Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 8 (10.5.1917)
- Date
- 1917-05-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 8. ««a 11 g 1»11M «: Für Oesterreich-Ungarn, hawjährig . Kronen 6 20 ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig . ..Rubel 16 — Ballan, Frankreich ........ Frank» 4׳— Redaktion: Wien' VIII. Lerchengafse 6 a. D Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe v. Buchhändlerische Vertretung: Ott« Klrm«, Leipzig. Inserate: die öspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono« rtert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. <53---—---1 Wien—Brünn. 18°:!"1 ״®m. Prag—Lemberg. Die Sonderstellung Galiziens. Die Sonderstellung Galiziens ׳bedeutet Wohl bas wichtigste Ereignis im politischen Leben der österreichischen Juden seit ihrer Emanzipation. Der Kern der österreichischen Juden, der an Zahl stärkste und in völkischem Sinne gehaltreichste und urwichtigste Teil der österreichischen Judenschaft soll nicht nur staatsrechtlich vom Gesamtstaate losgelöst, sondern .auch Wirtschaftlich und kulturell aus dem Zusammenhänge mit den übrigen Teilen herausgerissen werden. Vom, großösterreichischen Gesichtspunkt׳ bildet die Sonderjstellung eines Kronlandes eine unglückliche Karrükierung der einzigen Möglichkeit des staatlichen Zusammenlebens vieler Nationen, der nationalen Autonomie. Andererseits erfaßt die Sonderstellung die noch zwei andere Nationen, die absolut die Mi.m derheit des Landes (52 Prozent) bilden und denen die Losreißung von den Volksgenossen in den anderen österreichischen Kronländern als größtes nationales Unglück erscheinen muß. Allein die Sonderstellung Galiziens scheint - finden und in die wir uns einstigen müßten, wenn auch die Forderungen der radikalsten und angeblich demokratischesten polnischen Parteien, der poln. Volkspartei und polu. Sozialdemokrat ten auf Oktroierung der Sonderstellung nicht duvchdri'Ngeu werden. Wenn wir auch bezweifeln, ob die Sonderstellung Galiziens, in dem« die Polen nur die relativ stärkste Nation (48 Proz. bilden, die!emsig mögliche und glücklichste Lösung der durch die Selbstständigkeitser klaut un Kongreßpolens unterhaltbar gewordenen staatsrechtlichen Stellung der Polen in Oesterreich, so gilt doch heute für uns die Frage nach Stellung und Verhältnis der Juden im sondergestellten Galizien als die wichtigste Kehrfeite des Problems. Welches Schicksal erwartet setzt die galizischen Juden? Die Erfahrungen, die wir Juden bisher mit!den Polen gemacht haben sind di:׳ vielleicht die schlimmsten in unserer Leidensschichte. Der Spruch: ״Der Mensch beginnt beim Polen" ist bei den polnischen Volksmassen fester im Bewußtsein verankert als bei jedem anderen Volke. Dieser nationale Chauvinismus hat sich dem Juden gegenüber zu einem, schvocklichen Antisemitismus verdichtet, der unerhörte Früchte gezeitigt hat. Unter Führung der Lehrer haben polnische Schulkinder während der Boykottbewegung (1918) in Kongreßpolen jüdische Häuser »an gezündet und sie mit ihren Bewohnern verbrennen lassen. Zu einer solchen Entmenschlichung der Kinder hat sich noch kein nationaler Chauvinismus verstiegen. Die Be- Handlung der Juden im befreiten, seblbstständigen Kongreßpolen, die Vergewaltigung der Juden bei der Volkszählungsbewegung, die Drohobiczer Blutwahlen, der rücksichislose wirtschaftliche Kampf gegen! die Juden im Galizien bilden die wichtigsten Momente in der Reihe der Vergewaltigungen der Juden durch die Polen die zu den schlimmsten Befürchtungen Anlaß geben. Und doch glauben wir anläßlich der Sonderstellung keinen Anlaß 3ur Verzweiflung, nicht einmal zu übertriebenem Pessimismus zu haben. Nicht, daß wir an eine Berücksichtigung der jüdischen Forderungen in . legislatorischer Hinsicht bei der Sonderstellung erhofften». Die jüdischen Parteien finb viel zu schwach, viel zu wenig!in den Volksmassen verwurzelt, als daß sie Forderungen erheben, umsoweniger als daß »ihre Stimme erhört werden sollte. Unsere ״Führer" (haben wir solche?), auch die Pseudonationalen stecken noch vielzusehr »in der ״Ma jusith" Psyche, als daß sie eine besondere Stellungnahme des jüdischen Volkes für nötig, fänden. Allein die Voraussichtlich Hist.-Polit. und Wirtschaft!. Entwicklung der Verhältnisse in Galizien eröfnet auch dem jüdischeu Politiker günstige Perspektiven. Der übertriebene und rücksichtslose nationale Chauvinismus war nur solange möglich, als die Schlagworte ״das!Polnische Vaterland in Gefahr", »die Juden sind Russifikatoren (in Polen). Germanisatoren (in Galizien)" bei der politisch- Psychischen Verfassung her polnischen Nation unter den Massen starken Anklang finden mußten, dev die verschiedenen Parteien über alle Gegensätze hinweg einigte. Mit der Selbstständigkeitserklärung Kongreß-Polens und der Sonderstellung Galisiens verlieren diese demagischen ׳Schlagworte jede Berechtigung und hiemit auch den Anklang bei den Massen. Allmählich worden die politisch-wirtschaftlichen und kulturollen Differenzierungen innerhalb des polnischen Volkes stärkere Betonung erfahren als die nationale chauvinistischen Forderungen. Mit dem Schwinden der nationalen Gefahr wird es auch den Polnischen Volksmassen zu Bewußtsein kommen, daß die Schlachta nicht gerade der geeignetste Vertreter seiner Lebensinteressen ist und daß seine wirklichen Lebensinteressen »viel öfter die der Massen der anderen Nationen tangieren, als die des Adels und Großgrundbesitzes und so wird die Brücke zur Verstandigung der galizischen Völker »gebaut werden. Andererseits werden die Forderungen der Ruthenen von aller Anfang zumindest teilweise Berücksichtigung finden müssen. Das ruth. Volk ist sich seiner Bedürfnisse zu sehr bewußt und hat diesem Bewußtsein oft genug kraftigert Ausdruck verliehen, »als daß man über Feuilleton Mein Vater hat geweint! Aus dem ״Jüdischen" von Schalom Asch. 1. Mein Vater hat geweint. Ich selber habe »es gesehen, wie sich -׳eine Träne aus seinem Auge stahl, ein Weilchen auf seiner Wange hängen blieb, dann in den! Runzeln seines Gesichtes zerrann und sich schließlich in seinem dichten Barte verlief. Mein Vater hat geweint. Wißt ihr, wenn meine Mutter geweint hätte, hätte es «mich nicht so stark ergriffen und wir das Herz beklemmt; aber der Vater! Der Vater hat noch niemals, niemals, sag' ich euch, geweint. Auch damals nicht, als mein kleines Schwesterchen Rachele starb.... Ich »erinnere mich noch meines kleines Schwesterchens, ein Königskind war es. Ein kleines rundes Gesichtchen, mit immer schmutzigen Mmgen und doch hat die frische Röte auf den Wangen» »gefunkrlt, gelacht »und die großen Aeuglein waren tief und schwarz. Sie waren umvahmit von »den roten schmutzigen Bäckchen und haben so schelmisch herausgelächelt, daß mich mehr als einmal gelüstete, eine Stecknadel SU nehmen , und tief, tief hineinzubohren in die Aeuglein. Und noch heute, wenn ich daran denke. preß' ich die Augen su und knirsche mit den Zähnen..... Mein Vater kommt vom Beth-Hamidras! — und die Mutter steht im Winkel am Herde, der Rauch und Dampf hervorqualm,t und der Vater setzt sich an Racheles Wiege und blickt zärtlich und liebevoll auf das schlafende Kind. Es hat die Aeuglein geschlossen, die Lippen geöffnet, weiße Zähnchen blinken und der Vater sitzt und schaut und spricht selber zu sich: »Mein Rachele, mein Leben. ." Da wird das Schwesterchen krank und der Vater sitzt ganze Tage unid ganze Nächte an der iege. ■iiifci Und plötzlich stirbt das Schwesterchen. Sie liegt am Erdboden!auf der Streu, mit einem schwarzen Bahrtuch bedeckt; zu Häupten brennt ein Lichtlein und meine Mutter sitzt neben ihr und schlägt sich mit beiden Fäusten .auf den Kopf und hadert mit Gott, (gelobt sei sein Name!) Und wir alle weinen — auch mein kleiner Bruder Josef, der in der Wiege liegt, weint mit. (weil sein Schwesterchen starb, oder die Mutter ihn vergaß? — wer weiß) — alles weint, auch das elende Lämpchen, das mitten in der Stube am dicken Balken hängt und ׳mein Vater geht in der Stube auf und ab und keine Träne zittert in seinen Augen. -Damals hat er aber geweint. Ich will euch den ganzen Hergang erzählen. 2. Mein Vater, müßt ihr wissen, sitzt den gan- Sen Tag im Beth-Hamidrasch und lernt die hei״ lige Thora und meine Mutter steht auf der Gasse beim Stand und verkaufte Schnittware und wenn just kein Jahrmarkt ist, geht sie mit der Ware in die Häuser und verkauft auf Borg. Da, zu Anfänge des Muters war ein grm ßer Frost, wie ich mich erinnere. Die Mutter sagte dem Vater, ehe sie auf den Markt fuhr, er solle uns nicht zum Cheder lassen und nahm selbst die warmen Kleider aus der Kommode, bekleidete uns damit, nahm Abschied, gab jedem ein Zwei-Kopekenstück (mir ein ״Fünferl") und ist mit Nutes Fuhrwerk auf dsn Markt gefahren. Die Mutter kam krank vom Markte zurück. Und von dem Tage an lag sie drn ganzrn Winter und hustete. Mich schickte die Mutter in dir Häuser um einzukassieren, und als der 'Vater dies erfuhr, war er böse, weil man mich vom ״Chrder" ferm hielt. Einst kam ich bei Nacht vom Cheder nach- Haufe und sah, daß die beiden kupfernen Kessel, die an der Wand gegenüber dem Herde zu hängen Pflegten, fort waren. Ich wunderte mich. Aber ich wischte mir den Mund ab und schwieg. Ein anderesmal, »als ich nachts vom Cheder heimkam, sah ich, daß die Uhr, ,,der Vater der Stube", mit den beiden langen Ketten und den schwer herabhängenden Gewichten,!nicht mehr da war.