Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 10 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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«eile 6. ״Mische Sslk-fti««^ Ne. 10 Kronen 2.10. folgt. Eine ausführliche Besprechung Zum Gedächtnis au den Ersten Lize-PrLsidente« der Wiener iftael. Kultusgemeinde Herrn De. Gustav Kohn. Worte der Aufsteisenve«. Wie wir vernehmen, erscheint demnächst eine eigenartige Publikatian. in einer hebräischen und jiddischen Ausgäbe, die sich ״Diwrej-huojlhn" Morte -er Aufsteigenden) betitelt. Tie steht im Zusammenhange mit einem Vortrage, den Dr. Nath, Birnbäum vor einiger Zeit hielt und «der damals mehrfach in den jüdischen Blättern Beachtung fand. Die Schrift, die sich vornehmlich an die gläubige Ostjudenheit wendet, enthält eine Art Aufruf zur Zusammenfassung aller Menschen und Kräfte, die «durch strengste Thoratreue Und intensivstes Streben noch Heiligung in Unterordnung unter eine geordnete rabbinische Glaubenshüterschaft das Komsmen des Messias erarbeiten wollen, ferner Leitsätze für die, welche sich auf Grund dieser absoluter Forderungzu gemeinsamer Arbeit verhindern und schließlich einen Artikel von T. H. über D. Birnbaum und sein System. Bei dem Umstande als Dr. Birnbäum jedenfalls gehört zu werden verdient, ist der Schrift, die im ״Jüdischen Buch׳ und Kunst- Verlag Men, 8. Bez., Lerchengafse 6a, erscheint, das Interesse der Oeffentlichkeit gesichert. Angust der Starke, der erste deutsche König in Polen׳ Historischer Romain von Alfred Schirokauer. Mit 83 historischen ALbildungen uW Preis 6 Mark. (Verlag von Rich. Bong, Berlin, W. 57.) — Sein Volk und die Geschichte haben dom Kurfürsten Friedrich von Sachsen den Beinamen des ״Starken" gegeben. Der Grund dafür war wohl zunächst die märchenhafte Kraft dieses Fürsten, dessen Hand Hufeisen zu zerbiegen vermochte; zugleich aber hatte dieser Bein!ame schon -von Anbeginn einem! kleinen Piikanten Beigeschmack und zielte auf die schier unerschöpfliche Kraft, mit der -der Fürst «den Frauen huldigte. Solcher Beiklang hat mm das Bild dieses ersten deutschen Königs'auf dem polnischen Throne ungerecht enstellt. Jetzt hat sich die Dichtung srmes Lebens bemächtigt, nicht — wie früher — die sensationslüsterne Anekdotenerzählerei, die das Liebesl-sben dieses lebeensfrohen ReNaisancemenschen zu billigem zu billigem Unterhaltungskitzel auszuschlachten sucht, sondern eine Darstellung, die den Versuch «macht, diesen strebenden, zur Größe ringenden Geist Psychologisch eindri!nge.nd und wirklichkeiitswahr zu schildern. Alfred Schirokauer hat auf Grund eingehender geschichtlicher Studien, all das Große wägend, das dieser Fürst gewollt und geschaffen, das farbrnsatte Lebensbild Augusts des Starken entworfen. Er ist der Mann, der Dresden zu einer ersten Kuststätte .Deutschlands erhoben hat; er ist der!Erbauer des unsterblichen Wunderwerkes des Zwingers und der Frauenkirche, sowie der Neustadt von von Dresden. Er hatt alle diese ewigen Denk׳ mäler der׳ Schönheit selbst entworfen, selbst bis in die kleinste Einzelheit mit ׳genialer Hand gezeichnet. Diesen großen Künstler auf dem Throne schildert uns Sirokauer. Er macht es psychologisch verständlich, -das der Köngi die brausenden, wilden Feste ebenso für seine schönheitslechzende Künstlerseele, wie für die zahllosen Liebschaften veranstaltete. Und dieser Künstler war zugleich auch ein Herrscher von großem politischen Ehrgeiz׳ Weit an Geist und und Bildung seiner Zeit überleden, wollte er Sachsen zum ersten deutschen Staate erheben. Darum!griff nach der polnischen Königskrone Polen sollte der Grundstein eines großen, selbstgeschaffenen Reiches werden. Das war der stolze Herrschertraum des 24 jährigen׳. Der Plan mißlang, weil der Künstler kein Feldherr war und der Politische Mißerfolg vernichtete seinerseits den Künstler. Aus dom Schönheitsschwtlger, aus aus dem Renaisanoegsnietzer wurde ein eitler Prasser. So klingt dieses gewaltig auflodernde Leben schließlich in!einer wehmütigen Tragödie aus. Zugleich aber ist das Buch außerordentlich aktuell. Denn Polen lebt in diesem Buche, das Polen, das gerade im Mitelpunkt des allgemeinen Interesses steht. Seine Geschichte, seine Verfassung, die Gründe seines Unterganges, Land und Leute werden in der blutdurchglühten Schilderung SchiroLcmers lebendig und somit, gibt er uns das Verständnis für Vieles, daß vnS bisher an Polen rätselvoll und unbegreif- W war. terausgegeben und im Selbstverläge vom, Max ch w a g e r, Wien, 2. Bez., ZirkuSgasie 60. Es war eine gute Idee vom rührigen HerauSgeber M. Schwager dieser schön ausgestateten Schrift, alle Tvcmerkundgebunaen, Reden, Nachrufe und Ansprachen, die anläßlich des am 8. Oktober 1915׳ fast plötzlich erfolgten Todes des Ersten Vizepräsidenten der Mener Israel. Kultusgeineinde Herrn Dr. Gustav Kohn s. A. gehalten wurden zu sammeln und sie in Buchform herauszugeben. Denn der Heimgang dieses wahrhaft edlen und bedeutenden Mannes, der fast vier Jahrzehnte im Dienste dev Wiener und somit der ganzen österreichischen Judenschüft stand, bedutet, wie ei,n. Redner mit Recht bemerte, einen unersetzlichen und ' unersetzbaren Verlust für das gesamte Judentum. Die Männer vom Schlage Dr. Gustav Kahns werden immer seltener; denn er war der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, er war dem Gesammtjudentum Alles. Sein Leben und segensreiches Wirken wird in der vorliegenden Schrift von den berufenen Wortführern der Wiener Judenschaft sehr schön und anschaulich geschildert, von Männern, die Dr. Gustav Kahns Tugenden und Eigenschaften, sein Arbeiten und Wirken aus persönlicher Wahrnehmung zu kennen und schätzen Gelegenheit hatten und mit dem sie Jahrzehnte hindurch zum Wähle der größten Kultusgemeinde der Monarchie zUsammen wirkten. In der vorliegenden Arbeit kammen die besten Redner und Schriftsteller zu zu Worte: In erster Reihe Oberrabbiner Dr. M. G ü d e m a n n, die Rabbiner Dr. Max G r u n w a l d, Dr. Julius Max Bach ferner der greise Präsindent Dr. Alfred Stern, Landesschulrat Dr. Markus Spitzer, Dr. Heinrich Schreiber, akad. Maler David Kohn, Dr. Alfred Berger und v. a. Manche dieser Red ein sind geradezu oratorische Meisterwerke, so der Nachruf des Präsidenten Dr. Alfed Stern! und die Trauerrede Dr. M. Grunwalds im großen Gemeindetempel der Leopoldstadt. Diese Reden sind es auch, die selbst in jenen Kreisen Interesse erregen werden, die den verewigten Dr. Gustav Kohn nicht kannten. Oratorische Leistungen von diesem Genre werden überall die gebührende Würdigung sinden und der Herausgeber M. Schwager, hat sich durch diese Publikation ein doppeltes Verdienst erworben, um den großen Heimgegangenen, dessen Andenken diese Arbeit gewidmet ist und auch um die, die eine schöne stilisierte Rede zu wüdigen wissen. Die vorliegenden 75 Seiten umfassende Arbeit ist mit einem von Akad. Maler David Kohn entworfenen Bildnisse Dr. Gustav Kohns und die letzte Aufnahme aus dem Atelier des k. k. Hoffotogvafen S. Weitzmann versehen und ist sehr gut, klar und übersichtlich geordnet. Die Ausstattung ist in jeder Hinsicht tadellos. Dr. Kanter. Die Eingerückten nnd ihre Familien. Das von Poale-Zion in Wien eingesetzte jüdische Arboiterhilfskomitee!gab eine Broschüre in jiddischer Sprache heraus: ״Staatliche Hilfelqistnug für «die Einberufenen und ihre Famiilien". Die in einer sehr leicht verständlichen Sprache abgefaßte und billig heriausgegobene Broschüre hat -das Ziel,- Pen Reserviistenfamilien die nötige Aufklärung über ihre Rechte zu erteilen. Soeben «erschien Heft 2 von »Erez Israel", Mitteilungen des Hauptbureaus des jüdischen Nationalfonds. Dieses Heft' 152 Seiten stark u. illustriert) ist vornehmlich den! Fragen der genossenschaftlichen und Arbeiterkolonisation ge- .widmet und enthält u. a. folgende Beiträge: ׳Justizrat Dr. M .Bodenheimer, ,^Der Jüdische Nationalfond, «ein Rückblick"; Dr. L. Goldham- -msr ״Die landwirtschaftlichen Genossenschaften iw Rumänien", Harem ״Zur Frage der Kwuzoth," Dipl. Ing. S. Kaplansky ״Landarbeiterfrage und Genossenschaft; Dr. Franz Oppenheimer ״Trotz- und Kleinbetrieb", Ing. Agr. I. Oettinaor ״Die ländliche Arbeitergrnossenschüft in Palästina"; Hugo Schachtel ״Ein Bor- Wäg"; Julius Simon ״Kapital, Erbpacht und Natianalfönd"; Agronom Wikkcmskh ״Der GroMetrieb." In Newyork erschien der erste Band der Sammlung neuer Aufsätze von Dr. Chajim Shitlowski in jiddischer Sprache: ״Im Kampf für Volk und Sprache." Der Band enthält me ״Warum gerade Jiddisch?", ״Zionismus oder Sozialismus?", ,^Kann das jüdische Volk untergehen?". Der Ursprung der progretziv-na* tionalen Bewegung", -Der nationale Staad- «Punkt des Proletariats" u. a. Aus dem Werke: Der Wahrheitsgehalt ». Religion. ' Auch für die Gegenwart gilt, daß, wo immer die Religion zu eignem Leben geweckt ist, sie selbst zu den Pflichtesten Lebensverhältnissen mehr seelische Tiefe zu geben pflegt, als oft den höchsten Leistungen «er Kulturarbeit innewohnt. Aller Gewinn echter Innerlichkeit wird zu einem Zeugnis für die Religion, der K-amps für die Religion! aber zu einem Stück des Kampfes um eine Seele des Lebens. » Es ist ein arger Fehler, den Tatbestand per Erfahrung und die Forderung des religiösen Glaubens durcheinandertzumengien; wer kritjiklos in,das nächste Bildals schon vorhanden einträgt, was in Wahrheit erst durch große Umwälzungen möglich wird, der verringert nicht nur die Spannung, er ,gefährdet auch die Wahrheit des Löbens. Gesuchte als geistiges Erlebnis wird nur durch ein Zurückgehen auf eine ewige Ordnung, möglich; wir sehen auch, daß die Religion mit. ihrer Aufdeckung verschiedener Stufen im Leben .und einer -ihm innewohnenden Bewegung -die Bedeutung der Geschichte aufs beträchtlichste steigert, ja «daß sie mit dem aufehmen einer Be- Wogung in den Kern des Lebens Geschichte in wollem Sinne erst möglich macht. Auch die herrlichsten Kulturen schöpfen sich und leben sich aus, immer wieder kommt die Menschheit an einen Punkt, wa sie ins Leere zu. fallen droht und die Wahrheit darin verfallen würde, wenn ihr nicht eine größere Tiefe, , ein ursprünglicheir Quell des Lebens ,gegeenwärtig bliebe, aus dem sie sich erfrischen und zu neuem Unternehmen stärken konnte. Eine solche Lebensquelle aber vertritt niemand mehr als die Religion- Die Religion ist die geschworene Gegnerin aller Versuche, durch ein bloßes Zurechtrücken und Umdouten der Erscheinungen das Welt» Problem lösen zu wollen, sie fordert eine Uober- Windung des Ungöttlichen und Widergöttlichen durch Tat und Arbeit, nicht durch Begriffe und- Worte. . . יי Könnte nicht gerade das der Sinn dieser unserer Welt fein, daß «die ProbleZme erst deutlich herausgearbeitet werden, daß di-e Kräfte si« ׳ bernit machen und gegeneinanderstellen, daß die- Gegensätze volle Klarheit erlangen? Duchsichtig macht die Religion den Lebens» Prozeß keineswegs, wohl aber steigert sie seinen Gehalt und seine Tiefe. Die der Religion eigentümliche Denkweise muß nachdrücklich oahin wirken, die Welt als ein noch in Fluß befindliches Ganzes zu fassen, als 1 einen Schauplatz von Kamppf und Entschei» düng; auch verficht sie eine Erhöhnugsfähigkeit der vorhandenen Kräfte, -die Möglichkeit eines Erscheinens ursprünglichen Lebens. Der bloße Mensch, sowie die Beschränkung auf fein Wohlsein, seies -der Individuen, sei es der Massen, wird schließlich *fern Menschen selbst m einer unerträglichen Enge, diese droht seine« Lehen inmitten ungeheurer Geschäftigkeit allen Smn und Wert zu rauben.