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Jüdische Volksstimme · 1919-08-15 · Heft 23 (15.8.1919) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 23 (15.8.1919)
Date
1919-08-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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•* Serie 6 *v Jüdische Bolk-stimme" Nr 23. @111 Hilferuf jüdischer Kriegsgefangener in Sibirien. Nagasaki zählt 150 Familien; sie besitzt einen jiidischen »JewrejSkaja Schisn" in Irkutsk bringt über das Schicksal der jüdischen Kriegsgefangenen in Sibirien einen Artikel, aus dem hier folgendes wiedergegeben sei: .Die Gesamtzahl der kriegsgefangenen Juden in Sibirien betragt mindestens 6000 Personen. Ihre LebenSbedingungen sind ungewöhnlich schwer. Die Kost ist unzureichend, warme Kleidung ist nicht vorhanden. Dabei find sehr viele der Kriegsgefangenen — unter ihnen gibt es zirka 1600 Offiziere — zu Hause vermögende Leute und wären, wenn eine Verbindung mit der Heimat bestände, wohl in der Lage, auf jede Hilf von außen zu verzichten. ... In einer Reihe von Lagern gab es Kundgebungen des größten AntisemitismuS. Unter den Verhältnissen der Gefangenschaft wirken sie auf die Kriegsgefangenen noch stärker als die materiellen Entbehrungen . . . Wir. die wir Staatsbürger der österreichisch-ungarischen Monarchie waren, haben mit dem Zerfall des Staates buchstäblich den Boden unter den Füßen ver loren und sind in jeder Beziehung Entwurzelte. Die Nationalitäten, die jetzt innerhalb der Grenzen Oesterreich-UngarnS ihre Selbständigkeit erklärt haben, mobilisieren für ihre Zwecke in den sibirischen Lagern, und zwar nicht nur ihre Volksgenossen, sondern sind auch daran, die jüdischen Kriegsgefangenen einzurei hen. Seit Dezember 1917 sind wir überdies ohne jede Nachricht aus der Heimat. So wirksam und verdienstvoll jede wie immer geartete Unterstützung unter den gegenwärtigen Verhältniffen erscheint, müssen wir dennoch darauf aufmerksam machen, daß uns auf diese Weise nicht gehalfen werden kann. Helfen kann hier einzig und allein der Abtransport. Wenn uns nicht fremde Hilfe zuteil wird, so verzweifeln wir daran, selbst binnen Jahressrist frei zu werden. Wir richten daher an Sie die dringende Bitte: Bringen Sie uns diese Hilfe, helfen Sie n)it׳dem großen politischen Einfluß der Zionistischen Organisation dem Sibirischen Zionistischen Exekutiv^ komitee bei seinen Bestrebungen. Sie werden Wege finden, Hunderte von Man« nern, die im besten Mannesalter oder in der Blüte ihrer Jahre stehen und über Kenntnisse und praktisches Wissen verfügen und sich und alles, was sie haben, der zionistischen Sache weihen, bei ihnen oder anderswo ein Arbeitsfeld zu geben. Setzen Sie sich dafür ein, daß diejenigen, die schon heute von hier aus nach Palästina gehen wollen, mit der Absicht, jede wie immer geartete Arbeit im Dienste unserer Sache zu leisten, frei werden und ungehindert den Weg in das Land unserer Väter nehmen können. Durch Ihre Intervention in der Sache unseres Abtransportes werden Sie unserer Sache sicher nicht die schlechtesten Arbeiter zuführen..." Polnische Moral. DaS Jüdische Preßbüro in Stockholm meldet: Der Krakauer »Czas" veröffentlicht ein Programm von Maßnahmen, die zum Schutze der polnischen Minderheiten in Ostgalizien getroffen werden sollen. Hier nach soll der Landtag in zwei nationale Kurien — polnische und ukrainische — eingeteilt werden, die ein eigenes Budget besitzen.und für Kultur und Wohlfahrt ihrer Volksgenossen selbständig sorgen. Verordnungen über gemeinsame Angelegenheiten soll das Plenum beschließen. Für Verordnungen, die das gegenseitige Verhältnis der Nationalitäten ändern, ist die Zustimmung der nationalen Kurien erforderlich. ES ist charakteristisch, daß die polnische Presse dieselben Forderungen am schärfsten bekämpft, sobald sie für die jüdische Minderheit aufgestellt werden. vom Leben der Juden in Japan. «The Chicago Jsraelite" vom 31. Mai 1919 ver« öffentlicht einen Bericht über das jüdische Leben in Japan, in dem bereits alle Schattierungen, Zionisten, Nationalisten, Assimilanten und Sozialisten vertreten find. Die meisten Juden kamen während des Krieges aus ihrer Flucht aus den russischen Wohnorten nach Friedhof, auf dem auch viele im russisch-japanischen Kriege Gefallenen ruhen. Als 5011,> .,re Gewerbe üben die japanischen Juden daS Schneider- und Schuhmacherhandwerk aus, und da sie die einzigen sind, die europäische Kleidung anfertigen, so erfreuen sie sich großer Sympathien; ihre Geschäfte gehen infolgedessen glänzend. Außer Yokohama und Nagasaki gibt es noch andere kleinere jüdische Gemeinden in Japan. XX X XX ■■ X XX S:l NS E RAT E W von VV verlagzailZtalten und BucMaitdliiitgeit haben den grössten * AA®: Erfolg 3jaa wenn sie In der ״Jüdische Volksstimme״ U" Rubrik ״BOcher“ erseheinen. -W XX Japan und haben sich hauptsächlich in Yokohama niev. I. geführt hatten dergelaffen. nJ der dort neu entstandenen Gemeinde wird im Augenblick heftig über die Fragen des Nationalismus und des Sozialismus dekatiert. Yokohama besitzt jetzt auch eine Synagoge. Eine altere jüdische Gemeinde befindet sich in Nagasaki, die aus polnischen und litauischen Juden besteht, die während des russischjapanischen Krieges in Gefangenschaft gerieten. Biele von ihnen haben sich ihre Familien Nachkommen lassen, einige haben auch japanische Frauen geheiratet, die sich bemühen, möglichst getreu das Gesetz zu befolgen. Die Japaner behandeln die Juden mit Achtung. Einige alte Adelsgeschlechter in Nagasakr sollen sogar zum Judentum übergetreten sein. Es gibt auch jüdische SMnilanten, die nur japanisch sprechen und sich wie echte Japaner gebärden. Die jüdische Gemeinde in Aorresponckenzen. Ung.-Hrabisch. Der jüd. ak. Verein »Achiwah" (früher jüd. ak. Ferialverbindung ״Achiwah") hielt am 3. August 1919 den diesjährigen Generalkonvent hier ab. Das Ergebnis der Ausschußwahlen war folgendes: Obmann: I. U. C. Rudolf Hirsch (Ung.-Hradisch), Obmannstellvertreter M. U. C. Thamus Jedlin (Ung.-Brod), Schriftführer: exp. ak. Max Munk (Ung.- Hradisch). Kostel. Am 21. Juli veranstatteten unsere »Blau- Lese- und Geselligkeitsverein" eine Theodor Herzl-Gcdenkfeier. Nach der Begrüßung durch H. Sigm. Kellner sangen unsere Jungen und Mädchen hebräische Lieder. Hierauf würdigte Herr Paul Neumann die Verdienste Herzls um das Judentum und forderte die Alten und Jungen auf, in. dem Geiste des toten Führers zur Erreichung des Zieles weiter zu arbeiten. Rezitationen des kleinen Quittner und Hans Rosenzweig, sowie weitere jüdische Lieder vervollständigten das überaus gelungene Festprogramm. Mögen die Eltern, die an den ausschließlich jüdischen Darbietungen so viel Freunde bekundeten, erkennen, wieviel ein Einziger (Oberführer Robert Neumann) erzielt und wieviel erst zu erzielen wäre, wenn alle Eltern ihre Kinder in diesem Sinne erziehen würden. Newyork. Der Wilnaer ״Tag" meldet: Der Direktor der ausländischen Abteilung der Newyorker »Public National Banc", S. Berglon, der Ende Ahril Newyork verlassen hatte, erklärte, daß zehntausende von Juden sich in den Büros der erwähnten Bank nach den Möggn'.,?eiten der Geldüberweisung an ihre Verwandten in Pole., erkundigen. Etwa 40.000 Personen beabsichtigen auch, ihre Familien nach Amerika zu bringen. Diese Familien werden in drei Gruppen geteilt werden: Vor« erst werden diejenigen, die Einreisebewilligung für ihre Familien erlangen, die bereits amerikanische Staatsangehörige sind, dann kommen die Familien in Betracht, die M Besitze der ersten Bürgerdokumente sind und schließlich die übrigen Immigranten, die Verwandte in den Vereinigten Staaten haben. > Stuttgart. Die diesjährige Hauptversammlung des Vereins württembergischer Rabbiner tagte hier unter dem Vorsitz des Oberkirchenrats Dr. Kroner. In dem Geschäftsbericht gedachte der Vorsitzende des Ablebens des Ausschußmitgliedes Bezirksrabbiners Dr. Stößel (Stuttgart). Sodann wies der Vorsitzende auf die folgenschwere Zeit hin, die wir alle durchleben, insbeson dere auf die seit der vorjährigen Tagung so ganz anderS gestalteten politischen Verhältnisse, die auch den Verein württembergischer Rabbiner tief erschütterten und zu einer außerordentlichen- Tagung im Dezember An Stelle Dr. Stößels wurde Rabbiner Dr. Schweizer (Horb) in den Ausschuß des Vereins gewählt, dtm außer.dem Vorsitzenden noch Rabbiner Dr. Berlinger (Hall) angehört. Nach einem Referate des Rabomers Dr. Kahn (Mergentheim) über die rechtliche Stellung des Rabbiners in der neuen Kjrchenverfassung hielt Rabbiner Dr. Treitel (Laupheim) einen׳ religionsgeschichtlich interessanten Vortrag über Mischna-Megillah 1, 8. Sodann erfreute der Vorsitzende Oberkirchenrat Dr. Kroner die Versammlung durch einen längeren zeitgemäßen Vortrag über die Gleichstellung von Mann und Frau im jüdischen Schrifttum. Die Rechte der Frau und die Fürsorge für das weibliche Geschlecht wurden nach allen Seiten be- Kirchenverfas Passivität aber beschränkt. Bei den wissenschaftlichen Vorträgen waren auch verschiedene Lehrer und Vorsänger aus Stuttgart und Umgebung erschienen, die vom Vorsitzenden begrüßt worden waren. Es wurde beschlossen, anläßlich des bevorstehenden 25jährigen Jubiläums des Vereins württembergischer Rabbiner durch die Kollege^ Schweizer und Tänzer eine Denkschrift ausarbeiten zu lassen. Die Versammlung wurde geschloffen unter Beglückwünschung des Vorsitzenden Oberkirchenrats Dr. Kroner, der demnächst 25 Jahre bem von ihm selbst begründeten Verein württembergischer Rabbiner präsidiert. Brünner Nachrichten. Protestversammlung gegen kie Ausweisung jLdischrr י Arbeiter und Angestellter. Donnerstag, den 7. d. M., tagte im Gasthause Annisch eine stark besuchte Protestversammluug/ einberufen von der Jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei ״Poale Zion". Außer zahlreichen jüdischen Arbeitern und Angestellten, größtenteils organisierten Poale-Zionisten, hatten sich auch eine Anzahl tschechischer sozialdem. Eisenbahner eingefunden. Die Refereuten, H. Keßler (in deutscher) und Ing. Friedmann (in tschechischer Sprache), schilderten in ausführlicher Weise die Situation und betonten vor allem, daß es sich der Partei keineswegs darum "handle, alle Fluchtlinge unterschiedslos zu schützen. Es müsse jedoch ein Unterschied gemacht werden zwischen solchen jüdischen Flüchtlingen, die als Arbeiter und Angestellte oder als ehrliche Gewerbetreibende sich hier eine bescheidene Existcnz geschaffen haben und jenen, deren Treiben die Regierung als Vorwand für ihre Maßnahmen genommen hat. Es gehe nicht an, diesem Teil der Flüchtlinge, das Asylrecht zu entziehen und sie appellierten an die internationale Solidarität der deutschen und tschechischeu Sozialdemokraten, deren Pflicht cs sei, gegen solches Unrecht Stellung zu nehmen. Hingegen geitzelten sie scharf das schädliche Verhalten eines anderen Teiles der Flüchtlinge, der durch unlauteres Vorgehen, Kettenhandel udgl. sich das Asylrecht verwirkt habe. Das jüd. Proletariat sei^ jedoch bereit, wie im Kampfe gegen das kapitalistische System überhaupt auch hier die Regierung und das gesamte Proletariat im Kampfe gegen, diese Elem^te mit allen Kräften zu unterstützen. Anderseits dürfe es jedoch nicht dazu Lammen, daß unschuldige Proletarier für die Schuld von Kettenhändlern und Preistreibern leiden. Ein großer Teil der wucherischen Elemente habe bereits daS Gebiet des Staates verlassen, um sich der Vermögensabgabe zu entziehen, ein anderer Teil sei nicht zu fassen, nachdem er es verstanden habe, sich hier rechtzeitig naturalisieren zu lassen. Es sei der Wunsch der jüdischen Proletarier, daß alle wucherischen Elemente abgeschafft und ausgewiesen würden. Sie zeigten weiters auf Grund von Daten, daß die kleine Anzahl von jüdischen proletarischen Flüchtlingen gar keinen Einfluß auf Ernährungs- und Wohnungsverhältnisse aüsühen und daß speziell die Wohnungskalamität durch die Vertreibung dieser Proletarier nicht behoben werden könne, daß es ferner unsozialistisch sei, wenn tschechische Proletarier sich dadurch Wohnungen verschaffen wollen, daß sie jüdische Proletarier verdrängen. Wirklich rasche Abhilfe müsse in ganz anderer WeisL gefunden werden. Auf der einen Seite herrsche große WohnungSnot, auf der anderen Seite verfügen Kapitalisten aller Nationen über Niesenwohnungen' und Doppelwohnungen, Paläste im Stadtinnern und Billen in den Vororten. Da müsse ein gerechter Ausgleich gefunden werden. Statt dessen jedoch jüdische Proletarier ins Land der Pogrome zurückzutreiben, sei eben so' unfozialistisch als unmenschlich. Gerne würden diese jü« bischen Proletarier andere Länder aufsuchen, .um sich dort eine neue Existenz zu verschaffen, vorläufig Herrscheu aber fast überall Einwanderungsbeschränkungen, die dies unmöglich machen. - In der Debatte sprachen die tschechischen Sozialdcmokraten, Vertrauensmänner der Eisenbahner Rzerzabek^ Racek, Niemec, Petrzelka und Smejkal und die jüdischen Sozialdemokraten Klingenberger, Gewürz, Ing. Friedmann und Josef Friedmann. Die tschechischen Redner schilderten die fürchterliche Lage der aus Wien - ausgewiesenen tschechischen Eisenbahnerfamilien in drastischer Weise, führten unter anderem an, daß Hunderte ihrer Familien in Eisenbahnwaggons ihr Leben fristen müssen und daß die ganze wirtschaftliche Notlage eine Folge der PreiStrxiberei der ostjüdischen Flüchtlinge sei. Diese hätten außer ihren Wohnräumen eine große Menge von Lagerräumen inne, die doch in erster Linie zu WohnungSzwecken verwendet werden sollten. Der Appell an ihr Solidaritätsgefühl verfange bei leuchtet. Das Frauenwahlrecht in der - Ä . fung fei in der AltivItSt nicht zu beanstanden, in der ihnen nicht, da sie selbst trotz iangiahrige» »ufenthal. (!«breitet die jüdische Uolksstimme".

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