Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 21-22 (25.9.1918)
- Date
- 1918-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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*t. 21*22 Grlßr L. Ein ״jüdisches Tabakmonopol" im Jahre 1676. Die soeben erfolgte Ajnnvihmse dhs neuen Tahakfteuevgesetzes durch den Reichstag Obt uns Veralnlaffung, daran zu erinnern, daß es vor 240 Jahren in Preußen einmal ein. ״jüdisches Tabakmonopol" Md. Schöpfer desselben war kpr Große Kurfünst, der «am 24. Mai 1676 den beiden Juden Danien Nathan und Hayttvitz Daniel eine auf zwölf Jahre lautende ausfchließkiche Konzesiion zum ״Pflanzen, Spiinnen und Verkaufen des Tabakes in der Alt- und Mittel-Uckermark, indien Ruppinischen und Prijeynitzschen Kreisen" mit alleiniger Ausnähme!dies Berliner Gebietes (״dar drei Residenzstädte Berlin, Kölln und Friedrichwerder") Vorlieh. Jedoch wuvde diese Konzession schon im Dezember 1681 zuMckgenommen, uUd zwar wegen langeblich zu geringer Leistungen ihrer Inhaber, wahrscheilnilich aber deshalb, weil der Große Kurfürst die inzwischen nach Aufhebung des Ediktes von! Nantes in Brandenburg eiingewandelten französischen Emigranten begünstigen wollte. A. M. Anteil der Juden an der Pulverfabrikation und am Artilleriewesen, im Mittelalter. Wenn wir allgemein vojn! der Erfindung des Pulvers sprechen und diese ״Erfindung" dem sagenhaften Freiburger Mönch DerthoW Schwartz zuschretben, so hat ׳dies wissenschaftlich kaum eine Berechtigung. Es ist nachgewiesen, daß in manchen deutschen׳ Städten, beispielsweife i!n Augsburg, längst vor Schwarz eine Geschützgießerei nebst Arsenal sich befand. Pulverartige Mischungen besaßen bereits iU uralten Zeit die Chinesen; ferner die Sarazenen und Byzantiner, und!es wird angenommen^ daß im Mittelalter das Pulver von China über Byzanz zu uns nach Deutschland gekommen ist. Gerade in gegenwärtiger Zeit dürfte die Tatsache interessilevon, daß bei dieser Uebovmittlunjg unsci -.׳ Glaubensgenossen, eine nicht unwesentliche Rolle spielten. Behauptet doch sogar ein christlicher Chronist um die^-Mitte dies sechzehnten Jahr- Hunderts, der Jude Typsilos habe im J>a>hre.1363 in Augsburg, wo bekanntlich bereits tm! frühen Mittelalter Juden ansässiiig waren, das Pulver!erfunden׳, und von dieser Stadt aus habe die Eirfindung des ׳genannten Juden, ihre Verwettdun,g zu militärischen Zwecken und die Anfertigung von Geschützen, ihren Weg durch Deutschland ,und das übrige Europw genommen. Zu di-eserr Notiz, die sich in der um die Mitte des 16. Jahrhunderts verfaßten ״Chronik der Stadt Augsburg" des gelehrten Clemens Jäger findet, bemerkt der bekannte Kultur,geschichtler Karl Braun, Wiesbaden, in! einem in den Achtzigerfahren erschienenen׳ Aufsatz folgendes: ״Es ist wahr, der Chronist Clemens Jäger schreibt erst 200 Jahre nach der ErfiWmng und Verbreitung djes Pulvers in Europa, er kann also nicht aus eigener Wahrnehmung oder aus der seiner Zeitgenossen berichten. Allem dasselbe ist der Fall bei dejn Gewährsmännern und ״Patentzeugen" des Freiburger Mönches. Clemens Jäger aber ist ׳als ׳ein ernsthafter und glcmbwüMger Berichterstatter zu betrachten, der seine Quellen sorgfältig studiert hat. Man kann und muß zu ihm das Vertrauen haben, daß, wenn er eine derartige Behauptung mit so apodiktischer Sicherheit aufstellt, er setne guten Quellen und Gründe dafür hatte, und daß er annehmen konnte, er werde bei seinen Mitbürgern in Augsburg, welche s!vi׳ne Quellen kannten und selbst durch die Ueherlüeferung׳ ihrer. Vorfahren über den Sachverhalt unterrichtet warm, für seine Behauptung auf Glauben und Zustimmuug!rechnen können. In der Tat ist denn schne Angabe nicht nur damals unwiidiersprochen geblieben, sondern auch von anderen Chronisten und sonstigen Autoren, welche nach ihm schrieeben, bestätigt u. wiederholt worden. Wir können daher als zuverlässig annchmen, ׳daß man im 16. Jahrhundert in Augsburg geglaubt hat, die Erfindung oder Wiodererfindung des Pulvers durch den genannten Typsiles habe innerhalb der Mauern dieser Stadt stattgefunden." Der Name des jüdischen Erfinders ist, wie man׳ auf den ersten Blick erkennt, griechischen Ursprunges und weitst auf die Levante hin, auf das byzcmtinische Mich, vielleicht auf Konstantitntopel, das damals einen sehr lebhaften Verkehr mit dem ALiandlande unterhielt. Tatsache ist, daß die Byzantiner um jene Zeit einen explosiven. Stoff, das soaenannte ״griechische Feuer", besaßen, welcher dem SchieKulvev, wie eS in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Deutschland und in dem mittleren untd westlichen Europa in! Gebrauch kam, nahe verwandt war. Diese Umstände führen Bvaun.auf die sehr naheliegende Vermutung, daß der Jude Tysiles aus dem Orient gekommen und von dort die Kenntnis der Bereitung des ,griechischen Feuers" mitge- -bracht hat in die damalige Metropole der alemannischen Lande, wo er dann durch Modifikation der technischen Methode die Herstellung unseres Pulvers zuwege brachte. Hiermit stimmt sehr gut überein die Feststellung, daß die zur Zeit der Blüte des türkischen Reiches im 16. und 16. Jahrhundert sehr hochstehende türkische Antiillerie i-n Pem, der Vorstadt von Konstant!- nopsk, eine hochberühmte Geschützgießerei besaß, die völlig von griechischen Juden geleitet wurde, denen neben ׳dem Guß ׳der Geschütze auch die Pulverbereitung ׳cmvertraut waiv. Die Gefchichtsschreiber jener Tage benützten dilesen Umstand sogar zu antisemitischem Ausfällen auf unsere Glaubensbrüder, denen sie vorwarfen, diaß geraide griechische Inden es feiten., welche dem ״Erb- und Erzfeind der Christenheit" die vorzüglichsten Krtegs- und ZerstörungKwerkzeuge lieferten! Heute, wo eins treue Waffenbrüderschaft zwischeu Deutschen und Türken besteht, dürfte es auch jeder Christ in Deutschland als merkwürdige, göttliche Fügung ׳betrachten, daß Konskmtinopeil durch Vermittlung der Juden uns das Pulver gab. U. M. Ein neuer Volkskommissar für jüdische Angelegenheit in Rußland. ״Le Petit Paristen" belichtet Nus Stockholm: Da man sich überzeugt hat, daß ׳der Volkskom׳ missär für jüdische Angelegenheiten im ' Dimaudstein ein Agent Provocateur sei, Wurde er durch den aus Frankreich gleichzeitig m. Lenin geflüchteten Genossen Ralvpoport ersetzt. Rappo- Port, der sehr lange in Paris geweilt hatte, wo sich nvch einige seiner Verwanden befinden׳, hat der; Presse erklärt, Laß er die Politik seines ^! yängers im Kampfe gegen die kontsrrevolutiomäre jMsche Bourgoisie fortsetzen und daß er das jüdische Proletariat zur vollkommenen An- Erkennung der Sowjetmacht bewegen wird, ״Unser größter Feind" erklärte er, ״sind die Franzosen und En'gländer und wir ziehen ein Bünidnis mit Deutschland einem Kompromiß mmt «nsterm vor." Das Erscheinen des ״Petrograder TagblatteS" eingestellt. Nach einer' Meldung des in Kiew erschei- «venidjen jüdischen Blattes ״Die neue Zeit" hat die bolschewistische Regierung dUs Erscheinen der einzigen sMschen Zeitung in Rußland ״Petrograjder Tagblatt" für immer eingestellt. Die ruffische Juden'hoit hat hiedurch ihr wichtigstes Organ, Welches ihr Interesse verteidigte, verloren. Hebräische Stenographie. Nach Meldungen der russisch-jüdischen Zeitungen geht der Verlag Tajnbuth demnächst havan -ein Lehrbuch für hebräische Stenographie hsrauszugshen. Jüdische Hungerkünstler. In der gegenwärtigen Zeit ׳der Knappheit aller Nahrungsmittel dürfte es nicht unaingebracht erscheinen, die Cviuinevuinjg ain zwei jüdische Fastenkünstler ׳aufzufrischen, denen Ludwig׳ Kalisch in seinen 1872 erschienen ״Bildern aus meiner Knabsnzeit" ein Erinnerungsblatt gewidmet hat. Ämter den zum Teil recht oviviinellen Persönlichkeiten von Lissa, die ׳der daseWst 1814 geborene Verfasser seinen Lesern aus dem Ar,׳ fang des vorigen Jahrhunderts vorführt, befand sich ein Rabbi Eloagar, eiine seltsame asket.hisch- Wlige Erscheinung. Durch Fasten und! Kasteipngen war er bis zum Skelett abgemagevt. Er schrak vor den allerhärtesten Entbehrungen nicht zurück, um Notleidenden Hilfe schenken zu tön- ׳nen. Eines Tages sah ihn׳ der junge Kalisch zitterntz von einer Taffe schwarzen Kaffee und einer Brotkruste, «in kärgliches Mahl, das dem Magen des alten Mannes widerstrebte. SchlMich sprach per Rabbi zu sich selber, wie zu einer zweiten Person: ״Wie? Du bist nicht zufrieden mit der Kost, (bitte ich Dir vorsehe? Du empörst! Dich? Dit Willst mich tyrannisieren und von Gott ablenken? Nun kriegst Du gar nichts, -und wir wollen 'sehen, wer Recht behält." Nachdem er diese Morte gesprochen, aß er sinan kleinen Bissen Dwt, trank nur einen Schluck dazu, sprach leise Licht. Sogen und ging mit stolzer Heiterkeit über Non errungenen Sieg davon. Der andere Lissaer Hunger künstler war unter dem Namen. ״Der Fasterr" bekmtnt. Er fastete in gewissen Jahre sabsckmitz ten drei Tage hintereinander. Er wvw ein wahrer Virtuos im Hungern, und dieses B-rtuosantuni erfüllte ihn mit unvorhehlbarem Selbstbewußtseim Als hochbejahrtem Greis zeigte er ,gern am dritten Fasttage durch einen kräftixyen Händedruck, daß er den Magen, djsr Magen aber nicht ihn tyrannisiere. Cv befaß etlit heiteres Gemüt und scherzte gern. ״Als seltenes, ja einziges Beispiel eines fröhlichen Hu«Ngersvs hat er sich", so schließt Kalisch, ״meinem Gedächtnis fest eingeprägt.״ M. Der Schulzwang in Polen und die jüdische Schulfrage. *j Dije polnische Negierung arbeitet gegenwärtiig «cm einen Entwurf eines Schulgesetzes, der die Einführung des Schulzwanges Vorsicht. Wie des Bilidungswimister Ponikowsky im Polnischen Staatsrate mittöilte, wird der Gesetzentwurf im Herbst fontiggestellt und in, den Staatsrat eingebracht worden. Der BildumgsminMer hielt bei dieser Gelegenheit eine Mbe, iin -der er dan gegenwärtigm Stand des elsmenta-rm׳ Schulwesens in Polen schilderte. Der Abgeordnete N. Pvilutzky, der Führer der jüdischen Volkspartei' «ygriff hierauf das Wort, um die Wünsche d!er jüdischen Bovölkerung zur bevorstehenden Regelung des Volksschulwesens in Polen zum Ausdruck zu bringen. Den Nattonalttätencharakter Polens betonend, setzte der Redner auseinander, wie die Zwcmgsschule die ja zweifellos eine Wohltat für das Klnze Lanid werden könnte, für die nichtpolnische Bevölkerung zu ׳einer Plage weiridsn müffe, falls ihxe Muttersprache, wie! des hinsichtlich der Juden! beabsichtigt sei!, aus dem Lchrplcm der Volksschulen ausgeschaltet werden sollte. Die Deutschen die nur etwa 4 Prozent der Bevölkerung bilden, besitzen Schulen, mit,eigener Unterrichtssprache, das gleiche dürfen die Juden für sich fordern,!die 16—17 Prozent der Bevölkerung ausmiachen. Der Mdüer schildert die Schikanen, die der jüd. Schul- und Bildtungsverein in Warschau bei der Einfühmng des jüdischen als Unterrichtssprache in den von ihm, begündtzten Schulen seitens der polnischen Behörden ausgesetzt ist. Auf Grund der Erfahrung weist er nach, «daß Bei• den jüdischeu Kindern mit dem Unterricht in ihrer Mutz tiersvrache pädagogisch selbst hinsichtlich der Polnischen Sprache unvergleichlich bessere Resultate eryzielt werden, als mit dem Unterricht in der hnen femden polnischen Sprache, der sie zu geistigen Krüppeln mache. Der Rednr schloß mit einem Appell, ditz zwei Millionen Juden des Landes nicht des Rechtes auf ihre Schulen, und den׳ Unterricht in ihrer Muttersprache zu ׳berlaujben. Prllutzkys Rede war jedoch ein Ruf in die Wüst, sie wuvde nur mit Hohngelächter begleitet. Hingegen wurden sehr beifällig die Reden des AffimÄanten Eiger und des Orthodoxen Pfeffer aufgenommm, ׳die Prtilutzky entgegentraten. — Diese beiden Herren, die als nominirte Stäatsratslmötglieder jüdische Volksvertreter von polnischer Gnade sind, sinjd mit vollem Erfolg bemüht, sich des in sie gesetzten Vertrauens der polnischen Politiker durch die Besudelung der jüdischen Volksbewegung würdig zu epveisen. Wie man? sich übrigens in dm polnischen Regierungskreisen die Zukunft hsr Juden Polens vorstellt, zeigen die Informationen des Warschauer Korrespondenten des ״Berliner Tagblattes", E. Dombrowski, die wir wegen Raummangel in der -nächsten Nummer veröffentlichen werden׳. M ' : (SOuß folgt.)