Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 19 (2.11.1916)
- Date
- 1916-11-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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WH 2. »Mttsche BvttSftrmme- Sr. 19 Statistik zusammenstellon-. Im Septentber 1911 hatte der Berfa.ss.er des Artikels Geleyenheit statistisch festMstpllen, daß damals in der russischen?lrinoe rund 368.000 Juden dienten. Seit dieser statistisch festzustelbem׳, daß damals in der russischen Armee rund 368.000 Jndendientcn.Se.it dieser Zeit hat sich diese Zahl auf 480.000 dis 500.000 erhöht. In Deutschland und Oesterreich dürften ,etwa 250,000 Juden im Heere ftel*,:*. Dazu fonmwm 40—50.000 Juden in den türkischen, bulgarischen, britische,n, serbischem und italiem.ischon Heeren. Int ganzen können Mir am׳n-ehmün-, daß etwa 800.000 jüdische Soldaten auf, den!Schlachtfeldern kämpfen. Dazu kommenjetzt noch di30.000—25 ׳.׳ jüdischen Soldaten Rumäniens. Eine Folge .des Weltkrieges ist die Borschiiebmtg des Zentrums der Judenhjeit. Bis jetzt war das Gravitationszontrum des jüdischen .jüdischen Volkes als eine! kompakte ttational: Menge Die russische Juden,heit, d. h. die Juden von Littauon, Polen, Wolhynien und and:rer Mgioinen, standen alle unter demgleichen Gesetzen und Bes ch r änk ungs nmßrege in-, und mehr als 125 Jahve lang — mit nur weinige-n Unter brechungen — bildeten sie nolens völens ein!: kompakte ,nationale Einheit und führtenein b׳:- sondeves Leibon. Dieses jüdische! Zontrmn, das — trotz seiner.Unzulänglichkeiten — die Quelle jüdischer Kultur, die Basis des jüdischen Bolkslebens ׳ist, hat die übrige Juden heit in! der gatt-zen Diaspora beeinflußt. Dieses große russisch-jüdische Zentrum ist m.un in Stücke gevissem. In Juli 1914 Wb es im ganzen 6 Millionen Ju.de,n! russischer Staatszugehörigkeit. Jetzt (int Sommer 1916) .ist Rußland nur ein Gebiet von über 2*/2 Mlliomien Einwanderer armer (Polen 1.800.000;!der größte Teil von Liktanen., d. h. Grodno 280.000, Wilna 210.000, Kavno 22.000 und gartz Kurland etwa 40.000) Die jüdische Grenzen beträgt Saturn noch 3V2 Millionen. Die Juden itt ,j,en!en. Gebiietoit׳, die unter ,deutsche Herrschaft gelangt sind, zusammen mit den Juden, in Deutschland <615.000) und denen in Oostevreich-Ungarn! (2.260.000) sind also im Begriff,!oi!n neues jüdisches Zentrum von über 572 Millionen! Seelen zu bilden. Wenn die Verhältnisse bleibett wie sie! jetzt sind, erhält die Judcmheit e in ganz anderes blusselM! als früher. Sie erhält dann drei große Zentren: erstens das österreichischdeutschpolnische oder das ji'tdische Zentrum der Zentral-!nächte Mt 572 Millionen Seelen; zveitens das russische mit etwa 372 Millionen; drittens das amevi!kanische mit 3 Millionen. Dazu kommen eine Reihe kleiner Zentren in verschiedenem Ländern. Diese Verschiebung ist die!größt:, dir je in der Geschichte der Juden stattgefunden hat. Ei!n Resultat des Krieges, au den auch eine Aenderung der heutigen Politischen. Lage nrchts in-ehr änd:rn könnte, ist die Zerstreuung der Juden Littau.i'ns und Polens üb:r Zentralrußla.td und die.damit verbunden.: Katastrophe in! jüdischen Gemeinde leben,. Durch sie ist der seit 140 Jahren bestehende Ausiedlungsrayon durchbrachen worden. Seit anderthalb Jahrhunderten!vor das russische Volk m Zen tra lrußlaud und in den asiatischen Provinzen Rußlands (Sibirien, Tttrkestan und Kaukasus) miemals in nahe Berührung mit den Juden ge ko nt Ut en. Eine ganze ״chinesische Mauer" von Gesetzen, minift:ri!:llen Verfügungen, Gerichtsentscheidungen,Polizeiverordnungen usw., war zu diesem Zwjecke aufgebaut worden, die nun dttrch den Weltkrieg gewaltsam zerstört wouden ist. Der große Strom der Kriegs flüchtlinge und Verba nuten,, den der Ansiedl tttigsrayon nicht tnchv fassen konnte, stürmte auf das geheiligte russisch: Gebiet über. Durch die Mittist:׳rialverordnmtg vom 4. (17.1 August 1915, durch die den Juden vorüberg:hend das Wohnrecht in allen Städten Rußlands (mit Ausnahme der kaiserlichen Residenz und einzigen anderen Plätzen) rugebilligt tvurde, ist diese Tatsache legalisiert Morde; außerden wurden! 250.000 bis 300.000 Juden gewaltsam evakuiert. Es halben also gewaltig: Verschiebungem der jüdischen Ansiedlung in den russischen Städten ׳stattgefunden Juden aus Smorgou sind nach Kuugusk int Ural gekontut-eu, Juden aus Krakittow nach Ufa.. Man taufe ,das Leben einer jüdischen Gemeinde in Stnorgon, Krakittow oder eilte r ähnlichen Stadt kennen, um zu verstehen, was für eine Katastrophe ihre gewaltsame Verschickuttg nach dem Ural bedeutet. Es handelt sich ׳nicht nur utni einen völligen Umschwung in der traditionMen Politik der russischen Regtenmg, sondern auch um einett völligenUmschwung t!m innerjüdischett Leben. Die Lage in dort neuen jüdischen Siedlungen ist heute sehr schliüttn. Inmitten ei,n:r fremden Umgebung, ohne Kenntnis der sie um gebenden Sprache, ohne die dem Juden so itwtloondigen Emrichtmrgsn, wie Synagogen, Cl-edarim, Chewras nsw., fühlt sich der' nett: Siedler sehr mtbchaglich und leidet materiell, körperlich, seelisch n,nd sozial unter dem. neuen Verhältnissen. Aber dank der riesigen Hilfe der jüdischen Organisationen, dank dent Organisationstalent d:r Jttden.und besonders ihrer Fähigkeit, sich attzupassen, beginnen die verstreuten Juden sich einzugMöhtteit. Die Zersplitterung des jüdischem! Gemwind:lobens wird sich aber nie wieder gut machem! lassen. Nachmanides u. König Jakob I. In Aragomien herrschte in der Mitte des 13 Jahrhunderts König Jayltte (Jakob 1.), der gleich dem französischen fanatischen König Ludwig dom Heiligen", mit dent er, da er in Frankreich Besitzungen hatte, öfters im Berührung kamt,, die Juden (santt ihren Gütern,) als des Königs Eigentuit,. erklärte: ״Alle Juden und Sarazeneu", so lautete das.diesbezügliche Dekret, die in unseren wohnen, gehören dem Könige und!bleiben mit allen ihren Gütern in besonderer Hut des Königs und sollte sich!einer von ihnen unter den Schutz eines Edlen gestellt haben, so verliert er seinen Kopf, und alle seine Güter gehören dem Könige, wo sie gelegen seien", Ueberdms ist König Jakob I. von seinem Beichtvater dem Dorm- ,nikanergeineval Raymond Pensa forte, dessen Beistand er stets sei>nes lasterhaften Lebenswandels wegen in Anspruch ttehmen tttujßt:, sehr stark beeinflußt worden. Der schlaue herzlose Pensaforte hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht das Judentum — beim! die Bekenner der momothorstischen Religionen ihre bessern Begriffe über Gott, Mensch und Welt zu verdanken haben — geistig und moralisch zu vernichten. Er glaubte dieses Ziel um so leichter!erreichen zu können, als .König Jakob, der viel gelebt und viel geltsbt, viel gesündigt .und recht viel gefehlt hatte, des Beicht- Vaters!geistlichen Beistandes, oder besser, dessen Absolution nicht entbehren konnte. Penjaforte ließ in den Schnlett, die unter der Aegide der Dominikaner stattden, auch hebräisch und arabisch .unterrichten, damit es den Missionären durch die Kenntnis dieser Sprachen leichter gelinge, Juden und Mohamedaner bekehren zu können. Der Apostat Pablo Christiamt aus Montpellier wurde von ihnt als Misfionsprediger entsendet, um die Jttden zu bekehren. Da jedoch alle seine Anstrengungen und Bemühungen erfolglos blieben, so faßte Pensa forte den Entschluß, den König zu veraitlassen, in seinem Schlosse eine öffentließe Disputation über Judentum und Christentunt zwischen Pablo Christiam und dem in ganz Israel hochverehrten Rabbi Moses b. Nachman (Nachmanides) zu veranstaltett. Penjaforte versprach sich viel vom diesen Religionsdisputattonen und glaubte der Erwartung Raunt geben zu dürfen, daß dieselben Nachntaitides der hervorra* gendste ׳und angesehenste Rabbiner Spaniens, und mit ihnt sänttliche Judeitgemeindetr bekehrt werden würden. Nachmanides wurde in Folge vom Könige Jakob ׳eingeladen, in Barcelona zur feierlichen Disputatiott zu erscheinen. Selbstverständlich folgt dieser hochgelehrte Rabbi dem Stufe, der an ihn, ergangen, hatte aber auch den Mut vom Könige zu verlängert, daß ihm vollständig: Redefreihett gewährt werde, welchemWunsche zu entsprechen der König keinem' Anstand nahm. Vier Tage (1263) dauerte die Disputation int Königlichen Palaste in Gegenwart zahlreicher geistlicher, hoher Würdenträger und vieler Juden. Nachntanides gelang es gar bald, sich seiner Auf- ,gäbe auf di!e glänzendst: Mise zu entljedigen. Einen schlagenden Einwurf gegen die Messmuitat d:s Stifters der Tochterveligion, der schon v. alten Polemikern geltend getnacht wurde, ließ Nachmanides nicht unberücksichtigt. Sämtlich: Propheten verkünden, daß zur Messiaszrit eine sittliche Gehobenhrit un.ter den Menschen allgemein herrschen, und daß namentlich Krieg und Blutvergießen aufhören werden". Aber seit dessen Erscheinen sei die Welt erst von Gewalttätig- Leit und Ungerechtigkeit voll geworden. Die Bekenner der Tochterreligion seien unter allen ELIkenn am meisten kriegerisch gesinnt. Und sich am den König wendend benverkt Nachntanides: ״Es dürfte Dir, o König und deinen Stiftern schwer fallen, das Kriegshandwerk anfzugeben, wie cs das Eintreten der Mcssianischen Zeit erford:rt". (G. Gcsch. 7. B. 145). Frägt man aber, woher -NM es wol kontnten, daß Bekenner einer Ncligion, die das alte biblische Gebot: weohavto es rcacho kotnocho ״Liebe deiiiten Nebenntettschett lvie dich selbst" adoptiert und als obersten Grundsatz hingestellt hat, so oft Kriege angefacht, Nationen gel)etzt und Throne erschüttert haben? so ist die Antwort auf diese Frage .nicht unschwer zu finden. Die Kriegshetzer aller Zeiten waren zulneist scheinheilige Menschen, Heuchler und Fröntmler, die Wohl vongaben, daß sie zur Verherrlichung Gottes (ad tnajorent doi gloriatn) m den Kampf gezogen seien, tatsächlich aber geschah es mit ihre eigenen Interessen zu fördern, ihren Ehrgeiz, wie ihre Herrsch-, Iiachu. Raubsucht befriedigett zu können. Der echte und rechte Christ ist ebenso wie der echte Jude ein entschiedener Feind eines jeden Angriffskrieges und!ein begeisterter Förderer dos Friedens. Nttr Barbaren, Tim!tuen, Despoten, Fanatiker und Fröttttnler sind fähig die Brandfackel der Zerklüftung im! die Kreise der nienschlichen Gesellschaff schonungslos zu schleudern und furchtbar viel Unglück über die Welt zu bringen. Mam braucht ja nur die englische, russische, französische, italienische, runtänische und serbische Politik etwas,näher ins Auge ztt fassen und so wird nvem bald diese hier ausgesprochene Behatkptttng vollkomnten begründet finden. Beritas. Vom Amerikanisch-jüdischen Kongreß. Das Uebeveinkommen, welches das Sub- Komite des 5kongreß-Organ!'lsierumgs-Kontit׳es mit den! Sub-Komite der ״Konferenz atnerikanisch-jüdischer Orgamisationen" getroffen hatte und das votn K o ng veß-O r gan i.siemtn!gs-Ko n 1ite ibett Mitgliedern der PHiladelphia-Vorkoittferenz zttr schriftlichen Abstiutintjung unterbreitet worden war, ist von diesen in seinen wesentlichen Pttmlkten abgelehnt worden. Damit ist die Einigkei׳t im anterikanischen Judentum wiederum in Frage! gestellt. Die Opposition gegett das Uebereimkontmen richtete sich hanptsächlich gegen den Versuch, alle praktischen Fragen jüdischer Hilfeleistung gegenüber dettt 5kri׳egsunglück ,(darunter auch die Etuigvationsfrage) vom Programm des Kongresses ,auszuschließen, den Ausdruck ״nationale Rechte" i!m! Proigramm des Ko!n!gresses durch!das Wort ״Gruppenrechte" zu ersetzen und endlich durch Zulassung. Delegierter der amerikanisch-jüdischen Orga>n!isatiotten nach einent von diesen zu bestintmenden Wahlsystem die detnokvatische Grundlage des Kongresses zu gefährden. Die den Delegierten zur Abstimntung Ulkierbreiteten Abänderungsvorschläge zu der Plattformt, welche die Philadelphia-Vorkonferenz für den atnerikanisch-jüdischeu Kongreß aufgestellt hatte warett die folgenden: P h i l!a d e l p h i a - V o r k o nf e r e n z. 1. Daß der Kongreß sich mit der Frage der Sicherstellung freier und gleicher bürgerlicher, politischer und roligiöser Ndechte "für die Judenim allen Ländern, wo ihnen diese blechte vorenthalten werden, beschäftigt. Daß der Kongreß sich mit der Frage der Sicherstellung nationaler blechte für die Juden in allen Ländern, wo nationale blechte anerkannt waren oder sind oder feilt sollten, beschäftigt. 2. Daß der llougreß sich mit den Problumlen der jüdischen Entwicklung im Palästina in allen ihrett Phasen beschäftigt. 3. Daß d:r Kongreß sich mU der Mitarbeit der Juden anderer Länder zttr Förderung des Kongreß-Pro graut mes beschäftigt. 4. Daß der Kongreß sich mit der Frasye der Bildung!einer Kommission beschäftigt, dte die Bevatttngen des Kongresses der Friedens-Konferenz ttnterbretten wird. 5. Daß!der Kongreß sich mit -dev Frage der Zweckntätzigkeit, -den Kongreß als permanente Jnsiitntiou zu errichten, beschäftigt.