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Jüdische Volksstimme · 1917-05-24 · Heft 9 (24.5.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 9 (24.5.1917)
Date
1917-05-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Für Oefterreich-Nngarn, halbjährig ganzjährig . . / . . . . . Deutschland, gangjährig. Rußland, gangMrig . . . . . Balkan. Frankreich...... 20׳6 Kronen . —-12 Kronen . -12 ark» . —׳16 Nudel . —׳4 FrankO . Revaktion: Wie« VIII. Lercherrgaffe 6 «. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm» Lei»-ig. Inserat«: die Sspaltige Petitgelle 80 Jk Unserk^lPe redaktionell« Beiträge »erden nicht hyno» riert. — Wtäauskripten Ist Rückporto deigufügeu. «---:-: Wien-Brünn. 24. Mal 1917. 3. Slwan 5677. Prag—Lemberg. Bedenket am Schowuaus der Armen in Palästina! Alton Vorstehern» Rabbinern und Lehrarn, die am Pessachfeste unsere Sammlune unterstützt haben, sprechen wir auf dieser Steife unseren wärmsten Dank ans. Wir bitten Sie, auch am Schowuausfeste beim Gottesdienste Spenden für unser W dringendes Hilfswerk anzuregen. W Das ״Hilfskomitee 1915“ für Palästina. Nach drei Jahren. t Die Menschen sind Gewohnheitstiere. Nach jahrzehntelangem verfassungsgemäßem politischem Leben, sind wir bei Kriegsausbruch jäh Ms dem verfassungsgemäßem Leben gerissen und drei lange schwere Jahre durch 8 14-Verovdnungen beherrrscht worden.- Ganz lieb war uns die Jähheit, mit der der Uebergang zur verfassungslosen Zeit, stattgefunden hat, denn sie enthob uns bei Pen damals herrschenden unklaren Verhältnisse von der Pflicht, den Motiven des Uebergainges und feinen moralischen Berechtigungf Und juridischen Begründung nachzugehen. Und nun da die Verfassung wiederhergestellt werden und wir darob im Freudentaumel aufjauchzen sollten, sind wir in unserer Trägheit nicht einmal imstande uns über die volle Bedeutung dieses Momentes klar zu werden und nur unwillig und schwerfällig wollen wir uns ideologisch der .׳Neuorientierung" anpcussen. Befürchtungen, Zweifel steigen in uns auf, wer- Feuilleton Die Kabbalisten. Bon I L. Perez. (Uebersetzt aus dem Jiddischen.) In schlechten Zeiten fällt selbst die Thorah, unser höchstes Gut im Werte. Von dem großen Talmudlehrhaus Laschzewitsch waren nur noch der Rabbi übrig geblieben, Reb Jekel, und sein einziger Jünger. Der Rabbi war ein alter, hagerer Mann, mit langem wirren Bart, die Augen schon halb erloschen. Lemech,^ sein Lieblingsschüler, war ein schlanker, dürrer, blasser Jüngling mit dunklen Schläfenlöckchen, schwarzen Augen, die tief i׳m Kopfe lagen, trockenen, wie verbrannten Lippen. An seinem hageren Halse lugte durch die durchsichtige Haut der spitze Adamsapfel hervor. Die Brust,der beiden Männer deckte kein Hemd. Nur Lumpen hüllten die verdorrten Leiber. Der Rabbi mühte sich in einem Paar schwerer Bauernstiefel; dem Jünger fielen von den nackten Füßen die Pantoffeln herab. — — Das war also von dem .berühmten Lehr׳ Haus geblieben!... Das-Städtchen war verarmt. Die Freitische wurden immer seltener und seltener:!noch selden die Völker Oesterreichs imstande sein sich selber zu regieren? Um sich einen Rückgrat zuv erschaffen, wird das Parlament Rückschau halten müssen auf die drei verfassungslosen .8 14-Jahre. Viel, sehr viel wird zu sagen sein. Werden auch unsere Beschwerden zu Ausdruck kommen. Drei Jahre sind wir mundtot. Unsere Sprache, die wir uns in den letzten Jahrhunderten erobert und ausge- ,baut, in die wir fast die ganze schöpferische Kraft vergangener Generationen versenkt haben und die׳heute der wichtigste Teil unseres Wesens, unseres Seiin's ausmacht, ist uns mit Kriegsausbruch genommen worden. War unsere Sprache schon in Friedenszeiten ״inferior", konnte sie schon früher nicht die rechtliche Stellung eines ״lokalen Dialektes" erlangen, ׳trotzdem sie die Sprache anderthalb Millioen österreich-ungarischer Juden ist, trotzdem sie in Galizien und Bukowina vom mehr als 14 Prozent der Bevölkerung gesprochen wird, ist sie, die Sprache der Friedlichsten aller Friedliebenden, des staatstreuesten aller Völker des Staates, dem nicht ein Hochverräter im ganzen Kriegsverlauf zugefchrisben werden kann, als ״staatsgefährlich" (freilich von einer nicht zu eruierenden Instanz) verboten. Der einzigen jüdischen Zeitung, die sich im Kriege über Wasser halten konnte, sind die größten Schwierigkeiten in dem Weg gelegt, denen zufolge sie in Wien ihr Ersche'men einstellen müßte, um erst nach Monaten wieder in Lemberg austauchen zu können. Und mit welchen Schwierigkeiten kämpft sie noch heute, da jüdische Manuskripte nicht befördert werden! Und roch ist es die Sr rache, in der die verbündeten Armeeleitungen ihre ersten Aufrufe an Die rusfischen Juden' erließen, >in der Hindenburg und Mackensen die verschiedensten Erlässe publizierten und in der im (freilich, deutschen) Okkup'ationsgebiete sogar Amtsblätter erschisyen. Bei uns aber ist Tausenden und Abertausenden von jüdischen Soldaten jede Möglichkeit genommen, sich mit ihren Angehörigen zu verteuer sandte man Essen in das Lehrhaus. Da verliefen sich die Talmiudschüler in andere Städtchen. Doch Rabbi Jekel wollte hier sterben, und sein Jünger wollte bei! ihm ausharren, bis daß.er die Totendienste ihm leisten und ihm die Scherben auf die erloschenen Augen legen könnte. Wie oft haben die beiden Hunger getiten! Wer wenig ißt, mag auch wenig schlafen, und wer wenig ißt und wenig schläft, den drängt es in die Zauberkreise der Kabbahlah. So natürlich! — Wer des Nachts wacht und die ganzen Tage hungern mutz, will dann sein Leben adeln. Das darben wird dann zum heiligeyden Fasten und zur Kasteiung, daß sich die Pforten der Welten mit all ihren Geheimnissen öffnen, mit ihren Geistern und ihren Engeln. Und lange schon studieren sie Kabbalah! Nun sitzen sie am langen TW im Lehrhaus ganz allein..Bei allen andern Leuten im Städtchen ist längst die Mittagsstunde vorbei. Sie haben noch nichts gegessen. Wie immer. Der Rabbi lehrte und sein Auge sah starr verzückt in die Weite. Und der Jünger lauschte seinen Worten, das Haupt auf beide Hände gestützt. — Viele Stufen —׳ sagte der Rabbi, sind zu unterscheiden: Der eine kennt ein Stückchen, der andere die Hälfte und wenige die ganze Begleitung! Ich — sagte er traurig — war nicht begnadet, auch nur so ein'Stückchen zu besitzen {— und dabei maß er ein winziges Stückchen seines dürren Fingers ab). Und dann fuhr er ständigen und Tausende und Abertausende jübischer Mütter harren vergebens auf ein Schreiben ihres geliebten Sohnes, Vaters und Gemahls, der sein Vaterland gegen den Feind verteidigt. ... Im ungarischen Parlament ist die Evakuierung Siebenbürgens eingehend erörtert worden. Nun Galizien und Bukowina sind drei׳ mal evakuiert worden, darf auch darüber ein Wörtchen geredet werden? Wir hätten genug zu sagen! Auch jetzt noch ist die halbe Million jüdischer Flüchtlinge (die ja nach Schwarz-Hiller die stärste Betonung des österreichischen Staatsgedankens bilden) noch keineswegs auf Rosen gebettet. Der Flüchtlingsfriedhof in Deutsch- Brod, der vor einem Jahre errichtet, mehr als Tausend Flüchtlinge beherbergt, spricht Bände^ Wer erfordert diese Opfer? Der Staat gewiß nicht! Wen. wird den vom Felde heimkehrenden Brüdern ^Rechenschaft,geben können über den Tod ihrer Väter, Frauen und Kinder?.... Schwer lastet der Druck der Zensur auf die gesammteuropäische Presse. Und wir wollen heute auf ihren Nutzen und ihre Notwendigkeit nicht eingehen. Und doch ist die jüdische Presse ihrer besonderen Fürsorge ablegen. In einem jüdischen Blatte ist eine - schlichte Jnhaltswiedergäbe von Hauffs ״Jud-Süß" ,mitsamt dem Titel für Staatsgefährlich befunden worden. Die Poale - Zion haben in ihrem Mai-Aufrufe den Ausruf «Es lebe die ,jüdische Nation" spürlos verschwinden lassen müssen. * Das die Geschäftsordnung des Abgeordnetenhauses geändert wird, ist unumgänglich und notwendig. Für uns als Minorität ist es eine Lebensfrage, ob dabei nicht den kleinen Völkern, die nur wenige Abgeordnete ins Parlament entsenden, jede Möglichkeit, ihren Wünschen und Beschwerden Ausdruck zu verleihen, genommen wird. Zu den dringendsten Staatsnotwendigkeiten denen das Parlament seine Aufmerksamkeit fort: Es gibt Melodien, die des. Wortes bedürfen, das sin!d die niedrigsten... Es gibt Melodien höherer Artung, Lieder ohne Worte, voll Adel und innerer Weihe. Doch auch dieser Sang braucht eine Stimme und Lippen,!durch die die Stimme sich ergießt. Und Lippen — begreifst du — sind noch etwas Körperliches und die Stimme, die Wohl eine edle Körperlichkeit hat ist eben noch Körperliches. Gewiß, die Stimme steht auf der Grenze zwischen Geistigem und Körperlichem. Wie immer: die Werse, .die einer Stimme . bedarf, die an Lippen gebunden ist, ist noch nicht ganz lauter: Noch nicht ganz Seele und Geist! Aber die echte Melodie braucht die Stimme nicht. Sie klingt tief in unserem Herzen, in um serem tiefsten Innern. Und das ist das Geheimnis in den Worten, .Königs .Davids, der da sprach: Im Marken unserer Knochen muß es singen. Ja, dort muß der Sang liegen. Im Marke unserer Knochen must die Melodie wohneu. Das ist schon ein Teil jenes Schöpfersanges, in dem Gott die Welt geschaffen: -ein Teil jener Mltenseele. die Gott in das Weltall Hinringegossen. So singen die Engelchöve in den Himmelsspären, so hat «der Jud", der erste Chckssid gesungen, dessen Angedenken uns zum Segensei. Da mußte der Rabbi seine dunkelsinnige Rede unterbrechen. Ein zerlumpter Jüngling rtiit einem Strick um die Lenden •— ein Träger m. ׳iit -.:1 .,M

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