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Jüdische Volksstimme · 1918-08-09 · Heft 17-18 (9.8.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XIX (1918)
Issue
Heft 17-18 (9.8.1918)
Date
1918-08-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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.^«*****)t&mr*■™ "^״• ־«5י־־יךי״י*■rv Jührg. )»A. Nummer 1748 ILilislhe Wsjtmm. --o / ׳ «-:- « , * M 0 8 0 r ti f e: ׳ Redaktion und Administration: Brünn. Adle 8- «e,««»preis er -, 2 H ׳" 1 ן----:---g Redaktion und Administration: Brüns, Adlergak'e k Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig ...... . Kronen 7*20 . Kronen 14 — . Matt 12׳— Redaktion: Wien VIII. Lercherigafse 6 a. Buchhändlerische Vertretung: Otto Mrmm.. Lpzst Inserate: die 6.spaltige Petitzeile 60 h. —׳6 Rubel . Unverlangte redaktionelle Beiträge tnsrden nichi , rno Balkan, Frankreich »- —׳14 «Krank . S Z riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügLN. §--6k Wien-Brünn 9. äugust 1919. 1. Elul 5678. Prag—Lemberg. Zur Frage der Berufswahl. Von Lya Steif, Brünn Nichts liegt Eltern und Angehörigen näher als die Frage: Was läßt man am basten, am rationellsten seine Nächststehenden, sie, deren Wohl man vor Augen hat, werden, wie löst man das schwierige Problem zwischen gegebenen Voraussetzungen und Veranlagung, zwischen Wunsch und aussichtsreichem Fortkommen׳? Der ideale Fall, feinen Beruf nach Neigung und! Anlagen wählen zu dürfen, ist ja schon längst, dem so beliebten Moloch .״praktische! Erwägungen" zum Opfer gefallen und es wunidert wohl niemsainden, wenn diese allgemein menschliche schicksalsschwere Lösung eurer ebenso schwierigen, wie veraniwor- Lungsvollen Ausgabe, sich im jüdischen Milieu vielfach potenziert. In gewohnt geistvoller Wjeise behandelt Rabbiner Du Ziegler, Karlsbad, in der ״Jüd. Lehrerstimme", dieses aktuelle Themla. Er geht von der Annahme aus, daß die drei bis nun von Juden bevorzugten Berufe, Wvokatie, Banktariere, Handel, schon fotzt und vollends nach dom Kriege für das jüdische Element vollständig vorsagen werden, aus Gründen, die zum Teil richtig, immerhin ׳anfechtbar wären und! kommst zu dem Schlüsse: Mögen׳ alle jüdischen Eltern für ihre Kinder, alle jüdischen Jünglinge! für sich, den Handwerkstand, den einzigen, der in nächster Zeit im Konkurrenzkampf möglichen und für Juden einigermaßen aussichtsreichen Beruf, wählen. Allein der hochverehrte Schreiber hat mit seiner zweifellos wohlgemeinten Hypothese kaum wirklich das Nichtige getroffen. Haben und hatton wir nicht jederzeit jüdische HMjdjwerker aller Kategorien? Eine Umfrage in diesen Kreisen wird Nachricht und Beweis ergeben, ob selbst die Besten und Tüchtigsten unter ׳ihnen und viel¬ Feuilleton Die tote Stadt. Szene aus dem Roman ״Nuch alemen". Von David Berglson. Aus den: Jüdischen überseht von P. Haller. Im Zimmer, das im Häuschen der Hebannne ist, ist's so still. Es dünkt ziemlich spät zu sein, und irgend jemandetm klingt cs im Ohr. In der nächtlichen Ruhe, die an allen dunkel erhellten Winkelchon nagt, hört man nur, wie L i p k i s seinen Kopf an den Rand des Bettes lehnt, und wie allmählich die bedachten Worte absterben, die die Hebamme S ch a z wegen ihres Bekannten in die Stille hieinwi'rft: Noch vor zwei Jahren verspottete er sich selbst und sagte zu ihr: ״Bei Tag schreiben, schäme er sich selbst und vor dem ganzen Städtchen Juden, die es nicht benötigen. Tue er es deshalb «nur nachts, wenn die Menschen schlafen." — Bei nacht — sagte er — schäme sich jeder weiüger. Und nachher lächelt er und schweigt. — 's ist ihm nun — sagte er — gar nichts weiter geblieben, als lächelndes Schweigen. In der Luft des Zimmers schwebt schon der irrende Schatten dieses umherziehende>n Jungleicht gerade dies am meisten, weniger oder getimgeren Zurücksetzungen und Verletzungen erdulden müssen, als alle anderen Stände, ob der Judenhaß vor ihnen Halt gemacht und sie als Früchts ihrer Tätigkeit dieselbe Anerkennung genießen wie «die Fachgjenossen cm«doren Glaubens und wenn sie auch zu großem Wohlstände kamen. Dari!:, im beene>r.en Ertrag des Berufes, darin׳, daß jüdische Elteril die Neigung und die Sucht haben, ihre Kinder sozial höheren Kreisen un,d Berufen zuzllführen, darin liegt nicht der Grund zur Verhinderung unseres Anteilse am allgeiucillen Glück und des Mißerfolges bsc ehrlich geleisteter Arbeit. Der gewählte Beruf ist irrelevant und auch nicht wenigcr ertragreich. Daran ändert auch der längste Krieg und die geändertesteil Lobensverhältnisse nichts. Schuld darau trägt die traurige Wahrheit, daß wir Juden keine Einheit bilden. Es gibt keine Mtionalität unld keine Religionsgemeinschast, die so zerfahren ist, wie wir. Was uns nottut, ist!eine undurchdringliche und unzerstörbare Einheit. Diese Einheit muß fest und unverrückbar sein, wir brauchen sie in! dev Gemeinde, im Staate, si^׳ muß international werden und sich darstellell wie eine festgefügte Burg,. Was Partei, was religiöse Anschauung! Wir brauchen Einheit, Einheit, Einheit. Das sprechendste Beispiel für die Wahrheit dieser Fovderung zeigeil uns die Tschechen. Sie hatten w'ese geschlosseine Eillheit, fange bevor sie ans Mittel und Wege gesonnen hatten, ihr Ziel zu präzisieren. In ihreul Vorgehen war imnler etwas Gemeinsallles und bis iln die kleinste, ärmste Familie dies entlegensten Dörfchens, war die Geschlossen-- hei׳t, das iauszuführen, was ihre Führer als Ganzes ailstrebten. Viribus unitis, der Wahlspruch unseres guten׳, verewigten Kaisers, lllüMe unser Leitmotiv sein. gesellen, und cs will bedünken: irgend in einer nahen Zimmernische, hinter den Schultern, steht er allein mit seinem! ziemlich kräftigen, etwas verbogenerl Wuchs; er hat Helle, nicht stark geschnittene Haare mit eben solchem Hellen, kurz gestutzten Schnurrbart, sieht hierher, ruhig, üll-it lächelnden Augen und hört, wie die Hebamme Schaz über ihn erzählt: — Treibt sich gewiß, dieser Heiullose, nild diesen Winter im kleinen, leer-einsamen litauischeu Städtchen nnlher, irrt dort nebeltagclang auf weitell, weiten Schueefeldern herum. M i r e!gerät in tiefes Nachdenken über sich selbst, während da die Hebamme erzählt, wie er schon dort niiemals als mit einem intelligenten Menschen rede, und sich selbst von einfacheil Stadtjuden entfernt halte. Nur, wenn er, vom Städtchen weit, weit entfernt, einem! einherschreitenden Bauern begegnet, bleibt er stehen und führt lilit ihn! ein langes Gespräch: Aus welchem Dorfe er staimne? Ob er Weib nild Kmder habe? Und wessen Feld er bearbeite: eigeiles oder frenldes? Ulld sie (Mir el) blickt nachher wieder zur Hebamme und hört, wie sie weiter erzählt. — Dort — sagt eil — bei den schweizerischell, versteinert schweigenden Bergen und stilein Sümpfen starke, in ihm die Überzeugung, daß die Menschen schließlich und endlich doch zu Wirtschaften aufhören unb mit demselben Lächeln den! Tod mit dem Leben begegnen werden. Wie aber sieht es in Wirklichkeit damit? Boi« uns gibt es imur eine Art von Zusammengehörigkeit nild die ist auf eine sonderbare Art konstruiert. Einein Juden geschieht in einer krassen Form ein schweres Unrecht. Er kommt und beklagt sich darüber bei seinen Glaubensge-!lassen, die, vermöge ihrer Stellung oder ihres Amtes ihm vielleicht sein Geschick erleichtern könnten. Die aber denken : Er ist ein Jude, ich bin es auch. An! Ende — man׳ soll den Teufet nicht an׳!die Wand malen — passiert mir das Gleiche. Ich muß also schauen, mich von dem Betroffenen, wie von einen! Aussätzigen, wieder ein Untergehen in einer anderen Geeminschgft. Er, als solcher evreicht nichts. Im ganzen ist aber mit diesem System kein Fortschritt zu erzielen, obwohl es in unserer Hauptstadt reichlich praktiziert wird. Wie der Herr, so der Knecht. Und wie der Führer, so das Volk. Gibt es aber bei uns, ehrliehe, ehrenwerte Männer, die ihrem! Amte gen!äß nur den! Vorteil und den! Wohlergehen ihrer Gemeinschaft ,gelebt hätten? Hrirzl, der große Zioinisteufühver, hat sich unvergängliche Verdienste erworbem Er war ehrlich und selbstlos bestrebt, ,den Jujdjen zu Helfen. Er Prägte a,ls obersten Grundsatz der Jugend ein, das Judentum zu heben. Was entstand? Junge Leute opferten sich stninlos. Hätte man uns aber gesagt: Ihr habt ein gutes Recht zu leben, euch nicht zu beugen und niemand darf e!lch iimtmer und immer wieder kritisieren. Dann hätten wir vielleicht heute mehr ׳Selbstbewußtseil! und mehr Ehrgefühl, dann gäbe es weni>g!er charakterliches einander im Stiche lassen. Wir Juden Haben alles. Verstand, VevMWft, Gefühl, BildnU'gsdvang, Initiative. Was uns fehlt, ist die geschlossene Einigkeit, eine Einheit und damit eine Besserung unseres Charakters, der uns in! Laufe der n!odernen Entwicklung verloren —Er sieht bereits — gibt sie dabei zu — gewiß furchtvoll aufs Leben, und doch störte es ihn nicht, in ׳derselben Schweiz eine seiner schönsteu Hcinen ״Sachen" zu schreiben. Die Hebamme schämt sich, Mirel und Lipkis ins Gesicht zu sehen und schiebt ihr Gesicht zur Seite. Mit strahlenden, kaum lächelnden Augen blickt sie die höhere Hälfte der gegenüberliegenden Wjaud an und beginnt langsam und ruhig diese seine Geschichte aus den» Gedachtuisse zu lesen: Und so allein umherirrend in der Welt, begegnet׳!׳.׳ich, der vertriebene Heiullose, immer seltener und seltener irgendwo einer Menschenstätte und vergaß vor der Zeit die Berech- MMg des Schabbes und der Woche. Eines «nach dem anderen warf ich vom schweren Packe, der auf meiuenl Rücken ruhte, die Sachen ins Weite un׳b« sprach zu nur selbst: Weber ich, noch irgend ein anderer bedarf dieser Sachen. Wozu sie also noch mit mir schleppen und unter ihrer! schweren Last meinen Rücken krümmen? U׳u!d sobald i-m löchrigen Sack auf ineineul Rücken nichts mehr zurückgeblieben mar, lvarf ich auch ihm ab und ging daran, mich selbst umzusehen. — Ich bin doch fast jung, dachte ich mir dabei׳. — Stärke und Macht ruht in mir, allein Verbreitet ״Ms WW11 MÄitkt".

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