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Jüdische Volksstimme · 1915-03-18 · Heft 10 (18.3.1915) · page 6

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 10 (18.3.1915)
Date
1915-03-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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6€ttt 6. Nr 10 raktereigenschaften und!!;enben sow'e durch ihr bescheidenes Wesen erworben und In,׳..: und Alt betrau. rt mit unserem abseitig verehrten Herrn Rabbiner den schweren halben Verlust Der Kriegsdienst der Frau. (Schluß. Ensprechend der ungleichen Wichtigkeit und Bedeutsamkeit dieser beiden Kriegsfälle war auch die militärische Dienstpflicht verschieden angeordnet worden. Wohl bestand die allgemeine Wehrpflicht für jeden männlichen Bürger vom 20. Jahre angefangen in jedwedem Kriegsfälle. Siehe Num. cast. 26 und Chron. 2. 26. 11. Aber wenn der Krieg nur ein Präventivkrieg war, da gab es auch vielfach Beurlaubungen und auch gänzliche Befreiungen von der Wehrpflicht. So heißt es nämlich im Deuteronomium cast. 20. Wenn ihr der Schlachtfront euch nähert, dann trete der für die Kriegführung gesalbte Priester an das Volk heran und spreche zu ihnen wie folgt: Höre Israel! Ihr schreitet heute zum Kampfe mit eueren Feinden. Habet keine Angst und keine Furcht. Gott begleitet euch in den Kampf und er wird euch helfen und zum Siege führen. Dann sollen hervortreten die Herolde und verkünden mit weithin vernehmbarer Stimme: Wer ein neues Haus gebaut und' es noch nicht bezogen hat, der solle zurückkehren zu seinem Hause, denn vielleicht fällt er im Kampfe, und ein anderer sein Haus beziehen wird. Auch wer einen Weinberg gepflanzt und seine Früchte im 4. Pflanzungsjahre noch nicht gelöst hat, der solle zurückkehren, zu seinem Heim, damit nicht ein anderer seinen Weinberg lese, wenn er auf der Wahlstatt sein Leben lassen sollte. Auch wer mit einer Frau sich vermählt, sie aber noch nicht heimgeführt hat, der solle zurückkehren nach Hause, damit nicht ein anderer sein Weib heimführe. Hierauf sollen die Befehlshaber weiter ausschreien: Wer furchtsam und weichherzig ist, auch der möge von der Kampffront zurücktreten, damit er nicht durch seine Zaghaftigkeit den Mut der anderen boeinfluße. : In der Weise wurden vleleAeils ganz nach Hause zurückgeschickt, teils nur vom -Waffendienste dispensiert und bloß der Arbeit im Lager, die darin bestand, die Approvisionierung der in der Front kämpfenden Krieger zu besorgen, zugewiesen. Allein-diese Enthebungen von der Militärpflicht fanden nur dann statt, wenn der Krieg ein bloß gestatteter war. War aber der Krieg ein Existenzkrieg, dann gab es kein Pardon. Dann lautete die Vorschrift: Jeder muß ins Feld rücken, selbst der Bräutigam muß sein Ehegemach verlassen und auch die Braut ihr Trauzelt! Welcher Art die Leistungen der Frau gewesen sind, wird nicht gesagt. Der Talmud macht darüber' keine näheren Angaben. Und es ist wohl nach einer anderen talmudischen Stelle — vide Nasir 59 a — zu schließen, mit Bestimmtheit zu behaupten, daß der Dienst der Frau auch im Existenzkriege nur ohne Waffen geleistet wurde. Denn die zitierte Talmudstelle von Nasir 50 a legt aus den Bibelvers: אל יהי׳ גבר על אשד. (דברים כ״ב) welcher in deutscher Übersetzung lautet: Es soll ein männliches Gerät auf einer Frauensperson sich nicht finden, dahin, daß er sagen will, daß eine Frack in den Krieg mit Männerwaffen ausgerüstet nicht ziehen darf/ Wäre jemals ein Abweichen von diesem Verbote des Waffentragens zu gestatten gewesen, dann hätte hiefür ein Bibelvers gefunden werden müssen, der diese Lizenz erteilt, was aber nicht vorkommt. Es liegt daher die sehr begründete Wahrscheinlichkeit nahe, daß die Frau nur bloß Samariterdienste — etwa nach Art der modernen Vereine vom Noten Kreuz oder Halbmond — zu leisten hatte, oder oblag es ihr vielleicht für die Verproviantierung und Equipierung des Heeres Sorge zu tragen. Jedenfalls aber, schon die Tatsache allein, daß der jüdischen Frau von gesetzeswegen die Pflicht auferlegt war, im Kriegsfälle gleich ihren männlichen Genossen in den Kampf zu zieden. ist sehr merkwürdig und verdient sie es besonders jetzt kräftiger hervorgehoben zu werden. Der berühmte Talmudist Rabbiner Samuel Strosin, dessen Randanmerkungen zum Talmud durch deren Scharfsinnigkeit, Folgerichtigkeit und bedeutende Gelehrsamkeit! allgemeine Anerkennung gefunden, bemerkt auch zur Stelle Sota 44 a, daß diese Gesetzesvorschrift im talmudischen Schrifttum als ein Chidusch zu beachten sei, daß sic wie eine Neuheit und ein Paradoxon klingt. Aber eben wegen ihrer Ungewöhnlichkeit und der. geringen Beachtung, die ihr zuteil wurde, sollte sie nunmehr gründlicher studiert und ausführlich erörtert werden. Hiezu auch anzuregen sei nicht minder die Absicht des Schreibers dieser Zeilen. Dieser talmudische Satz bestätigte ebenfalls wie so viele andere die Wahrheit der Worte jenes Lälmudweifen in Avos, welcher lehrte: ״Wende die jüdische Lehre und grüble, in ihr abermals, denn alles findest du schon in ihr enthalten! Mayer Horowitz. Israel im Russenkrieg. Das ״Prager Tagblatt"" veröffentlicht ein Gedicht, das dieser Tage ein einfacher Mann aus Czernowitz, einer der vielen armen Flüchtlinge aus der Brckowina, nach Prag mitbrachte. Es ist in der Sprache der O st j u d e n, im ״Jargon" abgefaßt, und die darin ausgedrückte Empfindung ist so unmittelbar und stark, das Bildhafte der Sprache so naiv und anschaulich, daß die Vtrse trotz ihres seltsam entstellten Deutsch wie ein altes Volkslied klingen. Das Gedicht lautet: Das Lied der Flüchtlinge. Wie die Russen senen kan Czerniwitz zurückgekimmen, Ob ech geklärt of a neuven, Zi soll ech Czerniwitz verbleiben, Zi soll ech in der weiten Welt. In die Fenster Hot men inz ungeklopt: Steht of, weil der Feind ist dagegen; In en Hemd miß mir antloifen, 'In überlosen dus ganze Vörinögen. Wie wir senen nor as das Stieb arausgekimmen, Js gewesen in der Stadt a groißer Lärm, A jeder׳is gclofen mib seinen Kindern A soi wie der Auszug von Mizrajem. Wie dus Militär ot nur ubgezeugen Js geworen a groiß gerider, Euer is aw un die Eltern 'In der anderer un Schwester in un Brüder. Unsre schöne Heimat miß mir schan verlassen Und fahren in ein fremden Land, Wei wir senen elend in verlassen Und mit kenem nit bekannt. Wie wir senen kan Suczawa gekimmen Mit a Jummer in mit a groiß Gewehn, A soi senen wir alle stehn geblieben, In men Hot nischt gewitzt wie zi gehn. In Schilaran Hot men inz genemmen, Es is inz awäde gewehn Weh, Die Kost nor die Neschunie zu erhalten In dus Geleger a Bintale Hee. Ich wollt aweg gefuhren In der weiten Welt, Derech ein Sach nor miß mir leiden Wuß mir aner kein Gratzer Geld. Ach süßer Gott hob rachmunes of inz In helf inz araus as der Neut, Mir sollen schan keneu a hem furen, Mir sollen nit bedarfen kan frcnib Brod. Mannheimers Ansicht über die Messiashoffnung des Judentums In Nr. 8 der ״Jüdischen Volksstimme" wird berichtet, daß der Ober-Rabbiner Dr. Ludwig Venetianer, Dozent am Landes-Nabbiner-Seminar in Budapest am 18. Februar d. I.. im Festsaale 1. Bezirk, Eschenbachgasse, auf Einladung des Vorstandes der Wiener isr. Kultusgemeinde einen Vortrag über die Messiashoffnung des Judentums gehalten, der sich eines großen Beifalles erfreute. In diesem Berichte heißt es u. a.: ״Der Vortrag entwarf ein ausführliches und sehr lehrreiches Bild von dem Zukunftsideal, welches sich beeits im biblischen Zeitalter ausgestaltet hat und während der ganzen Geschichte der Juden eine unversiegbare Quelle des Trostes und der arbeitsfreudigen Lebenskraft war. Das alte Testament kennt keinen Messias, im Sinne der persönlichen Fähigkeit, dem Volke Heil zu schaffen; der Messias ist nur das Werkzeug zur Ausführung des göttlichen'Willens, der seinen: Volke ״ain Ende der Tage" im Nahmen der universalen Bekehrung Ruhe verschaffen wird" usw. Bein: Lesen dieses Berichtes erinnerte ich mich einer Episode, wo der unvergeßliche Wiener geniale Prediger I. N. Manheirner s. A., ähnliche Gedanken über die Messiashoffnung des Judentlnns öffentlich zum Ausdruck gebracht hatte. Als näinlich im ״Wiener Jahrbuche für Jsraeliten" 1868—64 von Wertheimer und Kom- Port, ein Artikel von Prof. H. Grätz ״Die Verjüngung des jüdischen Stammes", in welchem der Autor die auch von älter» Bibel-Eregeten schon ausgesprochene Ansicht, daß Israel das Messias- Volk, und daß unter dem Worte ״Knecht Gottes" (Jes. 58) keine Einzelpersönlichkeit, sondern das isr. Volk zu verstehen sei, näher erörterte — erschienen war, wurde infolgedessen v0j: der Staatsauwaltschaft gegen den Herausgeber, den bekanntc» Schriftsteller Dr. Leopold Kompert, die Anklage wegen Lästerung des Christentums und wegen Verspottung und Herabwürdigung der ״orthodoxen jüdischen Kirche", die an einen persönlichen Messias glaubt, erhoben. Bei der am 80. Dezeiuber 1863 stattgefundenen dicsbezüglichen Gerichtsverhandlung sind auch der sel. Prediger Mannheimer und der als tal. Coryphäe rühmlichst bekannte Rabbiner Lazar Horowitz s. A. als Experte erschienen. Nachdem sich Doktor Kompert in glänzender Weise verteidigt und auch schriftliche Gutachten über die in Rede stehende Streitfrage von den hervorragenden wcitberühmten Gelehrten, Oberrabbiner Herrn L. Rapaport in Prag und Oberrabbiner Dr. Zacharias Frankel, Seminar-Direktor in Breslau s. A., vorgelegt hatte, wurden die Zeugen Mannheimer und Horowitz von: Präsidenten vernommen, die sich ganz in: Sinne des Angeklagten äußerten. Mannheimer sagte unter anderem: ״Ich muß n:ich ganz der Erklärung anschließen, die bereits der Angeklagte gegeben hat und muß es in: Interesse des Judentums erklären, daß eine Trennung unter uns nicht besteht. Ich müßte aber mnsoinehr bedauern, wenn gar die Gesetzgebung, oder die Justiz in dieses Gebiet hinübergreifen würde. .Es gibt keine Sekte unter uns Juden. Es haben allerlei Strönnmgen stattgefunden, aber nie ein ausgesprochenes Schisma, das Anerkennung gefunden hat. Die einzige Secte, die sich erhalten hat, sind die Koräer, die aber ein ganz verschwindendes Elenrent sind und sich längst von: Judentum losgesagt haben; aber die Juden im allgemeinen sind alle sogenannte rabbinische Juden. Wenn nun auch solche Strömungen stattgefunden haben, so ist doch das bestimmt, Gegensätze wie zwischen Katholiken und Protestanten bestehen m:ter den Juden nicht. Wir müssen uns dagegen auf das Entschiedenste verwahren, weil wir die Conseauenzen aus solche:: Anschauungel: fürchten :nüssen." Bezüglich des 52 und 58 Kap. in ״Jesaias" äußerte sich Mannheimer in folgender Weise: ״Dieses Kapitel hat die Messiaslehre zun: Inhalt. Aber die meiste!: Interpretatoren gehendarauf hinaus, daß das sich auf das Volk und!:icht auf einen Einzelnen beziehe. Vom ganzen jüdischen Volke ist die Rede; ebenso spricht sich einer der ältesten Erklärer, Origines, aus, und Rosenmüller, der hier an: inaßgebeudsten ist, verteidigt dieselbe Ansicht. Ich würde :::ich unbedingt Grätz anschließen. Der Ausdruck ״Eebed Adonai", ״serous Dei" konnnt sehr häufig vor. und Roseninüller hat neun bis zehn Stellen aufgezählt, wo darunter iinmer das Volk Gottes zu verstehen ist, und wenn es zu einen: Consiliun: kommen sollte, so würden wir zieinlich einstimmig darüber sein, daß in: 52. Kap. von: ganzen Volke in seiner Prophetischen Mission gesprochen wird." In ähnlicher Weise äußerte sich auch der fromme gelehrte Rabbi Horowitz s. A. Infolgedessen wurde- Kon:pert wegen Schinä- Huna des orthodoxen Judentums freiqesprochen, ״weil ein Angriff Wider ein von: Gesamtjudentun: sich scheidendes ortbodoren Judentum unter die Strafi'anction der §§ 121 lit. b und 868 des bürgerl. Gesetzbuches niemals fallen könne." Dr. Fr. Schluß folgt.

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