Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XX (1919)
- Issue
- Heft 8 (14.4.1919)
- Date
- 1919-04-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sahrg. XX. Nmnmer 8. «»»»«»Preise: hakbjLhrig . . . ... . JNonen 12*50 ganzjährig.Kronen 24׳— Deutschland, ganzjähr»».Mark 18 — Rußland, ganzjährig Rubel 12 *— Bauan, Arantreich Frank» S4 — _!1_ ( Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 8 Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klem«, jösiPzsß Inserate: der 6-spaltige ZentirMsvmmn 2 L. llnverlangie redaktionelle Beiträge werden nicht **«m» ' rtert. — Manuskripten Ist Rückporto beizusÜgün. f Wien—Brünn. u; & flsw9 Prag—Lemberg. Passah. (Motto:) Werden diese Gebeine wieder aufleben? (Jecheskiel Kap. 37. Vers.) Zum fünften Male seit Ausbruch dieses Unglückseligsten, durch Uebermut, Herrschsucht, nationalen Chauvinismus hervorgerufenen Weltkrieges, begeht das jüdische Volk in allen Weltteilen das Passahfest, das Fest der Befreiung und Menschwerdung des jüdischen Volkes. Zu arm der Wortschatz um all. das zu schildern, was unsere Brüder, die Flüchtlinge in diesem Weltkriege mitgemacht haben. Ströme jüdischen Blutes sind unschuldig geflossen. Tausende und Abertausende Brüder sind im Kampfe um ihr ״vermeintliches Vaterland" gefallen und zu Krüppeln geworden. Tausende wurden vvn ihrer Wohnstätte vertrieben. Hunderttausende ihrer Existenz, ihres Hab und Gutes beraubt, Weiber und Mädchen geschändet, Kinder in bestialischer Weise getötet, jüdisches Eigentum vernichtet. Wohl hat auch ein Teil Juden, jedoch ein winzig kleiner Teil, sich am Kriege bereichert. Wohl ist es einer kleinen Zahl gelungen, während des Krieges zu Wohlstand zu gelangen. Das jüdische Volk wird aber, wie es leider immer der Fall ist, in seiner Gesamtheit für eventuelle Fehler und Sünden Einzelner verantwortlich gemacht. ״Jüdische Solidarität" heißt dieses Schlag- Wort. Wie es aber wirklich mit dieser Solidarität bestellt ist, davon wissen wir ein Liedchen zu singen. In Wirklichkeit ist diese «Solidarität" ein Truggebilde. Der Modernismus, der Fortschritt, der Materialismus haben uns Juden daS Solidaritätsgefühl geraubt. Es besteht leider zum größten Teile ein Egoismus, der jede ideale Regung in einem großen Teile der Menschheit und auch der Juden, erstickt hat. Die Sehnsucht der Nationen nach Befreiung und Selbstbestimmungsrecht wird wohl kein Volk der Welt so zu würdigen wissen als wir Juden. Wir haben die Feuilleton . Bor Pi Hachirot. Nach einem Midrasch von Schlesinger-Silenski. Unaufhaltsam, von ihrem Führer geleitet, zogen die Israeliten vorwärts. Und es zog mit ihnen die leuchtende Feuersäule, das Gefühl des Befreitseins, das jauchzende, unaussprechliche Glück, als Freie das Land, das ihre Kraft ausgesogen, für immer verlassen zu haben. Ein Gedanke bewegte die ganze große Menschen- Masse, ein Pulsschlag durchzuckte sie. . . sie waren frei ... sie hatten sie erreicht, erlebt, die goldene, süße, himmlische Freiheit, nach der sie sich nach so langer schmachvoller Knechtschaft gesehnt. Der lange Zug ging, Umwege machen-, durch die Elamwüste. Kein Hügel, keine Klippe erhob sich in dem unermeßlichen Raume. Sie traten heraus aus der üppigen Fülle des organischen Lebens und sahen vor sich den öden Rand der baumlosen, pflanzenarmen Wüste. Keine Oase winkte ihnen entgegen, kein behauener Stein, kein verwilderter Fruchtbaum erinnerte an das Dasein des Menschengeschlechtes. Ueber ihren Häuptern die Strahlen der nie umwölkten Sonne, zu ihren Füßen der glühend heiße Wüstensand. Und trotz dieser sie von überall umgebenden Armut fühlten sie sich un- Befreiung der Nationen auf das allerfreudigste begrüßt. Wie wurde aber die Freiheit von den seinerzeit Bedrückten, in die Tat umgesetzt? Der Jude bekam es zu fühlen was ״Freiheit" bedeutet. In den meisten Ländern haben die Pogrome eingesetzt. Wieder wurden Hunderte Juden hingeschlachtet, jüdisches Hab und Gut Vernichtet, tausende Juden um ihre Existenz gebracht. Wenn am Passahabend in den jüdischen Familien der Seder in feierlicher Weise begangen werden wird, wenn die vier Fragen von jugendlichem Munde zögernd gelispeld werden, so wird uns in dieser feierlichen Stunde eine fünfte Frage beschäftigen; was wird der Völkerfrühling, was wird der Friedenskongreß dem jüdischen Volke und der Menschheit bringen! Werden die dürren Gebeine wieder aufleben? Werden sich die Hoffnungen der Nationen endlich erfüllen? Wird man endlich die Formel finden, die die Liebe mit ' dem Rechte, die Freiheit mit dem Gesetze brüderlich auf Erden zusammen wohnen werden? Wird der Jugendträum, daß der Wolf neben dem Schafe weiden und der Friede und die Freiheit, das Recht und die Menschlich» keit, nicht auf den Spitzen der Bajonette und in den Feuerschlünden der Kanonen ihr verkümmertes Dasein zu fristen verurteilt sein wird in Erfüllung .gehen? Werden endlich die Nationen einsehen lernen, daß auch dem jüdischen Volke sein Selbstbestimmungsrecht eingeräumt werden mutz, daß auch wir Jckden das Recht der Freiheit besitzen. In diesem Sinne begrüßen wir nach dem gewaltigen, blutigen Ringen, unser Passahfest in der Hoffnung, daß es auch dem jüdischen. Volke vergönnt sein wird, sein Selbstbestimmungsrecht zu erlangen. Die jüdische Schule. In der letzten Plenarsitzung des jüdischen Ratio» nalrates für Deutschösterreich wurde die brennende, vielleicht die brennendste Frage der jüdischen Gegenwart im Galuth besprochen, die Frage der weiteren Existenzmöglichkeit, die in der jüdischen Schule liegt. Mit dem Auftreten der.national-jüdischen Bewegung trat auch diese Frage auf, deren Lösung und Verwirklichung eines der Hauptziele und Endresultate jener ״alle jüdischen Werte umwertenden" revolutionären Bewegung ist. Sie ist aber ein Problem, das zu lösen man durch so viel Jahre hindurch nicht imstande war, weil, wenn man genau hinzielt, der Kern einer derar- Ligen Erziehungsfrage nicht leicht zu bestimmen ist, weil die Meinungen in bezug auf die Accentnierung viel zu verschieden waren. Die einen, und das waren die, die bisher in der jüdischen Welt alleinbestimmend waren, weil sie die Unzulänglichkeit der bisheriges Gesetze auf ihrer Seite hatten, wollten den Ton auf ״Schule" gelegt wissen, das Spezifische vollkommen verkennend und auf dje für ihre Begriffe in ״FinsterniS" lebende Masse des jüdischen Ostens hinweisend, in ״Finsternis״ lebend, wenn man den nahezu blödsinnigen Maßstab ihrer eigenen Frack-Kultiviertheit, den Konsum an Haarpomade in Rechnung zieht. Die anderen, das war wohl die Mehrheit der in dieser Frage Thearetisierenden (von einer Praktizierung der Gedanken war. keine Rede) wollten in richtiger Erkenntnis historischer Entwicklung und vollkommen zutreffender Wertung. geistigen Werdeganges, daß dem Beiwort ״jüdisch" zur Gänze Genüge getragen würde. Allein sie hatten weder gesetzliche noch finanzielle Mittel, um durch Verwirklichung die Richtigkeit ihres Vorhabens beweisen zu können. Dazu kam noch, daß in ihrem eigenen Lager jener heillose, noch immer nicht ausgetragene Sprachenkampf ausbrach, der nahezu bis zur Langweile fortgesetzt nichts Fruchtbares aufkommen ließ. Es trat ein Chaos ein, das zu entwirren ungemein schwer erschien. So im jüdischen Osten. Die Westjuden machten sich darüber gar wenig Kopfzerbrechen. Bei ihnen wanderte alles in Zersetzung fort. Aber alle dem machte der Krieg ein jähes Ende. Im Osten beginnt sich der Knäuel allmählich zu entwirren. Manche wirklich jüdische Schule, die gerade im Kriege entstan» den'ist, bezeugt es. Und welchen Ausgang immer der Kampf um die jüdische Autonomie im Osten nehmen % . 1 endlich reich, denn hoffnungsfreudig und .vertrauend blickten sie auf ihren großen Führer. Unv leitend ׳führte Moses das Volk all dieWege, die Gott ihm vorgezeichnet. Und das Volk zog nach Pi Hachirot zwischen Migdol und dem Meere. «Sie sollen lagern vor Pi Hachirot", so lautste der Befehl. Von der wasserarmen Wüste weg sahen die Israeliten plötzlich vor sich die unabsehbare, glänzende Meeresfläche. Schäumend schlugen sich die Wellen und Wogen an die kantigen Klippen, die von dem blühenden Gestade wie bekränzt erschienen. Herrliche Früchte reiften in der feuchtwarmen Luft, und süße Wasserquellen plätscherten durch moosiges Gestein. Freudig schlugen die Wegemüden ihre Lager im Schatten der Palmen auf. j - Doch horch, welch ein Schall durchschüttert die Luft! Von weither kommt er, ganz dumpf, — doch mächtiger und mächtiger wird der Ton, wie das Getöse des Donners, wie das Grollen der Windesbraut. Die Israeliten horchen auf. Betroffen blickt einer auf den andern. Der Boden unter ihnen beginnt langsam zu zittern. Will sich die Erde auftun, um sie zu verschlingen? Welch' Verderben droht ihnen?- Da, die Staubwolke wird dünner, sie sehen hinter sich, — und ein betäubendes Entsetzen ergreift selbst den Mutigsten unter ihnen. Sie kommen ihnen nachgezogen, ihre Verderber, ihre Peiniger, vor denen sie sich, für immer schon sicher gefühlt hatten. Als wäre ganz Mizrajim in Bewegung, so groß ist die Zahl ihrer Verfolger.! O, jetzt sehen sie es genau. Pharao selbst mit seiner großen Macht, mit allen seinen Reitern und wasfenfähigen Männern, mit seinen Prachtwagen und Prachtrossen, führt den Zug, denn es gereute den Mächtigen, die Israeliten aus ihrer Dienstbarkeit entlassen zu haben. Ein ungeheurer, furchtbarer Schrei entringt sich den Lippen der Unglücklichen. Fliehen, weit weg von ihren Verfolgern!- Doch wohin? Wo ist ein rettender Ausgang? Wohin immer sie sich wenden, überall gähnen ihnen die Todespforten entgegen. Vor ihnen das hochgehende Meer, hinter ihnen die Lanzen und Speere ihrer Feinde. Und Schrecken und Angst bemächtigen sich des ganzen Lagers, sie sehen sich schon an die Wagen geschmie» det, sie hören das Triumphgeschrei, die tobende Freude der sie Ueberwindenden. Im Uebermatze ihrer Furcht vor den Schrecknissen, die ihrer warten, beschuldigen sie Moses, daß er freventlich an ihnen gehandelt, indem er sie Aegpten zu verlassen hieß. «Warum tatest Du uns dies, war Mizrajim als Grab nicht groß genug für uns", so riefen sie in wildem Schmerze ihm zu. Doch Moses, bewaffnet mit Ruhe und Himmelsklarheit, erschrak nicht vor der tobenden Menge. ״Fürchtet nichts", ries er, und wieder ruhig wurde das Volk. * * In den höchsten, lichtvollsten Höhen, wohin daS Auge eines Sterblichen noch nie gedrungen, auf ewiverbreM <lle JdiKlte Uolksstimme“. 1