwendig machen wird. Als gestern nachmittags ein Zug aus Oedenbu׳- in Sauerbrunn ankam, liehen die Szekler Offiziere von den Mannschaften einen Kordon bilden, welchen die ankornnrenden Passagiere passieren mußten. Jeder Passagtet, welcher von den Mannschaften für einen Juden gehalten wurde, ist von den Soldaten mit Ohrfeigen, Fußtritten und Stößen mit dem Gewehrkolben traktiert worden. Diese Prozedur mußten die Passagiere dreimal über sich ergehen lassen, das erste Mal beim Verlassen des Zuges, das zweitemal bei der Legitimierung und das dritte Mal beim Ausgang. Es wurden auch Leute geprügelt, die keine Juden waren, aber für solche gehalten wurden. Auch Deutschösterreicher wurden mißhandelt, auf deren Protest und Hinweis, daß sie unter einem besonderen Schutze stehen, die Szekler Offiziere erklärten, datz sie noch mehr Prügel bekommen, wenn sie nicht ruhig seien. Es wurden mindestens dreißig Juden auf diese Weise mißhandelt. Unter der jüdischen Bevölkerung ist eine Aktion im Zuge, die darauf abziehlt, Sauerbrunn zu rsieiden, so lange von der Regierung nicht Garantie geboten wird, daß das Leben und die Gesundheit jüdischer Kurgäste uyd Reisender nicht gefährdet erscheint. Der Kreisarbeiterrat gegen die Pogromhetze. Der Wiener Kreisarbeiterrat hat in seiner gcstrigen Sitzung Richtlinien für die Tätigkeit der Arbciterräte im öffentlichen Dienste beschlossen. Auf Antrag Täublers wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der es heißt: Gewisse Konterrevolutionäer in Deutschösterreich geben sich dem Wahne hin, daß die Zeit für ein offeneres Vorgehen der Reaktion günstig sei. Neben den alten Schwarzgelben christlichsozialer Coulepr, die für die schuld- und schwachbeladene Habsburger-Dynastie — allerdings nur indirekt — zu wirken wagen, erdreisten sich dummfreche Alldeutsche, für ein starkes Kaisertum Deutschland zu agitieren, dem sie Deutschöstererich unterwerfen wollen. Als geeignete Methode konterrevolutionärer Propaganda möchten beide Richtungen die alten Methoden des russischen Zarismus verwenden, der durch das Aufgebot der »Schwarzen Hundert" stets versucht hat, den Kampf des Proletariats gegen Kapitalismus und Reaktion abzulenken auf die Bahn antisemitischer Pogrome. Die Fremdenausweisungsverfügung der Landesregierung, die der Absicht entsprang, der entsetzlichen Wohnungsnot in Wien zu begegnen, wird von den monarchistischen Elementen als bequemer Vorwand für ihre dunklen Machenschaften benützt. Der Kreisarbeiterrat verlangt, daß die Ausweisungsmaßnahmen gegen Schieber, Schleichhändler, Preistreiber und Me anderen parasitären.Existenzen mit aller Energie unnachsichtlich gehLnöhabt werde und bedauert nur, daß durch sie nicht auch die inländischen Wucherer dem gleichen Schicksal verfallen, er fordert aber, im Geiste internatiockaler Solidarität, daß Arbeiter, die Nachweisbar produktiv tätig sind — also nicht Schwindler, die sich erst nach Erlaß der Verordnung entschlossen haben, sich als ״Arbeiter" auszugeben- —, die Möglichkeit erhalten, ihr Brot weiter an ihrem bisherigen ArbeitZplatz zu verdienen. Der Kreisarbeiterrat erinnert׳ die Herren Monarchisten daran, daß die überwältigende Mehrheit der Wiener Bevölkerung der arbeitenden Klasse angehört, die sich die Herrschaft über die Straße nicht streitig machen lassen wird. Er warnt die Reaktionäre davor, den Bogen zu überspannen. Auch die Geduld der W״׳'׳ Arbeiter mit den deutschnationalen und christlichsozia len Konterrevolutionären hat ihre Grenze. Mitteilungen des Bolksverbandes der Inden für die Slovakei. Der Volksverband der Juden für die Slovakei beabsichtigt, nach den Feiertagen wieder einen Lehrkurs der slovakischen Sprache, Literatur und Geschichte für jüdische Lehrer-in Trnava (Tyrnau) einzurichtcn. Diejenigen Lehrer, die an dein ersten Kurse nicht teilgenommen haben und den zweiten Kurs zu besuchen wünschen, werden im eigenen Interesse ersucht, sich unverzüglich bei Herrn Adolf Reichenthal in Trnava zu melden. Kol Nidre in der Fremde. Von M. Spanier. Das Kol nidre wird gesungen Nach der alten, ernsten Weise! Wie der letzte Ton verklungen, Rinnt die Trän' vom Aug' mir leise. Denn die alten Heimatsklänge Machen mir das Herz erzittern, Sind's doch Vaters Lieblingssänge, . Die mein ganzes Sein erschüttern. Und ich weiß, zur Stünde stehen In dem Bethaus meine Lieben, Für den Sohn sie brünstig flehen. Den es in die Fern' getrieben. Aorrefponäenzen. Proßnitz. Am 13. und 14. v. M. veranstalteten die jüdischnationalen Organisationen von Protznitz ein großes Fest zugunsten eines jüdischen Jugenospiel- Platzes, das einen sehr schönen Verlauf nahm. Baden. Nach beifällig aufgenommenem Probevortrag wurde Herr S. K r e u t st e i n (früher Mähr.- Kromau) zum Oberkantor der Badner KultuSzemeindc gewählt. Berlin. Dr. I. E l b o g e n, Dozent an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, ist zum Professor ernannt worden. Prbfessor Dr. Elbogen, 1874 in der Provinz Posen geboren, studierte in Breslau Philosophie und Geschichte und am dortigen jüdischtheologischen Seminar jüdische Theologie. Nach seiner 1898 erfolgten Promotion und der ein Jahr spater vbgelegten Rabbinerprüfung wurde Dr. Ellbogen 1899 als Dozent an das Collegia Rabbinico italiano berufen, von wo er 1902 einem Rufe als Dozent an die Lehranstatt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin folgte, an der er das Fach der jüdischen Geschichte und Literatur vertritt. Brüx. Unsere Kultusgemeinde, welche durch mehr als ein Jahr ohne Rabbiner war, hat in der Person des Herrn Dr. Michael H a Ibersta mm-wieder cinen Seelsorger erhalten. Im festlich geschmückten Gotteshause wurde Herr Dr. Halberstamm beim Gottesdienste Freitag abends vom Herrn' Kultusvorsteher Dr. Stein aufs wärmste begrüßt, worauf er in längerer Rede erwiderte, und dankte. Seine Antrittspredigt hielt Herr Dr. Halberstamm beim Sabbat Mussaphgottesdienste in nicht nur formvollendeter Weise, sondern auch in Worten, die den Anwesenden gewiß noch langd in Erinnerung bleiben werden. Er führte aus, daß er Pflichttreue, Recht und Gerechtigkeit, vor allem aber Liebe für sein Amt und seine Gemeinde als Ricb׳ schnür seines Tuns und Handelns betrachte und sprach die Hoffnung aus, mit der Gemeinde zusammen zum Wähle des jüdischen Volkes zu arbeiten. Möge die Tätigkeit unseres neueen Rabbiners stets eine recht sc-- gensreiche sein! י Neutra. Der hiesige Ahawath Zion-Verein entfaltet eine lebhafte Propagandatätigkeit. Vor kurzem referierte Herr Dr. Alexander Berenyi, der vom Vereine zum ziorrkstischen Delegiertentag nach - Prag erstsendet worden war, über den Verlauf und die Ergebnisse dieser bedeutsamen Tagung. Herr Dr. Armin Zoltan sprach dieser Tage im Ahawath Zion-Verein über ״Die kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse Palästinas". Herr Emil Kaffka, Sekretär des Jüdischen Nationalfonds in Prag, sprach vor kurzem über die Aufgaben, des I. N. R. Es wurden bei dieser Gelegenheit WO K für den Nationalfonds gesammelt. Oücherbefprechungen. ״ ׳Die Flucht ays Jerusalem", Novellen von Jakob Fingermann. Verlag N. Löwit. Zu beziehen durch den Verlag M. Hickl, Brünn. — Hier ist die erste Talentprobe eines jungen Dichters, dessen Name man sich wohl, merken müssen wird. Zwei Erzählungen cntbä>. das Bändchen im besten Deutsch geschrieben. Die erste, die im Orient spielt, müßte man von Lia Rosen vortragen hören. Es ist ein Harnischklang, ein Stück Bibel und ferne Zeiten steigen auf. Die zweite Erzählung behandelt das Leben eines armen gebrochenen jüdischen Schreibers, dem der graue Tag im Großstadtghetto ausgeht. . . Die Ausstatttn'g i״ ■a "׳-׳'׳Kleins ist mustergültig. Hermann Blumenthal. ״Die Grunsszüge der israelitischen Religionsgeschichte." Von Dr. Fr. Giesobrecht, ord. Professor an der Universität Königsberg. Dritte Auflage. 9.—13. Tausend, besorgt von O. A. Bertholet, ord. Professor an der Universität Göttingen. »״Aus Natur und Geisteswelt", Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 62. Bändchen. (128 S.) 8 Kart. Mark 1.60, geb. Mark 1.90. Hierzu Teuerungszuschläge des Verlages und der Buch- Handlungen. Verlag B. G. Taubner, Leipzig und Berlin. 1919. — Seit manchen Jahrzehnten hat die Wissen^ schaft daran gearbeitet, das hochwichtige Gebiet der israelitischen Religionsgeschichte, das aufs innigste mit den Kulturen des alten Orients verbunden ist, zu erschließen, und es ist ihr auch gelungen, wichtige und interessante Ergebnisse zu Tage zu fördern. Wie sehr diese Ergebnisse auch weitere Kreise der Gebildeten fefseln, geht aus der Tatsache hervor, datz von den vorliegenden Bändchen jetzt schssn die 3. Auflage erscheint. Wie Israels Religion im Sturm und Drang einer echt nationalen Geschichte entsteht, wie sie später die natio-