Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 13 (2.6.1919)
- Date
- 1919-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. XX, Nummer 13 |--- Vez»,»preis er -albjäbrig . ganzjährig. —׳24 Kronen . Deutschland, ganzjährig . . . . . . Mark 18'— Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich -׳12 Rubel . —׳84 «Frank . Herausgeber: Max Hickl, IlINlIk. Redaktion und Administration: Brünn, Ldlergasse^il^ Buchhandlerische Vertretung: Ott« Sie««, Stift!* Inserate: dm 6-spaltige Zentimstmyamn 2 Unverlangte redaktwnelle Beiträge werden nicht hsnoriert. — Manuskrivten ist Rückport» teizufügen. Wien—Brünn. 2 j«al ISIS. 4. Slwan 5679 Prag—Lemberg. Buch und Leben. Zum ״Schewuaus"-Feste. Von Dr. I. Nacht. Die jüdische Lehre ist realistisch, sie fußt auf Wirklichkeit. Das Buch der Bücher ist das glänzendste ZeugniS dafür: ״Damit Du lange lebst auf dem Boden, den der Ewige geschworen. Deinen Eltern zu geben." Solche und ähnliche Röde-Wendungen gehören zu den charakteristischsten Merkmalen der heiligen Schrift. Das bedingt mit ihre Größe. Die jüdische Lehre ist für das Leben bestimmt, sie rechnet mit dem Leben. Sie ist heilig, weil sie die Heiligkeit des Lebens atmet; sie ist wahr, weil sie auf Lebenswahrheit begründet ist. ״Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, der uns die Lehre der Wahrheit gegeben und ewiges Leben in uns gepflanzt." ״Die Lehre der Wahrheit" ist vom Leben nicht zu trennen. Sie hat als Lehre des Lebens für Jndividuum und Gesamtheit gleiche Bedeutung. Sie fördert und bedingt das Leben des einzelnen: »Das sind die MizwauS, die der Mensch tue, auf daß er lebe." Die ״MizwauS" sind dazu bestimmt, in dem Menschen den LebenSreiz in des Wortes edelster Bedeutung zu erhalten. Daß er ja nicht dem Pessimismus, der Lebensverneinung, anheimfalle, dafür seien ihm die ״Mizwaus" eine feste, unerschütterliche Stütze. ״Der Mensch soll durch sie zum Leben gelangen und nicht zum Sterben. Unsere Thora fördert und bedingt das Leben des Volkes. Wenn du dem Volke seine Sünden nicht dergibst, wenn es dem Untergange geweiht werden soll, ״so tilge mich aus dem Buche, das Du geschrieben hast", fleht unser großer Lehrer Moses. Wozu das Buch, wenn der Träger des Buches fehlt? Wozu das Buch, wenn das Volk nicht mehr da ist, das dem Buche Leben und Bewegung gibt? Wie Moses taten es später Feuilleton Die neue Thorarolle. Eine Jugenderinnerung zum Feste der Gesetzgebung. Zu ״Schewuos" sollte eine neugeschriebene Thora- Rolle in der alten mährischen Gemeinde Battelau am Jglawafluße, gelegen, zwei Stunden von dessen Ursprung entfernt, eingeweiht werden. Die Veranlassung zu dieser Feier war der 70. Geburtstag des Herrn Benjamin Böhm, des Oberhauptes einer angesehenen Familie und sollte dieser Jubeltag durch eine neue Gesetzesrolle, die in die heiligen Lade des altehrwürdigen Gotteshauses nun zu stetem Gebrauch gestellt werden sollte, besonders festlich auch in der Gemeinde begangen werden. Schon viele Monate vorher hatte ein geschickter Thoraschreiber mit dem Schreiben der heiligen Rolle auf schneeweißen Pergamentblättern, ang^fertigt aus fehlerfreien Kalbsfellen, begonnen und dann immer ein auf einer Seite beschriebenes Blatt an das andere mit dauerhaften Nähten aus Sehnenfäden befestigt. Als die sorgfältig ausgeführte heilige Arbeit fertig war, wurde sie dem ehrwürdigen Rabbi Simon, dem Seelsorger der Gemeinde, überbracht, der Wort für Wort vom Anfang bis zum Schlüsse in der neugeschriebenen ״Sefer-Thora" aufmerksam durchlas, damit weder ein Wort noch ein Buchstabe fehle. Die letzten Worte schrieben Herr Benall' die Großen in Israel. Als Haman dem jüdischen Volke Vernichtung schwor, da sollte am Pesach ein Fasttag abgehalten werden. So wollte es die jüdisch-nationale Sitte in Zeiten der Bedrängung und Gefahr. Allein Mordechai fürchtete, der Pesach könnte durch das Fasten (an Feiertagen ist das Fasten nicht gestattet) entweiht werden, worauf die Volksretterin Esther: ״Du bist der Weise (Alte) in Israel. ״Wenn keine Juden, wozu die Mizwaus, wenn kein Volk, wozu die Thora?" Buch und Leben, Thora und jüdisches Volkstum bilden eine Einheit, jeder Trennungsversuch zwischen diesem Zwillingspaar bedeutet Vernichtung, Auflösung, Tod des Ganzen. Es ist ein schwerer Fehler, den jene beginnen, welche die Thora ohne Volkstum wissen wollten. ״Wie töricht sind die Babylonier, welche die Thora Hochhalten, während sie sich um den großen Mann nicht kümmern", sagen unsere Talmudisten. Dieser ״große Mann" ist das Volk. Wer von ihm nichts wissen will, der handelt töricht und frevelhaft. Wer eS glaubt, ״die Thora ohne Volk" erhalten zu können, der begeht die schwerste Sünde gegen den jüdischen Geist. Er wird Wohl eine Thora haben. Seine ״Thora", die ihm bequem ist, aber nicht die ״Thora" Israels; eine Thora des ״schönen Friedhofs", eine Kultur der Grabesstimmung, des ״Kadisch" . . . aber keine Thora der glorreicher. Vergangenheit, und großen Zukunft: keine Thoras chaijim (Lehre des Lebens). Eine Thora wird er wohl haben, aber eine ״Thora" ohne Ganzheit, die sich allem anzupaffen sucht und dabei ihres Grundcharakters vcrlustig geht: der Wahrheit. Einen schweren Fehler begingen und begehen jene, die jüdisches Volkstum ohne ״Thora" wissen wollen. Solches Volkstum kann nicht gedeihen, ist nach jüdischer Auffaffung ein Unding. Auf Pesach muß ״Schewuaus" folgen. Die Freiheit muß umgrenzt und beschränkt, von höheren Gesetzen geleitet werden, wenn sie zum Segen gereichen soll. Ohne jede Schranke ist die Freiheit ein Fluch, ohne die Satzungen der ״Thora" ist die höhere Freiheit unmöglich. Die Freiheit von etwas bedarf der jamin, der Jubilar, mit dem Rabbi, den Angehörigen und Freunden der Familie, was leicht ging, da die Buchstaben fein und dünn vom Thoraschreiber vorgezeichnet waren. Ein kostbarer, goldgestickter Thoramantel, schmückte die mit einem breiten Prachtband um zwei aus Eichenholz künstlerisch geschnitzten Holzwalzen fest gewickelte Pergamentrolle und die die ״heiligen Geräte", — so wird der kostbare Zierat aus Edelmetall genannt, — mit den kleinen Glocken aus getriebenem feinen Silber angefertigt, vollendeten den Schmuck des neuen ״Sefer", das im feierlichen Zuge zum Gotteshause gebracht werden sollte. Die Synagoge prangte in besonderem Blumen- und Laubschmucke und die Schuljugend half dabei fleißig mit, um die heilige Andachtsstätte für das schöne Schewuosfest in einen ״Garten Eden" zu verwandeln. Vom Hause des angesehenen Fabrikcntten, des Herrn Benjamin, führte eine künstlich aus großen, dichte belaubten Birkenästen hergestellte stattliche Allee bis zu den Pforten des Tempels, in welchen am Offenbarungsfeste die neugeschriebene Thorarolle ihren festlrcyen Einzug halten sollte. Mit wohlriechenden Kräutern, mit denen der Fußboden des Tempels bedeckt wurde, bestreute man auch den Weg zum Gotteshause. Der ersehnte Jubeüag war nun gekommen, die Sonne leuchtete so hell und freundlich, wie zur Zeit der Offenbarung am Sinai, als der Festzug vom Hause des Herrn Benjamin Böhm aus begann. Mit den altehrwürdigen Thorarollen aus der Bundeslade im Tempel gingen die ältesten Männer der Gemeinde durch die neu angelegte Birken-Allee der prachtvoll geschmückten neuen Thorarolle entgegen, die der glückliche Jubilar, Herr Benja- Freiheit zu etwas. Dieses ״zu etwas", auf das die jüdische Bolksfreiheit angewiesen, ist das ״Aul Tauroh" (das Joch der Thora). Das jüdische Volk schüttelt von sich dieses Thora-Joch ab, — und es gibt auch hiermit sein Volkstum auf. * * * Am Schewuaus schmücken wir unsere Häuser und Synagogen mit Grün. Junge Zweige und junge Blüten verbreiten Frühlingsduft in heilger Stätte. Ein 2t» frischender, erquickender Lebenshauch streicht durch daS Gotteshaus. Uns ist, als hörten wir die segnenden Worte Jsaks an seinen Sohn Jacob: ״Siehe, der Duft meines Sohnes ist wie der Duft des Feldes, das Gott gesegnet." Ist es nicht ein Segen, wenn nebst der ״Stimme Jakobs, die in den Synagogen und Lehrstätten gehört werden soll", auch der Erdgeruch, der frische Lebensödem gespürt wird? ״Schewuaus" mit seinem Grün, seinem saftigen Blätterschmuck in Haus und Synagoge ist eine Aufforderung zur Vereinigung von Buch und Leben, von Volk und Thora. Als Solomon den Tempel errichtete, bemalte er die Wände mit den schönsten Pflanzen und Bäumen. Mit dem Erwachen des Frühlings in der Natur ging es auch durch die Bäume des Heiligtums wie ein Blühen und Leuchten. Die Bäume trugen Früchte, alles hüllte sich in schönste Blütenpracht. Der Strom des jungen Leben» ergoß sich auf alle Pflanzungen des Heiligtums. Wie es draußen keimte und blühte und lebte, so keimte eS und blühte und lebte drinnen: im Heiligtums. Draußen braust der Frühling. Er entfaltet seine volle Pracht. Alles lebt und blüht. Lassen wir die Bäume, die an diesem Feste das Gotteshaus schmücken, eine Mahnung für uns sein: ״Wenn es draußen zu keimen, zu blühen und zu leben beginnt, muß es auch drin, im Gotteshaus, keimen, blühen und leben." Die ״Thora", die uns am Sche» wuaus zuteil geworden, ist ein ״Baum des Lebens". min Böhm, von seiner Familie umgeben, unter dem Geläute der helltönenden kleinen Silberglocken und unter den schönen hebräischen Gesängen und Gebeten der Gemeinde in das herrliche, von Andächtigen dichtgefüllte Gotteshaus auf seinen Armen trug. Bei den JTlBpn den Umzügen mit den heiligen Rollen, unter Absingung herrlicher Hymnen, sah man im Tempel unzählige Hände und Händchen ausgestreckt, um die heiligen Gesetzbücher zu küssen und als der Jubilar als Erster zur neuen Thora gerufen wurde und der Abschnitt von ״Matan Lhora"", der Offenbarung Gottes am Sinai, ihm und der Gemeinde vorgelescn wurde, da gab es viele Freudentränen in den Augen der Andächtigen. Feierliche Stille herrschte hierbei und als man das 5. Gebot, das mit den Worten: כבד *ת אביך ואת אמך ״Ehre deinen Vater und deine Mutter" beginnt, laut vorlas, das Gotteswort, das der ehrwürdige Rabbi dann in der Predigt so geistvoll erläuterte, auf die dankbaren Söhne und Töchter des greisen Familienoberhauptes hinweisend, die zu Ehren des Vaters die neue Thorarolle hatten schreiben lassen, da fanden diese heiligen Worte in den Herzen der Alten und insbesondere der Jugend lauten Wiederhall. Als endlich am Schluffe der Festtagsandacht die Gemeinde durch die Birken-Allee dem Jubilar an dessen glücklichstem Lebenstage das Geleite nachhause gab, beseelte alle das am Sinai für ewige Zeiten Israel verkündete Gotteswort, das im Tempel auch heute laut und feierlich verlesen wurde: «Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heilig Volk!"' Moritz Antscherl, Wien. OekdniM Sie ״Wkcbe Uolk$$tim1t1e".