Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 21 (11.12.1916)
- Date
- 1916-12-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jadra. XVB. Mmmer A. lit-lslhe Dtlksjtmm. — Be-«s»preifer Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 ganzjährig. . Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig. . Mark 12- Rußland, ganzjährig. . Rubel 16*— Balkan, Frankreich....... . Frank« 4*— Redaktion: Wien VUl. Lerchengaffe 6>. ^Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9? Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die Sspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. 9-----Ä Wien—Budapest.!{*j916^■״ Prag—Lemberg. Kaiser Franz Josefs Hinscheiden. ״Lau isch besauro onochi hajotn." Ein tliofschnterzllches, herzbekrübenldjes gemütevregeWes ErpiMÜs i!st es, -das mir honte AnlicH gab, die Feder zu ׳rrgreifen 11!m Wer den »schweren Vorlust, den die Kultmrw!e׳lt i!m Allgemeinen und Jsrctiel insbesondere durch den HeimMsug un,serös großen, edlen, hochherzigen Landsvnters erlitten, csijiiiiigc Worte niiederzuschreiben. Wionm die Völker dev östevoichisch-uuMvischeu Monajrchiie im Allgemjeisten gleichsam nm!teiinnuder wetteifern um dein:!glorreichen ttmtln>chr ln Gott rirchenden Monarchen, dem Schöpfer dsrl Versia-ssung, entsprechende. Proben mntb Belege ihrer P'ijetät rmd Dcmkbarkeit, ihrer Vaterlainidsliselbe und Opfe,twilli>gkeit ztt liefernso Huben w!ir Juden umsomehr Ursache das Audenken dieses großen, edlen Gesalbten des Herrn יחוו besonders würdjijger pietätsvoller Weise zu feii01r.it, als für uns unter dem milden, Scepter dieses gottdogniadeten Fürsten ׳ei»n»e neue Zeitrechnmtg begonnen halt, die» Aera der Fveihsik. O, Wie traurig und düster sah es ■m Israel vor vor mehr djem sieben Dezennien, noch aus! Scheal owicho westMdecho ״Frage Deinen Vater, er wird ׳es Dir sagen, Deine Altonsie werden es Dir erzählen, wise Heintatlos der Jude daimals in der!eigetten Heintat dnstmtd, wie er unausgesetzt den Gegenstand des Hasses, »der Verachtung, Vedrückung uitd Verfolgung bstd!e»te. Fraget nur die Geschichte, sie wird -euch erzählen, wie dent geächtetett und.geknechteten Juden in Vormärzlichen Zeiten alle Bildun!gjsanstallen gleich Jeriicho verschlossen, versperrt, verriegelt und verrantmelt, alle Erwe>rbszwei!ge unzugänglich gemtiacht ,und überhaupt für .ihn Ausltahilisges.che erlassen Wurden, die geeijg!uet waren,!ihm tief zu Boden zu drücken und ihm den Kampf um das Dasein! so schwer als möglich zu machen. Kaum aber gelange der K׳a»is!e!r Franz Josef .l. zur Negievunig, als eiftt; neuer Frühling in unserettt tetMen Vater lande evlvächte und seiner mstdett! Feuilleton Das goldene Wort. «Aus den Höhen langt Er, fasset und zieht mich aus den mächtigenWässern." Psalm 18, V. 17. »Samuel, hörst du? warte ein wenig, wir ruhen auf dieser Bank aus", rief ein. blasser, schmächtiger Jüngling seinem Freunde zu. Ich bin sehr müde und hier im Kaipark ist so angenehm zu verweilen. Der Angeredete, ein junger Mann von etwa 24 Jahren, mit durchgeistigten, imponierenden Gesichtszügen ,welche von anhaltendem Studium und hartem Lebenskämpfe Zeugnis gaben, blieb stehen, ergriff die Hand des Freundes, blickte ihn mitleidvoll an und sagte: ״Nun ja, dir zu Liebe werde ich mir die kurze Rast gönnen, du weißt ja, daß Zeitverlust und Lebensverkürzung in meinen Augen gleichbedeutend ist. — Gewiß, iä) hin gründlich babon überzeugt — will dich auch nicht allzulange von deinen geliebten Büchern fern halten, es ist mir aber unmöglich allein mit meinen Gedanken fertig zu werden. Du wirst auch diesmal, wie immer, den Kausalnexus finden. — Sonne SstmWn erwärmten alle Bewohner des großen mächtigen Reiches. Eine wahre, echte Frühlingssottne war der Astgeliebte M!d Allverehrte Kaiser Fmnz Josef auf dem Thron Oesterveiichs lutih sein wohlwollend Herrschevwort helebte, den von ,des langen Winters stürmen vielfach verletzt -und beschädigten StamM Israels. — Wsie -einst unsere. Ahnen durch focn gottbegnadeten unsterblichen Lehrer Moses aus der finsteren, Nacht »der ägyptischen Knechtschaft befreit wurden, ebenso wurden Wijr vor mehr beim!. sechs Dezennien durch den Machtspmch des hochseligen Kaiisers Franz Jo sch ans der düsteren Nacht tuittevalterlichett Druckes,erlöst. Es giittg buchstäblich in Erfüllung diije göttliche Verhoißtmg: ״Ich. werde ׳einen Schutzengel vor Dir horsenden, damit er Dich auf Schritt und Tritt bclwache und beschütze und von׳!nt!a>n.n<ijg!fachen Dra,n1gsalen, Qualen un!d Bedrücknujgen befteiie." Das erste Wort, das Kaiser Franz Jo sch!. beiseiner Thmlidesteigung׳, gesprochen, lautete: Uk'rosjem d-'ror boorez: ״Ich wünsche, -rief er sei,treu Raten zu, daß ihr die Freiheit ijm La-ndie Prokautteret, laut und vernehmlich sollen es Alle hören, daß es »des Lalndesvateirs sehnlichster Wunsch sei, daß -allje! soistje Untertanen als frelÜe Bürger im freien Staate betrachtet mitb behandelt werden ntögen. Mrosent dror. Die Freihert sollt ihr int Lande proklamieren, aib!er u-1cht blos für bevorzugte. Klaffen utttd Rassen, sondern lechol joschiweho, für fättttliiche Bewohner des großen weiten Reiches, trögen sie welcher Nation atatib Konf>essio>n!!im/mjer aitjgehören." Wahrlich durch diese Me, hochherzige vornrteiilsfrjckie, vom Geiste der edlen Humanität und 9tel׳i»g!iosität zetWttde Hgitdlnng,- und Vorfiahrun;gswei>s!e hatte sich der verklärte Monarch große, unvergeßliche Verdienste erworben, die in den spätesten Zeiten noch die gebührende An״ erkenmmg und Wückdiigung finden werden. Ja, wlr Juden haben .umsomehr Ursache das Am denken dieses grgßen Kaisers iiir besonders würd!!ger Weife zu feiern, als Ällrch die errnnjgene Freiheit, unserem Volke Gelegenheit geboten Wtwde zn beweisen, daß es!gleich seinen Er begann: Es war um die neunte Abendstunde, ich hatte vorher mein Pensum gut durchgearbeitet und wollte ein jvenig frische Luft schöpfen. Mit glühender Stirne eilte ich auf die Straße, unbekümmert was rechts und links an mir vorüber wogte. So kam ich zur Lände. — Ringsum tiefe Stille. Nach kurzer Pause höre ich unweit feste Tritte. Knapp am Steinrande der Donau geht ein Jüngling. Sein Haar ist wirr, der Nachtwind zaust es hin und her. Muß Wohl eine arme Künstlerseele sein, die im Wirbel der Großstadt den inneren Halt verloren, denke ich und beobachte spannungsvoll das Weitere. Jetzt bleibt er stehen, blickt ins Wasser — unheimlich nahe demselben. Ein klein wenig mit dem Fuße rutschen und unvermeidlich muß das Grausige geschehen. — Nein! er überlegt, wendet seitwärts den Kopf, wo elektrische Feuergarben, Daseinsfreude beleuchten. Ein energischer Satz und er ist gerettet. Drei Buchstaben goldig glänzend, haben die jähe Wandlung bewirkt. An der Aushängtafel eines streng relig. Restaurant leuchtete ihm das Wort: ר £ ÜI das Dunkel seiner Verzweiflung. Es gemahnte ihn an das väterliche Heim, wo seine engelsgute Mutter koscheren Haushalt geführt hatte, wo sein gesetzestreuer Vater kurz vor dessen Hinscheiden mit rührender Bitte ihm das Versprechen abgenommen hatte ״Gott treu zu bleiben bis ans Lebensende". Es gemahnte ihn an seine glücklichen Knabenjahre, an die schöne Barmizwah-Feier, tvo er mit siegesfroher Miene die Hastarah: ״Nachamu,!nichtj Wischen Mitbürgern׳ wtf allen Gebieten des geistigen Lebens, der Kunst und Wissenschaft,!der Industrie, des Hcvn,de!ls und Gewerbes, Großes zu leisten un'd sich hohe Verdiieniste unt Wohl des Staates zu erwerben m stände׳ sei. Kiato lau jewosch Jcrkvb. ״Jetzt braucht sich Jakob /njicht mehr zu schä!nt!en und siein Antlitz zu entfärben." Ni!cht tnehr steht dev Jude als Freut der imidi aus ErbarnWt, Geduldeter da, der dett jeden Äkugenblick verjagt zu worden befürchten muß, sondern als anerkatMter Sohn oes Vaterlandes 1t!n|b Mitbürger desselben. Als her hochselige! Kaiser Friamz Josef feisten Thron bestieg, r!i!ef!er dent freigewordonen Jsra!el zu: ״Hajont galost es cherpas Mt.zrai,nt meal»echchn> ״Heute habe Ich btt,c. Schmach Egyptens von euch ab!g!ewälzt ittdeut Ich feine von Aberglauben wilden FattatHsmtls mt;b׳ Vorurteilen zeugenden schmjachvollen tttittelaltortichen Ausnahtttsgesetze, vie geeignet warett, euch tief zu Boden zu drücken, euch zu demoralisieren, zu deci»tttieren, ist das Reich »der Aötjchtigkeiit, ׳int! das Mepr der rasigen Borgessenheik' vordrängt habe." Dr. Fviiedländor. Nationale Neuorientierung. Von Dr. Hanins Fischl. Der Krieg hat mit Vielem atlfgeräuntt. Junt Beispiel mit »dent gewissen Begriffe des ״^Nationalismus". Dieser Begri-sf hat Schilfsbrtt!ch gelitten, der svnvevaine Staat tri»tmtphi׳ert, und mit Recht, dann er allein kattin seinen Bürgern mehr bieten <Äs bloße Phantastereien. Vor dejin! Kwivge. gab es auch in unserer Mitte, viele, die. sich in i!l)ren Trättmeu in Palä- ׳ »r wähn-tett; als aber der Krieg ausbrach, da eilten sie teils an die österreichisch - ungarische Front, teils in die von der k. k. 9tegi>ertllltg aitgelegten Flüchtlintgsliager, ■ciin Häuflein trat als Juden iw dett Verband der — ukrainischett Nachamu amt" (Tröstet, tröstet mein Volk!) und die ergreifende Rede in fließender Weise zu Gehör brnchte. Er sah im Geiste den greisen Rabbiner, der wie schützend seine zitternden Hände ihm aufs Haupt gelegt, dessen Segen, »Der Herr behüte dich" im Augenblicke der höchsten Seelennot, ihn dem Abgrund entrissen und innerem Frieden zugeführt hatte. Der Erzähler schwieg. Samuel strich liebkosend mit den Fingern das schwarzlockige Haar seines Freundes: ״Armer Junge, du hast mir dein eige- »u:s Weh ohne Rückhalt geoffenbart. Ich wußte ja gleich, daß es so kommen müsse. Deine Kollegen wollten -durch Wort und Beispiel dein religiöses Gefühl entwurzeln, um dich dann schotiungslos dem Labyrinth des Unglaubens zu überlassen. Wie schön sagt Dr. Ludwig Philippson: ״Fliehe zum Buche der Lehre, das ohne dein Wissen Dich hält und stützt; blick in Dein Herz, das mehr als all Deine Vernunft den Gott der Liebe fühlt und kennt, und bist Du zurnckgegangen zu all den Quellen, woraus die Gotterkemitnis uns erflietzet, dann erst wirst Du befriedigt fein und nicht wanken." Malvine Grünwalb. Wien, im Sommer 1910. Soeben erschienen: Hickls Iüd. Kriegskalender