Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 16 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint jeden Mittwoch Nammer 16 Aabra. m ♦ ra- Bes»,»preise: Für Oetterreich-Ungarn, halbjährig 20־6 Kronen . ganzjährig. . Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig . . . .. Rußland, ganzjährig. . Mark 12- . Rubel 6 — Balkan, Frankreich. —׳14 Franks . Herausgeber: Max Hickl. m-0 Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die öspaltige Petitzeile 3V h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. «-» Wien—Budapest. Brünn, H Prag—Lemberg. Der Weltkrieg und die Judensrage. Bon Bernhard Horowitz. In der jüdischen Presse werden jetzt mehrfach Artikel publiziert, die die jüdische Lage im gegenwärtigen Weltkriege z-unr Gegenstand eingehender Behandlung machen. Viele Schreiber, viele Allsichten und Voraussichten. Die ״Jüdischnationalen" nörgeln und zweifeln, wenn nicht verzweifeln. Lat doch die Hauptwucht des Krieges und seine Schreckeil das dichtestbewohnte jüdische Territorium getroffen. In Russisch-Polen, wie in Galizien wurde jüdisches Hab und Gut zerstört, jüdische Wirtschaft und jüdischer Handel der totalen Vernichtung preisgegeben. Das Elend übersteigt alle Maßen und spottet jetder Beschreibung. Dagegen bekamen die Juden EnglaiHs, Frankreichs, Deutschlands und West- Österreichs sehr wenig zu spüren Varn Kriege. Jnl Gegenteil: vermöge ihrer ,großen industriellen Entwicklung hat sich ein großer Perzentsatz von ihnen stark bereichert. Der Hauptschlag traf also die vielgenannten Juden des Ostens. Nach dem Kriege, meinen die Jüdifchnationalen, werde d-ie riesige Masse der durch den Krieg verarmten Ostjujden den Westen aufsuchen, oder nach Amerika auswandern müssen, was zu den bekannten Reibersten und dem Vergrößern des Judenhasses führen inüsse. Die assimilatorisch oder weltliberal Gesinnten dagegen sehen die Rückwirkungen des Krieges durch ein rosiges Glas. Sie behaupten, der riesige Anteil der Juden auf allen Gebieten des Kriegsschauplatzes müsse ihr Ansehen stärken und sie zu gleichberechtigten Mitbürgern eniporheben. Sie versprechen sich das goldene Zeitalter und eine verheißungsvolle Zukunft. Literarisches Feuilleton. Verlogenheit. Bon Morike. (Insel-Bücherei 75). Laß, o Welt, o laß mich sein! Locket nicht mit Liebesgaben, Laß dies Herz alleine haben Seine Wonne, seine Pein! Was ich traure, weiß ich nicht, Es ist unbekanntes Wehe; Immerdar durch Tränen sehe Ich der Sonne liebes Licht. Oft bin ich mir kaum bewußt, Und die Helle Freude zücket Durch die Schwere, so mich drücket Wonniglich in me!mer Brust. Latz, o Welt, o laß mich sein! Locket nicht mit Liebesgaben, Laßt dies Herz alleine haben Seine Wonne, seine Pein! Sonnenuntergang. Bon Hölderlin (Insel- Bücherei Nr. 50.) Wo bist du? trunken dämmert die Seele mir Von aller deiner Wanne; denn eben ists, Wollte man ein objektives, neutrales Urteil abgeben, mühte man zugeben, daß keine der beiden Anschauungen so falsch wären, daß sie keine Aussicht auf Begründung hätten. Jäer mag, von seinem Standpunkte und Gesichtskreis ausgehend, teilweise oder ganz Recht haben. Ist doch die Judenfrage als Weltproblem derart kompliziert und verworren, daß eine einheitliche Lösung zu den schwierigsten Aufgaben der Menschheit, die es überhaupt gibt, gezählt werden kann. Was den Juden in England oder Deutschland recht und billig und erstrebenswert ist, ist den Juden in Rußland oder Galizien ein Greuel. Die Anschauungen und Ziele sind so grundverschieden, so entgegengesetzt, daß es im höchsten Grade kurios und fast unglaublich erscheint, daß beide Glieder denselben Körper angehören und blutverwandten Ahnen, entstammen. Ist ein Teil des Judentums ganz dem Materialismus bezw. Kapitalismus ergeben, und hat von sich jeides geistige Band mit dem Judentum abgestreift, so gleicht der andere Teil in Begeisterung für alles angestammt Jüdische und Traditionelle. Kurz: da die Ziele und Wünsche auseinandergehen,, gehen logischerwei-se die Wege, die zu diesen Zielen und Wünschen führen ebenso auseinander, so daß der die Zukunft Abschätzende mit seinen Gedanken sich gleich auf denjenigen Weg versetzt, der zu seinen Wünschen und Idealen (wenn solche bei ihm überhaupt vorhanden sind) führt. Setzen wir uns aber über all die Zerklüf- Lungen und Parteischattierungen hinweg, nehmen wir eine streng objektive, übier den Parteien stehende Haltung ein, und wollen wir ein wenig Hellheit und Voraussicht in den völlig dunklen Knäuel der Zukunft des Judentums bringen, so müssen wir zugeben, daß jedes Urteil jetzt, ״da das grohe Völkerringon noch unentschieden ist und Europas Horizont noch die gigantischen Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne Voll, der entzückende Sonnenjüngling Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt'; Es tönten rings die Wälder und Hügel nach, Doch fern ist er zu frommen Völkern, Die ihn noch ehren, hinweggegangen. Aussprüche von Lichtenberg. (Insel-Bücherei Nr. 33, Aphorismen von Georg Christoph Lichtenberg.) Bei manchem Werk eines berühmten Mannes möchte ich lieber lesen, was er weggeftrichen hat, als was er hat streichen lassen. Unsere Empfindung ist sicherlich nicht der Maßstab für die Schönheit des unübersehbaren Planes der Natur. Das viele Lesen hat uns eine gelehrte Barbavei zugezogen. Es gibt heutzutage so viele Genies, daß man recht froh sein soll, wenn einem einnml der Hirnmel ein Kind beschert, das keines ist. . Unser Loben kann man mit einem Wintertag vergleichet: wir werden zwischen 12 und 1 Uhr nachts geboren; es wird 8 Uhr, ehe es Tag wird, und vor 4 Uhr ׳nachmittags wird es wieder dunkel und um 12 Uhr sterben wir. Der Mann hatte so viel Verstand, daß er fast zu Nichts mehr in der Welt zu gebrauchen war. Rauchnmssen des Pulvers und des Stickgases platzender Bomben umhüllen, ohne daß die Konturen der Zukunft aus dem furchtbaren Gewirr sichtbar wären, daß jetzt die Aufrollung der jüdischen Frage sehr unzeitgemäß und nutzlos wäre. Gerade so wie der Pole heute nicht wissen kann, wie es mit seinem Vater lande nach dem Kriege nusschanen wird, da Polen nur ein Glied in der großen Kette der Weltcreignisse ist — umsoweniger können wir Juden uns jetzt in Diskussionen einlassen und Hohelied-er auf die Kultur und den Liberalismus oder Jeremiaden auf die Zerstörung und die Verwüstung in Bezug auf die Zukunft nach den: Kriege anstinunen. Der Krieg hat solche Zerstörungen verursacht, hat die Pfeiler des riesenhaften Wirtschaftsgebäudes ins Wanken gebracht, Milliarden von Werten gingen zugrunde und es ist sicher, daß nach dem .Kriege ein wirtschaftlicher Umschwung kommen wird, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat, die Milliardenheit wird etwas Alltägliches werden und der menschliche Eifer wird sich mit einer Wut und Rührigkeit auf das Aufbanen der zerstörten Werte werfen, daß uns Juden, die wir die Konjunktur auszunützeu verstehen, keine״, so hoffnungslose Zukunft wiukt, da jede Arbeitskraft Belohnung» wird fhtbcn müssen. Dies in materieller Beziehung. In geistiger Beziehung erwarten wir einen Umschwung zu unserem Gunsten, da wir überzeugt sind, daß der russische Bär bald seine Tatzen strecken wird, denn schon sind untrügerische Zeichen seiner Erschöpfung vorhanden. Und wenn diese finstere Macht in Dunst zerfließt, wenn dein tierischen Zarismus die goldenen französische:: und englischen Tressen heruntergetrennt werden und er die Hiebe am nackten Leibe zu spüren haben wird, dann wird auch den Franzosen und Engländern ein Lickst aufgehen, es wird ihnen die Erkenntnis aufdämmern, daß es eitel Dunst war, als sie auf den Das ״Neue Wiener Journal" veröffentlicht in einer ihrer letzten Nummern folgende zwei stimnmngsvolke Gedichte von Erwin Weilt: Eroica. Und Töne fluten mächtig durch den Raum, Erweckt von einer schlan ken. Frauen Hand, Taucht vor nur auf ein halbvergeßner Traun:, Der nickt und winkt aus fernem Jugendland. Die Dunkelheit hat lange mich bedrückt, Nun schwindet sie durch einen Zauberschlag, Eii: goldner Strahl Hot jählings mich beglückt, Hell lächelnd grüßt ein lichter Maientag. Das Spiel ist aus. Im flackernden Kamin Verglimmt ein letztes, schweres Tannenscheit Und weiße Flocke:: fallen sachte hin: Die Frühlingsträume sind vorbei — es schneit.. Johannisnacht. In jener Nacht wirst du zun: Weib erblühen, Wirst du in heißer Sehnsucht mich umschlingen, Wenn Reisigfeuer von den Bergen glühen Und Sonnwendlieder jubelnd froh erklingen. Dann sollst du meine langen Küsse trinken Im schwülen Duft von tausend Weißen Rosen, In wilden Wogen wollen wir versinken, Bis all die hohen Feuer still verglasen.