Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 28 (23.12.1915)
- Date
- 1915-12-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nummer 28. Jahra. XVI. zlolksßjMt. «-:- Bezugspreise: g z—— ---g Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 9. Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. ganzjährig . . . .. . Kronen 12 — Inserate: die Sspaltige Petitzeile 80 K Deutschland, ganzjährig ..... Rußland, ganzjährig ...... -׳12 Mark . —16 Rubel . Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono- Balkan, Frankreich —׳4 «Frank . riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. *- -8 I §-:-fl Wien-Budapest. , Brünn. sZ-^-^91-, Prag-Lemberg. Das jüdische Volk im Weltkriege. IV. Von Dr. Hanns Fischl. Es ist angeführt worden, daß die jüdischen Individuen im großen Kriege in keiner Weise hinter den Angehörigen «anderer Völker zurück- .gestanden, daß jedoch das jüdische Volk als Ganzes die kläglichste Rolle gespielt hat. Die jüdische Nationalidee beruht nicht auf gemeinsamer Sprache oder Rasseeigentümlichkeiten, vielmehr auf der historisch entwickelten geistigen und religiösen Gemeinschaft aller Jndividuen jüdischer Abstammung. Es ist weiters angedeutet wovdeu, was das jüdische Volk im Kriege normal hätte, leisten können. Die zionistische Bewegung begann als Volksbewegung (nicht als Partei), vor etwa 26 Jahren einzusetzen. In׳ dieser Zeit hätten bequem zwei Millionen die unter russischer Knute seufzten, in Palästina angesiedelt, hätte das Land mit allen technischen und politischen Einrichtungen versehen werden können. Die kolossale Wirkung dieser Verhältnis:::(:- ßig kleinen Ansiedlung (weniger Seelen als die Stadt Men) hier auszuführen gieuge über den Rahmen dieser Betrachtungen hinaus. Es soll nur die militärische Seite der Frage beleuchtet werden. Nach der vom Verfasser geidachten Organisation des Judenstaates wäre mit Rücksicht auf die exponierte Stellung der jiidischen Nation unter den anderen Völkern von Vorneherein eine Art Gesamtwohupflicht einzuführen gewesen. Alle Wehrfähigen in Korps und Armeen unter Waffen. Alle Kanzlei-, Sanitätsdienste usw. von Frauen und Mädchen zu versehen. Die' gesamte wirtschaftliche und soziale Tätigkeit als Nationaldienst organisiert. Gänzliche Ausschaltung der Privatwirtschaft und Privaten Jnitiative. Nicht nur staatliche Post- und Telegraph, Tabak- und Salzregie. Dieser gesamte staatliche, soziale und wirtschaftliche Apparat war vonmilitärischen Gesichtspunkten aus, für den Ernstfall bereitzustellen. Was die Staaten heute langsam durchführen, war hier mit einenunale zu schasse:׳ gewesen. Durch Geldzuflüß der in der Diaspora fdn dann Lein Golus mehr zu nennen wäre) lebenden Juden, die dann׳ gewiß auch Millionen für die Anleihe des Jüdischen National'dienstes aufgebracht hätten, wäre jener bei aller polütischen Aversion bewundernswerte nationale Widerstand enthaltbar gewesen, den das kleine Serbenvolk den drei großen Verbündeten geleistet hat. Und unsere Gegner wären doch nur british Söldlinge gewesen, die wir wie Spreu vor uns weggefegt, den aufständische Sudanesen und Kabylen in die Arme getrieben hätten. Unser Land mit seinen fruchtbaren Boden hätte Volk und Heer genährt, unsere Flotte, durch deutsche, österreichische rmd türkische Einheitei verstärkt, hätte uns mindestens bis zur italieuischeu Kriegserklärung die Einfuhr von Fabrikaten aller Art und Munition ermöglicht, und unsere Soldaten, die als Deutsche, Oesterreicher, Türken ׳ebenso wie als Franzosen, Serben und Italiener sich heldenmütig geschlagen haben, hatten Aegypten besetzt und den Türken geholfen, die Russen in den Kaukasus zu jagen. Der Verfasser dieser Zeilen hat -einen Roman geträumt, eine Schlacht der Vereinigten Türken, Perser und Juden bei Eriwan. Heute erscheint diese Idee nicht mehr tva-um- Haft.- Es fehlte nur der ehrliche nationale Wille. Und was wäre der Lohn dieser nationalen Taten gewesen, die uns weniger Verluste als diesov Krig gebracht, die unseren Frauen ihre Ehre, unseren Kindern ihr Leben und eine herrliche Zukunft verbürgt hätten! Ein jüdisches Reich von den Pyramiden bis Damaskus, vom Mittelmeer bis zum Euphrat. Die Rückwirkung auf die in den fremden Staaten lebenden Juden wäre nicht ausgeblieben. Mit Wehmut vermissen die wenigen tief national fühlenden Stämmlinge des jüdischen Königleiches neben den Flaggen der siegreichen Mächte das weiß-blaue Banner Neu-Judaens mit dem goldenen Davidstern. Wir haben den Anspruch auf unseren Helmatsboden verwirkt, den Fremde uns geschützt haben. — Und wie Alles, ist auch der Boden im Preise gestiegen. Obwohl unser Volk diesen hohen Preis noch imstande sein wird,-Kir bezahlen! ,. - , , Noch toben die Kämpfe mit unerhörter Hof- , tigkeit. Aber es wird einmal.wieder. Friede wer-. den. Die neuen Landgrenzen werden mit dem I Schwerte gezogen werden.Dann wird es Zeit wer-׳ den, daß wir alles Versäumte nachholen. Noch ist dev Boden unversehrt, noch leben unsere Millionen. Und im großen Siegen sind ihre Kräfte gsstält worden, um sich dann umzusetzen in friedliche Arbeit. Der Einzelne kann untergehen, ein Volk muß weiterleben. / .' Wenn die Abgesandten der kämpfenden Staaten züsammentreten werden, um-die. neue Weltordnung zu beraten, dann muß auch.unsere Stimme gehört werden. Das nationale Einvernehmen muß rasch so weit hergestellt werdendaß ein Delegierter der Feuilleton Liebe. (Ein Bild vor dem jüdischen Kvankenhause!.) Von A. Halberthal-Berlin. ׳ Schräg gegenüber meinem Domizil liegt das jüdische Krankenhaus. Meine christliche Wirtin pflegte zu sagen: ״Wir haben den Tod vor den . Äugen." . Aber nicht nur das große Rätsel Tod mit all seinen: geheimnisvollen Schauer, seinen un- -endlichen Tiefen, feinen mannigfaltigen Möglichkeilen — nicht nur der düstern Trauer kann ich ins Auge sehen, wenn ich beobachtend am Fenster stehe, sondern׳ auch der wahrsten, tiefsten, rührendsten Freude. Und davon will ich erzählen: 4 Uhr Sonntag nachmittag. Die dumpfen Schläge der Uhr verhallten und eine Menschenrneugs drängte sich durch das eiserne Tor des Krankenhauses. Alte Männer und Frauen gingen in ernstem Gespräch, trennten und vertritten sich nach Rechts und Links. Junge Mädchen blieben har-, rend stehen und suchten mit forschendem Blicke ihre Anghörigen. Manch nasses Auge sah man, manches von Trauer gerötet: manch niedergeschlagenes, hoff- :rungsloses Gesicht und auch ■, manches, das zukunftsfreudig, hoffnungsvoll lächelte. Gleich dieses schlanke, ebenmäßige junge Mädchen mit den tiefen, ,glänzend-schwarzen Augen und den dicken Zöpfen mit dem blauseidenen Band dazwischen. ׳׳ Das ist ihre einzige Zier, ihr einziger Luxus. Und ungläubig blickt der kleine, Knirps zu seiner älteren Schwester auf; ׳er will in ihren. Augen die Wahrheit, die Bestätigung lesend Dann jauchzt er aufd wieder nur ein Wort: ״Freitag." Mich leidet es nicht mchr oben. Ich eile rasch hinunter und folge diesen, glücklichen Kindern. Ich höre, wie sie sprechen, wie ihm die Schwester Vorwürfe macht, daß er die kleineren Sie ist aus den Kleidern herchusgewachsen; alles Geschwister allein zu Hanfs gelassen hat; wie er ist straff und eng, gespannt und verbleicht. Aber, sich tapfer verteidigt: Sie schlafen Beide und er ihre Augen lachen. Sie blickt nach allen Seitens habe keine Ruhe mehr gehabt... und Vorwurfsman sieht, sie sucht einen Bekannten, dem sie es voll sagt er: ״Du bist auch so lange dort geerzählen kann und mit dem B vom Glücks spreblieben." .... chen kann, das ihr das Herz schwellt und die Sie erwidert triumphierend: ״Mutti Hai Augen sonnig macht. mich geküßt und euch Alle durch mich....." Aber die Menschen Alle, mit den Hüten und Und er jubelt wieder: ״Freitag kommt sie.. teueren Kleidern sind ihr fremd. Sie kennt Niedann kommt Schabbos.Md dann bald Purim, :::and hier, wird von Niemanden beachtet. > das wird schön werden........" Sie beschleunigt ihre Schritte. Ihr ist ein Vor einem großen Häufe/in einer engen. Gedanke gekommen — rasch eilt sie den Torweg Straße bleiben sie stehen Die Schwester überlegt, - entlang durch das eiserne Gitter — da draußen dann sagt sie: ,-Sind die Geschäfte Nvch ossen?" sucht sie ihren kleinen Brudet, einen 8jährigen ״Nur die Bäckerläden." Knaben, der fröstelnd und am -ganzen kleinen' ״Gut," sagt sie, ״ich gehe heraus und nehme Körper zitternd dastehet, die großen, klugen aus meiner Sparbüchse 20 Pfennig... Da kaufen Augen aufmerksam geschaut.! wir etwas — ja?" Als er sie steht, eilt er auf sie jäh zu. Er kann * Der Kleine zwinkert zustimmend mit dennur ein Wort Hervorbringen, eirre Frage, die ihm Augen u. wiederholt: Freitag Md dann "Schab-' so inl-altsvoll, so schwerwiegend ist: ״Mutti?" j bos.... Mutti!" - . ' - - - Sie will ihn umarmen aber sie sieht viele Ich gehe» sinnend, als die Beiden -ver-Mmn- Augen auf sich gerichtet und lcht nur ihre Hand den und fühle eine Freude, wie in einer schönen» um seinen Hals: ״Mutti kommt Freitag nach, glücklichen, seligen Erinnerung. — — -— Must Hause." ' I terliebe — Liebe.