Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 27 (9.12.1915)
- Date
- 1915-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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1 MWMMM Äahra. XVI. Nummer 27. m-:-:-:-m Bezugspreise: ,für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12*— Rußland, ganzjährig.Rubel 16 — Balkan, Frankreich ...,,,.. Franks 4׳— ■--a ^Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9?* Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die öspaltige Petitzeile SO h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. m---a Wien—Budapest. Brünn, ■: *32?s«e15' Prag—Lemberg. Das jüdische Volk im Weltkriege. Von Dr. Hanns Fischl. III Der große Plan Herzls war, Las jüdische Volk zu nwbjlisieren und sein strategisches Ziel die Errichtung des jüdischen Nationalstaates mit erreichbaren Mitteln. Er brauchte volksbewußte Inden, Geld und politische Macht, die auf jeden Fall ans den ersten beiden Elementen ohnehin resultiert hätte. Die Frage der He,van׳z-i-ehung von Menschen und Geld für einen gemein saufen Zweck war eine politische, die Frage der Landnahine eine diplomatische, also immerhin ungewisse, während in allem anderen der moderne Stand der Technik alle Sicherheiten bot. Wenn Herzls Mobilmachung geklappt hätte, so hätten einige Millionen jüdische Seelen vor allen: den Entschluß gefaßt, teils durch Auswauderuug, teils durch Geldspenden und politische Propaganda den jüdischen Staat auf den: Boden Palästinas herzustellen. Sodann hätten sie sich in einer Weise organisiert, daß die Mächte die Organisation als Machtfaktor hatten anffassen müssen, und schließlich wären die nötigen Millionen zur technischen Durchführung des Werkes aufzubringen gewesen. Gegen Leistung von. Millionen hätte die Türkei Palästina unbedingt abgetreten. Aber erstens blieben diese Millionen aus und kamen erst als Kriegsanleihe hüben und drüben Zutage, und zweitens waren nur wenige Schwärmer da, die ernstlich an einen Jndenstaat dachten. Die Ostjnden ergingen sich in mystischen Träumeroieu, die Westjnden betrachteten die Idee als Sensation und nahmen je nach den persönlichen Feuilleton Die Dichterin. Ein literairsches Kriegserlebnis von M׳:.r b. Troll, im Felde. Nachdruck verboten. Eine jugendlich, hübsche und hochgebildet Jüdin hat sie mir in einer abendlichen Däm- :::erstünde erzählt-die Geschichte von der Dichterin! und Schauspielerin Rosse von Bialstock. — ״Kennen Sie die Dichterin Rone?" ׳ ־י mich die kleine Jüdin, nachdem wir schon lange Über russische un׳d deutsche Li׳teratnr geplaudert hatten. Ich kannte sie nicht und ihre Werke nicht.;Und kenne sie mich heute noch nicht, während ich diese Zeilen n-iederschreibe. Wäre es Frieden ge- .wvsen, so hätte ich mir die Mühe genommen, die mii־ unbekannte Dichterin kennen zu lernen und ihre Werke zu studieren. So aber herrscht der Krieg, der alles um־־ fassende, allvertilgende Krieg. Mau ist Sklave der wundervollen Organisation. Man kann sich nicht vom Schicksal treiben lassen, nicht tun und lassen, was mau will. Nicht länger darf mau! an ׳ einem Platze veüveilen, ׳als es die große Ma- - schine erfordert. Weiter geht es — — immerfort. Nomadenleben. Interessen dazu Stellung. Was zur! Auswanderung genötigt war, ging nach Amerika. Es bildeten sich zweighaste Vereine von kann: lokaler Bedeutung, lächerlich geringe Fonds wurden aufgebracht, die kaum die Regien deckten. Die gewaltige Volksbewegung, die der Jour- Ml ist Herzl von dieser gebeugten Rasse erwartete, verrann in den Sand als Partei, die an Macht und Mitteln׳ von irgend einen: Bund für Woll- Industrie oder Pferdezucht oft überboten worden ist. Es kam der Bluttag von Serajewo. Die Inden Galiziens mußten fliehen. Für ihre Evakuierung und Unterbringung sorgte nicht irgend ein großangelegter jüdischer Natiolnaldienst, sondern! dieselbe österreichische Regierung, z:l der die Nationalju.den in schroffster Opposition standen. Die Millionen Juden Nußlands, waren verloren. Auch da hätten die Notschilds, Schiff, Foulds et tutti qnanti eingreife:: können. Nein! Die armen Teufeln mußten als Russen kämpfen und «als Juden zugrunde gehen. Und Palästina! Wo waren die jüdischen Helden mit bcn Abzeichen und Bändern, denen die Hände schon von Treneschlvören für Ercz Israel wehe taten? Wo!raren die Makkabäer, als die Briten gegen Sinai als Feinde eingerückt kamen? Der Türke Djemal-Pascha mit preußischen Generalstäblern mußte in Abwesenheit jüdischer Landesverteidiger ::ach dem Süden unseres Landes eilen. Das sind die Dinge, die nicht oft genug wiederholt werden können. Wenn Deutsch-!׳and u. die Türkei die VerteidiWng Palästinas, wenn Oesterreich die Evakuierung und Versorgnng der flüchtenden gal-izifchen Inden schon! vor dem Kriege ins Auge fassen konnten und im Kriege durchfuhren, wieviel eher Hütten all das die Inden selbst in die Hand -nehmen können! Vielleicht, wenn es eine sechsprozentige jüdische Ich hatte nur eine kurze Rast. Die Pferde mußten getränkt und gefüttert werden. Dann sollte es weiter gehen. Die Sehnsucht nach einem heißen Glas Tee trieb mich in das nächstgelegene Haus. Und!nährend der Samovar melodisch aim überdeckten Ofen surrte, erzählte mir die kleine Jüdin die Wrmdersanre Geschichte dev Dichterin Stoffe von Bialhstok. ״Sie ist erst 23 Jahre alt", begann die Erzählerin und hat schon so viel geschrieben — die Schriftstellerin Rosse. Aus jüdischenr Hanse stainmte sie und war schon mit knapp 16 Jahre eine glänzende und gefeierte* Scharrspielerin in Moskarl. Der russische General —־ sagen! wir Jwanowitsch — verliebte sich in sie, sie liebte ihn wieder. Ihre Eltern — kleine jüdische Kauflenke in der Provinz — versagten jedoch die Ein-!villignng und so lebten die Liebenden still für sich dahin. Da -eines Tages — während einer Aufführung erreichte sie die Nachricht von!der schweren Erkrankung ihrer Mutter. , Sofort nach deilr Theater eilte sie, ohne -denn (beliebten Lebewohl zu faßen zuin Bahnhof, um zun: Sterbelager ihrer Mutter zu fahren. : Als sie über die Türßhlvelle ihres Vater- Hauses trat, fand sie jedoch nur eine Tote. Nimmermehr kehrte sie nach Moskau zurück, Pflegte ihren Vater und lebte vollstäildig wie eine Nonne ^geschlossen von alter?lußentoelt. Auch an ihren Freund schrieb sie nie auch nur eine Zeile, Kriegsanleihe, jüdische Gen-eralsstellen, jüdische eiserne Sterne und goldene Medaillen, Ehren- Zeichen vom roten Mogen-David mit der Kriegsdekoratiou gäbe, vielleicht gäbe es dann auch einen jüdischen Patriotismus,' einen jüdischen Nationaldienst. Denn! das traurige ist, daß die Lage von dein Großteil der Jllden .nicht als drückend empfinden wird, daß der nationale Wille, den Albaner, Mazedonier ulld Tvientiner selbst besitzen, diesem großen, starken Volke fehlt. Die Ernüchterung wird n׳i-cht ausbleiben. Der Judenhaß hat nicht nachgelassen. Es ist nur Burgfriede. Die Opfer werden -umsonst gebracht sein-. Nach dein Feldzug, der die Juden ׳mehr Opfer an Menschen und Werten gekostet hat, ,als es je eine militärische Niederlage des jüdischen Sdiätes erfordert hätte, werden Germanen/ Romanen rnrd! Sl-aven, auch Osmanen und Araber mit vereinter Kraft an die nationale Arbeit gehe!:. Sie werde:: überall sich an den Inden reiben. Mrs hat der Jude in: Kriege national für eine Rolle gespielt? In einen: jüngst erschienen humoristischen Romane erscheint die Figur des Isidor Wetzstein. Wetzstein ist für Krieg und Frieden, für Deutsche und Slaven, für Klerikale und Sozialisten, damit .nur ja sein Genllschtwarenhandel flovi-eve. Nach den: Ende -aller Käinpfe kann er denselben erweitern und sogar -eine Filale-eröffnen. Persönlich und Politisch ist er aber gerichtet. Isidor Wetzstein! Das war die Rolle׳ der Inden in diesen: Kriege. Das fremde Geld hat in ihren Taschen nur den Besitzer gewechselt. Die Nation hat nichts gewo:1l:en, aber viel verloren. An Vorhandenen viel, an Chancen tausendnull. :::ehr. Es bleibt die letzte Hoffnung: Unsere Stimme bei!n: Fviedensschluß. trotzden: sie ihn: abgöttisch liebte. War sie allein, oder wußte sie sich allein, so tonnte sie stundenlang vor den: Bild ihres Geliebten sitzen und flüsterte :nit glückseligen Lächell: auf den Zügen!den Nainen des Geliebten. Vielhundertmal-Vielta-us-ondinal: Jwanowitsch! — Jwanowitsch. Die Wucht der Ereignisse, die unendliche Liebe zu ihrem Freunde hatte sie wieder zum Kinde — zur Dichterin werden Kassen. Ich habe in Bialystok oft mit ihr gesprochen. Jetzt wohnt sie immer noch wie eine Einsiedlerin. I:: einem winzig kleinen Zimmercheu 2—3 Meter im Geviert. Tagsüber schläft sie. Fragt -man sie nach irgend etwas, ruft sie bei ihren Nainen, ׳dann faßt sie einen: Plötzlich an den Händen llnd mit Glück verklärten Angei: flüstert sie träumerisch: Jwanowitsch — Jwanowitsch. So silberhell — so schwärmerisch wie nur eine glückliche Braut den Geliebten begrüßen kann. Jedes Menschenkind, das ihre Wege kreuzt, jedes Blümchen, das ihrvhchla-nken, feingeaderten :reißen Hände liebkose:: — ׳alles was sie :::::gibt, trägt bei ihr den Nainen: Jwanowitsch. In: Halbschlaf verbringt sie den ganzen Tag und den Abeick. Erst um die mitternächtige Stunde seht sie sich an den Schreibtisch und schreibt mit ihren: Herzblut bis in den ׳neuen Tag hinein die Geschichte ihrer Liebe. ״Das ist die kleine, aber!vahre Geschichte Von der Dichter:':: Rosst*, schloß die Erzähler-in". Und' sie fügte hinzu: ״wir keunen sie alle. ...