Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 17 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Javra XVI. Erscheint leben Mittwoch Nummer 1? «»-«-»Preise: Für Oetterreich-Nngarn, halbjährig . Kronen 6-20 ganzjährig.Kronen 12*— Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12׳— Rußland, ganzjährig.Rubel 6 — BaÜan, Frantreich.Frank» 14•— Herawigeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die öspaltige Petitzeile 80 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono. riert. Manuskripten ist Rückporto beizusügea. Wien—Budapest. Ältünn *®3 יuni 1915 ^cwuu' 4י %amn9 5h75 Prag—Lemberg. Der heutigen Nummer liegen Posterlagfcheine bei. Die P. T. Empfänger werden nm gefi. umgehende Bezahlung deS Abouuementbetrages ersucht. Die Administration. Der Humanismus u. die Juden. Die Tageszeitungen berichten ausführlich über die feierltiche Sitzung, welche!die ״Freunde der humanistischen Bildung" abhielten. Den Festvortrag hielt der hervorragende ungarische Politiker und Gelehrte von Weltruf, Herr v. Berzevizy, der sehr warm für -die Beibehaltung des humanistischen Bildungsganges unserer Jugend eintrat, da derselbe die Grundlage der höchsten Kultur abgebe. In Anbetracht des Umstandes, Laß die Juden trotz verschiedener Hinderungen' ihren Kin- Lern oft unter den schwersten Opfern die spezifis humanistische Bildung, den Unterricht von Latein und Griechisch zuteil werden lassen, wird ׳es vom Leser gewiß nicht verübelt werden, wenn das Verhältnis der Jrwen zur Humanistik mit einigen Worten gekennzeichnet wird. ' Der Antrieb zum Besuche des Gymnasiums geht in den meisten Fällen bei der Majorität der Bevölkerung Oesterreichs von der Erwägung aus, daß der Knabe durch die Absolvierung dieser Schule die Grundlage seiner Versorgung in einem öffentlichen Amts oder in einem gelehrten Berufe finden werde. Der jüdische Vater muß diesbezüglich mit . einer viel beschränkteren Versorgungsmöglichkeit für seinen Sohn rechnen, JeutQehm Peffach im Felde. . (Verspätet e!!!gelangt.) Ostermontag, den 6. d. M., um 9 Uhr vormittags war es, als sich die Reserveoffiziere und .die dienstfreie Mannschaft mosaischer Konfession unseres Bataillons vor dem Lager der 10. Kompagnie versammelten, um anläßlich des Pesfachfestes die in dem vom Lager zirka 20 Minuten entfernten Städtchen E . . . . befindliche Synagoge aufzusuchen und dem Gottesdienste dortselbst beizuwohnen. , Es nahmen teil: 1. Herr Leutnant Jacques Spitzer, Ing.; 2. Herr Fähnrich Bruno Meisl; 3. Herr Fähnrich Hernnann Abel-es, Techniker; 4. Herr Fähnrich Dr. Emil Burrian; 5. Herr Kadett Dominik Wiesner, Obering.; 6. Herr Kadett Siegfried Ticho, Techniker; 7. Herr Kadett Paul Pollak, Mediziner; 8. meine Wenigkeit. Zwei Herren waren verhindert. Der Mannschaftszug, bestehend aus. sechzehn Mann des Bataillons, stand unter Führung des jungen Rechnungsunteroffiziers.Zugsführers Otto Schwarz, dev dem rangältesten Herrn, Leutncmt Spitzer, Rapport erstattete, worauf sich der Zug in Bewegung setzte. Die Offiziere folgten!. und dennoch scheut er keine Opfer, seinen Sohn lernen, viel lernen zu lassen, damit dieser einmal als gebildeter Mann dastehe. — Die Bildüng, die Betätigung in Wissenschaft, gilt dem Juden als Ideal. Darum drängen sich die Juden hier und überall ins Gymnasium eher als etwa in die Realschule, welche mehr praktischen Zwecken zugewendet ist. — Diese Verehrung der Wißenschaft um ihrer selbst willen ist bei den Juden keine neue Erscheinung. Sie hat sich bei uns von Geschlecht zu Geschlecht seit vielen Jahrhunderten fortgepflanzt trotz allen äußern Druckes und der ungünstigsten wirtschaftlichen Verhältnisse) ohne Rücksicht auf Alter, Vermögen und Berufsarbeit der einzelnen. Auch heute läßt sich das in unzähligen Fällen beweisen. In Dörfern, umgeben von wenig kultivierten russischen Bauern, wo nur wenige Juden wohnen, werden die Kinder der Juden unterrichtet, aber nicht nur im Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern sie lernen Bibel und Talmud lernen Tag und Nacht unter tausend Entbehrnngsn und die Eltern darben sich den Bissen vom Munde ab, um ihre Kinder ״lernen" zu lassen; und der erwachsene Jude ״lernt" jeden freien Augenblick, den sein sorgenvolles Geschüft oder Handwerk ihm übrig läßt. Das ״Lernen" ist ihm Pflicht, Vergnügen, Zerstreuung, ' Trost und Selbstzweck. Und wenn sein Sohn recht tüchtig lernen kann, so ist das der Stolz von Vater und Muter. Die Art des Berufes, den der. junge Mann wählt, um seinen Lebensunterhalts zu erwerben, kommt dabei nicht in Betracht. So' sind die Juden sei t Iahrhunderten gewesen, so waren sie im, Osten bis tief nach Asien und so׳ nachdem Weste!n in Frankreich und auf der pyrenäischen Halbinsel. Wohl haben sie sich weniger in griechische und römische Kultur vertieft, aber in der eigenen Kultur waren, sie heimisch, diese haben sie bewahrt, im Zeichen der Religion geheiligt und zum Eigentum des gesamten Volkes gemacht. T!e Achtung vor allem Wissen und vor allen geistigen Bestrebungen ist dem Juden in Fleisch und Blut übergegangen und in unbewachten Augenblicken gestehen dies auch die Feinde der Judenbeit zu, wie dies der bekannte Sornbart in einer angeblich objektiven Studie über 'die. geistigen Bestrebungen der Juden tut. Er stellt durch seine ״Forschungen" wissenschaftlich fest, dosi d׳c Juden wohl von Achtung vor Geist und Wissen erfüllt sind, daß aber bei den Söhnen Israels nur ״Zweckarbeit" ist, daß Tat und Gedanke stets nur danach gerichtet seien, ״was es trägt", ״was der Tachlis (Zweck) ist" . . . Ich aber sage: Alles, was sich protzig als ״wissenschaftliche Forschung" aufdrängt, ist verdächtig, daß es aus unlauterer Quelle stammt und von Wissenschaft nichts als der: Schein, hat, aber die ״wissenschaftliche Gelebrtenarbeit" Sombarts, der selbstverständlich seiner angeborenen Art gemäß, selbstlos und nur dem Ideale nachstvobend die Wahrheit erforschen will, und der die unglücklichen Juden zum Gegenstände seiner voraussetzungslosen Gelahrtheit macht, der weiß offenbar nichts davon, daß Hun- Lerttausende von Juden bis in die tiefe Nacht studieren und forschen und immer vom neuen forschen ׳ — aber nicht um Professorengehalte drfür zu beziehen oder anderen materiellen Nutzen daraus zu gewinnen, bei ihnen ist das StMum heiliger Selbstzweck. Der große Gekehrte und Juden forscher Sombart weiß das nicht oder er kann es nicht begreifen,, daß arme Hausierer, Packträger, Schuster oder Gastwirte aus Jdealismus ohne selbstsüchtigen Zweck mit unermüw lichem Eifer forschen und ewig forschen. Das ist wahrer Humanismus. Die griechische und.römische Kultur und Klassizität in Ehren, aber ältere jüdische Kultur wird fortbestchen. Das Wetter war ziemlich trübe. Tagsvorher hatte es stark geregnet. Der Marsch ging über einen ״nicht erhaltenen" Fghrweg,. voll Kot. und Wasser, so daß wir einzeln abgefallen auf engen' Seitenwegen waten mußten, um einigermaßen im Trockenen zu gehen. Nach einer ziemlich starken, Steigung gelangten wir auf die nach E. j führende Landstraße. Vorbei an einem Kalva-'! vienberg mit drei nach drei Richtungen blicken-! den Riesenkreuzen, weiters an der Divisionsbäckerei gings dann mitten durch den Ort. Ueber; den Kirchenplqtz gelangten wir rechter Hand zu! einer Straße, an deren Ecke sich im Anschluß an I das Haus des Kantors im Hofe das kleine, pri-.! mitive Gotteshaus, aus Backstein gebaut, mit gothischen Spitzbögenfenstern befand. l So war zirka dreiviertel zehn geworden. Da' wir das Gotteshaus leer fanden, suchten, wir den Kantor in seiner.. Wohnung auf und ersuchten ihn, den Gottesdienst.abzuhalten, und, trotzdem erst der vorletzte Pessachtag war, schon heute die Seelengedächtnisseier einzuschülten, da uns die Gelegenheit, am nächsten, dem letzten Pessachtag, in den Tempel zu gehen, nicht geboten wäre. Gott würde uns diesen kleinen Anachronismus gewiß gerne verzeihen. Der Kantor—Rabbiner zugleich — machte zunächst Einwendungen, erklärte sich aber schließlich dazu bereit, und ging sofort daran» den Gottesdienst zu eröffnen. Wir hatten nun inzwischen Platz genommen und warfen unsere Blicke rings um das Innere des Gotteshauses. Der Eindruck war der von größter Einfachheit. Zwei Schiffe mit .je sechs Reihen Holzbänken boten den Betenden.Platz. Die Decke war ganz kahl, eine schlichte Ampel ewigen Lichtes hing von oben herab. Die Wände waren blau angestrichen, mit kunstlosen Verzierungen versehen, den Fußboden deckten Chamottplatten. Ein gußeiserner Kronleuchter und ebensolche Seitenleuchter bildeten eine weitere Zierde.Altar und Thoralade waren ganz aus Holz. Im Hintergrund ׳oben war ein kleiner Frauenabte! l. Die Fenster waren einfach, die Scheiben unbemalt. Der Kantor — eine hohe Patriarchengestalt, gewiß in der Mitte der 70 — hüllte sich nun in den Talles ein, trat an den Altar und begann das Morgengobet für!die drei Feste zu beten. Nach der Thoraaushebung sprach der Kantor zunächst ein deutsches Gebet, in dem die Bitte um bald!- gen Frieden-׳ und um den Sieg unserer Waffen zum Ausdmcke kam, dann wurden acht Soldaten zur Thoravorlesung an den Altar gerufen. Ich meldete mich, da ich ein Lev! bin, als zweiter und schnoberte im Namen der Offiziere 20 Kronen für den Rabbiner für die Abhaltung des E^tragottesdienstes. Andere schnoderten für den jüdischer! Nationalfonds und wohltätige Zwecke. Inzwischen hatte sich der Tempel mit Zivilisten sowie mit anderen, in E . . . selbst kantonierenden Soldaten anderer Regimenter und Truppen gefüllt. Ein Artilleriegefreiter sagte als Mapht!r die Haphtora. Hierauf wandte sich der Kantor an seine iy.