Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 7 (23.4.1917)
- Date
- 1917-04-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jayrg. xviii. Nummer 7. t «ezu-S-reise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig .. Deutschland, ganzjährig . . , . Rußland, ganzjährig ..... Balkan, Frankreich...«,. 20 6 Kronen . —׳12 Kronen . -׳12 Mark . —׳16 Rubel . —׳4 «Frank . Redaktion: Wie« VIII. Lerchcngasse 6 a. jgl ___A Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die Sspaltige Petitzeile SO fc. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. a-a Wien—Brünn. 23. April 1917. 16. Nissan 5677. Prag—Lemberg. aRVQNBwwWwWwViDwwwww Der hemigen Nummer liegen Posterlagscheine bei. Die P. T. Empfänger werden um gefl. umgehende Bezahlnng des Abonnementsbetrages ersucht. Die Administration. Selbstbesreiung. Noch ist die Revolution in Rußland nicht zu Ende. Noch lassen sich die Folgen der Revolution in ihrer Gänze nicht ubersehen. Noch ist nichts Bestimmtes über die Stellung der neuen Regierung zur Judenfrage bekannt. Eines aber ist gewiß: Der Zarismus > ist nicht mehr! Mag sein, daß die finsteren Elemente durch Gegenrevolution die neue Regie- -rung stürzen werde. Mag sein, daß die briti- Ränkeschmiede die neuen Männer, die ihnen über den Kopf gewachsen zu sein! scheinen, noch stürzen werden. Eines ist ׳gewiß, der Zarismus als System, als Organisation für die Unterdrückung und Niedermachung der eigenen Völker, der Zarismus als Hetzer zu Pogromen ist nicht mehr möglich. Und hätte die Revolution keine anderen Früchte gezeitigt als diese, wir alle müßten sie als Freunde der Völkerfreiheit, als Freunde des Fortschrittes, als Juden mit frohem Herzen begrüßen. Ganz anders wird die Freiheit der Juden än Rußland als die der Juden des Westens sein. Im Westen ist die Emanzipation der Juden von außen, als Akt der Liberalität der LaNdesbewohner oft gegen den Willen der Juden oder eines Teiles von ihnen, verliehen worden. Nur einzelnen von ihnen war es früher gelungen ins -gesellschaftliche Leben der Gesamtbevölkerung einzudringen. Die Gesamtheit lebte abge- Feuilleton Zwei Welten. Bon PinStt. (Schluß.) ״Warum sollen wir ihr nicht einmal ׳eine Kränkung ersparen," rief Lea. ״Das Spülen des Geschirrs ist eine Kleinigkeit, die wir nicht nachgeben könnten. Das hat mit meinen Prinzipien nichts zu tun. Wenn wir ihr den Wunsch nicht erfüllen, wird sie in den Feiertagen hungern..." ״Soll sie Leib, den Schames, schicken." ״Sie schämt sich, einen fremden Mann darum zu ersuchen." Unter solchen Vorurteilen will ich nicht lei׳ den...." Lea setzte sich zu Benjamin. «Ich werde mit Dir gehen und Dir helfen das Geschirr tragen," sagte sie und streichelte seine Haare. Dann beugte sie sich nieder zu Hm und sie küßten einander. ,,Ich sehe gern, wenn Du nett zu mir bist", sagte Benjamin, ״aber zum Teich gehe ich nicht. Ich gebe ja in allem nach. Wir führen ein frommes Haus — nicht? Sonst würde sie es ja bei uns nicht aushalten. So etwas aber darf sie von mir nicht verlangen. — Habe ich nicht Recht?" schlossen, auch im sozialen Sinne als ״Staat im Staate." Ganz anders in Rußland. Hier sind die Juden noch vor ihrer Emanzipation im ökonomischen und kulturellen Leben ein wichtiges und bedeutendes Glied des russischen Gesamtorganismus. Im politischen Leben sind sie der treibende Faktor, darum ist ein freihjeitliches Rußland ohne vollberechtigte Juden undenkbar. Die Freiheit wird ihnen nicht von außen gewährt. Sie haben sie sich schwer mit eigenem Blute erkämpft. Wenn auch einzelne jüdische Hyper- und Hurrapatrioten in Rußland (die übrigens ganz im assimilatorischen Lager standen, bis auf «eine kleine Gruppe hebräistisch-russifikatorischer Zionisten) die Revolution als unjüdisch verwarfen, waren doch nicht nur einzelne Juden die geistigen Urheber und Führer der revolutionären Bewegung, sondern die gesummte jüdisch-bewußte Arbeiterschaft, das ganze Kleinbürgertum und die jüdische Intelligenz standen als Juden, als bewußte Juden in den! ersten Reihen der Revolution. Darum sieht sie in ihren Resultaten für die Juden anders aus als die Juoenemanzipation im Westen Grusenberg und Winawaer sollen in den Senat berufen sein. Diese zwei Namen sind ein Programm, daß viel, sehr viel besagt. Man vergleiche sie nur mit den Elementen, die anderswo die Juden repräsentieren, eine Vergleich etwa Dicksstein-Nathansohn und Winawaer-Grusenbergund der Unterschied der Selbstbefreiung und der Gleichstellung als Geschenk liegt klar zu Tage. Notus. Aus der Presse. Zum Unterschiede von der österreichischen Presse, di; für alles Mögliche Interesse bekunoet, nur nicht für das, was uns nahesteht und nahegeht, widmet die allgemeinie Presse des Auslandes auch der Judenfrage großes Interesse. ״Nein", sagte sie, stand vom Divan auf und durchquerte ein paarmal das Zimmer. Dann ging sie zur Mutter. Die Mutter legte das Geschirr in einen Korb. Sie weiß nun, was sie zu tun hat. Sie denkt daran, daß sie vor Jahren einmal, als ihr Mann sich auf Reisen befand und erst am letzten Tage vor Ostern nach Hause kommen konnte, hatte damals, keine andere Wahl — und so wird sie auch heute selbst zum Fluße gehen. Sie will mit dem Schwiegersohn nicht mehr länger strebten. Sie muß sich jetzt darauf «gefaßt machen, so manche Vorrichtungen des Familienvaters selbst zu besorgen. Aber traurig macht es!sie, sehr traurig! ״Ich werde Leib, den Schames holen lassen", sagte Lea. «Ich brauche niemand," antwortete die Alte entschlossen und legte ein Gefäß nach dem anderen m den Korb. ״Was willst Du beginnen?" fragte Lea. ״Das wirst du gleich sehen. Ich gehe allein." ״Allein?" ״Ich weiß, Gott sei Dank, wie man es macht. Alles werde ich allein tun", sprach sie mit großer Erbitterung. «Das Geschirr spülen, den Chumitz verbrennen, Erew Tawschielen* machen**), den Seder halten, die Fragen des jüngsten Familienmitgliedes stellen und selbst beantworten.— Alles will ich allein machen." Ihre Worte kamen gedehnt aus d. Mund, Im ״Berliner Dagblatt" behandelte Frh. von Rechenberg vor kurzem die Nationalitäten» frage in Polen. Seine Ausführungen bez. der Juden, mit denen sich Dr. Paul Nathan, der Vorsitzende des Hilfsvereines ׳deutscher Juden, in einem zweiten Aufsatze fast ganz indentifizierte, gipfelten darin, daß den Juden jedes Charekteristi!kum als Nation abgehe, da Jiddisch" nichts als verdorbenes Deutsch sei. Die Anerkennung als Nation werde übrigens nur von einem ׳ganz geringen Teile der Polnischen Juden unter Einfluß aus Deutschland importierter Ideologien angestrebt. Diesen Ausführungen tritt nun im selben Blatte (vom 13. April 1917) der sozial-demokratische Abgeordne- M. Cohen unter dem Titel ״Deutschland, Polen und die Juden" entgegen. Nachdem Cohen! die Entwicklung der weiteren Entwicklung der Dinge im Osten für Deutchland hervorhebt und der Zukunft der polnischen Politik jede Berechtigung zu Optimismus abspricht, führt er im ״Wesentlichem׳" aus: In der Beurteilung der Judenfrage befinden sich Herr von Rechenberg und Dr. Nathan in einer weitgehenden grundsätzlichen! Uebereinstimmung: sie wollen beide von einer nationalen Autonomie der polnischen Juden nichts wissen. Wer das reichhaltige, übier die Lage vorliegende Material einigermaßen durchgearbeitet hat, weiß, daß die'Juden selbst in ihrer großen Mehrheit und derer Auffassung sind. Herr Dr. Nathan freilich hält die Zahl der nach nationaler Autonomie strebenden Juden in Polen für gering und bedauert diese Bestrebungen über- Haupt ״vom Standpunkt praktischer Politik aus." Ich weiß nicht, was Herr Dr. Nathan Praktische Politik nennt. Aber das eine weiß ich bestimmt, daß!in der Zukunft in! Osteuropa jede Politik unmöglich fein wird, die sich nicht dazu entschließt, das Recht der kleinen Nationen auf Autonomie! in!allen KulturfraWn anzuerkennen. Und man sollte sich endlich allerseits dazu bequemen einzusehen, daß nur auf diese Weials wollte sie ihren Sinn aus der Tiefe erfassen, um sich das ganze Elend ihrer Witwen-Einsamkeit zum Bewußtsein zu bringen. Lsa hatte Erbarmen mit der Mutter. Sie half beim Einpacken des Geschirrs und suchte die Tränen zrückzuhalten. ״Warte ׳einen Augenblick," rief sie aus. Die Teller liegen nicht gut. Laß mich nur allein machen. — So — siehst Du, jetzt ist es schon besser." Die Mutter freute sich rer Teilnahme der Tochter und wurde besser gelaunt. ״So, jetzt ist es recht", fuhr Lea fort. Weißt Du was, Mutter, ich gehe mit Dir und werde Dir das Geschirr zureichen". Die Mutter umarmte und küßte sie. ״Doch eine Tochter", sprach wie für sich. Lea wischte eine Träne von der Wange und rannte ins -nächste Zimmer. Bald kam sie mit einem Leintuchs zurück, mit dem sie das Geschirr zudrckte. Sie arbeitete flink und ihr Gesicht bekam Farbe. Ihre schönen blauen Augen nen", fragte die Mutter unv say nw* ^ewundo* rung auf ihre schöne Tochter. Lea schien sie nicht zu verstehen. »Dein Gesicht strahlt, weil Du Gott Wohlgefällig bist", fuhr die Mutter fort. ״So meinst Du es", rief Lea lächelnd. Die Mutter fühlte nun, ׳daß nicht die gute Tat Leas Augen leuchten machte, aber sie gab dem Gedanken keinen Raum in ihrem Innern