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Jüdische Volksstimme · 1916-04-13 · Heft 6 (13.4.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 6 (13.4.1916)
Date
1916-04-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrq. XVII. Mmmer 6. B-־ Bezugspreise. Für Oesterreich-Nngarn, hawjährig . Kronen 620׳ ganzjährig.Kronen 12׳-- Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel 16 — Balkan, Frankreich ........ Frank» 4׳— MM. ^Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S.^ Vuchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die Kspaltige Petitzeile 80 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen.. O--—-3a Wien—Budapest. Brünn,־י*• gg“ ^66 Prag—Lemberg. Pessach 5676. Wohl hat sich die Natur wiederum in seimigherrlicher Frühlingspracht ernenert, aber unser .Herz will -daran keinen Anteil nehmen In diesem Zwiespalt zwischen!der suhl lasen Natur, welche sich den ihr non Gott erwiesenen Gesetzen fügt, und dem mit Bewußtsein ausgerüsteten Menschen, .. f , trifft uns das Befreiungsfeist. Wenn wir uns bemühen uns die welthistorische Bedeutung des jüdischen Volkes und seiner mit der Erlösung aus Egypten beginnenden Sendung zu vergegenwärtigen, dann fragen wir uns erstaunt immer wieder, wie so es möglich war, daß! nach den Vi olen Jahrhunderten unserer rastlosen Aufklärungsavbeit für eine freie, sich Gott unterordnende Menschlichkeit, wie so nach den!gewaltigen Fortschritten des vorigen und des jetzigen Jahrhunderts dieses fast!am Gipfel der Kultur angelangto Westeuropa aufs Neue in diesen mörderischen Kampf zurücksinken konnte! Die Antwort auf diese Frage werden spätere Jahrhunderte bringen, wir müssen uns damit eben abfinden. Aber wir wollen in der Vergangenheit Trost suchen für die Gegenwart. J!n der für den Sabbat Chol-Hamoed bestimmten Haftarah lesen wir jährlich aufs Neue die ergreisende Vision desProPheten Jecheskel, den Gott auf eine weite, ringsum mit dürrem Menschengebein besäete Ebene führt. Inmitten dieser Ver- Wüstung gibt Gott dem Propheten den Auftrag!, dem! Volke Israel die Verheißung zu-bringen, daß diese welken, dürren Gebeine bei Gott nicht Feuilleton r. ' _ Mazaus-Sorgen. ✓ Bon Max I. Salzberg. Es war in der Nacht von Sonnabend ans Sonntag, kurz vor dem Pessachfeste. Tiefe Dunkelheit lag über der Stadt Kowno, ein eisiger Wind kämpfte mit dem! Frühling, der sich schon fühlbar gemacht hatte; der Regen wirbelte und klatschte ftojßweise gegen die Fensterscheiben, die Schilder klapperten und die Gassen waren mit jener kläglichen Melodie erfüllt, die den Menschen leicht in den Schlaf wiegt. Finsterer als sonst war es in der Schulgasse. Der Sturm griff sie ungehindert von der Stromseite an, blies die trüben Laternen aus, zerrte Wild au den morschen Schiudeldächern und Fensterläden der dunklen Holz- Häuser, die von dor noch dunkleren Nacht verschluckt wuren. 'Lange vor Tagesanbruch bewegte sich die gelbliche Flamme einer trüben Laterne von einem niedrigen, halbzerfallenen Hause her ans die Gasse und bohrte sich langsam durch die Finsternis, kaum das schmutzige Pflaster erleuchtend. Abraham, der Fuhrmann, ging gebeugt und hinkend nach dem Pferdestall, um anzuspannen. Das Gehen schien ihm schwer zu fallen; denn er bewegte sich'langsam, stützte sich auf seinen Stock verloren sind. ״Weissaga" ruft Gott i׳hm zu, ״weissage über diese Knochen und sprich zu ihnen: Ihr dürren Knochen, hört das Wort Gottes! Siehe, ich bringe in Euch Geist und ihr werdet wieder leben!" Und dann befiehlt Gott dem iin Anblick bei׳ sich langsam zusammeusetzenden Knochen versunkenen Jecheskel: Weissage-dem Geiste und sprich zu ihm: So spricht Gott der Herr: Von den vier Himmelsgegenden komme der Geist und hauche hinein in diese Erschlagenen, daß sie wieder leben!" Wann wäre es mehr am, Platze gewesen, dem schwergeprüften jüdischen Volke diese wundevbare, trostreiche Verheißung in Erinnerung zu rufen als heute. Nicht Jeuen vielleicht, welche das Leben ausschließlich von der materialistischen Seite auffassen und demzufolge auch den Krieg als rechnerisches Problem betrachten. Denn diesen Leuten, bei denen auch das menschliche Mitgefühl eine sehr bescheidene Nolle spielt, ist mit den ausschließlich auf ideeller Grundlage beruhenden jüdischen Wahrheiten nicht viel zu sagen. Aber jenen Tausenden von jüdischen Familien, welche unter dem ehernen Drucke Pos Krieges wieder gelernt haben, ans Gott ihr Vrtrauen zu setzen, jenen Tausenden jüdischer Eltern, welche um ihre Söhne bangen, jenen Tausenden jüdischer Frauen und Mädchen, welchen die Sorge um ihre in Not und Gefahr stehenden Gatten und Brüher jeden anderen Gedanken unmöglich macht, ihnen möchten wir das Wort des Propheten iuimer wiederholen, ihnen möchten wir immer wieder zurufen, daß bei Gott keine einzige zu Ihm rufende Menschen seele, kein einziges zu Ihm schlagendes Herz verloren ist. Menu im Kriege alle Zahlen, auch die der Kämpfenden, ins Riesenhafte gewachsen sind, so sieht und behütet doch Gott jeden einzelnen Ihm rufenden Menschen wie ein treues, geliebtes Kind. Und wenn Kummer und Leid dieses Leben trüben, dieses Leben zur Qual und seufzte leise jedesmal, wenn er den rechten Fuß aufsetzte. An der Stalltür blieb er stehen und horchte. Es war still; kein Geräusch des Kaue ns wie sonst, wenn das Pferd den Hafer kräftig zermalmte. — armes Tier — dachte der Fuhrmann — das muß auch hungern. Das Pferd richtete sich schnell auf, wieherte fröhlich und wandte den Kops nach ihm, als es ihn eintreten sah. Ein so früher Besuch Pflegte stets eine Portion Hafer einzubringen. Es stieß eine Art Seufzer aus, als es die leeren Hände erblickte, schnüffelte in der Krippe herum, senkte den Kopf und nahm! die Riemen willig auf, die ihm heute früher als gewöhnlich angelegt wurden. Sonst pflegten die mit Eisen beschlagenen Haken laut auf dem Pflaster zu klirren, wenn Abraham ging, denn kräftig war der kleine Mann; er galt als der Stärkste unter den Ausladern. Vor einigen Tagen war ihm ein volles Petroleumfaß aus den Händen gelitten und hatte ihm den rechten Fuß schlver verletzt, so daß er im Hanse bleiben mußte. Schmerzlich wardie Wunde, schmerzlicher der Anblick, seiner traurigen Frau und der sechs hungrigen Kinder, schmerzlicher ober als alles der Gedanke, daß das Pessnchfest vor der Tür war. Pessach, das Fest der Befreumg und der Freude, aber auch das Fest, das den Armen die!meisten Sorgen Macht! Man muß für acht Tage Mazaus anschaffen, manches neue Geschirr kaufen und oft auch Kleidungsstücke für die Kinder, — und er, Abrahamliegt i׳m Bett. machen, bei Gott gibt es dereinst ein unvergängliches geistiges Leben, gegen dessen lichtvolle Erhabeuheit dieses irdische Leben mit all seinem Jammer, mit all seiner Nchtig^it nur als Wesenloses Schattenspiel erscheint, bei Gott,gibt es ein Wiederfinden der verwandten Seelen in reinster Harmonie, bei Gott gibt es ein Vergessen alles irdischen Leides uud alles irdischen Kampfes. Aber schon hier in dieser Welt des Leides müssen wir uns jeder einzlne aufraffen, und an Stelle der Resignation, die nichts mehr erwartet, muß festes, durch Nichts zu erschütterndes Gottvertrauen treten, an Stelle der Klagen wirksame Hilfe für die vielen Tausend so״ schwer vom Kriege Betroffenen. Neue,Gebet und Wohltätigfeit wenden das böse Verhängnis ab. Bereuen wir die Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit, die wir unserer tausendjährigen Religion gegenüber Walten ließen, daß wi׳r diesen heiligen und reinen Glauben, fü1>den unsere Väter gelebt haben und für den sie freudig starben, für überflüssig erklärten oder durch selbstkonstruierte Machwerke, die doch nur allesamt Bemäntelungen unserer Selbstsucht waren, ersetzen wollten. Oeffnen wir unsere Herzen den! grüßen jüdischen Leid, welches wir nicht beseitkMT'da's' wrr^aber^dnirch wahres und ausgiebiges Wohltun lindern können. Harten wir nicht bis dieses Leid, das in so unzählig vielen Variatonen besteht und steig sich vermehrt, bettelnd an uns herantreten muß, suchen wir es selbst auf, dieses bittere jüdische Leid, suchen wir es selbst auf in den gepferchten Flüchtlingslagern und Spitälern, in den Volksküchen uud Alters- Heimen und bekämpfen wir dieses Leid durch reichliches Geben und durch die Art des Gebens. Und wenn wir mit dem festen Vorsatz, uns das Judentum aus Schwierigkeiten und Materialismus hindurch aufs Neue zu erringen, miit dem Vorsatz, unsere ganze Kraft aufzuwenden, dem großen Leid der Witwen uud Waisen, der hilf- Er hatte beschlossen, am folgenden Sonntag seine Arbeit wieder aufzun-ehmen. Zwar schmerzte der Fuß noch stark, und er konnte keinen Stiefel anziehen, was ihm das Ausladen fast unmöglich machen würde; zwar ist am Sonntag wenig Ausficht, etwas zu verdienen, da die Frachten an der Eisenbahn nur bis elf Uhr auAgeliefert werden, allein die Zeit ist kurz, die Not ist groß, das Pessachfest nah, und der himmlische Vater verläßt keinen. Heute ärgerte ihn das laute Rasseln des Wagens, und er fuhr langsam, um, seine Frau nicht zu Wecken, die spät nach Mitternacht eingeschlafen war; aber als er an der Tür hielt, war die Stube schon erhellt, auf dem Tisch dampfte der Tee, und seine Frau schnürte das Bündel, was er sonst selbst zu tun pflegte, um ihm die Nrbeit zu ersparen. Er fuhr schnell von dannen, in die Nacht hinaus: er wollte noch zum Morgengebet in der Synagoge am Bahnhof sein, die fünf Kilometer von der Schulgasse entfernt war. Durch die Erschütterung beim Fahren begann sein Fuß stärker zu schmerzen. Es fröstelte ihn, und er trieb das Pferd nicht an, als es den Schritt verlangsamte. Wie soll das werden? Dachte er.-— Der Sturm hatte etwas nachgelassen: dafür fiel jetzt der Regen dichter und stärker herab. Die Spitzen der hohen Häuser begannen sich aus der Nacht herauszuschälen, und ungeheuere Wolken- Massen׳ mit dicken, dunkeln Rändern, hoben sich wie fonnjlose Ungetüme vom Himmel ab, die Fin-

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