Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 29-30 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 LLtzttche StffUHntwt*1 Ar. 29*30 Das deutsche Judentum für die nationalen Forderunge«. Berlin. In mehreren gleichzeitig voranstalteten Mastenverscmtmlungen, m welchen mehr als 6000 Juden teAncchmen, wmlde mit überwältigender Mehrheit der Beitritt zu den natiomalen Forderungen des Kopenhagener Zionistzischen Büros proklamtort. Im Anschluß daran wunde die sofortige -restlose Aufhebung dev Gvsnzsperre,und aller sonstigen AuSnahmsbe- Stimmungen gegen ausländische Juden sowie die Umwandlung der jüdischen Kultusgemeinden in Dolksgejm»einden und ihre Zusammenfassung zu einem RoichSvemband als Repräsentanz deriüdischen Volksgemeinschaft gefordert. (J.P. W.) Die DertuschungSaktion der Polen. Dem ״I. P. W." wird bedichtet: Die Polen setzen alle Hebel in Bewegung, um tot Ausland Die Pogromnachrtchten abzuschwächen. Ihre Pvetzbüros verbreiten unwahre Nachrichten, nach welchen die Juden «lntweder ׳auf ruthenischer Seite gegen die Polen gekämpft oder! sich als Bolschewisten betätigt häben sollen. Nunmehr gehen im Aufträge der polnischen Machthaber Beamte zu ׳den einzelnen Rabbinern, um sich von ihnen schriftlich bestätigen zu lasten, daß über- Haupt keine Pogrome stattgefunden hätten. Bei den fetzigen Verhältnissen sind die Rabbiner zur Unterschrift gezwungen. Die so erpreßten Bestätigungen sollen alsdMN im Ausland beweisen, dqtz die von jüdischnationaler Seite betriebene Aufklärungstätigkeit lediglich auf Verlenmdungen beruhe. Die Warnung der englischen Regierung an Polen. Das britische Außenministerium veröffeNtlicht folgende Erklärung über die Judenpogrome in Polen: Berichte über antisemitische Pogrome er- .reichten die Regierung Seiner Majestät. Sollten sich diese Berichte als zutreffend erweisen, so könnte oie britische Regierung nur die ernsthasteste Stellung zu solche!: Zwischenfällen nehmen. Solche Zwischenfälle sind eine Ermutigung für die Elemente der Unordnung und der Gewalt, die bereits das Leben jeder Bevölkerung zwischen dem Rhein und Wolga bedrohen. Der eben erreichte Freiheitssieg würde von geringer Bedeutung sein, Ms die Welt die Herrschaft der eben vernichteten Gewalt in anderer Form wiedereingesetzt sehen müßte, die nicht weniger im Wi- Lerspruch zu den Fveiheitsprinziplien stehen. Die Alliierten und die Vereinigten Staaten sind bereit, ihre gesamten Hilfsquellen dem Wiederaufbau der ökonomischen Grundlagen der Ovdnung und des zivilisierten Lebens jener Länder zu leihen, aber nur jener Länder, die durch ihre Handlungen zeigen, daß Sie Ordnung und, Zivilisatiou wünschen. Wenn irgend ein Volk die Begier zur Unordnung herrschen läßt, so werden die Demokratien des Westens unfähig sein, et-. was für die Förderung seines Wiederaufbaus zu tun. Sie werden nur im stände sein in Geduld und in gezwungener Untätigkeit die Wiederherstellung von Bedingungen welche den Fortschritten des Friedens die Tür öffnen werden abzuwarten. Ein jüdischer Katheder an einer ukrainischen Universität. An der Historisch-Philologischen Fakultät der Universität in Kamenez-Podolski wurde ein Katheder für jüdische Geschichte und Literatur errichtet. (I. P. W.) Lonis Brandeis auf dem Friedenskongreß. Nach übereinstimmenden Meldungen neutraler und englischer Blätter wurde Bundesober- Dichter Louis D. Brandeis, der Führer der amerikatnlischen Zionisten, vom Präsidenten Wilson zum Delegierten Amerikas bei der Friedenskonferenz ernannt. Ein Jüdischer Bolksrat in Posen. , In Posen hat sich in der Vorwoche zur Wahrung der nationalen und persönlichen Rechte! der Juden in Stadt und Land ein Volksrat gebildet. Sir Alfred Monds Zuwendung an den Jüdische« Nationalfonds. Nach einer dem Hauptbüro des IW. Natio- : walfonds im Laag aus London zugegangenen - Meldung hat jüngst der Minister für öffentli-- - che Arbeiten, Baron, Baron Alfred Mond, be- - kanntlich auch Herausgeber der ״Westmiinster l Gazette", sich verpflichtet, durch fünf Jahre je ז fünftausend Pfund Sterling dem Nationalfonds ' zuzuwenden.! Diese Spende von insgesamt 26.000 Lstr. l ist die gröMe seilt Bestehen des Nationalfonds; - seine Eingänge, die 1917 bewits den Jahresbe-! trag von 2 Millionen Francs erweicht haben, setzen sich vornehmlich aus kleinen und kleinsten Spenden zusammen. Folgende größer« Zuwendüngen ragten im, dien letzten Jahren hervor: Fr. 200.000 von Lord Mayor׳ Jacob Moser, Br adford, für das Gebäude des hebräischen Gymna- ׳ siumS in Jaffa; Fr. 130.000 von Bavuch Ca- - Hane aus Rumänien; M. 54.000 von einem anonymen Stifter. (Rothschild und das Weihnachtshuhn.) Ein wenig bekannter Brauch herrscht seit ungefähr 40 Jahren im Londoner Rothschild-Hause. Seit dieser Zeit bekommt alljährlich zu Weihnachten jeder Londoner Omnibuskutjchev vom Hause Rothschild ein Huhn, bezw. das Geld für ein Huhn zu den Feiertagen. Wie Mr. A'dfved de Rothschild erzählt, stammt dieser Brauch aus jener Zeit, da er vor 40 Jahren mit setoesm Bruder Leopold täglich in offener Karosse von ihren Besitzung Gannersbury in die City fuhr. Die Omnibuskutscher pflegten nun, fo oft. die Rothschild-Kawsse sichtbar wurde, ihre Pferde anzuhalten und ehrerbietig zu warten, bis die Rothschild an,ihnen vorbeigefahren sind. Damals besprachen die Brüder, haß sie den freundlichen Kutschern eine Weihniachtsfreude bereiten wollen, indem sie ihnen zu dem Feste ein Huhn beistellen. Trotzdem sich die Verhältniste seitdem vielfach geändert haben, die Brüder Rothschild nicht mehr von Ganinersbury nach der City sahren, hat sich dieser, Brauch im Hause Rothschild bis zum heutigen Tage erhalten. Die Omnibuskutscher begehen diesen Tag auch in feierlicher Weise, indem sie ihre Peitschen mit blauen Maschen — blau ist die Farbe dev Rothschilds — schrpücken und an ihrem Festabend zu Haufe, wenn das Huhn lauf den Tisch kommt, ihre Kinder von der schönen Tat der Rothschilds etHählen. Ministerpräsident Eisner über die Schuld am Kriege. Gegenwärtig weilen in München einige m Asr Schweiz ansässige Vertreter großer Ententeblättev. Zu diesen sprach (nach einem Bericht per ״Franks. Ztg.") Ministerpräsident Eisner über die Schuld am Kriege. Aus feiner besonderen Kenintois der Dinge hat Eisner die Ueberzeugung gewonnen, daß in Bayern!auch die lei- .Lenden Stellen vom _ Kriege völlig überrascht worden seien und keinesfalls eine Mitverapt- Wortung trügen. Auch Kronprinz Rupprecht habe den Krieg entschieden nicht gewollt. Eisner hat übrigens bei der Bsrlto«e!r Reichsleitunig die Veröffentlichung aller Akten verlangt, die auf die Vorgeschichte des Krieges Bezug haben. Ausruf an die Juden in der Slowakei. Der Jüdische Volksrat in Brünn voröffentlicht in der ״Rovnost" und in anderen Brünner tschechischen Zeitungen «nachstehenden Aufruf an die Juden auf der Slovakei: ״Die tschechischen Blätter melden von den Bestrebungen der Juden auf der Slovakei nach ErlMung der verlorenen magyarischen Herrschaft in den slovakischen Komiitaten, obwohl diese von der siegreichen Entente als Bestandteil des tschecho-slovakischen Staates anerkannt wurden, und auch die magyarischen Beamten schon zum großen Teile -djie slovakischen Gebiete verlassen haben. Falls es wahr ist, wie die tschechischen Zeitungen melden, daß die Juden teils selbst, teils vermittels gelungener Banden sich dem tschechischen Heere entgegenstellen — obwohl dieses als Element der Ordnung vordriinrgt, unld vielfach die bolschewistischen Plünderungen verhindert,, welche hauptsächlich von den von dev Front heimgskohrten Soldaten an vielen Orten ׳gegen die Juden begangen wurden, — so muß!dieses Verhalten als zwecklos und schädlich bezeichnet werden. Das Magyarentum hat in den slovakischen Gegenden seine Existenz-Berechtigung verloren, und an dieser Tatsache kann auch der Wjiderstand dev Juden nichts ändern. Wir mährischen und auch die böhmischen Juden haben an den berufenen Stellen, unbeschadet unseres nationalen Standpunktes, imsere Loyalität gegenüber dem tschecho-slovakischen Staate zum Ausdrucke gebracht, wir wollen uns danach halten, und legen den Juden auf der Slovakek die gleiche Handlungsweise ans Herz. Der Jüdische Volksrat in Brünn." Korrespondenzen. Brünn. (Todesfall.) Hr. S. I. S ch n a b k General-Vertreter der ״New-Aorkav Germanm", ist DonnarSt-qg, den 6. d., tot, 62. Lebensjahre nach einer an ihn erfolgten Operation gestorben. S. I. Schnabl «in auf humanitärem Gebiete allseits bekannter Menschenfreund ist somit ins bessere Jenseits übergegimgen. Frtüie seiner Asche! Budapest. Die hiesige jüdische. Religionsgemeinde hat ein jüdisches Gebetbuch für Blinde hevausgegeben. Die Gebete sind to< Blindenschrift gehalten. An der Zusammenstellung׳ des Gebet- Luches nahmen teil der Generalsekretär der Kultusgemeinde Dr. Julius Weiißburg, die jüdischen Schuldirektoren Abraham Stern und Simon Adler und Professor Moritz Schönberger. Das Gebetbuch enthält sämtliche Gebete für das ganze Jahr und wird in Ungarin׳ an die jüdischen Blinden unentgeltlich verteilt. Die Herausgabe «eines solchen jüdischen Gebetbuches für Blinde setzt natürlich voraus, ׳daß in den Blindeninstituten die jüdischen Blinden «auch tot Lesen des Hebräischen unterwiesen werden. Berlin. Die Aufführung von Schalom Aschs Schauspiel ״Der Go«tt der Rache" ist dem Residenztheater von der Zensur verboten worden^ Vor etwa sieben Jahren wurde das Werk unbeanständet im Deutschen Theater, ׳gegeben, wo Rudolf Schildkraut damals die männliche Hauptrolle verkörperte. Wien, den 25. November 1918. Sonntag, den 24. November fand ijm Saale des Gewerbevereines, Eschenbachgasse 11, «eine von der ״Vorbereitenden Leitung der jüdischen Landarbeiterschaft" einberufene Versammlung statt, die den Zweck verfolgte, diese Jdev einer j. L. in die Oeffentlichkeit zu tragen. Die zahlreich erschienenen, meist jugendlichen Besucher, verfolgten mit gespannter Aufmerksamkeit die sachlichen Ausführungen des Redners, Herrn Etijahu Rappapart. Dieser begann damit, auf die Notwendigkeit «einer solchen Bewegung, gerade in der jetzigen Zeit hiinzuweisen, wobei er sich auf den, in den jüdischen Zeitungen erschienenen Bericht, des Herrn Prof. Weizmann berief, welcher besagt, daß nur die Tatsache, daß der größte Teil des Bodens in Palästina brach liege, das jüd. Werk im Lande möglich mache und deshalb die Agrarfrage unverzüglich mit größtem Ernst in Angriff genommen werden müsse. Nach diesen einleitenden Worten, führte der Redner ungefähr folgendes Ms: In der Ueberzsugung, daß niemand für sie den Aufbau Palästinas übernehmen könne und dürfe, schließen sich «die jüd. Jugendlichen und Arbeiter zur jüd. Landarbeiterschaft zusammen. Dieser Zusammenschlich besagt nicht Verein, um in Europa seine Gemüter an Idealen zu erheben, sondern Gemeinsamkeit, um in gemeinsamer Arbeit unbebautes Land in Palästina zu erarbeiten. Die j. L. umfaßt die Juden aller Länder, denen das Judenutm aufgehört hat, Frage, Problem und Bewegung zu sein, sondern denen es sich derkörpert hat in der Forderung: Aufbau Palästinas durch gelebtes Recht und eigener Hände «elementarste Arbeit, Aufbau Zions in Palästina. Innerlich organisiert sich die j. L. in drei! Bereitschaften; je nach Fähigkeit, körperlicher