Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 11 (29.3.1915)
- Date
- 1915-03-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S. ••tflfhumt• WWWWWW WWWWWW Rr 11. Mar Steinfeld sowie des Willi Wltzek berührten sehr angenehm. Es sei von Seiten des Komites den Damen Hartenstein herzlichst gedankt, daß sie im Stande waren, trotz des beschränkten Neumes, der nur eine beschränkte Anzahl von Misten fassen, konnte, einen namhaften Betrag der Flüchtlingsfürsorge zuzuführen. — Unter den illustren Gästen sahen wir auch die Herren Oberlaudesgerichtsrat Dr. Löw, Advokat Tr. Brun-!יגן: und Negimentsarzt Dr. Ganz. A. St. Der Sieg des Rechtes und der Kultur. Betrachtung zu Pessach. Von Dr. med. Natner, Arzt zu Wiesbaden. ״Es erstand ein neuer König in Egypten, welcher Joseph nicht kannte", so erzählt die Bibel. Unsere Weisen erklären es dahin, daß er -ihn nicht kennen wollte, d. h. absichtlich die großen Verdienste Josephs um Egyptens Wohlfahrt ignorierte. Joseph hatte Egypten vor Aushungerung bewahrt, indem er, wie es jetzt Deutschlands große Staatsmänner in ihrer Weisheit tun, einer Getreidenot vorbeugte. Er ließ alle Getreidevorräte in den Jahren des Überflusses verstaatlichen, um sie in den Hungersjahren gerecht unter das Volk zu verteilen. Pharo hatte ihn ja wegen dieses einzig dastehenden Rates ״einen göttlichen Menschen" genannt, ״den weitesten, vernünftigsten"! Pharao selbst hieß ihn, seine ganze Sippe nach Egypten kommen zu lassen, wo ihnen ״das ganze Land zur Ansiedlung frei stehen sollte*! Und nun trachtete fein Nachfolger, die Nach« kommen dieses Joseph auszurotten! Er fürchtete ihre Vermehrung. Alle jüdische Knaben, befahl er den Hebammen, im Nil zu ertränken .... Alle Erwachsenen ließ er bis zur Erschöpfung Froljndienste tun! Körperlich und geistig sollten die Juden verkommen: ״Und sie (die Israeliten) konnten Moses nicht glauben wegen ihrer geistigen Beschränkung und des schweren Frohndienstes", lesen wir in Cxod. 6. 9. Damit war die egyptische Sklaverei genügend charakterisiert. Nicht nur körperlich übermäßig, ja unmenschlich wurden die Israeliten von den Epigonen Pharaos ausgebeutet, sondern auch geistig wurden sie vergewaltigt, daß geistige Stumpfheit an Stelle ihres sonst Hellen Verstandes getreten war! Sie hatten eine hoch- -stehende geistige Kultur, das Erbe der großen Erzväter, nach Egypten mitgebracht, wo geistige Finsternis, Aberglauben, Priester- und Zauberschwinde! herrschte. Und dafür wurden sie gefürchtet und gehaßt. Spiegelt dies nicht die ganze Tragik der jübischen Geschichte bis in die Neuzeit hinein wieder? Die Träger der Thora, die Hüter der Psalmen, die Vertreter der göttlichen Moral, verfolgt und gehetzt! Aber der Gott der Gerechtigkeit schläft nicht! Er hat sie, die, wie unsere Weisen im Midrasch erklären, trotz aller Bedrängnis und Mühsal die hohe jüdische Sittlichkeit bewahrten, erlöst durch Wunder.... Wer kennt dieses Wunder nicht? Wessen Herz jauchzt nicht auf, wenn er das Siegeslied ״Os Joschir" vorträgt?. Ist das nicht zugleich ein Sieg des Rechtes und der Kultur über Despotismus und Dummheit? Soll es nicht auch ein Wahrzeichen für unsere große Zeit sein: ״Gott ist ein Feldherr! Er läßt nur den Gerechten, den geistig Hochstehenden siegen". Er wird es auch in unserer Zeit sein! Literarisches Feuilleton. Alfred von Berger. Gesannuelte Schriften in drei Bänden. Deutsch- Oesterreichischer Verlag, Wien und Leipzig. Die drei stattlichen Bände, welche uns heute zur Besprechung vorliegen, verdienen unstreitig einen ersten Platz unter den seit langem erschienen Werken. Denn sie bilden den schriftlichen Nachlaß eines so bedeutenden und genialen Mannes, daß sie auch noch in Jahren, wenn von den gleichzeitig mit ihnen erscheinenden Büchern kaum noch eine Spur vorhanden sein wird, ihren vollen Wert behalten werden. Unter den tragischen Lebensschicksalen großer Männer sel)en wir deutlich zwei .Häuptrichtungen sich abheben: Männer, die sich überleben und solche, die sich nicht erleben. Zu diesen letzteren inuß Alfred Freiherr von Berger gezählt werden. Er wgr zu vielseitig, um einer bestimmten Arbeit seine Fähigkeiten widmen zu können. Deb glänzendste Redner, wäre er für einen hervorragenden Politiker wie geschaffen gewesen; gar mancher Gelehrte beneidete ihn um seinen kritischen Scharfsinn, mn seinen klaren Weitblick, mit wclchem er philosophische Probleme sowol als organisatorifche Fragen erfaßte; und wie glücklich würde so mancher von den heutigen Dichtern sein, wenn er nur einen Teil des dichterischen Talentes besäße, welches bei Berger blos eine Seite der überreichen Persönlichkeit ausmachte. Das eigentliche Tätigkeitsgebiet jedoch, in dem Alfred von Berger einen konkreten Lebenszweck und einen festen Wirkungskreis erblickte, war das Burgtheater. Nur zwei Jahre lang war es Berger gegönnt, diesem als Direktor vorzustehen. In diesen 2 Jahren jedoch hat der bereits stark alternde Mann all das gedrängt, wozu er ein neues Lebensalter benötigt hätte. Deswegen blieben die meisten seiner Pläne eben Pläne und so mußte er vom Burgtheater scheiden, ehe er demselben eigene Wesensart hätte aufprägen können, wie cs sein Lebensideal war. So war sein Leben überreich an Verheißung und arm an Erfüllzing. Umso freudiger ist das Erscheinen seines gesammelten schriftlichen Nachlasses zu begrüßen. Denn Alfred von Berger war vor allem ein Mann des Wortes, dem. die Rede harmonisch, zielbewußt und mit jenem unerschöpflichen Reichtum von den Lippen floß, welcher stets zuzunehmen scheint je mehr er verausgabt. Deshalb ist wol der weitaus größere Teil seiner Arbeit blos gesprochen, aber nicht ausgezeichnet worden. — Der erste der drei Bände bringt unter einer längeren, sehr interessanten Autobiographie eine recht ausführliche indische Reisebeschreibung, welcher in ihrer farbenprächtigen und gemütsreichen Schilderungsweise einen hervorragenden Kunstgenuß gewährt. Der 2. Band stellt eine reiche Sammlung recht schönem tiefempfundener Gedichte und scharfsinniger Ansprüche dar. Gerade in diesen Gedichten und Aphorismen, besonders in ersteren lernt man Berger als begabten, ja begnadeten Dichter und edlen Menschen kennen. Eine Anzahl der forinvollendeten Gedichte sind seiner Gattin, der Burgtheater-Schallspielerin Stella von Ho- Heufels gewidinet. Die Aphorismen zeigen Berger mehr als ulathenlatisch-kühlberechnenden Denker. Dieser zweite Baild bringt auch Berger ״Oenone", ein Trauerspiel in einein Aufzuge, welches zuerst 1873 im Burgtheater aufgeführt wurde. Der dritte Band endlich enthält eine reiche Sammlung von Reden ulld Aufsätzen, deren jede einzelne ein gelungenes, kunstvolles Essay darstellt. Berger spricht hier über Gorki, Hebbel, Raniz, Lueger, über Heines Briefe und Tolstois Weltflucht, über das Burgtheater und über Goethes westöstlichen Divan; das alles mit einer so sprudelnden Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit einer so zutreffenden Wahrheit und präzisen Auffassung für das Wesentliche, daß mau ehrlichen Schmerz über den frühen Heimgang dieses Mannes empfindet, deill, wie Salten iit seinen ״Gestalten und Erscheinungen" trefsend bemerkt, das Burgtheater nicht Leistung, sondern Verhängnis wurde und mit dessen Existenz die Möglichkeit vieler erfolgreicher Existenzen zu Grunde gegangen ist. Seine ״Gesaulruelten Schriften" jedoch bilden eine wertvolle Bereicherung des geistigen Schatzes deutscher Dichtung und eine Quelle von Schönheiten unb Wahrheiten für den Leser. L. Grünhut. Erste Liebe. Aus: Alfred Freiherr von Berger: Gedichte. Du steuertest mit zarten, starken Händen Ich, ritdernd, hing an deinen Angesicht, Das nach des Ufers gelben Korngeländen Still hinsah, heiter wie das Morgenlicht. An deren Saume wir so lustig fuhren ״ Entgegen heut den: blauen Morgenwind, Jst's Wahrheit, daß ich einst auf diesen Fluren, Die heut dein Aug' verklärt, gespielt als Kind? Wie fremd, wie traumhaft ward es mir zu Sinne, Als jener Berg dein Auge auf sich zog, Daß einst mein Sehnen um die Felsenzinne Wie dieser goldne Morgennebel flog! Das Ruder senkt' ich; deine Blicke drangen Den blauen Bergen froher Ferne zu, Der ineine blieb am nahen Ufer hangen — So ist's vorbei, und du nur lebst, nur du? Ta, als wir an des Leuchtturms Wasserscheide Mit jähein Steuerschlag mns Eck gerauscht, Hat, fast versteckt im reifenden Getreide, Der Kindheit scheues Glück mir nachgelauscht. Am Sarge meines Vaters. Im Sarge liegst du wie in einem Kahn, Der dich hinausträgt in den Ozean, Auf ödem Strand durchmustr' ich, was uns blieb, Was deine Hand in langen Jahren schrieb. Von Geistesdrang und Herzenstrieb zu sagen Weiß manches Blatt — ein Kampf war's bang und schwer; Hier ein noch frisches Blatt voll Zweifel, Fragen Ich blättr' es urn — du konntest es nicht rnehr. Verwischt — vielleicht von Tränen — manche Lettern, Denn was hier gärt und blüht, ist Schmerz und Not; Du wünschtest dir den Tod bei manchen Blättern Ich les' es nun und wein' urn deinen Tod. Um deinen Tod! Das greift mir in die Brust, Unfaßbar grell umpfind' ich den Verlust, In heil'geu Schauer!: tret' ich stunrnr heran, ״ Wo du im Sarg liegst wie in einenr Kahn. Dein stilles Haupt, wie's rauh die Welt ge- Prägt, Aufs Kisseir sanft zur ew'gen Rast gelegt. Fest zu der Mund, von dein kein Odenr weht, Die Hände wie gefaltet zum Gebet, Ein Feierkleid an den erstarrten Gliedern, Aufmerksam still dein.ernstes Angesicht, Als sähst du hinter den geschloss'nen Lidern Nach langer Erden macht ins cw'ge Licht! Still, still! Nun tönt es dir, das Worte der Wahrheit, Nach dem du rangst — drum walte heil'ge Ruh! Nun! du sie hast, gib meiner Seele Klarheit — Drei Fragen nur: Wohin? Woher? Wozu? — Kein Laut. — Die Kerzen leuchten ttub vergehn, Die Blumen atmen Düfte und verblüh'n, Hier wachend ich verzehrt von Todcsweh'n, ״ Dort schlummernd du nach heißen Äebensmüh'n In. deinem Sarge wie in einem Kahn, Der dich hinausträgt in den Ozean. In der Nacht Mein Kopf ist benommen, Ich schlafe nicht inehr — Wie ists nur gekommen Von Blut wogt ein Meer. Ein furchtbar Gewitter Durchtobt wild die Welt, Ein finstrer Schnitter Schreitet durchs Feld. Schlaflosigkeit Es hält der Schlaf sich ferne In einer Höhle auf. Ob meinem Bett die Sterne Sie drängen sich zuhauf. Sie sehn mir in die Allgen, Und einer fragt voll Hohn: ״Was soll das Ruhn dir taugen. Da du Acht schläfst, mein Sohn?" M. Scherlag.