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Jüdische Volksstimme · 1915-07-08 · Heft 18 (8.7.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 18 (8.7.1915)
Date
1915-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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1,־׳ ^ץ"־־5 Jaldra. XVI. ,Erscheint jede« Mtt»och T- " Xfk^■®** ■״ ייך-*־ . •y Nmnmer 18. ■- »eauflSpt eif e: Für Oetterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620 ganzjährig. —׳12 Kronen . Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig ...... Balkan, Frankreich. ...... —׳12 Mark . . Rubel 6— . Frank» 14— m—;—.— -:— ----—׳—a Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse S. Buchhändlerifche Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die bspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen, a-׳-—» Wien—Budapest. Brünn, 2®; |"“a1ä95|75 Prag—Lemberg. Infolge der Einrückung unseres Herausgebers, konnte die Jüd. Volksstimme nicht regelmäßig erscheinen. Wir bitten unsere P. T. Lesers um freundl. Berücksichtigung. Der. Verlag. BBBBBBBBBBBBBMBBB Zu Herzls elftem Todestag. Von Artur.Grün. ' Als wir nm Vorjahre unseres großen Führers. Todestag feierten, hätte sich keiner die Um- .stände ausmalen können, unter denen wir die Iah vzeit nach Theodor Herzl Heuer begehen würden. - Geschloffen traten wir damals zusammen׳ und begingen das ׳traurige Jubiläum des zehnten Jahrestages, ׳an dem uns -die edelste Perle unseres Volkes jäh entrissen wurde. Wir hielten Rückschau Ms die - Arbeit im Zionismus, wir suchten unser Verhältnis zur Arbeit Herzls festzul-eigen; wir fühlten, daß die Erinnerung an Herzl für unser Volk Alles 'sei, das Rückgrat all unserer Wünsche und Hoffnungen. Mit doppelten Tränen erinnern 'wir uns Heuer,an Herzl. Es sind die Tränen eines Kindes, das nicht allein ,den Väter verloren, das auch noch vom Geschick hart verfolgt oder in die Fremde gestoßen wurde. Die Leiden unseres Volkes habest in diesem Weltkriege eine furchtbare, un- Feuilleton Der Lügengeist. Von Rabbiner Dr. Adolf Altmann (Moran). ״Alle ihre Freunde wurden treulos, verwandelten sich zu Feinden." An dieses Klagewort Jeremias wirdman gemahnt, betrachtet man die Schar der Feinde ringsumher, die sich gegen unser geliebtes Vaterland verschworen und zu denen sich nunmehr auch der ״Freund und. Bundesgenosse" Italien gesellte. ״Viel Feind, viel Ehr", tröstet uns ein weises Wprt des Bayernkönigs. Angesichts des welschen Verrates aber sollte man ein neues Wort Prägen: ״Viel Freund, viel Wehr". Denn es hat sich gezeigt, daß man just den Freunden gegenüber am meisten gerüstet und zur Abwehr bereitet sein muß. Man sagt: ״In der Politik gebe es keine Anständigkeit und keine Gefühle." Daß dies nicht immer wahr ist, hat Oesterreich- Ungarn und Deutschland gerade Italien gegenüber bewiesen. Aber Italien hat gezeigt, daß es für dieses Land überhaupt keine Politik gebe, insofern es unter diesem Worte Raub versteht. Man macht der deutsch-österreichischen auswärtigen Polittk den Vorwurf, daß sie zu anständig war. Das war sie denn auch, weil sie denken mußte, wenn sie sehr anständig ist, werden die anderen zumindest etwas anständig sein. Daß man die allzugroße Anständigkeit mit allzugroßer ,Unanständigkeit beantworten werde, ließ sich selbst durch die schwärzeste Diplomatendrille nicht faßbare Ausdehnung erfahren. Hunderttausende unglücklicher Juden haben durch den Krieg ihr Hab und Gut verloren, und die Zahl jener, die auch ihr nacktes Leben nicht retten konnten, ist groß. Obdachlos, von Not und Hunger gepeinigt, dabei aber dem Spott der Müderen ausgesetzt, irren unsere Volksgenossen durch die Welt. Werden sie nach dem Kriege ihr Heim und die Liebe ihrer Nachbarn finden? . . . Mehr als sonst fühlen wir jetzt die Verwaistheit unseres Volkes. Wo ist der, der schon durch seine Persönlichkeit allein ein Trost war für unsere Zurückgedrängtheit, weil wir an seinem Werke einer lebensfrohen Zukunft des Volkes ,entgegensehen konnten? Herzl, wir fühlen es klar, hak uns verlassen, als unser Schritt noch unsicher, unser Wort noch schüchtern war. Drüben in Rußland finden Pogrome statt und noch viel größere werden in der ganzen Welt vorausgesagt und erwartet. Furchtzittevnden Herzens beginnen wir tot der Zeitung jeden Bevicht aus den russischen Städten zu lesen. Nach jedem Worte fürchten wir, wieder eine schreckliche Nachricht über Verbrechen an unserem Volke zu erfahren. In Augenblicken -aber, da wir solche Nachrichten lesen, ist uns, als wäre Herzl noch unter den Lebenden und wiese uns auch weiterhin den Weg, auf den er uns Suchende «inst׳ geführt. Sein Geist lebt noch unter uns. Die Ausstrahlung seines Wirkens, die nie und nie verlöschen kann, bestrahlt uns und tut unseren notgepeitschten Seelen Wohl. Eine harte Prüfung ist uns in diesem Kriege auferlegt worden. Schon 'begann die Saat, dis Herzl gepflanzt, langsam aufzublühen. In Palästina ist längst ein für die Diaspora mustergültiges hebräisches Zentrum entstanden Ein junger, voraussehen. Uebrigens ist das Verhalten Jtaliens nicht nur gewissenlos und böse, es ist auch im höchsten Grade unklug. Einen Krieg nur des Krieges selber wegen wollen, ist nicht nur Todsünde, es ist auch Dummheit. Man saßt sich beim Kopfe und fragt: Was ist es für böser Geist, der über dieses unglückseligo Volk und Land gekommen? Und weil man das Ungeheuerliche nicht begreift, sagt man, es sei etwas noch gar nicht Dagewesenes. Aber Ben Akiba sagt nicht umsonst: ״Alles ist schon dagewesen." Auch ׳der sinnlose Krieg Italiens hat sein uraltes Analogon. Im biblischen Buch der'Könige (22) wird etwas Aehnliches berichtet: König Ahab und seinen Höflingen gelüstete es nach Krieg. Das Volk lebte in Friä>en mit seinen Nachbarn, Verträge sicherten die Grenzen, gefürchtete Feinde waren gedemütigt und das Land konnte sich in Ruhe der inneren Entwicklung hingeben. Alles Volk war denn auch für die unbedingte Erhaltung des Friedens, aber der König, er wußte selbst nicht warum, wollte den Krieg gegen den Nachbar, den er nach schwerem Kampf in einem Augenblick dev Schwäche wähnte und daher ganz niederzuringen hoffte. Im Lande wimmelte es von Wahrsagern und Propheten, Räten der Krone, die es immer verstanden, den Mantel nach dem neuen Wind zu wenden und zu weissagen, wie es die Wacht- Haber wünschten. Sobald es diesen ״Sonnmos, Salandms und D'Annunzios" klar geworden, daß Krieg das Losungswort, verdrehten sie die Augen um» schrieen: ״Krieg!, der Himmel ist voll der Zeichen für den Krieg, es wird Sieg und reichs Beute geben, o König, ziehe hinauf, du wirst die Feirwe schlagen." frischer Hauch durchwehte das dürre Geäst des jüdischen Stammes. In der Ruhe des Weltfrie- ׳dens sind die ersten Ansätze dieser zionistischen Arbeit entstanden. Wie ein Sturm ist der Weltkrieg in die Menschheit gefahren, hat alles aus der sonnigen Ruhe aufgepeitscht. Der Zionismus, das uralte jüdische Volksideal, wird aber bestehen. Und damit kann auch die Verehrung für den nicht untergehen, der es in genialer Weise verstand, uns dieser Idee empfänglich zu machen. Daß wir beim Schalle der Geschütze Herzls Todestag feiern, sei uns ein Zeichen dafür, daß all sein Streben einer neuen Zeit galt, die er. das Genie, vorausgeahnt hat. Er fand nur einen kleinen Kreis von Jüngern. Diekommende Zeit Wird nach und nach alle unsere Volksgenossen auf den Weg nach Zion führen. Eine kleine Gemeinschaft -im Judentum feiert heute Herzl als Nationalheld. Die Zeit ist aber nicht ferne, da die Verherrlichung seiner Persönlichkeit jeden Juden ergreifen wird. Wir sind das Geschlecht, das diese ernste, schwere Zeit auf seine Kraft prüft. Wir wollen uns unseres großen Volksholden würdig zeigen und mit nie versiegender Tatkraft den Aufbau unseres neuen Lebens auf alt-neuer Scholle fortsetzen. So feiern wir heute, im Kriegsjahr, Herzl nicht allein mit trauerndem Gefühle; auch mit den Zeichen ldes eisernen Willens, sein Werk, unser Werk, das die Grundidee seines ganzen Lebsns bildete,׳ trotz welterschütternder Ereignisse zu vollenden. Nur einen einzigen gab es inmitten der allgemeinen Raserei, der ruhig, vernünftig Blut bewahrte und es wagte, für den stillen, segensvollen Frieden des Vaterlandes zu sein. Es war Michaja, ein einsamer Volksseher, von dem aber auch der betörte König wußte, daß er prophetischen Geist besitze. Der Vollständigkeit halber wurde auch er geholt, um vom Könige gehört zu werden. Es würden ihm Winke erteilt, dem Herrscher nur Günsttges, Aufjnu׳nterndes über sein abenteuerliches Vorhaben zu künden, aber er war aufrecht genug, dies nicht zu Lun und sich wider die Rotte zu stellen. ״So wahr Gott lebt," rief er beherzt aus, ״nur das werde ich sprechen, was Gott zu mir spricht!" Und als der König es immerhin vernehmen wollte, stellte er sich hin und sprach: ״Ich sah Gott Ms seinem Throne und das Heer des Himmels zu seiner Rechten und Linken. Und der Herr sprach: Wer möchte wohl dou König Ahab betören, gegen seinen Nachbar zu ziehen, daß er daselbst falle? Der eine sagt dies und der andere jenes. Da trat ein Geist hervor und sprach: Ich werde den König betören, ich werde ausziehen und ein Lügengeist sein in dem Munde aller seiner Propheten. Darauf sprach der Herr: ״Ja, du wirst ihn betören und es ausführen. Gehe hin und tue also. Siehe nun, o König, der Herr hat einen Lügengeist ,gegeben in den Mund aller deiner Propheten und Böses über dich, verhängt." Auch Gioletti dürfte vielleicht seinem Herrn, dem König von Italien, im gleichen Sinne ye- Weissagt haben. Aber es erging ihm wie Michaja, der von den wahnrauschigen Lügenräten des Kö-- nigs mißhandelt und geschlagen wurde und den

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