Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1915)
- Date
- 1915-02-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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jtaütq. XVI, MAelnt jede« Mittwoch Nummer 5. Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig.. . . Deutschland, ganzjährig . . . . Ruhland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. . Kronen 6*20 . Kronen 12 — . Mark 12 - . Rubel 6׳— . Frank- 14׳— J m Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergafse 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die bspaltige Petitzeile 3V ft. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brün«, Prag—Lemberg. Der heutige» Nummer liegen Posterlagscheine bei. Die P. T. Empfänger werden um gefl. umgehende Bezahlung deS Abonnemeutsbetrages ersucht. Die Administration. Dringlichkeiten. Von Leopold Moses. Gewaltige Ereignisse spielen sich vor unseren Augen ab, Ereignisse, die die gange künftige Entwicklung und Gestaltung der alten Welt bestimmen dürften, Ereignisse aber auch, die uns mit grausamer Drastik das Bewußtsein dessen gaben, was unsere Führer längst voraussahen. Jetzt wirh Wohl uns allen deutlich, daß das Schicksal unserer armen Staminesgenossen in Rußland und das unserer Brüder aus Galizien ein und dieselbe Wurzel hat. So manches warmfühlende jüdische Herz, mag es sich bisher dem Zionismus erschlossen haben oder nicht, wird n-unmehr zu der festen Ueberzeugung gelangen, daß der gemeinsamen jüdischen Not nur dann radikal ein Ende bereitet werden kann, wenn der Heimatlosigkeit unseres Volkes und unserer Kultur die durchgreifende Repatriierung beider auf ihrem natürlichen Nährboden entgegengesetzt wird. In der jüdischen Volksstimme vom 6. Jänner schildert Herr Felix Ungar den gallischen Durchschnittsjuden als einen in der großen Welt unpraktischen und unbeholfenen Menschen und — mit Recht. Diese unsere Träumer können je¬ Feuilleton. Der Judenknabe. Eine historische Erzählung aus dem ungarischen Freiheitskampfe 1848. Der rühmlichst bekannte ungarische Jugendschriftsteller Viktor Rakosi! veröffentlichte eine Erzählung, die in den weitesten Kreisen freudige Aufnahme fand. Ich glaube, es lohnt sich, den wesentlichen Inhalt hier kurz anzugeben. ... ,,An einem düsteren, windigen Winterabende gelangten große, schwere Lastwagen in die Ortschaft Kis Regöc unter Deckung vieler Husaren und Honveden (Landwehr). Vor der Kirche hielten sie kurze Rast, und die Leute liefen mit Laternen hin, um zu schauen, was da geschehe. Der Hauptmann der Landwehr ließ den Richter rufen unb befahl ihm, einen Führer herbeizuschaffen, denn das Militär müsse nach einer halben Stunde weiterziehen, der Feind folge auf der Ferse. Während der Richter den erhaltenen Befehl zu erledigen unternahm, trat der Sohn des Krämers Aron, Jakob, vor den Hauptmann und bat ihn, er möge ihn unter die Landwehr aufnehmen. Du bist ja Jude, mein Sohn, und darüber hat auch die Mannschaft ein Wort! Jakob erwiderte: ״Mir ist es ebenso Pflicht das Gewehr zu ergreifen, als den übrigen! Ich doch naturgemäß nur im Lande ihrer und unserer Träume zum Leben, zu fruchtbarer und auch nationaler wertvoller Arbeit erweckt werden. Und kein Zeitpunkt kann dafür günstiger sein als der gegenwärtige, iu dem über das künftige Schicksal des Orients und somit auch unserer teuren Heinrat entschieden wird. Jetzt kann erst recht der* diplomatische Zionismus trotz aller Kritik Achad Haams zur vollen Geltung gelangen; jetzt können unsere durch beit Kongreß gewählten Führer erweisen, daß sie würdige Nachfolger im Amte Herzls sind, und können es umso eher, da sie in derjenigen Stadt ihren Sitz aufgeschlagen haben, in der voraussichtlich das entscheidende Wort fallen wird. Wir wollen und dürfen nicht wieder leer ausgehen! Eine kräftige, zielbewußte Leitung bedarf notwendig einer noch kräftigeren Gefolgschaft, die allerorts das zu tun weist, was iut gegebenen Augenblick erforderlich ist. Und über diese Erfordernisse örtlicherer Natur, denen wi׳r Zionisten Oesterreichs gegenwärtig nebst allen unmittelbar mit dem Kriege zusammenhängenden Not- Wendigkeiten dringend st unser Augenmerk und all unsere Tatkraft zuwenden müssen, soll nicht der große Moment ein kleines Geschlecht finden, wollen wir uns heute verbreiten. Im Schoße einer maßgebenden Wiener Kör- Perschaft, des Gremiums der Wiener Kaufmannschuft, wurde kürzlich die Anregung laut, im Interesse der künftigen innigeren Gestaltung unserer Handelsbeziehungen zur Türkei der jungen Kaufmannswelt die Erlernung der türkischen Sprache zu ermöglichen. Einige Tage nachher berichtete eine Wiener Tageszeitung, daß im Großherzogtum Baden die bin hier geboren und will auch hier sterben. Das Vaterland gehört mir ebenso wie ihnen!" Allein die Soldaten wollten keinen Judenknaben unter sich haben... Der Richter brachte einen zuverlässigen Führer und das Militär entfernte sich. Tiefe Stille herrschte nachher im Dorfe und der dichtfallende Schnee bedeckte alsbald die Fußtapfen der fliehenden Soldaten, ihre Wagen waren mit Geldmünzen beladen ... Auf einmal wurde an die Haustür des Dorfrichters heftig geklopft. Der Richter öffnete, und ein hoher schlanker Offizier in weißem Mantel stand vor ihm. ״Wie lange ist es her, daß die Landwehr durchs Dorf zog?" fragte er streng. Der Richter wollte sich darauf absolut nicht erinnern. Nach langem Drohen sagte er endlich: Zwei Stunden. ״Donnerwetter!" wütete der Oberst; ״sie entschlüpfen uns! Verschaffe mir sofort einen tüchtigen Führer." ״Woher einen bekommen?" stanimelte der Richter. ״Im Dorfe sind nur mehr sehr^alte Männer und Weiber." . ״Führe mich also zum Juden!" — Der alte Aron staunte, als der Oberst in seine Wohnung tvat. ״Ich bin Oberst; ich kan: deshalb zu Ihnen, weil Sie ein kluger Mann sind, mit Ihnen kann man vielleicht besser sprechen, als mit diesen Bauern. Alle spielen mit den! Feinde zusammen und sprechen nicht mn die Welt ein Wort. Ich verfolge den Feind, da er 100.000 königliche Goldstücke mit sich führt. Wenn Sie uns auf die Fährte führen, erhalten Sie als Belohnung 1000 Dukaten." Aron empfahl, mit Betürkische Sprache an den öffentlichen Handelslehranstalten in den Lehrplan ausgenommen worden sei. Diese Nachrichten und im Verein mit ihnen die Tatsache, daß gerade der österreichische H a n d e l s m i' n i st e r die Stelle eines Vize- Präsidenten im österreichischen Komitee für den ״Roten Halbmond"׳bekleidet, sollten uns denn doch aufrütteln, uns, die wir als Oesterreicher und Juden ein unermeßlich größeres Interesse an der Gewinnung eines Einflusses in der Türkei haben. Sache eines auf der Höhe seiner nationalen Aufgabe stehenden Jüdischen Handlungsgehilfenverbandes wäre es nun vor allein, dem Gremium der Wiener Kaufmannschaft den Wind aus deu Segeln zu nehmen und entweder ganz selbständig oder im Einvernehmen mit ihm und mit Unterstützung des Handelsministeriums und anderer am Export interessierter Korporationen die Bildung von Lehrkursen für türkische, arabische und — last not least — hebräische Sprache in breitester Oeffentlichkeit durchzuführen. Und wenn es der Indische Handlungsgehilfenverband nicht tut, so müßte es ein anderer zionistischer Verein unternehmen oder eigens zu biefem Zwekke ins Leben gerufen werden. Großzügiges, zielbewußt national-politisches Handeln ist es, das Wir fordern, und wir verlangen es nicht nur in diesem Punkte, dessen eminente Wichtigkeit und Dringlichkeit wohl niemand bezweifeln dürfte, sondern auch in jeder anderen der unzähligen nationalen Gegenwartsaufgaben, von denen im folgendem noch drei der wichtigsten besprochen werden mögen. Seit dem letzten Kongresse konnte man vielfach eine intensive Pflege der hebräischen Sprache bemerken. In einer Reihe zionistischer Verrufung auf sein hohes Alter, seinen Sohn Jakob, da er seine Gesinnung Wohl kannte. Jakob folgte den! Oberst mit wankenden Schritten. Nachdem die Kaiserlichen das Dorf verlassen hatten, hörte das Schneegestöber auf und der Mond kam zum Vorschein. Jakob ging voran, dann kam der Oberst und seine Offiziere und das Heer blieben weiter zurück. Jakob schritt mit gesenktem Haupte, als wenn eine schwere Last seine Schultern drückte. Sie kamen schon auf die Landstraße von Prazsmar, wo die Landwehr ihr Nachtlager aufgeschlagen hatte. Arme Soldaten,' nichts ahnen sie von der Gefahr, und träumen süß von ihren Müttern. Jakob besteigt einen hohen Hügel und bleibt dort stehen. Mr Oberst fragt ihn: ״Wie heißt das Dorf dort?" Jakob richtet sich gerade auf, nimmt tiefen Atem, legt die Hände auf die Brust und rennt mit übermenschlichen Geheul in die Tiefe. ״Wachet auf! Der Feind ist da! Habt acht! Habt acht! Wachet auf! Wachet auf!" Er fällt, rutscht 6—6 Klafter weit mit blutigem Arm und Kopf, springt doch auf und schreit aus voller Kehle... — ״Schießet nieder den Hund!" brüllt der Oberst. Mebr als dundert Kugeln trafen ihn. Der Judenknabe taumel-- te, seine Stimme erstickt, dreht sich im Kreise um, aus seinem Munde strömt das Blut und tot sinkt er zu Boden. Er starb fürs Vaterland, fürs teure, obwohl man ihn seinen Verteidigern nicht einreihen wollte.