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Jüdische Volksstimme · 1917-04-05 · Heft 6 (5.4.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 6 (5.4.1917)
Date
1917-04-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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njmUH» fiwwt« lllKsßjMt. »-- Bezngspreise: -s B 1 Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9.® Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 Redaktion: Buchhändlerische Vertretung: Otto Stemm, Leipzig. ganzjährig. Deutschland, ganzjährig ..... Rußland, ganzjährig ...... Balkan, Frankreich. . Kronen 12 — . Mark 12'— . Rubel 16׳— Wien VIII. Lerchengaffe G a. Inserate: die kspaltige Petitzeile SO h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono- ן riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. m--נ la----- -j z Wien—Brünn. 5. April 1917. 14. Nissan 5677. Prag—Lemberg. Dritter Kriegspefsach. 5677. Keines der Mischen Feste ergreift so mächtig bi!e Volksseele, weckt so laut und eindringlich dias Gefühl der Zusammen1g!ehörigkeit zu seinem Volke, rüttelt auf die Schwankenden und belebt die Massen als das Pessachfest, das Fest der Freiheit, die Erinnerung an die Erlösung des Judentums von Tyrannei und Sklavenjoch, von einem Jammerdasein voll Aechzen und Stöhnen, wozu ein grausiges Schicksal unsere Urväter in Aegypten verurteilt hat. kein anderes Volk auf Erden, hatte Israel sein; Martyrium zu ertragen, hat es leiden und dul-! den gelernt bis ihn der gottgesandte Retter und Führer Moses erstand, mittels dessen das Wun-:!der des Auszuges aus Mizraim vollbracht und die Nemesis über Israels Peiniger erfolgen konnte. Religiöse und nationale Motive begründen also das Pessachfest׳ in ganz besond.Maße.! Seiner Heiligung und Bedeutung sindj wir uns noch bis heute innerlich bewußt, so Vieles von den Traditionen unserer Altvordern sich an uns auch schon verblaßt und verflüchtigt, haben mag. ' | Der Sederabend ist uns willkommener! Anlaß, uns unseres Glaubens und der damit, verbundenen heiligen Gebräuche zu erinnern,! um so mehr, als wir -mit ihm ein trautes. Fest der Familie feiern, woran schon das zu Fragen verstehende Kind seinen verplichtenden Anteil j hat. Aus weiter Ferne kommen die Angehöri-! gen der Familie an diesem heiligen Abende zu-! samimen, die Jugend gesellt sich zum Alter,' Knecht mib Magd dürfen auch nicht fehlen und! von aller Lippen ertönt an ׳erster Stelle der Hagada, der von echt sozialem Geiste eigegebene j Ruf: ״Wer hungrig ist, komm und!esse mit! uns!" Diese schöne, die Menschheit verbrüdernde Stelle wird uns Heuer grausam gestört. Aber nicht nur die warmherzige Mildtätigkeit muß leiden, auch die heilige Sitte des Seders er-! scheint ernstlich bedroht. Wo Gatte, Vater und Sohn im Schützengraben Hausen oder Trauer. Feuilleton Der gestörte Abendtrunk. Eine nebensächliche Episode aus der ägyptischer Vorzeit. — Von Dr. Max Steif. ' Der ehrenwerte Oberpriester aus Aegytens Hauptstadt, Tik-Tepu, atmete aus erleichteter Brust mehreromalr ordentlich tief auf, als er sich wieder auf der Straße ergehen konnte, um wie sonst allabendlich seine Schritte nach seinem Stammlokal, dem Gasthaus ״Zur Himmelpyramide" hinzulenken. Und er hatte nur allzutriftigen Grund zu dieser gesunden Atem- Übung. War es denn eine Kleinigkeit, durch ganze drei Tage an seinem geliebten Abendtrunke verhindert gewesen zu sein, und wie festgenagelt immerfort nur auf seinem Stuhl fitzen zu müssen, weil ganz unversehens ein abscheulich stickiger Nebel sich über alles ffelegt1 hatte, der ein solch arge, dichte Finsternis all-! enthalben verbreitete, daß man nicht einmal die Hand vor seinen Augen sehen konnte. Und wer nach die geringste Luft, sich auf die Straße hinauszuwagen, wo man alle Augenblicke Gefahr! laufen mußte, sich an jeder Ecke den Kopf ׳ein-! zurennen! > Und darum tat unserem Oberpriester heute, mach dieser auferlegten dreitägigen Zwangseinzog in gar manch ein Haus — kann es da einen Seder geben? Und jene anderen wieder, die die relgiösen Gebräuche zu beobachten gewohnt wäre, fragen sich bekümmert, wie mit einem halben Kilo Mazzott das Auslangen für zwei Sederabende, geschweige denn für acht Pessachtage zu findon! sei. ׳ Gewiß, ein Großteil!Br Judenheit, zuimal die Oestler, werden Opfer der Entsagung brin-! gen, um Gesetztreu zu bleiben. Mir verneigen' uns vor solcher Gtaubensfestigkeit, die um so höher wertet, als sie Ferne vom heimatlichen Herde, bedrückt vorn Gefühle der Fremde zur Betätigung gelangt. Unsere Behörde hat lob* licherweisc ein gerechtes Erbarmen für unsere ׳unglücklichlichen Glaubensbrüdert indem sie ihnen als Ersatz der zulässigen Nahrung eine größere Kartoffelqote zuzuweisen im Begriffe, ist. Brüderliches Mitgefühl mit den armen Flüchtlingen wird sich auch in Geldunter-, stützungen betätigen, von denen leider giar manche Werden Gebrauch machen müssen, die vor dem! Kriege selbst Wohltaten übten. Diese Erkenntnis bricht überall mit elementarer Kraft, ritt־ tclt die Geister und öffnet die Herzen. Ein Herrliches Beispiel großzügiger Charitas lieferten unsere Glaubensbrüder in Amerika! mit Spanien von mehreren Hundcrttausenden Dollars, die die Wiener Zweiganstalt der »Israelitischen Allianz" mit organisatiovischer Umsicht und Promtheit in höchst anerkennenswerter Weise zur Verurteilung brachte. Daneben!,wirken mehrere Wiener Organisationen eifrig und erfolgrcich unsere bedrängten Brüder in Palästina, die das Schicksal des Weltkrieges gemeinsam mit uns teilen und unter dessen verheeren- : den Wirkungen noch ntehr als wir zu leiden haben. > So eint uns gemeinsames Schicksal und der Menschlichkeitsgedanöe schlingt um utts das Band ’ der Brüderlichkeit inniger und fester denn je.! Aus dem Toben des Völkerringens, aus blutgetränkten Schlachtfeldern und zertrümmerten[ Stätten sprießt Menschenliebe, die zur Pflicht führt. Möchte sie doch Gemeingut aller Natio neu werden und unseren Feinden, insbesondere jenen, die mit der Bibel so viel Aufhebens machen, die echte wahre wahre Religiösität beibriirgen. Das Pessachfest, das wir Juden nun im dritten Jahre des Krieges begehen, soll uns den vom! Unheile zumeist Betroffenen, die Leiden unserer Geschichte in Erinnerung bringen und aus ihnen Trost und Hoffnung schöp,- lassen. Schwer lastet die Drangsal der Zeit auf uns betrübten Gemütes setzen wir uns noch zunt Södertische, aber die Mahnungen der Hagada: Zu allen Zeiten sei es unsere heilige Pflicht, uns vorzustellen, als ob auch wir an dem Auszuge aus Mizraim teilnehmen auf das auch uns die göttliche Vorsehung begnade —, begrüßen wir als frohe Botschaft einer bessern Zeit. Möchte ftp hnrfi firrlh a1tr rifvrft 1יi.f hwvhpn hi'm sie doch bald zur Wahrheit werden, dem Vaterlande den ehrenvollen Frieden, Milderung der Schmerzen und uns allen Heil und Wohlfahrt bescheren! A. S. Die unveränderlichen Betrachtungen zur Budgetberatuug der Wiener Kultusgemeinde. Die jüdische Gemeinde der Neichshaupt- und Residenzstadt hat eine öffentliche Sitzung abgehalten. Die Vertreter fast ein Viertel Million Juden haben im dritten Kriegsjahre über Jahresausgaben von ntehr als vier Millionen Kronen, über Stiftungsgelder von zirka 26 Millionen Kronen beraten. Ein gutes Drittel der österreichischen Judenschaft irrt, von der Heimat verjagt, brzot- und Planilos umher und ist i!n seiner ganzen Existenz von Zufall und Willkür abhängig. Unser ganzes Wirtschaftsleben ist erschüttert, das soziale und kult. Leben der Juden Ostgaliziens und der Bukowina für Jahrzehnte hinaus untergraben. Ganze Generationen wachsen derwildert ohne Erziehung auf, von jüdischer Erruhe das Gehen so wohl, war er doppelt froh-'Und da an der zweiten und dritten Türe ebengelaunt, in wieder erlangter Bewegungsfreifalls, ja an allem die Reihe nach! heit seine Füße einem Ziele entge genzuführen, Was hatte denn dieses zu bedeuten? Da wo man int Kreise gleichgesinnter Trinkgesährging sicher was vor! Und ganz gewiß nicht mit ten sich endlich die so schwer vermißte Herzstär-! rechten Dingen! — kung zweifach werde munden lassen können. Als unser Oberpriester Tik-Tepu, über das Aber während er sonst zu solch löblichen Beeben Gesehene noch in allerlei Vermutungen ginnett die kurze Wegstrecke zu wählen pflegte,!versunken, das Gasthduslokal ״Zur Himmmelleistete er sich heute aus genanntem Grunde ein' Pyramide" betrat, fand er daselbst die vertrau- Uebriges und beschloß, diesmal einen kleinen te Abendrunde versammelt, u. ntan suchte hier, Umweg durch das Ebräer-Viertel zu machen. ׳ nachdem alle Unannehmlichkeit der schrecklichen Sie war ihm zwar in der Seele zuwider, diese drei Tage doch glücklich überstanden, diesen eine Menschensorte, an der man ganz gut daran tat,׳ ntehr heitere Seite abzugewinnen. Namentlich sie bei jeder Gelegenheit sein Uebergewicht und der wohlbeleibte Oberbäcker konnte seinen anseine Ganze Ueberlegenheit fühlen zu lassen, deren Trinkkumpanen, dem hageren hochaufgeaber darum braucht man noch lange keine Verschossenen Obersalbenmischer und dem stets geachter ihrer hübschen Mädchen und Frauen sein wichtig dveinbtickenden Ofertraumdeuter nicht und es sich versagen, hin und wieder in ihre grogenug von seinen oft drolligen Verachtung^ tzen, schwärmerischen Augen zu blicken. mit Personen und Sachen, zu denen die Pech- Doch wie sonderbar! Gewöhnlich konnte ״ttemis hunderterlei Anlaß man haufenweise. Arm in Arm sich ergehend Be־[ °ot׳ ׳rzayien gegnen, heute!aber vor weit und breit keine »Aber dieser heitere Ton verstummte bald, einzigdieser hebräischen Schönheiten zu ent-! s°w>« der Oberpriester T,k-Tepu mit »ehe,mnisdecken. Alles schien überhaupt wie ausgestorben, voller Miene und m gewohnt breiter, ausma- Ja selbst die Türen, durch die man sonst um dielender Weise von seinem eben erst im Ebraevse abendliche Zeit unbehindert bis ins Innerste der Häuser hinein licken konnte, waren fest verschlossen.— Und was denn das für eine merkwürdige Sache? Hier an der Haustüve, oben am Querpfosten und.an beiden Seiten Blut Beobachtungen Viertel!gemachten, seltsamen Mitteilung machte. ״Wenn das nicht verabredete Zeichen für unsere Feinde sind, laß ich mich hängen!" fuhr der Obertraumdeuter empört auf. Diese Vater- Soeben erMenen: Sickls Küd. Krieaskaleilver.

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