Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 10 (28.6.1916)
- Date
- 1916-06-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Aahra. XVII. Nsmmer 10. )Ojslhe Dslksßimm. Ve»«»»preije: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig. Deutschland, ganzjährig . . . . Rußland, ganzjährig . . , . . Balkan, Frankreich . Kronen 6*20 . Kronen 12 — . Mark 12- . Rubel 16׳— . Frank» 4*— Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die 6spaltige Petitzeile 80 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. ®-W Wien—Budapest. Brünn, A Prag—Lemberg. Für Volk und Vaterland. Dr. H. Kadisch (Karlsbad). Während die taffem Armeen des Douanveiches für die Eristenz der Monarchie itiiifbl die europäische K׳nltnr Feyen die Kosak i,scheu Horden nmd ihre Verbündeten, sowie für einen dauernden, uns vor ähn«lichen Ueherfällen sichernde n Frieden kämpfen, obliegt 1ms im Hiutevlande ebenfalls oi'ne'ernste Arbeit: Es!nuß!eine Neu-Orientiruny betreffs der allgemoim;en österrcichilschen un«d speciell jüd'ischen Streit fmgen stattfmiden: Die A«n׳fgabe des r!>eiu-ö!sterreichi scheu Krüvses ist gekemizeichnet «durch Ibiia Tatsache, «daß die Habsburgeruronjarchije als!der größte Balkanstaat ijm Rahmen eines von Berlin bis Bagdad reichenden Staatenbundes irtieite kulturelle und Wirtschaft! iche Aufgaben nunmehr hat, «d!ie einen eudgiltigen Bruch mit der früheren Kirchturmpolitik der rlten Parteien erheischen׳, mit der Politik des K׳an:Pfes!aller gegen!alle. Die Nationali tätenfrage der Monarchie und nM ihr auch die Judenfyaige rnuß schon Mit Rücksicht ׳auf die äußere Politiik sowohl, was das Verhältnis der Nationalitäten zu «einander, als pn östiervoichischen Reichsgetdauken betrifft, eine großzügijgere Auffassuny erfahren. Nachfolgende einem (״Fragen der Znkmrft" betitelten) Artikel ׳des Reichsriatsabyeordneten Dr. Rudolf von Lodznmnin! im der Prager ״Bohyiniia" entnonmlenen Zeilen erheischen «in särntlichen uationalen Lagern dies- und« ,jenseits der Lritlm, (speeiell «aber auch im jüdischen), eine entsprechende Würdigung Feuilleton Herzls Feuilletons. Von Dr. Mare׳k Scherlajg. Nach einer schwülen Latei1׳:stu!n!de steckten einmal die paar jüdischen Schüler über einem Buche die Köpfe zusammen, glühend und gespannt. Es war Herzls Judenstaat. Wer war Herz!? Keiner wußte es. Woher hätten auch Gymnasia- ׳sten eiues gal izi scheu Städtchens etwas überHerzl wissen sollen? Ueibrigens verfügte er damals als Fö1li«lleton.i,st!der ״Neuen freien Presse", vielleicht «mia׳ über d. Ruhm einer der Lokalgrößen Wieirs. Mer wir brannten danach, den Verfasser des kühnen Bllches keliuen zu lernen. Nur zwei von uns gingen nach Wien. Und hier fand ich bald Gelegenheit, Herz! zu Men. Den Ei!ndruck seiner Persönlichkeit zu schildern, hietße, mit eiinem Dichter oder Maler Ivetteiforn. Aber nicht davon soll hier diie Rede sein, sondern׳ von Herzls Feuilletons. In diesen kleinen Sächelchen spiegelte sich die ganzo Eigenart dieses großen Manines. Herzl lifeBte es, sich im! Träume einznspinnen, über denen er die Wirklichkeit venmchlässWte. In die Zuku!:ft hinanslugend, übersah er die Gegenlvavt. Manche seiner Feuilletons sind nichts anders als Versuche aus dem Alltag au flüchten u. sich ein geheimes Reich anfzurichten, wo es wie ein Märchen zuging. Er wäre ein recht guter Märchendichter geworden, wenn׳ er nicht schon einer war. Ihn:, der so trefflich die! Menschen zu behmwschen wußte, dem ein scharfer Blick eigen All der Tatsache, daß keiner der Volksstämme kraft seiner zahlenmäßigen Ueberlegenheit die Herrschaft beanspruchen darf, läßt sich ein für allemal nichts ä!l«dern. Lliich wenn inan ei«!:zelm׳n Gebieten eine Sondevshellung!gibt, wi!rd der Staat noch lanlge 1l!icht eiicheitlich, sondern bleibt ein gemischter Staat... Eine Majorisierung in völkischen Diillgen darf es in Hinkunft unter keü llen Umständen geben; die Völker müssen erkenneu lerilieir, ׳daß sie.narr «alle znsannnen den Staat bilden, sie müssen sich so ein richten, daß ihre Bestrebungen niemanden schaden, so׳!: denn! allen nütze!:. Durch Abgrenzung ihrer Rechte u. Pfichteil gegeil einander und gegen den Staat wird der Boden für dieses Nebeueinanderlebe!: igeschaffen und «dchnjit der Grund für völkische Uiebergriffe beseitigt. Der Roichsrat hat aiatr allen gemeinsame Fragen zu -erörtern, in denen es keine Obereinstiiilnlung in völkischer Richtung geben kann, dahier braucht auch kein! Volksstamn: dava׳nf er- Picht zu sein, im Neichisvate!die Mehrheit zu haben. Gebiete Ivelche ,durch den gegenwärtigen Krieg neu «anzngl ledern seinwerden, lassen sich auf solcher Grundlage ullschwer einführen". Diese Anschauuipgen decken sich vollkommen mit den jüdisch-nationalen wie sie «in« unserem Krakauer Programm «eingehend daryjelegt werden. Eine logische Folge der Ausführungen des Abgeordneten Dr. v. Lodznran ׳ist!aber auch die Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Nationaliität in Oesterreich. Tatsächlich Mehrt sich die Zahl «dev chrisUichsozialen und ׳deutschnati«on׳alen Blätter, tvjelche die Anerkennung der Jude!: «als s«elbständ>i!ge Nation« fordern! und die Melliluiiy vertreten, «daß wenn die Juden lll!i!t dem war, fehlte «eigentlich die!gründliche Menschenkeniitll'is. Von jedem Inden «erwartete er Begeisterung ulld Zion'ismjns und Gefolgschaft. Sei«n eigenes Volk überschätzte dieser Führer einer Par׳ tet, die imseinen Kalkulationen stets größer war als in ׳der Wirklichkeit. Freilich -war es gut für ihn, daß!er als Idealist mit fast nachtwandlerischer Sicherheit an! seiiu- Werk, Massen zu gewinnen, hinzureijßei: «und zu organisieren, «herantrat. well «er «den «andern« Großes zutraute, konnte er großes!erzielen. Aber «oft und oft erlebte er arge! EnttänschMige!:. Und die tvandelten ihm zuin Philosophen «und Grübler. Alls «dem galautey Plauderer -und glatten Hmnioristen, der er zu Beginn seiner literarischen Tätigkeit war, entwicklte sich atljgeinach ׳der nachdenckliche Verfasser inelancholischer Stimnmngsbildor und ernster Lebensbetvachtunyen. In j.edom seiinier feinen Feuilletons aus «der späteren Zeit ahnten die Lefer einen tiefer verborgenen S«i!n«n. Und mit Recht. Herzl war eben kein ,gewöhne sicher Feuilleton ist. Er vereinigte in sich mehr Elemente!als ein Felulletonist braucht. Er Uhu* Dichter i1a1«b Denker in einem. Träumer und Tatmensch zugleich, and von alleur strömte etwas in seine Feuilletons über. Ein Teil eines in vielen Farben glitzernden Edelsteines ist den! ganzen gleich: eine Kostbarkeit. Liest inan Herzls Feuilletons in chronolagigischer Folge so merkt man, wie sie sich allnrählich veri׳ml,erlichen, veredeln und vertiefen. Zlvar deutet sich schon der künftige Meister in« seinem glänzenden ״Anfang einer spanischen Reise" «an; ober wir bewWide^rn hier mir die Beobachtlmgsjgabo des trefflichen Schiiderers, die Assi!nri«lati,o!n«swahn!e brechen,!auch eine Vermin»- dern!ng der Nei-bungsflächen mit den anderen Nationen Platzgveifen u.nd «daher auch der Antiseniitisnuls an Boden verlieren würde. In. einer sehr interessanten ״Europäische Ideen" betitelten großüsterreichischen Kvi׳egsdenkschrist sagt!der frühere Wiener Stadtrat Dr. Weselsky: ״Ein! zweiiiter Gegenstand, der ei!n«zeln n!och besprochen lverden soll, «ist die Frage der Judenschaft. Es wird davon ausgeganyen, daß ein An»gehö׳riger dieser Nation dieselbe nicht verleugnen soll. Der Volkstay (Dr. Mselsky fordort an Stelle «der Landtage VolkstaM und an der Stelle der Länder Nation,a!le Gebiete, festgestellt nach dev Majorität der Bevölkerung) beziehungstveiise dile nationale Auton«omi«e kann hier («närnlich bei den Juden) n«nr katasterinäßig organifiert werden. Als Reichsangehöri'ger hat der Wähler jüdischer Nation diie Stimine!i«n! Nei!chsa>ngelegenheiten, als Un,geh«ö«ri!A׳r sei«n!es Volkes hat er s-eiiiren Volkstag nnd. als Angehöriger einer Gemeimtbc in die Gen!«eindevertretrmg zu Wählen". Wie man «a!us dem Angeführten ersieht, beschäftigt n1׳au sich ein«gehend boreiits «in den andersm«ationalen Lage rn! m!i*t der Juden frage, besonders mit «der Oftsudenfrage. Umso nöti«ger ist es, daß auch «bei den Juden -eine. Klärung un»d eine «großzügig׳e Organis!atiion! «an« die Stelle «der Verworrenheit n!n«d Jersplitteruntg tritt. Als geeignetes Mittel hiezu betrachte ich den Vorschlag, den vor eiin«iger Zeit der Vizepräsident des ״Jüdischen Nationawereines" Dr. Kassner in «dev ״Jüdischen Zeitung" :nachte, zur Durchbesprechung der wiichtigsten Aufgaben der Juden in Oesterreich, eine Enqnete ails Vertvauensmän,n>e»vn» der verschi«edelaunigen Bemerkmigen dies überlegenen Weltman«n!es. 9!och fehlt «auch der Weiche Herzlsche Unterton« sowie die psychologische Tiefe. Er will da nur unterhalten und «prägt Prächtige Wortspiele. Ab mb 3!1t Wli!n«gt ihm «ein Mich, der an. Da!n!i!el Spitzer geinahnt. Aber der Jroni.ker hat noch Freude am Leben, die «der Jugend eignet. Allmählich dringt der dunkle Kehrreinr vou der Eitelkeit des Siunenransches «durch! und rankt sich um die blühendsten Gobitde seiner Phaintasie. Seine Alteisen zielen nicht mehr ins Weite. Bald genügt -ihm» ein!e Fahrt im! die nächste Umgebung, er entdeckt «den Alltag, ׳der die Schm!erzen und Freuden der Menge enthält. Und es entstehen ru!vergeßliche Bilder aus den! Leben der Armen, die eingepfercht in der Großstadt darben. Am meisten baueut^hn die kleinen Kinder dieser Armen. Mitleidsvolle, rührende Worte ka!nen aus einem Herzen, das schon für ein ganzes Volk schlug. Sie waren wie ein ge!dä!npfter Schrei, ein verhaltener Seufzer eines Mannes, dem das große Gohe«ijm»n>is der Schwermut der Masse!: sich zu offenbaren begai!!!!. Was mußte er mitgenmcht!Men, bis er soweit kam? Nicht alles freilich kön׳n׳en wir aus den Feuilletons erfahren. Solange Herzl nur Feu»i,lletonist war, schrieb er durchsichtig und klar m!id sagte, was er sagen tvollte, ohne Vorbehalt, Weil es in den Rahinen des WelOlattes, dem er anMhörte hinein paßte. Waren es doch Eist Diuye, die die große Welt interessierten: Theater, Koinzerhe, Bildevausstellmigen, Vorlesungen, Schauspielergeschichten, n:.׳it einen: Wort: Tagesereignisse. Mrs «er be>!!:erkte, beschrieb er flott, er setzte seine!: Schildeamye!: lockende Lichter auf, ließ