Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 10 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahr«. XVIII. Nmnmer 10. ♦ Für Oesterreich-Nngarn, halbjährig . Kronen 6-20 ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mar! 12 — Rußland, ganzjährig ....... Rubel 1«׳— BaÜan, Frankreich ..Frank« 4 — Redaktion: Me» VIII. Lerchengafse 6 a. Redecktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S. Buchhändlerische Vertretung: VN» Klemm» Leipzig. Inserate: die Vspaltige yetitzeile SV k. Unverlangte redaktionelle Beiträge Werde» nicht hono- A riert. — Manuskripte« ist RückporW deizufügen. Wien—Brünn. 5. Juni 1917. 18. Slwan 5677. Prag—Lemberg. Die Slaalsrechte. Noch hat uns das Parlament den Nachweis für sein Verständnis für die wichtigen Probleme der östsrreichischeu Politik nicht erbracht. Noch «ist es i?m Abegeordnietenhause überhaupt nicht zur Erörtung politischer Fragen gekommen. Aber schon scheint sich der politische Horizont zu bewölken, schon sind wir berechtigt zu h1zweifeln, ob die Vertreter ׳der österreichischen Völker Verständnis haben werden für die notwendigen und wirklichen Bedürfnisse der Völker, ob sie diese voll und gcmz erfassen und ob nur von ihnen durchdrungen, -ohne Rücksicht auf die eigene und fremde Politik der Vergangenheit! ein neues politisches Leben werden schaffen wollen. Die programmatischen Erklärungen, die die tschechischen, polnischen und südslavischen Abgeordneten in der ersten Parlamentssitzung -abgegeben haben, sind geeignet die Hoffnungen auf eine Neuorientierung der österreichischen Politik zu erlöschen, die Erwartungen einer eingültigen Lösung der schirr unsäglichen Nationalitätenproblems in die weite Zukunft hinaus zu Hieben oder ganz zu vernichten. Böhmen, Mähren sollen als tschechischer, Galizien und Schlesien als polnischer, die von Südslawen bewohnten Kronländer als südslavischer Staat im Staate errichtet werden. Die Autonomie der Kronländer, aus Politischer und Wirtschaftlicher Verhältnissen ,geboren, die längst überlebt sind, bei einem Kulturzustande entstanden, der weit überholt -ist, soll weit stärker ausgebaut werden. Die Kronlicmdsgrenzen, die erst im Kriege ihrr brennende Wirkung auf das Wesen des Gesamtstaafts erwiesen haben, sollen zu chinesischen Mauern ausgebaut werden. Die in Böhmen dürfen keine Verbindung mit Steirern haben. Ein Tscheche in Wen soll seineu Volksgenossen in den SudetenlänÄern sehen meiden müssen, und der.Galizier soll in Westösterreich ein Staatsfvemder sein. Dabei sollen immer beträchtliche Minoritäten der Herrschaft eines fremden Volkes unterworfen werden. Was bleibt da vom Gesammtstaate noch übrig? Freilich für uns Juden wäre «es fast nur eine legislatorische Bestätigung der bestehenden Verhältnisse Unsere (Kultus-) Gemeinden sind schon heute Organisationen, wie man sich Partikularistischer nicht vorstellen kann. Jede Gemeinde schließt sich strenge Hegen jeden Einfluß von ״Außen" ab. Der Wirkungskreis der einzelnen Gemeinden beschränkt sich auf den Gesichtskreis der Khalkliquen, die nie weiter sehen als ihre Nase reicht. Das ist unser Staatsrecht, daher .muß oas Staatsrocht führen, soweit führt die territoriale Lösung der Nationalitätenfrage. Hier gibt es für uns, wie für alle Nationen in Oesterreich nur eine Forderung, die den Verhältnissen gerecht werden kann: Die nationale Autonomie. Jede Nationalität ordnet ohne jede territoriale Beschränkung ihre Verhältnisse unter sich. Keine Nation beherrscht die andere. Nicht eine gegen die zweite, jede für sich! Die einzig mögliche Lösung ist die nationale Autonomie! A. Wie die ruffische Preffe die Revolution vorbereitete. von M. Reifer. Seit der. großen Mackensenschen Offensive im Frühjahr 1916 begann man in der gesamten russischen offiziellen und nichtosfiziellen Presse einen Ton der Unzufriiedenheit, der Mißstimmung zu bemerken. Dabei wurde eine ganz merkwürdige Taktik eingeschlagen. Die führenden Schriftsteller und Journalisten stimmten im. der Hauptstädtischen Presse Lobeshymnen auf die deutsche Strategie an und tadelten indirekt die eigene Heeresleitung. Die Provinz schlug denselben Weg ein. Immer hieß es in ״Ruskoje Slovo", dem größten Blatte in Moskau: Der geniale Plan des greisen Feldmarschalls," oder ״ein neuer Plan des genialen Hindonburg" oder ״die eiserne Energie des Mackensens," oder »die berühmte Mackensenische ״Phalanx", oder «die besten Feldherrn im Weltkriege, Mackensen und Falkenhayn." Die Schriftsteller Amphiteatrow, Petrow, Jablvnowski, Burzew, Michalowski: übernahmen die Führerschaft in der Presse. Alle diese Männer begeisterten sich für die Leutsche Strategie, Technik und Organisation. Das reaktionäre Rußland duldete keine Kritik noch weniger ein Lob auf die feindliche Heeresleitung. Aphiteatrow wurde nach Sibierien für die ganze Kriegsdauer verbannt, von wo aus er Klagelieder sandte, die überall,gelesen wurden und dein Haß gegen das Regierungssystem schnurrten. Burzew, der seine Stimme gegen England erhob, als den größten Feind Rußlands, mußte dem englischen Botschafter Abbitte leisten. In revolutionären Kreisen, deren Führer Burzew ist, wuchs der Haß!gegen verfluchte Hofklique immer mehr. Der große Diebstahl des gewesenen russischen Kriegsministers Suchomlinow brachte Soldaten und Zivil in eine furchtbare, Aufregung. Der ״Djen" schrieb dem Kriegsminister die Schuld an der großen Niederlage bei, und forderte von der Regierung die Verhaftung Suchomlimow. Die Sunijme von 35,000.000 Rubel war eben zu groß, als daß sie hätte verschwiegen werden können. Als der Kriegsministerwieder auf freien Fuß gesetzt wurde, ging ein Sturm der Entrüstung durch die ganze Presse. Es fehlte aber auch nicht an Demagogen, welche das Volk aufhetzten gegen die Regierung, die aus Deutschrussen besteht und alles an Deutschland verrate. Auch der ״Sieg" Brussilows konnte nicht mehr die Gemüter beruhigen. Die teilweise erzilten Erfolge wurden teuer erkauft. Ganz Rußland war mit Verwundeten überschwemmt. Die Kranken wurden in Privathäuser unterbracht, da die Spitäler nicht ausreichten. Ossiziere kamen bis nach Taschkent (Turkestan) mit eine/m! Notverband. So sehr war Rußland überfüllt mit Verwundeten. Dazu kamen noch dft Niederlagen bei Riga, (Korupatkin! soll dort 14. Divisionen verloren haben) Kowel und Halicz. In den!größeren Städten fanden Demonstrationen gegen die Regierung statt. Sibierien erhielt Feuilleton Aus dem Schisse. Vom Schalom Asch Wie ein stilles Gebet gleitet unser Schiff ins unheimliche schwarze Meer hinaus. Wie eine angstvolle Mutter umspannt uns die Nacht, umspannt mit ihren dunkeln Flügeln dsu Himmel, das Meer und das Schiff. Nach dem heiligen Lande geht die Fahrt. Weder Kriegsflagge noch Weiße Friedensfahn-r flattert über uns.- Mit der Flagge der Sehnsucht dringt unser Schiff in die schwarze Weite von Nacht und Meer. Ein Sehnen. Und doch sind zwei verschiedene Menschen auf dem Schiffe — drr Jude und der Russe. Aus den Schneesteppen Sibiriens treibt das Gewissen den alten Muschik ins heilige Land. Dem Staube des großen Verzoihers will er die ,Lebenssünde" beichten, die er keinem Menfchenohr vertäuen kann. In seiner Geburtsnach hat. Gott an hie Fensterläden des kleinen täuschens geklopft. Und die alte Bäuerin legte röschen auf Grpschen — von jedem Ei, von De׳ dem Tropfen Milch — für die Wanderung von Gouvernement zu Gouvernement, für die Fahrt über das weite Mer: Dort mit der Stirn an des Josef Arimathia zu schlagen — da, wo er am Freitag abend, um die Zeit des ״Lichtzündsnis", den gepeinigten Leichnam des Gottmenschen in Weißes Linnen hüllte und begrub. Aus dem alten Litauen kommt der alte Jude. Sitzt am Zwischendeck, in seinen Augen noch den Abglanz jenes letzten Blickes, den er — vielleicht zum letztenmal-e i>m Leben — seinen auf der Küste zurückgebliebenen Kindern׳ zugeworfen hat. Nach Palästina fährt er, um in der heiligen Erde zu ruhen. Am Oelberg wird er sein Grab sich wählen und im Nothamidrasch — Davids Psalmen auf den Lippen — den Tod erwarten. Eiiuen kleinen Jungen führt er mit — sein Enkelkind. Führt mit dem Tode das Leben mit. Mit dem letzten Tage des alten - Jahres den ersten Tag des neuen. Eine scheidende Seele — sagt er— und eine erblühende. Der Knabe klickt mit seinen kleinen Augen durchs Fensterchen ins Meer hinaus. Mn!eines Meer das in große! blickt.... Eine Welle kommt und eine Welle geht, und die Wellen schweigen... .Alles, was er bei sich trug, hat er schon durchs Fensterchen ins Mer geworfen. Auch Messer und Gabel des Groß- Vaters sind schon unten. Und nok immer schweigt, es. Er möchte selbst tim die Tiefe. Zu Großvaters Messer und Gabel. Jo, Mi Menschen sind auf dem Schifft der Jude und der Russe. Kommen aus demselben Lande, fahren auf demselben Schifft, derselben Küste entgegen. Aber zu zwei Göttern pilgern sie. Und der eine,gönnt nicht dem anderen seinen Gott und seinen Himmel, der zweite dem ersten nicht die Erde. Jeder hat seine besondere Ecke auf hem Schiff. Auf beider Lippen׳ die bei-׳' den Psalmen, einst derselben Harfe erklungen; jetzt spricht sie jeder in seiner Sprache, jeder zu seinem Gotte... Und beide trägt das Schiff dahin. Gleitet, gleitet bei Dag und Nacht, unter aufgehender Sonne und untergehender — bis golden das ,/Goldene Horn" erblrtzt. Die Sonne ein Jüngling, der der Braut geliebten Leib umfaßt. Meer und Licht undStvahl umschlungen. Mit dem jungen Tage fährt unser Schiff in hie Dardanellen ein. Vom Nachttau noch be-, deckt. Mit dem jungen Tage, der in den Frühsommerstrahlen der Sonne und des Meeres babet, der Meer und Küste wiegt. Tcmübergläzt!stehen die Häuschen da, trocknen sich an der lie* Üen Sonne. Ganz so die Bäumchen, -die Gras» lein« Pom tobschweren Schlaf zur Blüte erwacht. Kirschbäume, Myrtenbäume taugebadet, wie zum Trocknen ausgestellt. Und alle blicken dem fremden Schifft näh, wie Chederjungen, die den׳ Schlaf noch in den Augen und Wasftrtropftn noch in den Schläfenlöckchen, mit Butterbrot und!Gebetbuch in den Händen, vom ״Behelfe?" in ' den Chedrr gesuhlt werden. Md Baum auf