Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 19 (24.12.1917)
- Date
- 1917-12-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 ,Jüdische VolkMmme' Sertc J Mitte Israel lebt, wie verhalten sie sich zu dieser Tatsache? Daß die Entente mit den zionistischen Bestrebungen bezüglich Palästina sich em<- verstanden erklärt, ist in diesen Blättern bereits ausgeführt worden. Aber auch die neutralen Völker verhalten sich wohlwollend gegenüber der zionistischen Sache. Es fragt sich noch, wie sich die Zentralmächte als Verbündete der Türkei zu der Palästinafrage stellen? Soweit die öffentliche Meinung, die sich in der Landespresse kundtut, als Gradmesser der Anschauungen Ider Regierm׳ gen zu betrachten ist, ist anzunehmen, daß auch die Zentralmächte mit dieser Bestrebung einverstanden sind. So haben in den letzten Wochen führende Organe, wie die ״Vossische Zeitung", ״Preußische Jahrbücher", ״Münchener Neueste Nachrichten" und noch viele andere ihre Sympatie für den Zionismus bekundet. Auch die öfterrei-chische Presse bekundet ihre Sympatie mit der zionistischen Sache. Für die wohlwollende Haltung der Regierungen der verbündeten Zen- Lralmächte dem Zionismus gegenüber sind! gleichfalls Anhaltspunkte genug vorhanden. So teilen z. B. die österreichischen Tageszeitungen vom 19. November mit, daß der Minister des Aeußeren, Graf Czernin, am! Samstag das Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, Dr. Hantke zur längeren Besprechung empfangen. In der Unterredung zeigte sich der Minister sehr befriedigt von den politischen Aufklärungen Dr. Hantkes und sagte ihm die Unterstützung der österreichischungarischen Regierung für die zionistischen Bestrebungen Lei׳ der Türkei zu. Es kann mit Sicherheit angenommen werden, daß auch die deutsche Regierung den Standpunkt Graf CzerninZ einnimmt. Und die Türkei? Wie wir in der vorigen Nummer ausgeführt haben, hat die türkische Regierung in der letzten Zeit zu den zionistischen Wünschen eine etwas ablehnende H altung, ein genommen, oder genauer gesagt, waren die Meinungen in der Regierung geteilt. Dsemal Pascha und sein Anhang waren gegen die zionistische Bestrebung. Nun ist aber inzwischen durch das Betreten einer englischen Armjee auf den palästinensischen Boden eine neue Situation eingetreten, und angesichts dieser neuen Tatsache ist es zu hoffen, daß selbst die Richtung um Djemal Pascha eine Revision ihres Standpunktes in der zionistischen Frage vornehmen wird. Jnsbesonjdere dürfte der Türkei, die Anerkennung der zionistischen Idee nicht schwer fallen, da von einer Loslösung Palästinas vom türkischenStaatswesen gar keine Rede ist. Der Zionismus erstrebt lediglich die Schaffung einer nationalen Heimstätte mit der Möglichkeit freier nationalkultureller Entwicklung, aber nichts mehr, und auf die Einsicht, auf die Treue und Loyalität des jüdischen Volkes zur Türkei können wirklich die Staats- Männer bauen!_ _____ _ Die Verwirklichung der nationalen südisck)en Hoffnung ist im Anzuge, und so hoffen wir, daß mit G. Hilfe als Ergebnis dieses fürchterlichen1 Krieges die Realisierung der ״Schibat Zion"-Vestrebung der Ahnen, wenn auch nach und nach, noch kommen wird! Dem Hausierers Kloglied. Von S. Dembitzer. Dos Kästel trog ich in der Hand, Un schwach un müd mein Ton, Zu jeder Stüb un jeden Haus Geh ,als arein ich un araus Un bet: ״Oi koift's mir on!" Die Fuß, sei sennen schwach vun Gehn, Doch schlepp ich weiter weit, Mein Herz werd schwer, mich kümmert nit, Weil teier is doch die Minüt, Es kost, es kost die Zeit. In Heim, dort wart mein blasses Weib Un hungerig Gesind; ״Der Tate kummt schoin bald zu geh in ־ Er brengt, mt scha, West bald dersth'n, Oi, wein nit, wein nit, Kind. A jedes Wort, es reißt mein Herz, Vergreehert noch mein Pein-, Un wos hob ich asoi viel Sünd, Zu seh'n nor selten Weib un Kind', Oi, gib mir zu verstehen. Far wos Hot doch dos Leben mich Nit far kein Mensch betracht?. . . Ich weiß nit, nein ... oi, jo, ich weiß, Es fallt a Thrär auf'm Ponim heiß: »Dem.Volk is auch verschmjacht!" Oi, so>gt, wie lang ich leiden well, U,n wenn wet nehmen a Eck? — Zu well ich do mir still ausgeh'n Un ohn a Glück un Sunnenschein, In Elend, Noit un Sichreck?!! Ich fräg die Welt, sie is doch stumm, Mein Herz, oi, sog mir on, ־ Mein Ponim! is vun Thrär geweigt, Un Gott, der groißer, seht und schweigt- Kein Enfer nit, kein Ton!. Un weiter schlepp ich als die Fuß In jeden Haus arein,׳ ״Oi, koift's mir ob, ä orem Mann, A Scheer, a Messer, a feinem Kamm!" Un weiter tho' ich gehn. .. Die Judenverfolgungen in Rumänien. Aermel. Er ist ein schmutziger Straßenjunge. Kein Wunder, wenn ihn der Vater Prügelte. Die Lumpen hängen an ihm nur so herunter. Ein׳ Herumtreiber, der die Schule schwänzt und jetzt noch nicht einmal zu. Hause ist. ״Du," frage ich ihn zum> zweitenmal. ״Was machst du hier?" Der läßt sich Zeit, oder er gibt kaum Acht auf mich. Ich werde ungeduldig und schelteihn. Da sagt er irgend etwas vom Tate, das ich nicht verstehe. ״Warum heulst du? Hat er dich geschlagen?" Das begreift er wieder nicht. Man muß sich mit den Kindern Zeit lassen. Und endlich kommt es langsam und zittrig heraus: ״Mer — friert — mer friert — und — ihob — Hun —" Das letzte Wort erstirbt in der Nacht; erst nach einigen Augenblicken heult er nochmals dahin: — ״Hun-ger." Ich!stecke ihm was zu, die Hand schließt sich kaum. Der Junge sagt nichts. Dankt nicht. Wie ich schon drei! Schritte weg bin, stößt er wieder ein Weinen auf, nicht mehr laut, kaum hörbar, wie ein Hund, der winselt. Das ist Wilna. Ins Dunkel der Nacht verschwindet alles. Not und Grauen. Und nur aus einem großen Cafe im Centrum dringt Helle Musik. Ein alter Jid steht am Fenster und sieht hinein:״ Mein Bocher spielt Ka den Daitschen. Sehn se ihn. Mein Bocher... Ein offener Brief des Stockholmer Rahbiners Dr. Ehrenpreis an den französischen Minister- Präsidenten Clemenceau. Der Oberrabbi,uer Dr. Ehrenpreis in Stock- Holm richtet im ״Svenska DaMadet" einen offe-!nen Brief an den neuen französischen Minister- Präsidenten Clemenoeau, in dem er ihn auf die und Kinder auf das Grausamste verfolgt wevden; wie hungernde jüdische Kinder beim Holen von Eßwaren an der rumänisch-ibessarabischen Grenze von den Wachtposten ni'edergemacht wurden; wis 34 jüdische Soldaten, wegen Fahnenflucht unschuldig angeklagt, in Baoau erschossen wurden; wie u.a. der jüdische Sozialistenführer Dr. Wechsler vom Offizier Romalo, einem persönlichen Freunde des Thronfolgerserschossen wurde, weiil er angeblich zum 1. Mai! an der Befreiung Ra-- kowskys aus dem Gefängnisse teilgenomnwn haben soll; wie tausende jüdische Flüchtlinge mit ihren Kranken und Säuglingen unter freiem. Himmel in Kälte und Regen kampierten, weit ihnen nach rumänischem Gesetze Aufenthalt in den Dörfern verboten ist. Sie Werden schließlich auch die Mitteilungen lesen, die Mandervelde während seines Besuches in Rumäniien über Judenverfolgungen an und hinter der rumänilschpw Front von Soldatendeputationen gemacht wurden" Der Brief schließt mit den Worten: ״Die Lage der rumänischen Juden ׳ist kritischer als je und vor allem ist Rumänien Ihr Bundesgenosse, dessen humanitätswidrige Handlungen einen Schatten auf die ,großen Demokratien werfen, mit denen es alliert ist. Für die Aktion, die Sie 1913 gemeinsam mit Luzatti unternommen ha-- ben, für die Grundsätze, welche Sie Ihrem ״Hpm!- me libre" verkündet haben, ׳ist jetzt die Stunde der Erfüllung gekommen. Die gewaltige Stimme des Blutes un-- ssrer Brüder schreit zu uns aus der Erde Numäniens. Ich hoffe und wünsche, daß auch Sie, Herr Minierpräsident, diese Stimme Höven mögen.Sie waren in Ihrem Vaterlande Zeit Ihres Lebensder unerschrockenste! Kämpfer für das, was Ihnen als Recht und Wahrheit erschien. Sie werden auch jetzt ich bin dessen sicher, Ihrem rumänischen Alli-!iierten gegenüber den Recht und der Wahrheit zum! Durchbruch verhelfen. 1913 li!eß mich Luzatti m (Sie als einen ״Herd der immanenten Gerechtigkeit" wenden.und ich) wende mich 1917 an Sie mit der Bitte: tun Sie, was in Ihrer Macht liegt, um meinen unglücklichen Volksgenossen in Rumänien Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen." fortgesetzten Mißhandlungen der jüdischen Be-( , _, ..״_v völkerung in Rumänien seitens der rumänischen j fachem Besitzwechselschließlich von Kaleb, der sie Hebron und dieHöhle Machpelah׳ Dem englischen Palästinabericht vom 8. dieses Monats zufolge hat General Allenby den etwa 30 Kilometer südlich von Jerusalem gelegeneu Ort-Hebron besetzt. Derselbe gehört zu den ältesten Städten Kanaans und war schon, zu Abrahams Zeit sehr ansehnlich. Hebron liegt an der Straße von Berseba nach Jerusalem auf dem Gebirge Juda in einem tiefen und engen Tal und an den Bergabhängen zu -beiden Seiten. In der Hauptmoschoe.d!es Ortes befindet sich die Dopvelhöhle Machpelah mit der bekannten Grabstätte der Patriarchen. Schon zu Moses Zeit war der Weinbau bei Hebron berühmt, dessen Umgebung auch reich an köstlichen Obstsorten, wie Granatäpfel und Feigen, ist. Eine Stunde nördlich von Hebron soll der Derebinthenhain Mamre dev Aufenthaltsort Abrahams gewesen sein. Josua eroberte die ursprünglich von den Ammonitern und Hethitern bewohnte Stadt, die nach mehr- Zivilu. Militärbehörden aufmerksam macht und die Intervention der französischen Negierung zu- Mnsten der rumänischen Judercheit fordert. Dr. Ehrenpreis erinnert Herrn Clemenceau an die Persönlichen Unterhandlungen, die er mit ihm im Herbst 1913 in Betreff der rumänischen Juden führte und an das große Interesse, das Clemencoau sowohl Dr. Ehrenpreis gegenüber und in seiner Korrespondenz mit Luzatti, als auch in seinem Blatt ״Homme libre" für die unglücklichen Juden Rumäniens bekundete. ״Sie wevden in den Archiven Ihres Ministeriums," schreibt Dr. Ehrenpreis, ״Berichte über die tragischen Erlebnisse der rumänischen Juden während per letzten Monate finden (u. cu, vom! russischen Arbeiter- und Soldatenrate in Pe--' trograd und von einer von General Marx eingesetzten Untersuchungskommission aus Odessa usw.), welche sicherlich Ihr so starkes Nechtsgefühl aufs Tiefste erregen werden. Sie werden da lesen, wie zu gleicher Zeit, da 30.000 jüdische Soldaten bluten und sterben für ihr Vaterland, das doch nie ein Paterland für sie gewesen — ihre Frauen mit Hilfe des Stammes Juda nochmals einnahm, zu -einer Freistadt bestimmt und den Priestern' zugewiesen wurde. König David residierte hier 72/ג Jahre lang, bis er die Veste Zion einnahm; der Ort war später d!er Schauplatz von Absaloms Empörung. Unter Rehabeam wurde Hebran als wichtiger Vorposten gegen Süden befestigt und kam nach dem Exil in die Hände der Jdumäer; seine Zurückeroberung gelang erst Juda Makkabi, dessen herrliche Taten wir soeben festlich begingen. Im Kriege gegen die Römer wurde Hebron von letzteren verbrannt, später aber neu aufgebaut.-Die alte Königsstadt dürfte vor dem Weltkriege 22000 Einwohner gezählt haben, darunter etwa tausend Juden. Zu der Patriarchengruft Machpelah, in der Sara, Abraham, Jsak, Rebekka, Jakob und Lea ruhen, deren Gräber noch zur Zeit des Josephus ״in schönstem Marmor und kunstvoll gearbeitet" zu sehen waren, gelangt man, nach den Angaben von Rosen, durch ein System von Gängen n!nd nach Passieren mehrerer Pforten irr ein Gemach, dessen Räume durch Gitter von massiven Silberstäben zu Zellen abge-