Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 10 (9.5.1919)
- Date
- 1919-05-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. XX, R«mmer 10 ■ Be-Nßspreife: halbjährig . ganzjährig.. . Kronen 24•— Deutschland, ganzjährig ..... . Mark 18 — Rußland, ganzjährig ...... —׳12 Rubel . Balkan. Frankreich....... » .—. -.— . Franks 84•— Herausgeber: Max Hickl. mm. Redaitton und Administration: Brün«, Adlergafle 9 Buchhändlerische Vertretung: Ott, Me««» -«ktz^g Inserate: dev 6-spaltige ZentinMovmum 2 R. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht yono» riert. — Manuskripten ist Rückporto heizsfügen. Wien—Brünn. 9. Mal 1919. 9. Ijar 5679 Prag—Lemberg. eine dahingegangene Stunde zurückerlangen könnte, um sie in anderer besserer Weise zu verwenden! Können wir uns aber dieser Wahrheit nicht verschließen, fo sollten wir umso höher das Mittel bewerten, das auf die Flüchtigkeit des Daseins der Zeit hinweist und uns auffordert, jeden Augenblick zu nützen. Eine solche eindringliche Mahnung, auf den raschen Flug der Zeit zu achten, richtet an uns die Vorschrift des Omerzählens. Legt ja die siebenwöchentliche Zählung den ergreifenden Gedanken nahe, wie schnell der Strom der Zeitlichkeit die sieben Jahrzehnte unsereS Erdenwallens davonträgt, wie wir mit jedem Tage dem Grabe einen Schritt näher kommen, wie der Erdensohn blühet und verblühet, wie die Blume, aufhaucht und verschwindet wie die Welle. Und nicht nur dcrjenige, der im Frühling des Lebens von, hinnen ziehen muß, sondern auch derjenige, dem die lange Lebensdauer beschicden war, sieht am Ende angelangt, die durchlebte Vergangenheit wie einen flüchtigen Traun, an. Gar viele empfinden daher keinerlei Wehmut über tungslos sind unsere Tage, solange wir fernab vom Sinai stehen. Israel hat sein Ziel nicht erreicht, bis eS einmütig lagert um den im Gesetzesfeüer leuchtenden Gipfel des Gottesberges. Glossen. Die ״Judenfrage" ist — die republikanischen Zeiten mögen verzeihen — sozusagen hoffähig geworden, d. h. sie zieht in die Spalten der Wiener Zeitungen ein, so z. B. unter den Strich des Wiener Montags-Journals. Da erzählt uns ein Herr Ahaswer in drei Spalten, lang und breit, von der Judenfrage. Wenn man schon mit ziemlicher Kraäitanstrengung und einer nahezu fabelhaften Selbstverleugnung bis zum Schluß gelangt, (den Wenigsten gelingt cs!) klatscht man vor Beifall, daß es zu Ende ist und ist froh, daß nichts haften blieb weil > nichts vorhanden war, was haften bleiben konnte. Wie- L ------ ״ i°"°m h°n°nd°n. wich.ig.u-nlen Auffassung der Zeit nicht zugänglich, denn nur derdem und mauschelndem Schwall von hergebrachten, ab- -rnft- Hinblick auf di- Küy«. d -rL°b°n^°i, ist G-und> dw,ch-n-n Phr°s-N, womit di- ״Jud-npr-ff°- F-Ngm und Bnd-n. nuk d-m-^n DA,...™ ^disch-r MMNdMÄ'-lich a^fp-istw pstL. ' So vernehmen wir folgende Weisheit, die in ihrer Neuheit wahrlich ein Original ist und auf die sich der nichts weniger als geistreiche Verfasser etwas einzubilden scheint: ״Die Juden, die nicht nach Palästina auswandern, die müssen ihre »Judenfrage" stets lösen, indem sie sich den Sitten und Bräuchen der sie umgebenden Welt anpassen, darauf Rücksicht nehmen, daß sie hier nicht ohne Anstoß leben, sondern auf ihre Zahl bedacht sein müssen. Sie müssen sich ״vertragen" lernen- Und weiter: »Kunststück" wird mir hier die temperamentvolle Jugend vorwerfen. Wir möchten schon, wenn die ״andern" möchten-;-" Einfach großartig! Hat dieser originelle, famose Herr im ersten Satz eine unerhörte neue Wahrheit vorunb Wese EÄenntnis führt zu"'her Dberzeuglmg, bafe'ttmr nicht um dieser kurzen Zeitlichkeit willen ins Dasein gerufen sind. So ist das Zählen der Tage ein tief zu Herzen dringender Hinweis auf den wahren, hohen Ernst unseres Erdendaseins; mit Recht betet der Psalmist: ״Lehre uns unsere Tage zählen", damit wir ein weises Herz gewinnen. Die Gotteslehre hat aber diese Zählung vor dem Feste der Gesetzgebung angeordnet unv legt diesem Zählen eine so hohe Bedeutung bei, daß das Fest der Offenbarung nach diesem zu ihm hinleitenden Feste ״Schebuoth" genannt wird. Und wie einen sehnsüchtig erwarteten Freund zählen wir daher Tage und Wochen dem Geburtsfeste der Thora entgegen. Denn so lehrt einer unserer tiefsten Denker, nur auf den Höhen des Gesetzes winkt uns das Ziel, bedeugetragen, so lügt er im zweiten < nur um mehr Das Zählen der Tage. Das Fest der Erlösung und das Fest der Gesetzgebung stellen die wichtigsten Vorgänge, die Grundlagen der Geschichte Israels dar und stehen in innigem Zusammenhange. Durch die Verkündigung der Sinailehre und durch die Berufung Israels zu deren Trägern und zum Gottesherold an die Menschheit erhielt die ägyptische Befreiung ihre große Bedeutung. Der zwischen den beiden Festen liegende Zeitraum ist aber in der Thora nicht nur genau bestimmt, sondern es ist jedem zur Pflicht gemacht, die Tage und Wochen, die von dem einen zum andern hinleiten, selbst alltäglich zu zählen. Gewiß enthält diese Zählung wichtige hochbedeutsame Anregungen für Geist und Gemüt; gewiß ist sie geeignet, richtig erfaßt, einen tiefgehenden, heilsamen Einflutz auf unser sittliches Verhalten auszuüben. Dei Verpflichtung Tage zu zählen, lehrt der hervorragende Moralist, Olelos Efraim, übermittelt Gedanken von großer Tragweite, denn was pflegt man zu zählen? Nur das Wert« und Bedeutungsvolle, das wir ,in ,HMH»ktWt,׳..Maße besitzen, suchen Wir durch Zahl ' LvvWÄWMMvtel EM davon noch zu Gebote steht; umsomehr, wenn dessen Verlust unersetzlich ist. Nun gibt es aber für uns Menschen, die Kinder der Vergänglichkeit, nichts von höherem Werte, kein kostbareres Gut als als die Z e i t. Dle Trägerin unseres Daseins, die Tage und Jahre, die uns beschicden sind, um unseres Lebens Bestimmung zu erreichen. Sind ja die Lebenstage uns mit Spannen zugemessen und ist ja die Zeit in rastloser Bewegung. Niemand vermag ihrem dahineilenden Strom, der uns unaufhaltsam mit sich fortreißt, Einhalt zu bieten. Des Wassers flüchtige Wellen können in ihrem Laufe zürückgedrängt werden; wer vermag aber die Zeit in ihrer Strömung aufzuhalten? Und um alle Schätze der Welt können wir die Stunde, die bereits der Vergangenheit gehört, nicht mehr zurücklaufen. Wie mancher würde all sein irdisch Gut hergeben, wenn er Feuilleton Gedanken eines Uhrmachers im jüdischen Ghetto. Aus dem Jüdischen frei übersetzt von CH. L. in Basel. An einem kalten Winterabend sitzt der alte Uhrmacher Rabbi Schmule in seiner trauten, spärlich beleuchteten Werkstätte und arbeitet. Sinnend und träumend hält er die vom Gemeindevorsteher Rabbi Mansche Nachum ihm zur Reparatur anvertraute goldene Taschenuhr in Händen. Ab und zu setzt er die Lupe auf das Auge, reinigt das Werk vom Staube und putzt das Gehäuse blank. Vertieft in seine Gedankenwelt hört er weder das harmonische Pendeln noch das Geläute der Glocken der an den Wänden hängenden Uhren. Auch kümmert ihn nicht der draußen heftig sausende und tobende Sturmwind, welcher mit Wucht große Schneeflocken an die Fensterläden seiner kalten Werkstatt schlägt. Unser alter Meister hungert nicht und friert nicht. Und wenn seine gute Lebensgefährtin Chaje Beile ihn nicht beim Aermel zupfen und schütteln und ihn an das Essen ermahnen, oder wenn diese gute Frau nicht ab und zu nach dem Ofen sehen würde, ob er seine Pflicht erfüllt und genug Wärme spendet, so wäre unser Uhrmacher überaus glücklich, ganz ungestört hier ״philosophieren" zu dürfen. Das Liebste wäre ihm, wenn er seine irdische Hülle an den Werkstuhl für ewig festnageln, seinen Geist aber in den höheren Regionen umherschweben lassen könnte. ״Endlich habe ich meinen ״Nürnberger" wieder hergestellt", murmelt Rabbi Schmule vor sich hin, indem er die Lupe beiseite legt und mit dem roten Taschentuch sich den Schweiß von der Stirne wischt. Ach wie Herrlich", fährt er weiter fort, während er seine Blicke an dem Kunstwerke heften läßt, ״ist dieser Bau zusammengefügt! Dank einer Opposition im Herzen, der Hemmung eines regulierenden Organes, bringen diese Räderverbindungen eine bewundernswerte Gleichmäßigkeit hervor. Wie die himmlischen Sphären tanzen die Räder ihre Reigen. Die Spiralfeder pulsiert, und wie ein geschulter Kapellmeister schlägt der Anker den harmonischen Takt. Wahrlich das Uhrwerk ist das Symbol unserer jüdischen Gemeinde, an deren Spitze der Besitzer dieser goldenen Uhr, unser Parnes Rabbi Mansche Nachum, steht. Jedes Glied dieses Werkes tut seine Pflicht, verrichtet seine Arbeit in schönster Ordnung. Dieses Meisterwerk ist das Bild einer schönen jüdischen Organisation, einer jüdischen Kehilloh, die in Eintracht und Frieden die Fahne des Judentums hochhält, der Fahne, an der kein anderes Blut klebt, als das unserer front• men Väter und Mütter, die es für den jüdischen Glau» ben vergossen haben". ״Ach nein", lispelt unser Meister weiter vor sich hin, indem er das Uhrtverk nochmals unter die Luppe nimmt, ״das ist keine jüdische Kehilloh. In diesem Bau sind alle Glieder fest und harmonisch miteinander verbunden. — Keines rührt sich ohne das andere. Lauter Davids und Jonathans sehen wir hier brüderlich zu einer Organisation vereinigt. — Ist das eine jüdische Kehilloh? O nein. Nicht nur ״soviel Köpfe, soviel Ansichten" müßte das Sprichwort bei uns lauten, sondern ״soviel Haare auf dem Kopfe, soviel Ansichten" —." Kaum zwei Minuten, sind verflossen, und Rabbi Schmule wechselt seine Ansicht. ״Doch", ruft er energisch aus, «dieses Uhrwerk ist das wahre Bild einer echt jüdischen Gemeinde; denn keine von den zwei benachbarten Rädern schlagen den gleichen Weg ein. Während Haß eine Rad sich nach rechts dreht, wendet sich sein benachbarter ״Trotzkopf "just nach links. Der am Steigrade eingreifende Anker fährt über- Haupt nicht im Kreise mit — wahrscheinlich ist ihm die Gesellschaft nicht fromm genug —, sondern mit der ״Gabel" in Händen schüttelt er sich wie ein echt frommer Chassid hin und her und verursacht hierdurch den großten Lärm in der Gemeinde. — Ja daS ist ein«? jüdische Kehilloh — llekdreliet die ״Mrcde llsHrrrlimme".