Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 12 (20.7.1917)
- Date
- 1917-07-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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יי׳זי«^1 Nummer Ve»«,»»rr1jr; Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 9. Für Oetterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig. Deutschland, ganzjährig . , . . . Rußland, ganzjährig . Balkan, Frankreich . . . Kronen 620׳ . Kronen 12 — . Mark 12'- . RubellS׳- , Frank» 4*— A Redaktion: Wien VIII. Lerchengaffe 6 a. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die Sfpaltige Petitzeile 90 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono« riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. ©...... ..? Wien—Brünn 20. Juli 1917. 1. Ab 5677. Prag—Lemberg. für die Evakuierten in Palästina. Tausende Palästinensischer Juden, darunter zahlreiche Oesterreicher und Ungarn, bisher von Mangel und Seuchen heini-gesucht, Haben nun auch ihr Obdach verloren. Unsägliche! Not herrscht unter diesen Unglücklichzen, dem Flüchte lingselend und verheerenden Krankheiten preis-! gegebenen. Nur sofort und kräftig eingreifende Hilfe kann den jüdischen Siedlungen im Heiligen Lande ׳eine ernste Gefahr abwenden. j Wer zur Erhaltung dieses Kulturwerkes beiträgt, erfüllt eine Menschenpflicht, die nicht nur nach Auffassung maßgebender jüdischer z Kreise, sondern auch leitender Staatsmänner! dringend geboten ist. Vor allen hilft er Tausende wertvoller Menschenleben retten. Kopf und Herz gebieten es, die Hand zur Gabe zu öffnen.. Die Hilfskommission 1915 für Palästina Wien, 4. Bez., Frankenberggasse 14. Erste Spende: E. F. 1000 K, für die Eva-§ kuierten Palästinas nach der Rede des Herrn Rabbiners Dr. Grunwatd. — Weitere Spenden find eingelaufen von; Sandor Wolf, Kismarton,! 1000 K, Rabbiner Prof. Dr. Emanuel Schwartz Prag, 500 & für die Evakuierten und 500 K für das Kriegswaisenhaus in Palästina; Kultus- Präsident Leo Deutsch, durch Oberrabbiner W. Reich, Baden, 500 K, Jakob Kalmy u. Rabbiner Saul Stern '(Sammlung) K 358. 28. — Alle Spenden bitten wir an das mährische Landeskomite für Palästina, Brünn. Feuilleton ,Tischoh b’aw. Von Schalom Asch. Die Sonne wirft die letzten Glainzstrahlen <tuf die Häuserdächer und verziert mit goldigen Schatten die Fenster des großen, am äußersten Rands des Städtchens gelegenen Gartenhauses. Auf der westlichen Seite des Horizonts verlöscht die rotgoldene Scmnenkugel, die herbeiziehenden schwarzen Wolken umhüllen den Himmel mit einem grauen Mantel. Einzelne Strahlen der untergehenden Sonne irren hier und dort umher und l!euchten wie das matte Licht einer Lampe, deren Docht im Ausbrennen ist. Obgleich noch Heller Tag ist, werden die Läden einer «nach dem anderen geschlossen; die verschlossenen Türen u. Fensterläden verleihen den Häusern ein traurigos Aussehen. Es scheint, als hätten die Gäste plötzlich den Hochzeitssaal verlassen, den man Kmn Zeichen der Trauer mit schwarzem Flor beschlug. Bor einem der Häuser steht ein Hochepe- Wachsens, magerer Jude in einem zerfetzten, in der Taille von einem Gurt gehaltenen Rock; die Augen gen Himmel erhoben, bewegt er die Lip- Pen, als ob er,flüsterte: ״Gott, ich harre deines Befehles l" Quotusque tandem . . . Am politischen Horizont ziehen dicke, schwere Wolken heran. Große Umwälzungen sind zu gewärtigen. Ueberall ertönt der Ruf: Demokratisierung. Das alte, morsche Gebäude wankt, die Fugen krachen, es ist ein Gewitter imAnzuge. Nach einer so langen Zeit der politischen Dürre sollesreinigend wirken. Verfassungsänderungen, Einsetzung eines Demokratischen — Ministern ums, Autonomie der Nationen im Rahmen der Sta§tsei1chcit, FriedcnsDerstöndignmp sind heute die Schlagworte unseres politischen Lebens. Man spricht von acht Nationen in der Monarchie, man sucht eine Verständigung zwischen den Deutschen und Tschechen in Böhmen, zwischen den Polen u. Ukrainer in Galizien zu ׳erzielen. Man inacht Konzessionen, man verspricht Vieles, um dann nichts einzuhalten. M> bleiben die Rechte der, 14/ג Millionen Juden Oesterreichs? Werden sie auch als Nation angesehen?׳ Nehmen sie eventuell auch an der Neugestaltung Oesterreichs teil? Werden sie auch als Nationen angesehen? Spricht man etwa in Galizien von einer Autonomie der drittstärksten Nation im׳ Lande? Bleiben ihnen nicht! nach w!ie vor gewisse Aemter verschlossen? Wütet! nicht der gemeine Antisemitismus jetzt mehr denn sonst? Hört nran nicht im österreichischen) Parlamente Pogromdrohungen? Haben nicht die! jüdischen Flüchtlinge die größten Schikanen aus-! zustehen? Haben wir nicht die größten Opfer! dem Staate gebracht? Haben wir nichtdem Vaterlcmde alles hin gegeben? Entrichten wir nicht die größten Steuern? Haben nicht die jüdischen Kapitalisten die grWen Beträge für Kriegsanleihen gezeichnet? Haben unsere Brüder nicht tapfer gekämpft? Man möge nur in den Verlustlisten nachblätterin« und -inan wird finden, daß die Juden an Toten nicht weniger haben als die anderen. Nationen! Man möge nur Nachsehen, wie viel jüdische Helden ausgezeichnet wurden! Man möge sich nur genau informieren und inan! wird finden, daß die Juden den geringsten Prozentsatz an Kriegsgefangene abgeben. Finden sich etwa in unseren Reihen Verräter und Ueberläufer? Werden vielleicht aus unserer Mitte Legionen gegen das Vaterland geführt? Haben wir etwa Pläne ah den Feind verraten? Sind die Redels etwa aus unseren Reihen? Und was ist der Lohn für unsere, hündische Treue und Anhänglicheit an« der Monarchie? Die Antwort ist nicht schwer: Zurücksetzung unserer Brüder bei' der militärischen Laufbahn, Uebergehen bei der Avancierung in den Aem'tern, systematische Nusschaltung der Juden von Gytnnasial-Direktorenstellen, von Bezirksvorstehern, von Bezirks^ hauptlcuten, von höheren militärischen Posten, von Departementsvorstehern in den Landesregieruntzen, von Landesschnl-Jnspektoren usw. Ist nicht die österreichische Justiz finstern als die russische noch vor der Revolution? Schmachtot nicht Leopold Hilsner im Kerker im ״freien" Oesterreich und ist nicht Beilis im ״finstern" Rußland auf freien Fust gesetzt? Wo bleibt die Gerechtigkeit? Die. Negierung soll endlich einmal auch mitzuns rechnen, sie soll endlich einmal einsehen, daß wir in Galizien und in der Bukowina keine Polen und keine Deutsche sind, daß wir in Böhmen keine Tschechen sind, sondern Inden n. als solche wollen wir gelten u. behandelt werden. Wir wollen nicht eine Majorität für die Polen gegenüber den Ukrainern abgeborv, wir wollen nicht ׳mehr den Einfluß der Deutschen in der Bukowina und in Böhmen stärken, wir wollen Selbständigkeit und gleich den anderen.Nationen dort .nationale Autonomie, wo wir in dichten Massen wohnen. Wie lange noch wird die Regierung unsere Geduld mißbrauchen! Me lange noch wird man unsere Treue mit den Füßen treten! Vor dem Kriege war die Polizeidirektion in Czernowitz eine ,eigene Domäne der Rumäneu. Da konnte ein Jude ׳nur schwer Fuß fassen. Bei der Kriegserklärung Rumäniens flöhen die meisten dieser ״Vertrauensmänner" ins feindliche Lager. In der Gefangenschaft meldeten sich diese ״Patrioten" in die rumänische Armee. — Dasselbe kann Man, von vielen Slavischen- und Romanischen Nationalitäten irr der Monarchie Die in den Häusern versammelten Fami-Imen stillt-eine Schar Jünglinge zum letztenmale lien verzehren den letzten Bissen und bereiten'vor den Fasten den Durst, während die älteren sich mit trauriger, bekümmerter Miene dazu vor,! Bürger zum Himmel emporschauen und beobachden Psalm Jeremias herzusagen, jene herzzerten, ob der erste Stern nicht schon erschienen ist. reißende Legende, in welcher der Prophet die ׳Auf der anderen Seite des Gäßchens, hinter Zerstörung des Tempels beweint, und welche die deM Gasthaus rennt über die zum jüdischen Juden seit 2000 Jahren am Tage, der Zerstö- Friedhof führende Straße eine ganze Armee rung Jerusalems in ihren Bethäusern hersagen, zerlumpter Burschen zum Bethaüs. In den Aus einer Ecke der Straße kommt ein hoch! Händen halten sie Disteln, mit denen sie sich gegewachsener, magerer Jude ohne Schuhe, in seht genseitig bewerfen. Eimer der älteren Straßen- Weißen Socken hervor. Unter dem Arm hält er! buben mit abgerissener Klappe am Rock rennt ein ungebundenes Gebetbuch: wenn er so vor-fvoran und zeigt «den vor der Bethausschule verüberzieht, macht es den Eindruck, als ob er, selbst, sammelten Juden feinte mit Disteln vollgestopfein Toter, die Toten in den Tempel der Geister, ten Taschen. führte. Auf der Straße herrscht Stille. Die! den Unterdessen versinkt «das Gäßchen, im wel- Markt im Kreise umfassenden Häuschen schmie-! chem sich das Bethaus befindet, in tiefes Schweigen sich aneinander und schweigen, als ob sie gen. Die Sonne ist längst gesunken, sie hat sich etwas erwarteten. Bald tauchen an allen Enden hinter &em Gasthaus auf dem, zmnl jüdischen Juden in zerrissenen Röcken und weißen Socken׳' Friedhof führenden Wege verborgen. Das Volk auf, sie sehen aus wie Büßende, die irgend wessen ist schon im Bethaus und in der Bethansschule Tod beweinen. Sie begeben sich in die Synagoge, versammelt, nur vereinzelt wandelt Wer das in Auf der Straße herrscht Stille. Ueber alle Schweigen versunkene Gälßchen eine alte, mM Dinge ist eine Alltäglichkeit ausgsbrritet; bleiche, Alltagsgewändern bekleidete Frau, den Kopf alltägliche Juden, niedrige, eingefallene, alltägüber die Brust gesunken, unterm Anne ein altes liche Häuschen; ein kühler, gewöhnlicher Abend verstaubtes, dickes Buch, in der Hand eine Kerze breitet seine grauen Flügel über das Städtchen ׳haltend. Die niedrigen Häuschen «des Städtchens aus. Der Markt ist von ׳einer schwarzen Menge kauern sich noch mehr zusammen, als fürchteten so dicht umlagert, als ob im nächsten Augenblick sie, m ״Golus" (im Exil) Mein zu bleiben, ohne ver Trauerzug eines großen Rabbiners vorüber- Schutz, ohne ihre Einwohner. Es scheWr als oo ziehen sollte. Und es wird immer stiller, immer sie sich alle an das Häuschen des Rabbiners dunkler. In der Mitte -des Marktes, am Brunschmiegten, um Mer ihre traurige «Sage zu brra*