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Jüdische Volksstimme · 1919-07-04 · Heft 17 (4.7.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XX (1919)
Issue
Heft 17 (4.7.1919)
Date
1919-07-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sr zeigt nichts von den heftigen Symptomen einegeifernden, skrupellosen Chauvinismus, mit dem oft rin Graf Sieventlov, oder ein Clemenceau belastet sind; ebenso watet er nicht durch eine Wüste von Borurtei» len, an deren Härte oft vernünftige Argumente erfolg» loS schreiten. Hatz und Rache, Vergeltung und Herr» schergier, lauter unliebsame Begleiterscheinungen mo» derner Nationalempfindungen unter denen unser Na» tionaliSmuS isoliert dasteht und frappant absticht. — Worin ist nun die Ursache dieser gewaltigen Grund- Verschiedenheit^ zu ermitteln? Sinzig und allein scheint die politische und soziale Lage der Judenschaft als trei» Lende Kraft dieser Tatsache zu dienen. Was Macht aber die eigentliche Ideologie eines jeden Rationalismus auö? Die Tinen nennen eS Sprache und sind ebenso» Wenig im Rechte wie die Anderen die auf Tradition, Raffenmoment u. -gl. zu sprechen kommen. Sind doch die Irländer trotz ihrer englischen Umgangssprache gute Irenebenso wie die im Latein schreibenden Germanen der Vorreformationszeit gute Deutsche waren. Auch die spaniolischen Juden bilden trotz ihrer eigentümlichen Dialektsprache einen wertvollen Bruchteil des jüdischen Volkes, wie es die Ostjuden mit dem Jiddischen sind. — Der jüdische Nationalismus ist alsdann nichts AndereS als die resümierende Gesammtheit unserer inner» sten Kulturwerte. ES ist Wohl wahr, datz die Idee des »AuSerwähltseinS" an eine gewisse Art von Neberhe» Lung ermcchnt, jenen Selbststolz, welcher die unüber- Feuiüeton. Die Kabbalisten. Bon I. L. Perez. (Uebersetzt aus dem Jiddischen.) In schlechten Zeiten Mt selbst me Tho׳-ay, unk höchstes Gut, im Werte. Bon dem grotzen LalmudlehrhauS zu La'chzewitsch waren nur noch der Rabbi übrig geblieben, Reb Jelcl, und sein einziger Jünge^ Der Rabbi war ein alter, hagerer Mann, mit lan» gem, wirrem Bart, die Augen greis und erloschen. Le* mcsch, sein Lieblingsschüler, war ein schlanker, dürrer, blaffer Jüngling mit dunklen Schläfenlöckchen, schwarze 1 Augen, die tief im Kopfe lagen, trocken, die verbrann» ten Lippen. An seinem hageren Halse lugte durch die Lurchficylige Haut der spitze Adamsapfel hervor. Lie freie Brust der beiden Männer deckte keim Hemd. Rur Lumpen hüllten die verdorrten Leiber. Der Rabbi mühte sich in einem Paar schweren Bauernftiefel dem Jünger aber fielen von den na^. Füßen die Pantoffeln herab. — — Das war also von dem berühmten Lehrhauge» bliebenk Datz Städtchen war verarmt. Die Freitische tour» den immer seltener und seltener; noch seltener sandte man ersten in daS LehrhauS. Da verliefen sich die Lamudschüler in andere Städtchen. Doch Rabbi JekU brückbaren Klüfte unter den Völkern schafft. DaS alt* hebräische ״ttto bochartonu" ist jedoch fern von alldem Eigendünkel. SS Ist dies vielmehr der Ausdruck einer höheren Miffwn, der Erfüllung einer gewissen Pflicht der gesamten Menschheit gegenüber, einer Arbeit, die noch unserer harrt und an gewisses Matz heilvollster Erlösung neigt. Um aber der Sache rechtliebend auf den Grund zu gehen, ist man gewilligt, jüdische Zitate unferer Feinde mit Dorficht hinzunehmen. Soll der jüdische Fremdenhatz alttestamentarisch, plausibel formuliert sein: »Du sollst alle Völker fressen die der Herr in deine Hände geben wird, du sollst ihrer nicht schonen und ihre Götter nicht anerkennen. (6. Buch MoseS, 7. 18)." — Wird eS wissenschaftlicherseitS festgestellt, daß solche Stimmen unter den Juden Verschwindend find, so verschwindend fast wie die Stimme der Nichthasser unter den Nichtjuden. (Dr. Karl Frank: Die Parteilichfeit der Volks- und Raffer-Abergläubischen.) Die AuSerwahltheit darf nie im materiellen Sinne aufgefaßt werden; auch geistig Wirkt sie wenig nach dem Programm einer friedlichen Dölkcrbundsymbiofe. Worte wie »am deutschen Wesen wird Lie Wett genesen", gehören zu den vielen Schädlingen der deutschen Nä» Hort. Die AuSerwähltheit üarf sich nicht auf Recht und Vorrang stutzen, allein die Pflicht auf geistige und ethische Produktivität ist eS, welche Bölkergemeinschaften zur Mitarbeit an einem heiligen Bau beruft. Dementsprechend ist eine jede Nation, wenn auch die kleinsie, auserkoren nach den ihr ausgeprägten Kulturwerten ein Scherflein beizutragen. Je mehr Kulturwerte eine Nation'zur Entfaltung bringt, umso stärker ist sie, umso bedeutender ihre Rolle unter den Anderen. Die gemeinsamen Veranlagungen, die sich im Sutzern wie im inneren Wesen des Judentums offenvaren, find unvertilgbar. Die jüdische Seele sehnt sich nach Universalität und so ist der jüdische NationaliSmuS als Vorhalle zum Kosmopolitismus zu betrachten. Die besten Erzeugnisse der universellen jüdischen Weltwollte aht sterben, und sein Jünger wollte bei ibm auSharrcn, dis daß er die Totenbienste ihm leisten u,.d ihm die Scherben auf die erloschenen Augen ttgen kannte. Wie oft haben die beiden Hunger gelitten! Wer wenig itzt, mag auch wenig schlafen, und wer wenig ißt und wenig schläft, den drangt eS in die Zauberkreise der Kabdalah. So natürlich! — Wer des Nachts wacht und die ganzen Tage hungern muß, will dann sein Leiden adeln. DaS Darben wird zum heiligenden Fasten und zur Kasteiung, datz sich die Pforten der Wetten mit all ihren Geheimnissen öffnen, mit" ihren Geistern und ihren Engeln. Und lange schon studieren sie die Kabbalah! Nun sitzen sie am langen Tisch im LehrhauS ganz allein. De! allen andern Leuten im Städtchen ist langst die Mittagsstunde vorbei. Sie haben noch nichts ge» «essen. Wie immer. Der Rabbi lehrte und sein Auge sah starr derzückt in die Weite. Und der Jünger lauschte feinen Worten, das Haupt auf beide Hände gestützt. — Viele Stufen — sagt der Rabbi find zu unterscheiden: Der eine kennt ein Stückchen, der andere die Hälfte und wenige die ganze Begleitung! Ich — sagte er traurig — war nicht begnadet, auch nur so ein Stückchen zu besitzen (— und dabei maß er ein winziges Stückchen seines dürren Fingers ab). Und dann fuhr er fort: SS gibt Melodien, die des Wortebedürfen, das sind die yiedrigsten ... SS gibt Melodien höherer Artung, Lieder ohne Worte, voll Adel und innerer Weihe. Doch anschauung sind die MenschheitSbewegungen: Christen» tum und Sozialismus. Wie ein roter «Faden strebt durch die Geschichte des Judentums jener,Drang zum Allgemein Menschlichen, dessen Leistungsvermögen sich nicht in einem engeren Rahmen einzäumen läßU - Erzählt der Midrasch von der göttlichen Offenbarung am Berge Sinai, woselbst die Tora nicht an einem be» stimmten naHonalen Territorium übergeben wurde, nur in der Wüstenei, die aller Menschen Eigentum sek. Der jüdisch-nationale Gedanke ist der Ausfluß einer geistigen Richtung, die sich nach einem MenschheitSideal sehnt und allen Stürmen trotzt. Achad Haam drückt markig diesen Umstand aus: »DaS Geheimnis unseres Bestandes als Volk liegt darin, daß schon in den ältesten Zeiten die Propheten unser Volk gelehrt» nur die Kraft des Geistes zu verehren und nicht in ehrfurchtsvoller Scheu vör physischer Macht in die Knie zu sinken. Darum kam eS nicht in die Lage wie die anderen alten Völker, seine Eigenart einem stärkeren Feinde gegenüber aufzugeven. Solange eS diesem Prinzips treu bleibt, hat sein Bestand darin eine feste Gewähr, denn an geistiger Kraft, steht es hinter den anderen BWsrn-nicht zurück und hat keinen PrüM sein Selbst auWgeM/' * ' Möge auch fernerhin unser Nationalismus seine intellektuelle Eigenart bewahren. ' Die Taufsevche. In einem mit obiger Ueberfchrift betitelten langen Artikel hat die osterr. Wochenschrift sich mit dieser Epidemie zu befassen versucht. An der Hand des abzulegenden Gelöbnisses zeigt uns da der Verfasser, daß der Konvertit in allen Fällen bewußt einen Meineid begeht. Leute von solch moralischer Verkommenheit, sollten von sämtlichen Juden Mit der wohlverdienten Verachtung belohnt werden. Jedweder Verkehr wäre mit Ihnen zu lösen. ES sei von den Juden ein verbreauch dieser Sang braucht eine Stimme und Lippen, durch die die Stimme sich ergießt. Und Lippen — begreifst du — find doch etwas Körperliches und die Stimme, die wohl eine edle Körperlichkeit hat, ist eben noch Körperliches. Gewiß, die Stimme steht auf der Grenze zwischen Geistigem und Körperlichem. Wie immer: Die Weise, die einer Stimme bedarf, die cm Lippen gebunden ist, ist noch nicht ganz, lauter. Noch nicht ganz Seele und Geist! Aber die echte Melodie braucht die Stimme nicht. Sie klingt tief in unserem Herzen, in unserem tiefsten Innern. Und daS ist daS Geheimnis in den Worten König Davids, der da sprach: Im Marke unserer Knochen muß es singen. Ja, dort muß der Sang liegen. Im Marke unserer Knochen mutz die Melodie wohnen. DaS ist schon ein Teil jenes SchöpfersangeS, in dem Gott die Wett geschaffen: ein Teil jener Wettenseele, die Gott in das Weltall hineingegoffen. So singen dir Engelchöre in den Himmelssphären, so. hat »der Jud", der erste Chassid gesungen, detz Angedenken unS zum Segen sei. Da mußte der Rabbi seine dunkelfinnige Rede un, terbrechen. Ein zerlumpter Jüngling mit einem Strick um die Lenden — ein Träger —־ War ins LehrhauS gekommen und hatte eine Schüssel Grütze und ein Stückchen Brot auf den Tisch neben den Rabbi gestellt. Und er sprach mit roher Stimme: »Reb Tewil schickt dem Rabbi das Essen." Und dann wandte er sich zum Gehen und rief noch von der Türe zurück: »Nachher werde ich die Schüssel abholen.« UerbreRet die jüdische Uolks$1iwme״.

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