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Jüdische Volksstimme · 1915-07-08 · Heft 18 (8.7.1915) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 18 (8.7.1915)
Date
1915-07-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Nt. 18» Ermordung des KultusprSsidenten Retter von Sadagora (Bukowina). (Originalbericht des ״IW. Archivs".) Jakob Retter, Student!der Medizin an der Wiener Universität, berichtet: Mein Vater Leib Kallman Retter, Kaufmann und Kultnspräsident van Sadagora, wurde Mitte Oktober in Sadagora von den Russen ormordet. Mein Vater, der kurz vorher von den russischen Soldaten schwer mißhandelt worden war, hielt sich im Hause auf. Es drangen Kosaken ein. Sie wollten' meiner Mutter Gewalt ,antun. Mein Vater warf sich dazwischen und wurde von den Kosaken getötet. Meine Mutter!ist, schwer krank, miit meinen kleinen acht Geschwistevn nach Czernowitz geflohen. Wir waren wohlhabend. Wir hatten ein Haus, Bargeld und Waren im Werte von mehrereen hunderttausend Kronen. Jetzt hungern die Meinen in Czerno- Witz. Mein Vater wollte trotz des Zuredens aller Freunde und Verwandten nicht fliehen und seineu Posten und sein Heim im Stiche lassen. Man hat ihm voygehalten, daß sich die Russen ita erster Linie an ihn, den. offiziellen Vertreter der Indenschaft, ha׳lten würden. Er war aber nicht zur Abreise zu bewogen. Rnssengreuel in verschiedenen Ortschaften der Bukovina. (Aus einem׳ Berichte des Freiherrn Kurt von Rehen, aus Grund behürdl. Protokolle.) In Sadagora und der Vorstadt nördlich des Pruth, in Zuczka, wurde am 17. Februar, dem Tage des Abzuges der Russen, noch ein Pogrom veranstaltet, wobei vier Juden getötet wurden, einer darum, weil er seine junge Frau vor Schändung bewahren wollte. Bei Sereth wurde sogar der griechisch-orionetali'sche Pfarrer geprügelt, an einen Baum ge- Kunden und dann gezwungen, der Schändung seiner eigenen Frau zuzusehen. In Jablanitza zündeten die Russen ein Haus an und verboten, etwas zu retten. Der Unglückliche Besitzer, ein Jude, hotte sich, um in der kalten Nacht nicht ׳zu erfrieren, zwei Decken aus den Flammen. Er wurde gekreuzigt und ein Posten so lange dort ausgestellt, bis der Aermste ausgelitten hatte. Es ist dies das kleine Dorf am Bialy Czeremosz, nicht das unweit gelegene Jablonica am Tatarenpaß. Ein noch scheußlicherer Mord wurde an Isaak Zellermayer, dem reichsten Bürger von Storoschynetz, südlich Czernowitz, begangen. Er wnrde in der Nacht auf den 14. Februar ohne Angabe eines Grundes aus den! Bett geholt und gefangen gesetzt. Er ließ noch am Morgen seiner Frau sagen, sie möge ihm Kaffee schicken und ,sich nicht ängstigen, das Mißverständnis wurde sich gewiß aufklären. Kurz darauf wurde Zellermayer von vier Soldaten, also offenbar über Be- ' fehl, abgeführt und gehenkt. Der Strick riß, der Unglückliche taumelte ein Paar Schritte davon, Wunde niedergeworfen und buchstäblich abigeschlachtet. Dann wurden der Leiche die Augen ausgestochen und die Kleider geraubt. Sie blieb nackt im Schnee liegen. Ich selbst habe am 19. Februar die Parte auf einer Telegraphenstange in Storoschynetz gelesen, die namenlose Angst vor den Russen, die kurz darauf abzogen, umschrieb das Schrecklichste mit den Worten: ״Eiin jähes Geschick hat ihn uns Plötzlich entrissen." Die Lage in Palästina. Im allgemeinen war in den letzten Wochen eine Beruhigung unter den Juden Palästinas eingetreten, da längere Zeit weitere Maßnahmen der Behörden gegenüber!den jüdischen Untertanen fren'.der Länder nicht erfolgten. Mit Genugtuung begrüßte die Palästinisch-jüdische Bevölkerung in Jerusalem die Tatsache, daß Herr David Jellin, der Leiter-c des zionistischen Lehrerseminars zun! Zensor für HAwäisch in Jerusalem ernannt worden war.-Auch war die Anstellung jüdischer Wächter in den palästinensischen Kolonien von den Behörden wieder erlaubt worden, und neuerdings hatte ׳die den! Odessaer Komite unterstehende hebräische Mädchenschule in Jaffa, die von den türkischen Behörden eine Zeitlang geschlossen war, die Erlaubnis erhalten, den Unterricht wieder auszunehmen. In den letzten Tagen sind jedoch beunruhigende Nachrichten eingetroffen, wonach die türkischen Behänden angeblich wieder die Ausweisung der Juden feindlicher Untertanenschaft aus Palästina beabsichtigten sollen. Es steht zu hoffen, daß es auch diesmal nicht zur Ausführung dieser Maßnahmen׳, die die schwerste Schädigung für die Bevölkerung und das Land bedeuten würden, kommen wird. Petroleum für die Orangen-Mantagen in Palästina. Für die Bewässemmg der in den letzten Jahren immer mehr emporblühenden Orangen- Plantagon in Palästina ist es von -entscheidender Bedeutung, daß schleunigst Petroleum für die Gasmotoren der Pflanzer ins Land gebracht Wird, da sonst die Gefahr besteht, daß Millionenwerte vernichtet werden. In Palästina sind jedoch nur kleine Quant!- täten Pertol-eum zu außerordentlich hohen Preisen erhältlich, die für den Bedarf bei weitem nicht a-usreichen. Anderseits ist es ebenso wie bei!dem amerikanischen Lebensmittelschiff für den Transport und die Einfuhr des Petroleums not-, wendig, die Zustimmung verschiedener Regierungen zu erlangen, damit das Petroleum ׳nicht auf dem Wege oder i-m Lande der Konfiskation׳ anhei mfälllt. Die nötigen Schritte wurden eingeleitet, und es steht zu hoffen, daß sie Erfolg haden werden. Die zum Ankauf des Petroleums notwendigen Summen sollen der Anleihe zur Erhaltung ber palästinensischen Orangen-Pflanzungen von 600.900 Franken entnommen׳ werden, deren Zustan,bekommen gesichert erscheint. Die Beteiligung des bekannten jüdischen Philanthropen Jakob H. Schiff in Newyork bei dieser Anleihe war irrtümlich mit 20.000 Frks. angegeben worden. Herr Schiff hat vielmehr 100.00 Franken gezeichnet und sich bereit erklärt, außerdem 200.000 Franken unter Garantie der Zionistischen Finalnz-Jnstitute, Jow-ish Colonial Trust und Jüdischer Nationalfonds, vorzustrecken. Goldene Tapferkeitsmedaille. Adler Ale;ander, Med!., Einjährig-Freiwilliger, Zugssührer in der polnischen Legion, meldüle sich, als der' Oberst an sein Regiment die Frage richtete, wer es wagen würde, in den ersten Morgenstunden, die jenseits des Flusses gut verschanzten Batterien des Feindes zu erkünden. Um 3 Uhr morgens schwamm er, als polnischer Jude verkleidet, über den- Fluß. Nachdem or vorsichtig die Positionen der russischen Artillerie ausgekundschaftet und genaue topographische Aufzeichnungen gemacht hatte, schwamm er nach anderthalb Stunden wieder zuruck. Die nachgesandten Kugeln — die Russen hatten ihn zu spät bemerkt — trafen ihnzum Glück nicht. Der Erfolg blied nicht aus, denn an demselben Tage gerieten 7 feindliche Geschütze in unsere Hände. Der Oberst küßte den Helden, der auch Mn Kadett-Feldwebel befördert wurde. Alexander Bela, Einjahrig-Freiwilliger, Titular-Fel.d!webel, Infanterieregiment Nr. 12, führte, da kein Offizier da war, -eine Kompagnie des 12. Infanterieregiments ohne höheren Befehl zun! Sturme. Der Sturmangriff war erfolgreich, den Unsrigen fielen ein Oberst, zweie Leutnants und 170 Mann als Gefangene, sowie ein gehetm-er feindlicher Kriegsplan in die Hand, mit dessen Hilfe am darauffolgenden Tage mehrere tausend Russen in unsere Hände fielen. Alexcmder wurde auch vorn Divisionär persönlich belobt und erhielt auch von! deutschen Kaiser das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. Beer Oskar, Zugsführer, Honved-Jnfanterie-Negynent Nr. 1, übsrnahn!, als bei Grodovice der Bataillonskommandant verwundet wurde und die übrigen Offiziere gefallen waren, das Kommando unid hielt auf den Felstiner Höhen den Feind elf Tage lang auf, bis er Verstärkungen erhielt. Wjurde auch auf dem Schauplatze seiner heldenmütigen Waffentat zmn Stabsfeldwebel befördert. Fuhrmann David, Infanterist des Landwehrinfanteri-e-Rsgiments Nr. 22, war bei einer Patrouille eingekeilt, ,die einen Wald aufzuklären hatte, aus dem der Feind abgezogen sein sollte. Als der Patrouillenkommandant fiel, übernahm er das Kommando und war eisrigst tätig, feindliche Infanterie, welche sich auf Bäumen versteckt hiel-t und auf unsere Infanterie ein lebhaftes Flankenfeuer abgab, mit Erfolg heran terzuschießen., ebenso -die auf einem Baume befindliche Bedienungsmannschaft eines Maschinengewehres und erbeutete dieses. Fuß Menedel, Feldwebel des Landwehr-Jnfcmterieregimenats Nr. 18. Gottlieb Armin, SaniMsun-teroffizier. Grün Leopold, Evsatzreservist, Infanterieregi ment Nr. 64. Grünfeld Richard׳, Fähnrich, wegen unerschrockener Verteidigung von Fahrküchen. Mit fünf Mapn nahm er sechzig Russen gefangen. Er wurde auch zmn Leutnant befördert. Jahrzeit im Schützengraben. (Nach dem Lodzer Volksbl.) Es war zur Zeit blutiger Kämpfe i)n׳ Galizien. Wir lagen im feuchten Schützengraben und pulverten auf den Feind׳. Es war am Donnerstag gegen Abend, -da kam'ein Kamerad mit dem Gewehr auf der Schulter und fragte: ״Bist du ein Jude?" — ״Jawohl, warum fragst du?" ״ ״Ich habe Jahrzcit und möchte für meinen Vater Kadisch sagen. Es fehlen!mir noch einige zu Minjan." Ich wendete mich zum Abteilungsleiter Md bat um Erlaubnis, zum Minjan zu gehen. In meiner Kompagnie waren noch vier Soldaten, die mitgingen. Sie krochen mit uns hinter die Linie zum Minjan. Die drei Mann warteten schon auf uns. Wir zündeten ■eine Kerze an, für die wir im feuchten Boden ein Loch gruben und sie hineinsteckten und begannen dann mit ergrei>- fender Andacht das Whu rachum ... Das war meines Lebens unvergeßlichste halbe Stunde. Ich habe -in diesen Monaten viel durchlebt. Ich sah blutige Wunden unid sterbende Freunde, siegesjauchzende Kameraden und verröchelnde Jünglinge. Ich weii'njte und jubelte oft, aber was ich bei'm Anblick ddr zitternden Neschomohflamme und beim Hören der Stimme des an der Jahrzeit seines Vaters Betenden empfand, das werde ich nie vergessen. Ich wurde operiert. Oft lag ich, von Todesqual gepeinigt, in meinen Gedanken phantasiercnd auf meinem Schmerzenslager; aber immer war mir das Neschomohli'cht gegenwäritig, in dessen matt schimmerndem Umkreis, zehn bewaffnete Kameraden in Gebet versunken, in Andacht kauernd Maariv beteten. Der klare Himmel erschimmerte vom Z-aubcrglanz blitzender Sterne. Aus der Feme rieselt murmelnd das fließende Waldbächlein, das mit Blut und Tränen gemischt, seine Mellen dem weiten Strom zusprudelte. Von den leisen Akkorden des sauft hauchenden Waldes begleitet, betete ci1׳t guter Sohn für den toten, frommen Vater. Da tönte voll Andacht: Jisgadal w.jiskadasch /<:ineh rabbo! Dann muß der Feind etwas entdeckt haben, es platzten in unserer Nähe die Schrapnells und Kugeln. Sie schlüge!: in die Erde. Uns hinderten sie nicht. Wir fühlten es, daß dieses Gebet nicht für die Emzelseele des toten Vaters allein zum Hiuunül steige; wir beten für Tausende und Hundert'tauseude,!deren Seelen irgend in der Luft Herumschweben, die einen: Kaddisch suchen; von denen man zu Hause nur ahnt, daß sie tot sind, aber immer noch hofft, daß sie gesund und rühmbedeckt heimkehren werden; die irgendwo ruhen, weit, weit in unbekannter Fremde. Als wir fast geendet hatten, bemerkten wir eine nahende Gestalt, in der wir den Hauptmann eines nahen Bataillons erkannten. Wir Wußten, daß sein Vater Jude war und, daß er vor Jahren den Glauben verlassen hatte. Er wußte nicht, was wir vorhatten: sprach keine Silbe zu uns, nahm sein Zb garrenetui, um sich eine Zigarette an der brennenden Jahrzeitkerze anzustecken. ״Herr Hauptniann!" wagte ein Kamerad, ״bitte, nicht anzuzünden, die Kerze dient einen! andern Zweck." ״Weshalb denn?" ״Zun! Jahrestage meines verstorbenen Va^- ters," ergänzte der Vorbeter, ״ließ ich die Kerze anzünden. Wir beten eben für ihn." Der Hauptmann stand erstarüt. Eine Blässe zog über sein Gesicht. Alte Erinnerungen^!oderten in ihn! auf. Er nahm die Zigarette aus den!׳ Munde, legt-e sie zurück ins Etui, blieb stumn! eine Weile in unserer Nähe und sagte dann: ״Ich will mit euch mitbeiten. Ich WM auch Jude sein, Brüder, ich bin ein Jud! . . .

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