Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 7-8 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2621806-2622015-2622021--3755-2624991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
|^4*W*tM44• . V ► ♦־* — » * » *• •* —' s ««»*-»Preise: Für Oesterreich-Ungarri, halbjährig . K«ney 7 20 g«m»jLhrig ..Kronen 14•— Deutschland, ganzjährig .,,... Mark 12׳— Rußland, ganzjährig ....... Rubel 6•— «allan, Frankreich Frank» 14׳— Wien—Brün«. Redaktion: Wien VIII. Lerchengaffe 6 a. 19. April 1918. 7. Ijar 8678. Redaktion und Ldrninistration: Brün«, Adlergajse 8 Buchhändlerische Vertretung: Vit» KleMch Ssipti- Inserate: die 6«spaltige Petitzeile 60 k. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hon» riert. — Manuskripten ist Mckporta beißusügen. Prag—Lemberg. Hermann Cohen. Das Waffengeklirr, das sich fetzt vernehm bar macht, läßt den Menschen alles, was mit dem Kriege nicht znsa,mm!enhängt, gleichgültig erscheinen. Ereignissen, die in Friedenszeiten sich bemerkbar machen würden, schenken wir nicht einmal die allergeringste Aufmerksamkeit. Geistige, kuturschöpferische Großen verlassen das Erdental, ohne daß man sich darum allzusehr bekümmern täte. Das Sabelgerassel macht sich allzubreit und richtet auf sich die Aufmerksamkeit Aller. ׳ Die geistigen Errungenschaften werden hmtangesstzt und nur Mars' Kunst wird Be- Wunderung gezollt. Aber was für ein Ereignis kann mehr in büe Kulturgeschichte der Menschheit einschneiden als das Wirken einer geistigen Größe und» was betrübender als deren Tod, der mitunter eine unausfüllbare Lücke bildet. In diesen Tagen haben die Zeitungen den Tod des Hermann Cohen gemeldet. In den darauffolgenden Berichten War eiine kurze Wür״ digung dieses Philosophen, ohne Schwung, Temperament und Wärme und ohne selbstverstündlich sein Verhältnis zum Judentum auseinanderzusetzen. Man begnügte sich mit Gen,ein Plätzen und fand Cohens Größe darin, daß er sich seines jüdischen Ursprungs nicht geschämt hat. Wie im! Leben, so auch nach seinem Tode wird dieser Geistesheros so wenig gewürdigt. Fast kein Lexikon, das Größen dritten und vierten Ranges bringt, hat Cohen erwähnt, obwohl er die Geisteswissenschaften mit neuen Ideen befruchtete und seit Salomon Maimon kein» Diese Vorträge waren für mich eine Offendeutscher Philosoph so tief in Kart eingedrungentbarung. dtznsnl während des Dortrajges dachte er r* Feuilleton. Quer durch Tirol. Von Dr. Th. H. UI. Brixen. In romantisch-schöner Gegend geht die Fahrt von Bozen weiter, zwischen steilen, roten Porphirwänden zu beiden Ufern! der Eisack, welche bald friedlich dahinfließt, bald aber zornig schaumend in -ihrem engen Bette einherbraust. Die nächste größere Station ist das in eitlem malerischen Engpässe gelegene, altertümliche Städtchen Klausen mit seinen ausgedehnten ärarischen Bergwerken auf Kupfer, Blei! und Zink. Auch Klausen nimmt für sich den Ruhm in Ansprach, der Geburtsort Malters von der Vogelweide zu sein. , Der Ort wird gekrönt von den auf schier uw erste!glichen, weithin ragenden Felsen burgartig erbauten Nonnenkloster Säben, welches, vormals eine heidnische Feste, schon, i׳m! 4. Jahrhunderte der Sitz eines vom heiligen Cassian gegründeten Bistums war. Da auch in Trient kurz zuvor ein Bistum errichtet worden war, ist dies ein Beweis, daß die christliche Lehre bereits in jener uralten Zeit in dieser Gegend recht zahlreiche Bekenner gezählt haben mußte. Auf Säben blieb der Bischofssitz bis zum Jahre 992, worauf er in das aus einer königlichen Pfalz zur Stadt »ausgebauten, nahe Brixen verlegt wurde. i war wie er. Und dann wie war er imstande dies alles plausibel zu machen! Es war im Jahre 1905. Ich habe die meisten Professoren der Philosophie an der Berliner Universität gehört und außer Simmel hat mir kein einziger das In« tcrcffc für Philosophie beibringen können. Aber auch Simmel war mehr geistreichelnd warf um sich mit ״b'ons mots" und Geistesraketen. _ Es war mehr Flitter als etwas Positives Die Anderen haben ihre Vorträge herunter geleiert, hie und da mit naturwissenschaftlichen Brocken vermengt, historisch ausstaffiert und behandslten die Philosophie geradezu stiefmütterlich Da kam Hermann Cohen und hielt vor Theologen 8 Vorträge über das Verhältnis der Ethik zur Metaphysik und Religionsphilosophie. Obwohl kein, Theologe, konnte ich nicht umhin diese Vorträge zu besuchen. So pointiert und so scharf wie eine Da mraszener Klinge kamen Idiie Begriffe zum Vorschein und wie ein General ließ er die Begriffe in Reih' und Glied' aufmarschieren. Er schwelgte förmlich in Begriffen, Vs war, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine Begriffstrunkenheit, die sich seiner bemächtigte und die sich auch den Hörern mitteilte. Infolge der Pkastiziität »der Gedanken, die wie mit Spannägoln versehen waren, h!a׳t er alles veranschaulichen können. Er lebte buchstäblich die Philosophie, sie war sein Lebenstalent und er ging» förmlich in ihr auf. Brixen selbst, wohin wir nach kurzer Fahrt gelangen, macht mit seinen vielen Kirchen und Klöstern-, und seiner schönen Lage zwischen Waldigen Kuppen, lieblichen Höhen und sonnigen, noch von südlicher Vegetation belebten Niederun-!gen einen angenehmen Eindruck. Ebenso wie in Trient, erlangte auch das Bistum in Brixen schon im frühen Mittelalter weltliche Macht, sodaß es sich, begünstigt durch Neu-Ewerbungen und Jmmumtätsrechte, zu einem reichsunmittelbairen geistlichen Fürstentume entwickelt konnte. Zum eigenen Schutze trat es jedoch in ein freiwilliges Abhängigkeitsverhältnis zu den Habsburgern!, nachdem diese den Besitz Tirols erlangt hatten; im Jahre 1803 wurde es gemeinsam mit Trient endgiltig an Oesterreich angegliedert (Päkularisiert). Auch Brixen war vier Sitz eines in der Kirchengeschichte bedeutsamen Konzils, noch einige Jahrhunderte früher als Trient. Es war die Zeit der höchsten Machtentfaltung des Papsttums, und zugleich der heftigsten Kämpfe zwischen kirchf licher und weltlicher Gewalt um die Vorherrschaft. Auf dem Stuhle Petri saß damals einer der groß-- ten und energischesten Päpste der Geschichte, Gre gor VII., welcher nicht nur allein die päpstliche Allmacht und Unfehlbarkeit in kichlichen Dingen aufrecht zu erhalten, sondern» auch die europäst schen Staaten unker seine Gebote zu beugen, und auf diese Weise »alle Gebiete des menschlichen Lebens der obersten Leitung der Kirche zu unterwerfen trachtete. Zu diesem Zwecke suchte er insbesondere eine Uebermacht über den einflußreichsten weltlichen!Herrscher, den römisch-deutschen Kaiser Heinrich immer nach, und man stand direkt an der Werkstatt seines Schaffens. Vor 1ms entwickelten sich Weltanschauungen aus Definitionen, die so eine philosophische Tragweite nicht hätten sehen lassen. Mer nicht das Glück hatte, ihn zu hören,, der konnte aus seinen Schriften lernen, die eben-- so scharf wie gediegen sind. Er hatte überall Schüler und weit über die- Grenzen Deutschlands reicht s>oiu Einfluß. Eine kleine Vonede zu Fv. Alb. Langes -Geschichte des Materialismus" War die Ursache des Revisionismus, der die marxistischen Ideen einer Prüfung unterzogen hat, um das Wesentliche vom Unwesentlichen zu scheiden. Dann wies er die Abhängigkeit Kants von Plato nach, was jetzt eine unbestrittene Währ׳ beit ist. Ja, selbst bei Maimvmdes fand er Spuren, der P l e t o n i s ch e n Philosophie und die Forschung hat ihm auch diesbezüglich recht gegeben.. So sehen wi!r ihjn» die meisten Wissenschaften befruchten, Helles Licht über alles breiten und neue Perspektiven eröffnen. Durch Pavnijenides hat er sich zu Plato und׳ dannzu Kant durchgerungen und hat die rneisten anderen Philosophen, Spinoza nicht ausgenommen, außeracht gelassen. Von den nachkantischen Philosophen wollte er überhaupt nichts wissen; weder der Panthersmus Schellings, noch der Rationjalismus Hegels, noch Schopenhauers Voluntarismus konnte ihn befriedigen. Er betrachtete deren Systeme als Ausgeburten ׳der Phantasie, die weder dlas Leben noch weniger das Denken wiedevgebtzn. den Vierten zu erlangen, und verweigerte ihm die Krönung zum Kaiser insolange, als er seine weitgehenden Forderungen nicht annehmen wollte. Ein heftiger Kampf entbrannte, von beiden Teilen rücksichtslos geführt, wobei sich der Erfolg bald auf die eine, bald' auf die andere Seite wandte. )' Der Kaiser ließ den Papst absetzen, dieser hinwiederum sprach den Bann über den Kaiser aus und entbiand^oine Unterthanen vom Eide der Treue. Es erfolgte der berühmte Kanossa-Gang des Kaisers (1077), auf dem er als Büßender erschien und sich schriftlich und eidlich den Anovdnungen des Papstes unterwarf. Die Versöhnung dauerte jedoch nicht lange; der Zwist brach wieder los, und als Gregor den Bannfluch über den Kaiser erneuerte, berief!dieser (1080) eine Synode nach Brixen ein, auf welcher er den Papst abatzte, einen Gegen-Papst wählen und sich von diesem sodann in Rom zum Kaiser krönen ließ. Der;roße Ringkampf war zu Gunsten der weltlichen Macht entschieden! Auch ein Minnesänger War in der Gegend von Brixen zu Hause. Im nahen Grödener Tale wurde 1377 der Minnesänger Oswald von! Wdlkenstein geboren, welcher!ein wahres Boheme-Leben führte, unstät und abenteuerlich. In seinen ausgelassenen Liedern, welche zum Teil im damaligen Tiroler Dialekt geschrieben sind, schildert er die wechselvollen Schicksale seines Lebens, wie er bereits mit 10 Jahren in die Welt hinauslief, 13 Jahre hindurch ganz Eiixopa bereiste und den Orient bis nach Arabien und Persien, dann in die Heimat zurückgekehrt, in Zwist geriet mit seinem Landesherrn, wie er mit seiner früheren verbleitet ״Ms Wischen MsknlM".