Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (15.5.1918)
- Date
- 1918-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zahrg.M. "mnmrirar VolksAmm vez«s»Vrerfe.: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig; Kronen 7-20 ganzjährig Kronen 14׳— Deutschland, ganzjährig Mark 12׳— Rußland, ganzjährig Rubel 6׳— Balkan, Frankreich Frank» 14׳— j Redaktion: Wien VIII. Lerchengaffe 6 a. I“ ״ m-1 Wien—Brünn. 15. m\ 1918. 4. Siwan 5678. Prag—Lewberg. Gedanken über das Schebuotsest. Seine Blitze erleuchteten die Welt, essah und zitterte die Erde. (Psalm 07). Alle Erscheinungen des Lebens und der Kunst unterliegen dem Entwicklungsgesetz, das sich überall geltend und bemerkbar macht. Das Plötzliche, Sprunghafte wird geradezu ausgeschaltet und ein vom Kausalnerus abhängiger Prozeß spielt sich fortwährend ab. Aber trotzdenk gibt es Fälle, wo dieses Gesetz durchbrochen wird und eine altes auf den Kopf stellende Revolution die Grenzen verrückt icnb wir auf Plötzlichkeiten, Ueberrnschnngen stoßen, denen wir zu begegnen «nicht gehofft hätten. Wol spielt sich äuch dieser so scheinbar nur revolutionäre Geist entwicklungsmäßig ab, aber die Phasen, die er durchläuft sind so Plötzlich, so sprunghaft, daß geradezu Jahrhunderte, ja Jahrtausende mit kinemaotgvaphischer Schnelligkeit sich abrollen. Dan kann man eher von einer Ab- und Aus- Wicklung als von einer Entwicklung sprechen. Es tritt eiimz Periode ein, die aus einmal ganze Zeiträume vorausahnt und geradezu vorwegnimmt. Ein jedes Kulturvolk hat mehr oder weniger dies!nitgemacht. Aber nie war dies so strahlend, so glänzend vollbracht worden, wie beim jüdischeu Volke, das in einer sehr kurzen Zeit ganze Phasen durchläuft, Klüfte überbrükt was einem anderen Volke unmöglich wäre. Nach einer dreimanatlichen Pause, nachdem die Inden d. Frohndienst Aegyptens entronnen sind, wo sie Sklaven waren, ohne jede Freiheitsregnng empfangen sie eine Lehre, die nicht nur für sie sondern für alle Völker und Zeiten vorbildlich ist. Mit dem Verstände begreift man diese einzigartige Erscheinung keineswegs. Sowol das Gefühl als auch die Intuition müssen sich vereinigen, um ein triftiges Bild zu gewinnen. Ein Volk, das erst vor kurzen:- ein tievartiges Dasein zu fristen verurteilt war erhebt sich FeuiÜeton Chag Hübikurim. Von der eigenen Scholle vertrieben, in die drückende Enge des dumpftraurigeu Ghettolebens gezwängt, entfernt vom Leben checkendem Atem der Natur, hat sich der Jude die Sehnsucht nach der Mutter Erde und alles, was sie mit Pracht und duftender Schönheit umhüllt, do cherhalten. Es glüht in den tiefen feiner ringenden Seele ein Be-mendes Verlau.gerk nach dem Rauschen des Waldes, dem Singen der Flur, dein Schwanken der Halme und der tiefen Bläue des sonn,durchstrahlten Himmels. Es ist fast, als ob die göttliche Fügung denk, ureigensten Tustinkt des Baueruvolkes Rechnung tragen und seine heiligsten Feste in harmonischen Einklang mit den tausendstimmigen Chören der Natur verweben wollte. . Jagt der Sturm, Auferstehung! bringend, Eispanzer brechend, durch die Welt, singt fo. frühlingsfrohe Jugendseele das erste Freiheitslied ihrem Scböpfer. Prangt das ewig wirkende All' in strotzender Jugeudpracht und Schöne; füllt sich Feld und Flur imt duftender Frucht und Blumenzier; ist das weite Erdenrund ein zu einer schwindelndeW Höhe, wann es auch bald wieder zurückfällt. Wol war die Idee, daß es nur erneu cinzigen Gott gibt eine verfrühte Idee und konnte nur nach und nach tiefe Wurzeln schlagen und dein gesamlen Volke zum Bewnstsein gelangen. Trotzdem aber ist die Offenbarung am Berge Sinai die wichtigste, eine welthistorische Bedeutung kommt ihr zu, denn von dort und von damals mt vernimmt die Belt Worte, die sie früher.nicht vernommen hat. Eine wahre ״Umwertung der Werte" vollzieht sich und alle alten Anschauungen werden über Bord geworfen. Man wundert sich und vorhält sich skeptisch gegen die im Pentatellch! geukeldeten Wunder. Wie, das Meer sei zurückgekehrt, Blitze und Dannen iießeli sich bemerkbar uted/cu und alle Naturgesetze seien geradezu um- ,gestülpt worden! Ueber das allergrößte Wunder; jedoch, über die Entstehung eines Volkes aus winzigen Anfängen zu einer gewaltigen Höhe,!סס eine Sozialethik von unvergänglichem Werte wie aus der Erde gestandst und hervorgezaubert wuyde, das ,!nimmt? , keinen Wunder. Ja die allergrößten Wunder sind diese, die keine Wunder mehr sind. Man llanni übey.einen BZdhMsr, dar den spröden Marmor oder Metall zu 'meistern dersteht, umr: gafft über einen Maler, der die verschiedensten Farben zu einen: wohltuenden Ganzen verschmilzt, »um bewundert einen Musiker, der die dissonierenden Töne in Helle Klänge ansznlösen versteht. Und mit Recht. Aber mit noch weit größerem Recht müßte man ob der Kraft staunen, die aus unreifen, mit sich selber uneinigen Volkselementen, -deren Wünsche über das Sinnliche und Augenfällige nicht hinausgehen mit Idealen und Gefühlen der Menschenliebe anszustatten. Dies ist ein Kunststück ersten Ranges, ia ein wahres Wunder. Denn ungleich den Farben und Tönen, die keine Freiheit haben, sich dem Künstler entgegenzustellen, sie ihm! vielmehr gehorchen müssen, sich in die Unendlichkeit fortwebender Teppich der göttlichen Majestät, da zieht festlicher Frohsinn iu die verwehte- Hütte; Veilchenblau und saftiges Grün zaubern zum Musenplatz das verfalleine Heim des ewig wandennhen Juden. Der Jude als Bauernst-anun war: sich des Frühlings bewußt; er feierte die Auferstehung der Natur; war froh, tvenn dar Schritt des Schöpfers auf Blum i: uren schwebte und glücklich, iiH’uu die Ernte du und er, durch Gottes Güte, ihr Schnitter war.... Das schönste Fest von Allen war ihm Schwuos. Da zog der sinnende Mann mit dumpfdröhm,rüdem stolzen Schritt hinaus ins Feld, in den Garten. Mit de!n kühnsreien Kennerblick des Schöpfers inuswete er sein Gut. Dort schwebt auf gebeugtem: Ast die des alten urewigen Instinkt der unauslöschlichen Liebe zur Natur, die sich bei uns auslöst. Denn der Jude ist im tiefsten Innern seines Wesens mit dieser verwachsen. Darin liegt der mächtige Zauber, denn der Ruf ״Zurück zur Scholle!" bei uns hervorgebracht Hai. Schwache, engbrüstige Städeptroletarier, Männer von der Sorge des Tages gebeugt, von den Problem endes Intellekts durchfurcht, -die mit dem Srziermesser und dem Buche das Leben suchten und nicht finden konnten, haben sich und ihren verhält es sich mit Menschen ganz anders. Diese sind fühlende Wesen, die eine eigene Meinung leblose Dinge, die nmn zu gehorchen zwingen kann. Der straff gespannte Bogen der Unterdrükunug wird, wenn abgeschossen, allzuoft auf den 'Abschneller zurückprallen. Menschen zu meistern und zwar mit individuellen Wallungen, wie es das jüdische Volk!var ist weit schwieriger als des sprödesten Materials Herr zu werden. Deshalb kommen uns auch die Naturwunder weniger wundervoll vor als das Wunder, daß einen: Volke, daß vor kurzer Zeit Frondienste geleistet hat auf einmal eine Lehre gegeben wird, die ihren Glanz nach allen Seiten ausstrahlt. Die?Naturwunder sind nur die Begleitungserscheinungen -des Wunders, des auf die Weltbühne zum ersten Mal auftretenden Volkes. Von» dieser Zeit an beginnt die Geschichte des jüdischen Volkes. Auch dies spricht allen Gesetzen Hohn, denn ein Volk, das noch fmx Land hat, wird gewöhnlich nie als Volk betrachtet. Israel brachte es zu- Wege, den Beweis zu liefern, daß das Schrifttum, die ethische Lehre eine Menschengruppe berechtiaen als Volk zu gelten. »Heute wurdest du zu einen: Volke" heißt es in der Bibel. Also das Eristieren -eines Volkes wird nicht von Waffengewalt bedingt, nicht Eroberungen machen es erst möglich. Das Geistige an und für sich ist bereits eine hinreichende Gewähr für die Möglichkeit und Eristensfähigkeit -eines Volkes. Vor den Siegen, die das jüdische dann vollbringen wird, wird es bereits als Nation betrachtet. Nicht wie die Italiener, die sich erst durch Siege und die Vereinigung Mer Stämme als ein Volk betrachten, oder gar -die Deutschen, die mit Friedrich dem Großen oder erst mit 1870 ihre Geschichte beginnen wollen. Sondern der Geist und das moralische Gefühl reichen vollständig aus, dem jüdischen Volke die Etikette der wahrenNationalität aufzuprägen. Beruf bei der Scholle, der heiligen Mutter Erde, in Erez Jsroel entdeckt. Die Phisiognomie des Judentun:s ist einer neuen Wandlung unterworfen. Tie Metamorphose des Jttdcnkörpers hat im Kreise des ewigen Wamdelns den Ausgangspunkt gefunden .... Die Schacherlust, der Tandelgeist sind wilde Aeste, in!der Treibhausluft des Golus unserem! gebeugten: Stamme eingepfropft. Der Drang :rach Boden, nach Urgrund, nach der festen Schob le ist der Urinstinkt unserer suchenden Seele .... Und u-usere Hoffnungen!blühen; es sprießt jüdisches Leben auf den uralten Fluren. Der Entfremdete zieht zurück in die Heimat und Mutter?aitin* freut sich mit stetigen: Herzen des wi«ederkehrendrn Kindes. Mag die Gegenwart mit trüben Schatten unsere Freuden scheuchen; mag der Sturm aus dräuender: Wolken unsere Feste stören, wir feien: mit Blmuenpracht und Hoffnungstzauch das Erstlingsfest, die Feier blühenden Lebens. Und voll ist unser Hein: von Grün: voll ist unser Herz von Hoffen. Wir glauben flftti £>׳ie eigene Kmft und bauen hoffend an der Zukunft. Dr. H. Abrahamsohn. *Unr: «Ä«er". Ü