Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 47 (30.12.1914)
- Date
- 1914-12-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Iahest. XV. Erscheint jeden Mittwoch Nnmmer 47. ^1 Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 ganzjährig.Kronen 12•— Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig ....... Rubel 6•— Balkan, Frankreich..Franks 14 — Herausgeber: Max Hickl. mm. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse S. Buchhündlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die Sspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. 30• Dezember 1914 -L>rrrrrrr, u Teveih 5675 Prag—Lemberg. Zukunftspflichtcn. Von Oberrabbincr Mor. Reich Bün. Es war als das ottomanifche Reich, mit kühnem Griffe, mit tapferem Mute, ziir Wahrung seiner arg bedrohten Existenz, den auf Beute lauernden Weltmächten, zu Wasser und zu Land, den. Handschuh hinwarf. Man denke doch! In einer Zeit, der noch aufrecht erhaltenen Fiktion, einer die Welt umspannenden, die Ozeane beherrschenden ״Entente" auch der kleiucn, doch mittlerweile ja groß gewordenen Nachbarmächte nicht sicher, nur in weiterem Sinne alliiert, doch in engerem Sinne auf sich selbst angewiesen, nicht wie im Westen, Franzosen, Engländer, Belgier Schulter an Schulter, auch nicht wie die mitteleuropäischen, glorreichen Bundestruppen, der Ungarn, Oesterreicher und Deutschen, Arm in Arm, sondern wie sein furchtbarer, unversöhnlicher Erbfeind, allein und räumlich isoliert, doch nicht wie dieser, gespickt mit den Milliarden des Westens, nach zehnjährigen Rüstungen und fortwährenden Probe- Mobilisierungen, sondern. nach kaum beendeter, furchtbarer Kciegskatastrophe, die jählings und zum Teil verräterisch hereingebrochen war, keine eiserne Dampfwalze, wie jener stolz sich nennen ließ — die jetzt, G. s. L., nach rückwärts rollt — sondern ״der kranke Mann", wie sie das türkischc Reich schon lange höhnend nannten, ist es.mit einem kühnen Rucke mitten drinn, unter dem wütenden Gebrülle des britischen Löwen, des nordischen Bären und dem Krähen des akkompagnierenden, gallischen Hahnes. Wo sic bis nun sich als Herren dünkten, ihre bevollmächtigten Minister glaubten, wie einst, vor dem Khalifen, mit der Reitpeitsche in Händen, erscheinen zu können, wo sie alles mit einem Netze von Verrat, mit einem Heere von Spionen, voll Tücke und Ränke, voll Falschheit und Hinterlist überfluteten und durchseuchten, wo in Reich und Hauptstadt, weniger Herrscher und Regierungen, als vielmehr Botschafter und Drago- Feuilleton. Die Flucht. Von N. I. Quittner. , Die Straßen des Kurortes Krynica in den Karpathen Galiziens waren besonders stark belebt. Nach einer längeren Regenzeit war wieder ein sehr heiterer, ins Freie ׳lockender Tag. Deshilb war das grandiose Fest, das an diesem Tage veranstaltet wurde, fast von allen Gästen besucht. Auf dem Deptak war ein buntes Durcheinander zu, sehen. Jung und Alt, Typen verschiedencr Nationalität. Der Lärm und Jubel war ungeheuer und jeder genoß die Freude• des Festes. In einem der. hübschen Zimmer der Villa ״Wygoda" war cs schon halb dunkel. Auff dem einen Bette bei der linken Wand lag Bornch Rokach und las die Zeitung beim dumpfen Lichte einer Kerze, doch war er noch nicht ganz .ent-! kleidet; er hatte nur den leichten Somm:rf?ftan und den Samthut abgelegt und sich auf den mane zu befehlen schienen, wo bei jeder geringsten Aeußerung selbständiger Handlungsweise Flottendemonstrationen angedroht und auch vollführt wurden und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, die Kanonenläufe der Kriegsschiffe gegen das goldene Horn gerichtet waren, und da sich aufraffen, sich losringen, das ganze, lästige Gezüchte abschütteln, die kräftig gewordenen Arme ausstrecken, hoch hinauf nach Norden und tief hinab nach Süden, an der Seite von Kulturnationen, gegen Barbarismus, gegen Macht- und Ländergier, wie einst, gegen Nikolaus, den ersten dieses Namens, doch mehr wie einst: eine selbständige Macht, in drei Weltteilen, zu Land und zur See. Welche Perspektive! Wie muß sich da die oltomanische 'Ration gehoben fühlen! Keine Bevormundung mehr, keine sogenannten Kapitulationen, keine Hydra, siebenköpfiger Kontrollkommissionen! Doch, welche Abschweifung, von dem zu besprechenden Thema, denke ich da selbst. Sie v.-chtfertigt sich jedoch als Ausgangspunkt des Ganzen. Kehren wir nun zu demselben zurück. Als dieser denkwürdige Schritt des neuerwachten türkischen Reiches geschah, da widerballte. es vom äußersten Norden bis zum tiefste» Süden, da rauschte es im weißen Blätterwalde, durch welchen die intellektuelle Welt ihre Gedanken austauscht. Da blieb natürlich unsere vaterländisch: Presse auch nicht zurück; ja als nächstbeteiligt feierte sie das Ereignis mit Recht am begeisterungsvollsten. In der Schlußbemerkung eines ihrer bedeutendsten Organe war ungefähr Folgendes zu lesen:• Sic glaubten, der türkischen Nation dasselbe Schicksal bereiten zu können, als einst der jüdischen und ihre Kinder, wie die jüdischen, zu Landesflüchtlingen zu machen. Diese Worte wollten mir seitdem nicht aus der Erinnerung weichen. Es ist Wohl wahr: Es war damit — von dieser Seite mit voller Bestimmtheit — der einstige, historische, jüdische Staat und die jüdische Nation gemeint und nicht die heutige, nur als Konfession betrachtete In- Rand des Bettes nicdergelegt. Auf dem Sofa bei der rechten Wand lag seine Frau Scheindel und schluchzte unaufhörlich. Bornch schien sich in seinem Zeitunglesen von diesem Schluchzen nicht stören zu lassen. Die Jubeltöne des Festes vor dem Kurhaus drangen durch das halb offene Fenster ins Zimmer hinein. Scheindel aber schien sie mit ihrem Schluchzen aus dem Zimmer zu verjagen. Denn was haben Jnbellärm und Freudentöne in ihrem zerstörten .Heim zu suchen? Hicher werden sie das Lebensglück nicht mehr bringen. DesSchluchzens müde überlies sie sich ihren Gedanken und ließ vor sich verschiedene Bilder ihrer Vergangenheit schweben. Ihre glücklichen Mädchenjahre, wie weit sie ihr jetzt scheinen, obzwar sie erst vier Jahve verheiratet war. Tamals hat sie freilich von einer ganz anderen Zukunft getrauint. Auch ihre Mutter malte ihre Zukunft mit den schönsten Farben. Hatte sie doch genug Grund dazu. Ihre Schönheit war doch im Lande weit und breit berühmt und die reichsten Jichusim warben um ihre Hand. Sah sie doch den Neid in den Augen aller ihrer Freundinnen. Auf der Gasse bewunderte man ״ ~•׳p^ י1 יי׳ llir י״- א;<ח allen Seiten. Aber schon damals zeigten sich Wolken auf ihrem heidenheit. Ich will mich auch nicht in Distinktioneu über Begriffe und Auffassungen einlassen. Ich fühle mich nur von dem Jdoengange jener Bemerkung eigentümlich berührt, im Innersten betroffen und zu uuterjchiedlichen Betracht»»!- gen veranlaßt. Unwillkürlich muß es uns anregen, zu untersuchen, ob denn heute nach mehr als achtzehnhundert Jahren dieses einstmals dem jüdischen Volke bereitete furchtbare Schicksal, das sie zu heimatlosen Flüchtlingen machte, spurlos verschwunden ist? Unser Blick fällt da auf die Karte des Krieizsschanplatzes, wo wir nicht nur in den Heeressäulen Ungarns, Oesterreichs und Deutschlands unsere Brüder als freie Heldensöhne ihres Vaterlandes im Geiste vor uns se- Yen. sondern auch, und das trotz allem Geschehenen. in den Millionenheeren des moskowitischeu Tespotenreiches als pflichttreue Opfer und Märtyrer ans der nach Millionen zählenden jüdischen Bevölkerung des sogenannten Ansiedlungsrayons. des größten Ghettos, das die Geschichte je kannte, der Heimstätte des Elends und des unsagbarsten Schmerzes, erfüllt von Senfzern und.Klagetönen, von Tränen und Jammerrufen. Ist nun ihr Schicksal heute wesentlich besser, beneidenswerter, als es vormals einst gewesen war? Im Verhältnis zu der doch allgemein platzgegrifsenen Freiheit des Jndividuums. zum Teil selbst dort im Zarenreiche -- keinesfalls! Es ist gewiß heute nicht an der Zeit, Ver- »iiituiigen aufznstellen. über die Umwälzungen, welche die Zukunft bringen wird. Dennoch müssen wir uns vor Augen halten, daß, selbst bei den am allergünstigsten sich ergebenden Resultaten, die wir als gute Patrioten und gute Inden zllversichtlich erhoffen, wir lins vorderhand nur ein vier- oder fünffaches Galizien ich iileine in seinen jüdischen Beziehungen — ohne Grund und Boden und mit erst zu schassenden Freiheiten vergegenwärtigen dürfen, dessen Lebensbedingungen noch weit schwieriger sein dürsten, als sie bis nun in dem genannten Kronlande sich erwiesen. teren Himm-el. Als sie der Sohneines reichen Gutsbesitzers aus einer Hochzeit kennen gelernt und dann zu ihrem Vater einen Schadchen geschickt hatte, wollte ihr Vater nicht eininal davon hören. ״Einem ,Goj'," sagte er, ״will ich meine Tochter nicht geben." Es half nicht die Versicherung des Schadchens, daß der Chussen ein streng Gläubiger soi, er müsse sich nur modern tragen, um mit den großen״Prizim" verkehren zu können. Und wie gerne wollte ne diesen jungen Rab l»eiraten. Er war so hübsch, hatte ein gutmütiges Gesicht und tiefe Augen. Auch seine ״deutsche" Tracht gefiel ihr viel besser als die ihres Vaters und ihrer Brüder. Wenn sie aber nicht den heiraten kann, der ihr gefiel, wie wird ihre Zukunft eine glückliche sein können? Noch viele andere Partien wurden ihr vorgeschlagen, inan ließ ihr keine Ruhe. Es war kein Tag vergangen, an welchem eine ״Beschau" nicht stattfinden mußte. Eines Tages sah sie besondere Vorbereitungen machen. Die Mutter war den ganzen Tag beschäftigt, die Zimmer wurden besonders dekoriert und der Vater kaufte sich sogar einen neuen Samthut. ״.Heute abends kommt au uns der reiche Rokach. Wenn das uns gelingen soll, toixft du recht glücklich fein", erzählte ihr die Mutter, deren Augen vor Freude und Hoff-