Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 2 (31.1.1917)
- Date
- 1917-01-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ssg}gatcatti!as Seite 6. ״JL»ische V<tt»ftim«e" 2 .Ne ... —.•Q ~ •r ..■'JU״ f ,L , Wo der Mensch ganz in daS Verhältnis zur Mensch-. lichen Umgebung aufgeht, wo ihn die Sorge um seine! Stellung in Nebeneinander und Nacheinander alles übrige vergessen läht, da muh er immer Mehr aü im nerc Selbstständigkeit, an seelische Tiefe, an geistiger Größe verlierenda wird er unvermeidlich ein bloßes Oberflächen- und Schablonenwesen, da muh schließlich astes eigne Leben, alle wahrhaftige Gegenwart bersc^vinden. * Mag daS nützliche noch so oft den Schein des Guten erschleichen, ein Gutes wird es damit nicht. ck In dem Versagen aller gewohnten Hilfen, ja in in dem Versinken der ganzen bisherigen Welt erwuchs mit überwältigender Kraft die Ueberzeugung von der Ilnzcrstörbarkeit eines innersten Kernes, und aus dem Zusammenbruch aller landläufigen Glücksbestrcbungen erhob sich die Hoffnung, ja die Gewißheit eines neuen, echteren und reineren Glückes. «. .. * $111* Mit einem lebenumspanncuden Werke cklangt die sonst flüchtige und nichtige Zeit das Äewußtscin einer ihr innewohnenden Ewigkeit und eines unangreifbaren Wertes. Schließlich geht auch durch das Äesamtstreben der Menschheit das Verlangendie ganze Unendlichkeit des Daseins in eine einzige Wirklichkeit zusammenzufassen, in ein Gesamtwerk zu verwanöelü, zugleich aber für sich selbst eine charakteristische geistige Art zu gewinnen. Alle echte Kultur ist unmittelbar! auch ein Streben der Menschheit nach einer inneren Einheit ihres Lebens und Wesens; ohne das bleibt die Kultur auch bei fieberhafter Geschäftigkeit etwas, das uns nur äußerlich anhängt u. daher im letzten Grünbe gleichgültig ist.Wird aber jene Beziehung zur eignen Art und Sclbsterhaltung gefunden, so ist das Leben über' alle gesellschaftliche Existenz sicher hinausgehoben, so hat es sich selbst eine Welt errungen: & Echtes Erkennen gibt cs nie von Fremden, sondern immer mir vorn Eigenen, echtes Erkennen ist immer ein Entdecken eignen Lebens, ein Sichselbsterkennen tudem, Was zunächst etwas Fremdes dünkte. * So notwendig die Kultur auch für den letzten Nbschluß des Lebens ist, seinen Hauptstandort hat der Mensch nicht in ihr, sondern über ihr zu nehmen. Denn wäre die Kultur sein höchstes Ziel, so bliebe fein Leben letzhin auf eine Leistung gerichtet, so würde er selbst ein bloßes Werkzeug dafür; die Kultur aber ohne ein überlegenes und beseelendes Leben könnte keinen Sinn mehr bewahren und müßte mehr und mehr zu einem geistlosen Mechanismus sinken. Als ein Ringen des Geisteslebens mit der zunächst entgegenstehenden und scheinbar feindlichen Welt kommt die Kultur zu ihrer eignen Wahrheit nur, wenn sie in ein geistiges Selbstleben mündet. * Die bloße Anerkennung einer höheren Ordnung ergibt keineswegs schon Religion. Jene Ordnung muß nicht bloß an sich vorhanden, sie muß auch für uns wirksam sein, sich in unser Leben erstrecken, unser Dasein auf eine neue Grundlage stellen, auch von uns selbst als eine Hauptsache ergriffen werden; sonst bleibt sie uns auch bei äußerer Anerkennung innerlich fremd und gleichgültig. Das bloße Dasein von Gottheiten ließen auch die Epikureer sich gern gefallen. Und wie unfruchtbar für die Religion war alles Grübeln über die letzten Gründe der Dinge, waren alle sogenannte Beweise für das Dasein Gottes! Also gibt es keine Religion ohne die lebendige Gegenwart einer höheren Welt in unserem Bereiche,... * Der Mensch darf nicht bloßer Mensch, ein etwas besser ausgestattetes Tier, ein besonderer und verschwindender Punkt in der Unendlichke.it bleiben, es gilt in ihm die innere Gegenwart einer Welt zu erkennen! und diese Welt gegen die bloße Besonderheit festzu-! halten. Von der Sorge um das bloße Glück kann nur! das Mühen um die Rettung des geistigen Lebens befreien, nur die Verlegung des Schwerpunktes dahin? macht es möglich, von der bloßen Zuständlichkeit abzu-I sehen u. dem Handeln auch dann eine Kraft zu wahren, wenn es dem Einzelwesen nicht nützt, ja sein Weiterbestehen gefährdet. . ־■ - ׳a . I Oücherbe8peec!n«n g. Braun: ״Geschichte!der Juden." Drei Teile broschiert, je 2 Mark. VerlagM. u. H. Markus, BkeStaü. Diese vortreffliche und seit Jahren bekannte Geschichte der Juden und ihrer Literatur ist nunmehr in dritter Auflage neu erschienen und soll bei diesem Anlaß aufs Neue auf dieses bekannte Werk des bekannten Gelehrten (Braun gibt bekanntlich auch die Monatshefte über jüdische Geschichte und Literatur heraus) hingewiesen werden. Das Werk, welches sich nicht bloS als Lehrbuch mehrmaliger Lektüre immer wieder genußreiche <stunden bringt, zeichnet sich insbesondere durch Uebersichtlichkeit, systematische Gliederung und bei aller Äusführlichkeit präzisen und treffenden Hervorhebung der wichtigsten Momente aus. Obwohl nirgends von Aufdringlichkeit, versteht es der Verfasser treffend, mit einer auf wahrhaft jüdischer Ethik fußenden Eindringlichkeit den Standpunkt klarzulegen, von dem allein jüdische Geschichte verstanden werden kann. Die zahlreichen, dem Texte cingefügten Literaturproben sind treffend gewählt und auch in ihrer Uebersetzung treffend. DaS Buch kann Jedem wärmstens eMpfolhlen werden L. G. Napoleon 3. Ein Märchen auf den Thron. Roman vonHeinrich Bollrat Schumacher. (Berlin W. 67; Verlag von Mich. Bong. Geheftet 5. Mk.) Napoleon III., dessen Emporkommen auf dem Thron von den Franzosen als eine glückhafte Verheißung zukünftigen Ruhmes begrüßt wurde, der sich innerhalb wenniger Jahre vom verlachten Abenteurer bis zum Schiedsrichter Europas aufschwang, bis er ebenso jäh wieder im Dunkel verschwand — er, der mit einer geradezu ängstlichen Sorgfalt bemüht war, sich mit dem tiefsten Geheimnis zu umgeben, bildet in seinen Planen und Handeln, Fühlen und Denken auch heute noch ein Rätsel, dessen einwandfreie Lösung kaum «och erhofft werden dürfte. DaS neue Werk, bringt mit eindringlichster Ueberzeugungskraft die restlose Lösung des Louis-Napoleon-Rätsels und zw. in einer Weise, die in unserer heutigen Zeit geradezu wie eine Offenbarung wirken muß. Denn die Tragödie des französischen zweiten Kaiserreichs gibt gleichzeitig klärenden Aufschluß über die treibenden Kräfte in der riesenhaften, die ganze Menschheit umspannenden Tragödie des Weltkrieges unserer Zeit. In derselben Weise, wie Napoleon HI-, ist auch die Gestalt der Kaiserin Eugenie heute noch in ein Dunkel gehüllt. Auch über sie gibt Schumacher Klarheit. Von dem Idyll ihrer Liebesheirat bis zum endlichen düsteren Niederbruch macht sie alle Phasen der Entwicklung durch deren Keime in ihren natürlichen Anlagen schlummern, uni endlich unter dem Einflüsse eines ihr feindlich gesinnten Volkes, eines in der Pariser Sittenlostgkeit schwelgendeen Hofes, eines von Untreue zu Untreue flatternden Gatten zu voller Entfaltung zu gelangen. Daß ihr Werden und Schicksal unentwirrbar mit der politischen Geheimtümeilei Napoleons HI. verknüpft ist, patz sie als Frau, Gattin und Mutter notgedrungen