Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 11 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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;;il? י ־*ן£׳^ד־יי* *־V>*ä ^־•׳j י־׳יי" י׳י ״ ‘öufti"־־-‘ ־"י 5.»י '־’.ן-י V T״. Jahrg. XX. Nummer 11. Bez«g»»retse: halbjährig ..!(tonen 12*50 ganzjährig.Kronen 24 — Deutschland, ganzjährig.Mark 18 — Rotzland, ganzjährig.Rubel 12'— Balkan. Frankreich.Krank» 24*—!me. Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse g Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm,??ipzlg Inserate: der 6-spaltige Zentimetsvvaum 2 K Unverlangre redaktionelle Beiträge werden nicht ^ono. rtert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Brünn. 15. Mal 1919. 16. Ijar 8679 Prag—Lemberg. Der religiöse Niedergang unserer Gemeinden. Die Frage des religiösen Niederganges der Kultusgemeinden beschäftigt seit Jahren die maßgebenden Faktoren, ohne die richtige Lösung gefunden zu haben. DaS ist iyr Interesse der Sache höchstbedauerlich. Denn bekanntlich ist ein Leiden, ohne Möglichkeit, dessen Sitz zu erkennen, schwer heilbar. Ich bin weder Arzt noch Historiker von Fach, doch glaube ich in der Diagnose nicht fehlzugehen, daß dieser religiöse Rückgang zum nicht geringen Teil auf den Verfall des S a b b a t e s zurückzuführen ist. Viel mag der unzulängliche ReligionSunterricht, die Lockerung der Familientreue, der Wohltätigkeit usw., weitaus am meisten jedoch das Schwinden der Sabbatweihe Schuld daran haben. Indeß hat hieran der unaufhaltsame Zug der Zeit seinen Teil. Die alten mährisch-schlesischen Gemeinden wurden durch die Freizügigkeit (1848), dieneren veraltete Industrie lahmlegt, entvölkert und gaben machtlos in Maffenzügen ihre Bewohner an die nachbarliche Hndustriestädte ab. Der Sabbat fand nur noch eine Zuflucht in jenen alten Gemeinden, weil er-dort, abgesehen von kleinem Kramhandel, alle Tage der Woche gefeiert würde. Ihre einstigen Kinder in den großen Städten aber konnten beim besten Willen die Pietät gegen drn Sabbat nicht auSüben, anfangs durch die Macht der Verhältnisse, später aber durch die Macht der Gewöhnheit. Besagte Handelzentren waren nämlich sogenannte Trefe Mokaums, d. h. Städte, vo vor 1848 kein Jude wohnen durfte. Dort fanden sie einen jahrhundertalten Usus vor: den Wochenmarkt des Sabbattes, welcher seit- 1668, der Ausweisung der Juden aus den Sudetenkändern unter Rudolf II. auf diesen Tag ver- Feuilleton Hermann Blumenthal. AuS jener Welt.*) G»־ war in Belz, an einem herbstlichen Samstagnachmittag. In einem Winkel des großen Bethauses saßen einige Juden aus den verschiedensten Teilen des Landes beim »dunklen Abendmahl" und während sich die Abenddämmerung langsam niedersenkte und sie auf den Sabbgd-AuSgang warteten, sprachen sie über die Allbarm- Herzigkeit Gottes. »Groß ist die Güte des Allmächtigen", sagte ein Jude auS Podolien. »Sr übt Gnade gegen den Sündigen und verzeiht dem Reuigen. Gin Bal Tschiwe (Reuiger) findet mehr Gnade bei Gott, als ein Frommer, wie geschrieben steht. Den Rang, den ein Bat Tschiwe eirtnimryt, kann kein Chajsid (Frommer) erreichen." »Lccht ab von Eure« bösen Mandek. Kehrt zurück, Ihr Sündigen, spricht der Ewige", zitierte ein Jude au» dem ^Hälyczer Kreis und ein Anderer au» dem -Dchen .Winkel deS Landes mdinte: »FuüWen kömmt et vor, dH Gott dem Sündigen ein Zeichen gibt. »Genug gesündigt! Kehr um, noch ist *) Au» dem in den nächsten Lagen in M. HicklS Verlag erscheinenden Buche: »Polnische Judengeschichtru." K 7.—. legt, wurde (siehe D'Elvert, Geschichte der Juden in Mähren Und österr. Schlesien, Brünn, 1895). Und der Zauber der Sabbaiweihe in besagten Städten war dahin, unwiederbringlich! Wer aber einmal diesen Zauber in Meisterwerken von Kompert, Kaufmann, Kulke, Oppenheim, deren Feder und Pinsel ihn verewigte, auf sich wirken ließ, der wird zugeben, daß der religiöse Niedergang unserer Gemeinden nicht zum mindesten auf den Verfall des Sabbates in denselben zurückgeht. Sind wir uns nun über den Sitz des Nebels klar geworden, so gilt es jetzt, die Frage nach deffen B e s e i° tigung zu lösen. Und diese ist nicht leicht. Hängt sie doch mit der materiellen Frage zusammen. Und in Geldsachen hört sich ja bekanntlich alle Gemütlichkeit auf. Denn die erwähnte Beseitigung des Nebels bedeutet nichts Geringeres, als die Verlegung des Sabbats- Wochenmarktes auf einen Werktag. Doch keine Angst! Es soll Niemand materiell geschädigt, sondern im Gegentcil alle fraglichen Faktoren womöglich noch geförderr werden. Eines aber ist sicher: Materieller Vorteil ist nicht immer seelische Bereicherung. Mancher Reingewin'n bedeutet oft Verarmung des Gemütes. Die Treue von Vater und Mutter jedoch gegen den Sabbat sie ist lebendiger Anschauungsunterricht für die Treue der Kinder gegendie fahrung des Lebens? Mir feIesiwühl hierüber staÜsK? sche Daten. Aber daß Gemeinden, wo die Sabbatent- Weihung durch besagten Zustand eine öffentliche ist, mindestens 90 Prozent Täuflinge zeitigen, darf Wohl als unbestreitbar gelten. Aber ich sehe ab vom religiösen Standpunkt der Frage, daß der Sabbat einer der drei Güter ist (Schabbos, Miloh, Talmud Torah), wofür die Juden sich aufgeopfert (Mechilta Kiffissa 1), daß er darum ewig bestehen wird: Oß hi leoulom scheeno beteloh mijisoroel (d. h.), viel so viele sich bemüten, ihn umzubringen und es nicht vermochten; ich spreche auch nicht als Orthodoxer, auch nicht im Namen von Orthodoxen, wofür es Zeit!" Wohl dem, der diese Warnung beherzigt, denn noch ist das Himmelreich sein." »Wahr ist es", nahm der Podolier wieder das Wort. »Bei uns in Podolien lebte einst ein Man« Reb Schemaje Rubin, dem eine solche Gnade zuteil wurde." Reb Schemaje war weit und breit als Geizhals bekönnt. Er war reich cm Gütern, aber kein Armer kannte sich rühmen von ihm auch nur einen Prith**) erhalten zu haben. Hartherzig wies er alle Unglücklichen, die ihm um Hilfe angingen, ab. Aber auch für sich hatte Reb Schemaje kein Herz. Er gönnte sich kaum das Notwendigste. Wenn er einmal Fleisch aß, so roch es sicher schon ein wenig und am Abend saß er im Dunkeln, um Kerzen zu sparen. Er betete viel — das kostete ja nichts — und hielt sich für einen frommen Mann, aber das ist die wahre Frömmigkeit nicht. So lebte Schemaje bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahre dahin. Sein Vermögen wuchs mit jedem Tage, denn er ncchm mehr Prozente als vorgeschrieben war und brauchte faßt nichts. Die Tranen und da» Blut von armen Witwen und Waisen Netzten an seinem Gelds, aber Schemaje kümmerte sich nicht darum, ihn rührte die Rot seine» Nächsten nicht. Der Allmächtige hatte aber Erbarmen mit Schemaje und beschloß, ihm eine Warnung zu schicken. Schemaje hatte eine» nachts einen entsetzlichen Traum. Er träumte, daß er gestorben sei und ln seiner Stube auf der Erde Netze. Still und ernst wärest die Menschen, die —) vi, halber Heller. schon unsere Gemeinden selbst sorgten; sondern von an» deren Gesichtspunkten aus, die ich an anderer Stelle*) bereits einer ausführlichen Besprechung unterzogen habe: vom moralischen, wie entwürdigend es für Juden sein muß, durch besagten Zustand ihr Heiligstes erniedrigt und sich selbst als Bürger zweiter Klaffe betrachtet zu sehen; vom pekuniärem, wie der fromme jüdische Steuerträger zur Ohnmacht verdammt ist seinem religiös wieder skrupulösen Konkurenten gegenüber, wie er das Notwendigste für den Hausbedarf weder kaufen noch verkaufen kann; vom pädagogis ch e n, welcher Seelenkonflikt im Kinde erweckt wird durch den Widerspruch zwischen Lehre und Leben, den erwähnter Umstand hervorruft; endlich und nicht zuletzt vom st a a t s g e s e tz l i ch e n, wie der mangelnde Besuch des Gotteshauses sogar das staatliche Eheaufgebot unmöglich machen und vielleicht an den Bestand der betreffenden Gemeinde rütteln kann. So ahnen unsere Gemeinden kaum, welche mora» lische und kulturelle Werte sie durch die Preisgabe de» Sabbates veräußern. Es liegt also nicht bloß im Interesse der-Mitglieder, sondern auch der Gemeinde selbst^ der Sabbatweihe ihr Augenmerk zu widmen. Ist sie doch vielfach Wt- WK^^iyzsgMMW^eL Mit- MedLr MWi^MMBWWUM stMWWtzrtn Jnstitutionen wie Talmud Torah, Speisengesetze, Zedokoh usw. längst schon preisgegeben. — Aber wie? Soll etwa der indolente jüdische Advokat, Mediziner, Ingenieur zum treuen Sabbatjuden bekehrt werden? Alles schon dagewesen, sagt Ben Akiba, wie das hochkultivierte deutsche Judentum lehrt. Keineswegs aber soll er den Wund- Herd mancher indifferenten Gemeinden noch mehr infizieren. — Aber auch im Interesse der Regierung selbst liegt die freie Entfaltung des frommen Sinnes ihrer Bürger. Gottlob haben wir heute mehr keine sogenannte Staatsreligion, sondern zunächst staatlich anerkannte *) L. W. Nr. 6 vom 6. Februar 1914. ' das Zimmer betraten, doch war an ihnen keine beson» dere Trauer zu erkennen. Schemaje sah und hörte alles, was um ihn vorging und eine FluH von Gedanken bestürmte ihn. Immer wieder fragte er sich, ob er auch reinen Gewissen» vor dem Thron des Allmächtigen werde erscheinen können. Er hatte stets die Gebote befolgt und niemals ein Kapitel im Gebetbuch überschlagen. Auch hatte er Tag für Tag bei jedem Wetter in der Morgendämmerung, das ReinigungSbad genommen. Dennoch quälte ihn eine Unruhe vor den Kommenden, denn plötzlich stand eS klar vor ihm, daß er ein wichtiges Gebot vernachlässigt hatte. Kein Armer hatte jemals von ihm eine Gabe erhalten und er hatte auch mehr Zinsen genommen als vorgeschrieben war. So hatte er sich mit Sünde beladen und sein Seelenheik aufs Spiel gesetzt. . . Schemaje wurste gewaschen und in die Totenkamder gehüllt. Dann legte man ihn auf die Bahre und trug ihn auf den »heiligen Ort" hinaus. Rur Wenige folgten dem Sarge und es wurde dem Toten nicht viel Gute» uachgesagt. Erst jetzt merkte Schemaje, daß er keinen Freund in der Stadt hatte! Er wurde in» Grab gelegt und mtt Erde bedeckt. Da wurde eS unheimlich still um ihn. Schemaje lag unbeweglich und grübelte darüber, wa» nun kommen werde. Da erfolgte ein Gcßkrg dem Donner gleich und die Erde spaltete sich. Schemaje sah hör sich eine Vtschet- * Uerbreitet die »Wlrcde