Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XIX (1918)
- Issue
- Heft 3 (31.1.1918)
- Date
- 1918-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. XIX. Nummer 3. Mischt lolksßmm. «ezns»prrtse: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12׳— Rußland, ganzjährig Rubel 16 — Balkan, Frankreich ........ Frank» 4 — Redaktion: Wien VIII. Lerchengaffe 6 a. Redaktion und Administration: Brünn, Adlerga?s 8 Buchhändlerische Vertretung: Ott, JUtm«, Kchtzlz Inserate: die 6-spaltige Petitzeile 60 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht h-no. riert. — Manuskripten ist Rückport» Keizufüg-rr. Wien—Brünn. Knegskalen-erü 81. Jänner 1918. 18. Swath 5678. An der Schwelle des Friedens. Bon M. Reiser. Hickls Jüdischer Ms-Kalender 16. Jahrg. Preis K 3-50. Brock Max. In der Fabrik. Benedikt Clotllde: Aus der weibl. Armenpflege Ben Josef: Kriegswaisen ...... Cohn Dr. Carl Altona: Judentum und Freiheit . Feucht wang Dr.: Brüder ganz Israel Färber Dr. R.: Unsere Israel. Militärseelsorge Giinzlg Dr. I.: Die Philosophie des Rabbi Beer Mezeritsch . . ... Imber 8. J.: Frihling 1915. Kob *ut Di׳. Ad.: Allerlei Geschichten v. König Salomo König Eisig: Kriegspassah .... Kurrein Prof. Dr. A.: Rabbi Israel Baal-Schem Müller Dr. E.: Prophetenworte .... Neusser Regine, Breslau: Fanny von Arnstein: Rothbllum Dr.: Großvaters Tod. Ra witsch Mellech: Aufotmen .... Reifer M.: Pravoszitelstwo Schach Fablus, Hamburg: Weltschmerz Schach Fablus, Hamburg: Jüd. Kriegsaphorismen Scherlag Lorenz : Der Tod geht um Schmahl Grete, Wolf: Militärzug an der Grenze . Schreiber Heinr. Dr.: Die Kultussteuer und der Krieg Zlocisti Theodor: Das Heilmittel Verein zur Errichtung von Volksküchen Verein Kurfürsorge im Krieg״. Das allgemeine Jüdische Krankenhaus in Jerusalem Heute bläst der Wind anders! Es soll Frieden mit Rußland geschlossen werden und sieh da: die Russen sind Kulturvölker, Helden, Friedensstifter etc. Muß nuam da nicht lachen ob dieser Janusgesichter! Treibt man mcht Spott mit der Masse! Dieselben Männer, die uns gegen Rußland gehetzt haben, ׳ebendieselben Predigen uns jetzt Versöhnung und Liebe. Ist das keine Ironie des Schicksals? Wo ist unser Wille? Wo ist unsere Selbstständigkeit im Denken? Armselige Sklavennaturen! Der große Historiker Mommsen sagt m, Prag—Lemberg. einer Stelle: ״Die Zukunft Europas gehört den Slaven". Die Prophezeihung Mommsen geht vor unsern Augen i,n. Erfüllung. Nur ein großes geniales Volk kann eine solche - grandiose Tat vollbringen, wie die russische Revolution. Mit dem Siege Lenins und Trotzkys hat die Demokratie den schönsten Sieg errungen. Nichts mehr von diplomatischer Geheimtuerei, von Miber- Wirtschaft und Kabale! Offen und unzweideutig wird das Wort ausgesprochen. Nicht die.״Auserwählten" führen die Friedensverhandlungeu, sondern Männer aus dem Volke, das Volk selbst und darum wird es ein dauernder, fester Friede werden. Nicht durch Grafen und Paschas spricht das große russische Volk, sondern durch die Vertreter der gesunden Demokatie. Auch unsere Vertreter mußten das Haupt vor dieser Demokratie beugen. Etwas Ungewöhnliches, Unerhörtes vollzieht sich vor unseren Augen: Prinzen, Grafen, Fürsten verhandeln mit simplen Männern aus dem Wolke, sitzen mit ihnen bei einem Tische und nennen sie Kollegen. Es ist eben der große Sieg der Demokratie. Die Herren sehen drohende Wolken Über ihr Haupt sich verziehen und müssen sich ״hevablassen" zu den Männern, aus dem Volke. . Wir stehen an der Schwelle des Friedens nach Außen, wir stehen aber allcharrder Schwelle des Kampfes nach Innen. ״Aeußere Freiheit, innere Knechtschaft", um ein Wort Achad-Hiaams zu gebrauchen. Wir wollen Friede nach Außen und Frieden nach Innen. Wir wollen freie unbehinderte kulturelle Entwicklung,!Wir wollen uns frei national ausleben ein Rahmen der Staatseinheit. Es darf kein Bedrückter und kein Unterdrückter sein! Keine Spartaner und keine Heloten, keine Priester und keine Parias. Denn: Exempla docent. Beispiele stecken an. Nichts ist beständig. . . , , Kindererzählung. Von Marek Scherlag. Es lebte unlängst in Wien ein Großindustrieller, namens Marzell Freiherr von Schuminsky. Eigentlich hatte er eiuft Moriz Schum in geheißen, aber seitdem er geadelt ward, hing an seinem ersten ehrlichen Namen das irreführende halb Polnisch halb böhmisch klingende Schwänzchen. Baron Marzell Schuminsky nimmt sich auch viel besser aus. .. Das wußten seine eitlen Söhne, die Teilhaber der berühmten Firma M. Schuminsky und seine noch eitleren Töchter, die an hohe adelige Offiziere verheiratet waren. Eigentlich hatten die Kinder mit einer anderen Aenderung auch diese Namensänderung durchgesetzt; der alte Schuminsky hätte sich auch als Schumin wohlgefühlt. Er war eine Konservative, im Grunde bescheidene Natur und bewahrte seinen Ahnen und seinem Glauben eine gewisse Anhänglichkeit, schon darum allein, weil, wie er sich gerne ausdrückte, der alte Gott sich ihm gegenüber sehr nett benommen hatte. Mit Glück hatte er ihn ja geradezu überschüttet, der gute Gott seiner Väter. Warum sollte er ihm untreu werden? So hat er denn den Kindern festen Widerstand geleistet, als sie ihn bestürmten, mit dem jüdischen Namen auch den Glauben zu ändern. Nur in einem Punkte gab er ihrem Drängen nach — schon, um die Er- Hebung in den Adelsstand wenigstens teilweise zu erleichtern, indem ׳er den Moriz in einen Marzell wandelte und den Schümm verlängerte, wie bereits erwähnt wurde. Nun hatte er von seinen Kindern Ruhe, lebte seinen weitverzweigten Geschäften, genoß das fabelhafte Anschwellen seines Vermögens und beschloß sein Tage wie ein ehrlicher Mensch. Wenn man schon reich ist, fragt ja niemand nach dem Ursprung des Geldes. Und er hatte sich, genau genommen, nichts vorzuwerfen. Darf den ein Dorfgeher und Althändler nicht Millionär werden? Dieser Aufstieg soll ja übrigens keine allzu seltene Ausnahme sein. Seine Kinder freilich hatten die Ausdrücke Dorfgeher und Althändler aus ihrem Wortschatz gestrichen. Nicht einmal die leiseste Anspielung auf diese zum Glück weit zurückliegende dunkle Vergangenheit wurde von ihnen geduldet. Kurz, sie gebordeten sich wie geborene arische Barone. Und er ließ sie gewähren, ihre Eitelkeit innerlich belächelnd. Nur wenn er am Versöhnungstage nach wie vor im Tempel saß — allerdings nunmehr ein Stündlein nur — so empfand er im Innern eine Art von Groll gegen die Erben. Wie wenig kümwerten sie sich um ihn, der doch nach dem Tode feiner Frau, recht einsam dastand? Alles hatten sie ihm zu verdanken und benahmen sich fast hochmütig ihm gegenüber. So ganz fremd waren sie ihm geworden. Der eine Sohn hatte seine Jagdliebhaberei, der andere seine Frauenzimmerchen, nur dem Scheine nach waren sie Teilhaber des Geschäftes, was die Arbeit, nicht das Geldentnehmen, betraf. Und die Töchter? Eine, die Vorstandsdame eines Kirchenbauvereines, war, trat immer wieder mit Forderungen an ihn heran. Und die jüngste — war unglücklich in der Ehe, aber der Schein mußte gewahrt bleiben. Oh der Schein! Mrs mußten sie nicht alles ihm zu-״ liebe tun und lassen? So verlangte es die Welt — die Stellung —. Die armen Kinder. Sklaven waren sie eigentlich. Hätten sie denn sonst fortwährend solche Wörter im Munde geführt wie: die Welt, die Stellung, die Leute, der Schein? Eine Wehmut beschlich den alten Mann und in einer Anwandlung von Mitleid, betete er zu seinem Gott für sie, die Verirrten, Verblendeten, Soeben erschien: ״ m