Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1915)
- Date
- 1915-02-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr 8 O Aoreefpoaämzen. Brünn. Sonntag, den 21. d. M. fand unter zahlreicher Beteiligung der Brunner Bevölkerung das Begräbnis des Herrn Maif. Rates Salonion Perlhefter, Vorstandsmitglied der Brunner Jsr. Knltusgemeinde, statt. Herr Rabb. Tr. Lewy hielt dem Verstorbenen einen warm entstündenen Nachruf. Tie kantoralen Funktionen versah Herr Obcrkautor Heller. Namens der Kultusgemeinde sprach Herr Tr. Schreier, namens der B. B. Herr. Tr. M. Feith. ToynbeehaLe. Sonntag, den 21. d. M. hielt Herr Tr. I. Ekstein hier vor einem überfüllten Saale den angekündigten Vortrag über ״den Weltkrieg im Spiegel der Dichtung". Tr. Ekstein würdigte zunächst die politische Bedeutung der Kriegslyrik, die heute eine neue Glanzepoche erlebe, wie zur Zeit der Befreiungskriege und den Dichtern die erhabene und erhebende Mission der Propheten des alten Testamentes zuweise. Singend wie zu einem Feste ziehen unsere Krieger aller Nationen und Konfessionen in den Kampf und die Taten der österr.-ungarischen Armeen erfüllen wie der Deutschen mit ihren: rühinlichen Heldentum die Welt. Diese.Begeisterung hüben und drüben, daheim und draußen charakterisiert auch das Poetische Schaffen unserer Tage, aus dem Dr. Ekstein eine kleine Base des Besten in bekannt meisterhafter Weise rezitierte. Besonderen Anklang fanden Sängers ״Chanukah 1914", Müllers ״Trutzlied" Schwayers ״Wir müssen siegen" und die Gedichte des Vortragenden. Stürmischer Beifall lohnte ebenso die formvollendeten und gediegenen Ausführungen als auch die Rezitationen des Herrn Dr. Ekstein, der sich zu mehreren Zugaben verstehen mutzte. Zwittau. Die ״Zwittauer Nachrichten" (Nr. 8 vom 20. Feber) brachten folgenden Bericht aus Nothmühl: Unser Ort sah atu Sonntag den 13. d. M. eine ganz eigenartige Veranstaltung, wie sie eben nur die Jetztzeit hcrvorbringt. An diesem Tage fand eine Beteilung der hier seit einigen Wöchen befindlichen galizischen Flüchtlinge statt. Um 3 Uhr nachmittags wunderten alle zürn Gemeindehaus, tun das aus Zwittau konrinende Konritee der Hilfsaktion für die galizischeu Flüchtlinge des Politschkaer Bezirkes zu erwarten. Es wurden alle, alle bedacht, 54 Flüchtlinge vom Kopf bis zunr Fuß mit neuer Wasche, Kleidern, Schuhen, Hüten ausgestattet. Deut ehrw. Rabbiner Dr. Felix Kanter starrden seine Gattin, ferner Frau Jula Errgel und Frau Hedwig Stein hilfreich zur Seite. Nach der Verteilung hielt Herr Dr. Kanter eine kurze Ansprache, in der er die Flüchtlinge ermahnte, der hiesigen Landbevölkerung, die sich in jeder Weise errtgegenkontmend zeigt, allezeit dankbar zrr erweisert und narrrentlich dert Fraucrt, deren Männer sich unter den Fahnen befinden, beim Anbau im Frühjahre beizustehen. Zwei sich nreldende Ortsarme wurden auch beteilt. Dieses ri'rhrige Korrritee hat derrr Vernehrrren nach solche Verteilungen seit kaunt drei Wochen in Schönbrunn, Breitenthal, Kamenitz, Bistran borgerrommen und ist im Begriffe, auch die anderen Flüchtlinge der Umgebung zu versorgen. Dasselbe Komitee hat auch am 23. d. M. in Borowa und St. Kathrein Kleider und Wäsche etc. verteilt rrrrd ist dank der unernrüdlichen rrnd rastloserr Tätigkeit des Präsidenten Rabb. Dr. Kanter im Begriffe, schon in nächster Woche eine weitere Verteilung zu veranstalten. Die politische Bedeutung des Jargon. Der Weltkrieg hat, so schreibt Jonas Kreppel, Redakteur der Krakauer Zeitung ״Der Tag", in seiner eben zuin Besten der galizischen jüdischert Flüchtlinge erschienenen Broschüre ״Der Weltkrieg und die Judenfrage", auch so garrz nebenbei die sogenannte Jargonfrage in ein anderes Licht gerückt. Der Jargon, die Sprache von 10 Millionen Inden in Nutzland, Galizien, Brrkowina, Nunränien, England, Amerika, ist ja vielfach gerade von deutsicher Seite bekämpft worden. Man sah in ihm eine Verstüininelung des deutschen, ein Hindernis, die breiten jüdischerr Volksrnassen der allgemeinen Kultur zuzuführen trsw. usw. Jetzt aber hat es sich gezeigt, welchen < «׳ -- ״ m״ großen Nutzen gergde diese Sprache der Sache der europäischen Zentralmächte geleistet hat. Während die Pretzlakaien der Dreiverbandmächtc in allett neutralen Ländern die öffentlich: Meinung gegen Oesterreich-Ungarn und Deutschland aufzuhetzert versuchten, war es die Jargorrpresse in Amerika, welche dieser Stinrmungsmacherei entgegentrat und der Wahrheit eine Straße bahnte. Es ist geradezu rührend zu sehen, wie die von den jüdisch-russischen Emigranten gegründete und geleitete Jargonpresse in Amerika für die österreichisch-ungarische und deutsche Sache mit bewunderungswürdigem Enthusiasmus und Be- Meisterung kämpft. Ohne den Jargon wären diese Inden sicherlich dem Einflüsse der englischen, französischen und russischen Presse ausgesetzt urtd der deutschfeindliche ׳Chorus in gewissen neutralen Ländern würde keine Dissonanz erleiden. Ruhrncnd wird jetzt die Haltung der Jargonpresse seitens deutscher Schriftsteller vom Range eines Lamprecht, Ewers usw. hervorgehoben, und die hervorragendsten deutschert Blätter bringen die Lieder der jüdisch-russischen Dichter für die derrrsche Sache zum Abdrucke. Andererseits hat der Jargon den in Galizien und Russisch-Polen kämpfenden österreichisch-ungarischen und deutschert Truppen kolossale Dienste geleistet, lieberall, wohin sie kanten, fanden sie Verständigrrngsrrröglichkeit, und gar mancher Truppenführer, gar manche versprengte Abteilung, gar mancher schwer verwundete Soldat segnete die Klänge dieser so oft verspotteten Sprache, die ihnr aus Verlegenheit und Not heraushalf. Die Haltung gewisser jüdischer urtd nichtjüdischer Kreise, gegenüber derrr Jargon dürfte infolge des Weltkrieges grürrdlichst revidiert werden. Die Geschicklichkeit des Buches Esther. Außer der Thora und dert Psalmen erfreut sich kein biblisches Buch einer solchen Pupularität und Beliebtheit wie das Buch Esther. Mischna und Talmud haben ihnr besondere Traktate gewidmet. Arrch die Midraschint und Targuminr zu diesem Buche zeugen von dem großen Ansehen, das es irr der Synagoge seit je genossen. Und dennoch hat es die ältere urtd neuere Bibelkritik gewagt, die Geschichtlichkeit dieses biblischen Buches, wie keines zweiten, stark in Zweifel zu ziehen. Die älteren Kritiker bezeichnten es als eine Art Ronrart mit makkabäischer oder antirrrakkabäischer Tendenz. Die neueren nach der Manie der Assyrologen Jensen, Winkler und Zimmern, die überall in der Bibel Entlohnungen aus der babylonischen Mythologie entdecken wollten, sehen darin ein astralmythologisches Schema ,wonach alle irr der Esthergeschichte vorkommenden Namen auf assyrisch-babylonische Gottheitert hindeuten. Das Prrriirrfest soll nach manchen auf das persische Neujahrsfest im Mo-!rate März, nach anderen wieder arrf ein griechisch es Wein fest zrrrückznführeit sein. Urrd die Abfassurrgszeit dieses sonderbaren Buches? Da die Erwähnung des Puriirrfestes, und zwar als eines regelmäßig am 14. Adar gefeierten ״Mordechärrstages" schon irrt zweiten Makkabäerbuche 153(» sich findet, wo es als etwas Bekanntes und im Vorbeigehen genannt wird, so!nutz selbst die radikalste Bibelkritik dessen Entstehungszeit zumindest in das 3. vorchr. Jahrhundert verlefielt.1) Ist es aber nun denkbar, so mtrtz man sich fragen, daß in jener Zeit, wo das ganze jüdische Religionswesen unter der strengen Aufsicht des Synherrdrions stand, wo auch die ntinirnalsten Religionsfragen aufs Genaueste geprüft wurden, wo rrrarr keinen Anstand nahm selbst das Propheterrbrrch Ezechiel׳) und das Buch Kohelet׳') ans derrr Kanon, der Reihe der heil. Schriften entfernen zrr wollen, weil darin manche Stellen im Widerspruche mit der Thora zu sein schienen, eilt neues dem Heidentum entlehntes Fest sich eingeschlichen hätte urrd eine dazu erdichtete Ten- Z Josephus (Altertümer XI. 0, 13) spricht ebenfalls im Schluß seiner ausführlichen Erzählung der Esthergeschichte vorn Purimfeste als von einem irr der ganzen Welt von den Juden gefeierten Dankfeste, bei welchem sie sich gegenseitig Geschenke zu schicken Pflegen. צ) Sabbath 13 b. -') Sabbath 30 h. denzschrift in den Kanon anfgenoznmen worden wäre! Und warum ist dies nicht den verschiedenen Apokryphen, nicht einmal dem herrlichen Spruchbuche Ben Sirach oder dem apokryphen Weisheitsbuche Salornos gelungen? Auch das Problerrr des verlorengegangenen hebräischen Originals des 1. Makkabäerbuches') muß bei dieser Fragestellung anftauchen. ״Es gibt, so meint mit Recht Aron Markus"), keine glorreichere Epoche irrt Judentume, als die der Makkabäersiege. Da aber der eigentliche Schwerpunkt der Nation, daK Tavidsche Königshaus und die Prophetenschulen nach Babylonien verlegt waren, der Karton bereits abgeschlossen war, so konnten die Makkabäer trotz ihrer Hohenpriester- und Königswürde cs nicht mehr durchsetzen, eine Megitta der wunderbaren Befreiung der Nation nachträglich bem Kanon ernzufügen, trotzdem! jhas Lichtfest Channka ins Rituale aufgenomnten wurde." Und da Hütte denn das Estherbuch, das in den Augen der Bibclkritiker als bloße Dichtrrng erscheint, iit die Sammlung der biblischen Bücher Aufnahme gefunden! Die Kritik glaubte sich aber über alle Vernmtftgründc hinwegsehen zu können, weil sie da arrf vermeintliche Schwierigkeiten gestoßen, die sie nicht zu erklären wußte. Ueberblicken wir kurz die Gründe, die gegen die Geschichtlichkeit dieses Briches ins Treffen geführt wurden. Vor allem wird geltend gemacht, daß weder die griechischen noch persischen Geschrchtsquellen etwas von den in diesem Buche erzählten Begebenheiten erwähnen. Das Buch spricht von 127 Provinzen, während Herodot (griechischer Geschichtsschreiber aus dem 5. vorchristl. Jh.) nicht mehr als 20 Satrapien kennt"). Daß ein Gastmahl 180 Tage gedauert erscheint gls arge Uebertrcibung. Das Wort ״Pur", das Los bedeuten soll, und wovon das Purimfest seinen Narrten erhalten hat, kennt die Persische Sprache nicht. Und wer ist dieser Achaschwerofch, der in der Profangeschichtc nicht vorkoirtirtt. Wie könnte es nur denkbar sein, fragt schmunzelnd die Kritik, daß Achaschwerofch, eilt'orientalischer Herrscher, nachdem er die Königin Vaschti im 3. Jahre seiner Regierung verstoßen hatte, bis zurrt 7. Negierungsjahre (Esther 210) als Strohwitwer ein freudenloses Leben gefristet habe! Nicht minder denkbar ist es, daß der König ohnewciters die Erlaubnis zur Ausrottung eines ganzen Volksstamrrtes erteilt haben sollte. Auch die schlaflose Nacht des Königs int Momente, wo Mordechai die größte Gefahr droht, trägt ein absichtliches Gepräge urtd erscheint wie ein deus er machina, um der Sache eine Plötzliche Wendung zu geben. Prüfen wir diese Einwürfe auf ihre Stichhaltigkeit. Die erste Frage, warntn die außerjüdischen Geschichtsschreiber diese Begebenheit nicht erwähnen, beantwortet der hervorragende Orientalist Oppert sehr einfach dantit, daß wir aus der Negierungszeit der Persischen Könige seit bem 7. Regieruiigsjahre des T'erres über- Haupt keine Berichte haben. Die Persischen Hofarrnalen (Esther 213, 102), die auch Ktesias be-!!ritzt 'bat, sind nachweislich sämtliche vom Heere Alexanders des Großen vernichtet worden. Ebenso sind die allgemeinen Weltgeschichtert, wie die von Theoporrrpos, Duris urtd Nikolaus von Datnaskus, die auch die Persergeschichte behandelten, verlorengegangen/) (Schluß folgt.) ') S. Schürer 2. 002. ״) Kritik der Bibelkriiik S. 28. ") 20 Setrap iert von Dari ns festgesetzt (Herodot 3. 80). 7) Siehe Markus: Barsilai S. 330 ff. und Kritik der Bibelkritik. S. 25. Tüchtiger סופר wird gesucht. — Zu erfragen Jüd. Bolksstimme Adlergasse Nr. 9. טיכטיגע בתים םאכער פארמעוט מאבער אונד מזחות-בתים אום . ד!אלצ אונד מעטאל ערצייגעד finden lohnende Beschäftigung. Jüd. Buch-u. Kunstverlag, Brünn. O> U -----_- Ririrlt *IMkAk».