Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-11-19 · Heft 41 (19.11.1914) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 41 (19.11.1914)
Date
1914-11-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621938--3043-2624194
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

י•׳^ Seite 4. »Mische »,N»ßr««e* Nr. 41- Bleiben gefüllt. Aus Kremenetz schreibt man n. a.: ״Man stirbt vor einem Stück Brot auf der Gasse. Zu unserem Leiden kamen noch Flüchtlinge aus Nadziwolow uud lagern neben der Synagoge auf der Gasse. Man hat die ganze Stadt zuin Landsturm genommen. Aus Schiridow wird geschrieben: Unser Ort gleicht dem Ehorban. Wo ein Bäcker Brot bäckt, wird cs ihm geraubt; öffnet inan einen Laden״ dringt das Volk ein und plündert, die Geschäfte sind daher geschlossen. Petroleum kostet 15 Kopeken, ein viericl Kartoffel 05, Kopeken. Aus Bonska-Wolje: Man bestürmt die Synagogen und Friedhöfe. Alte Vercinsdamen gehen herum und lassen den jungen Frauen die Haare abschncidcn; sie sagen. das; ob dieser Sünde der .Krieg ausgebrochen ist." Der Rabbiner als Geisel. In Scnnheim i. E. hatten ein Bürgcrmeister und ein Stadtrat Verrat geübt und waren sofort erschossen worden. Der deutsche Kommandant vermutete, das; sich noch zahlreiche Verräter im Orte befinden und wollte deshalb den ganzen Ort cinäschcrn. Da begab sich der 75,-jähri Rabbiner Bambcrgcr. ein Sohn des großen Würzburger Rabbiners Scligmann Bär Bamberger s. A., zu dem Kommandanten und bot sich als Geisel an. Er wies dabei auf die Fürbitte Abrahams, als Gott ihm seine Absicht, Sodom zu vernichten, mitteiltc, hin. ״Wenn nur zehn Gerechte inmitten der Stadt sind, schone sie" habe Abraham gesagt, und so sagt er auch jetzt zu dem Kommandanten. Der Kommandant nahm von seinem Beschlüsse Abstand, verzichtete jedoch dankend auf das Anerbieten des Heldenhaften greisen Rabbiners, sich als Geisel zu stellen. Kanonen aus der Davidsburg in Jerusalem. Aus London wird gemeldet: Die Türkei bcfestigt den Jaffacr Hafen. Auf der Davidsburg (Mezndas Davidi sind Kanonen placiert worden. Cypcrn ist voll von palästinischen Flüchtlingen. Major Emanucl Kraus; ausgezeichnet. Dem Major Emanuel Kraus;, der auf dem südlichen .Kriegsschauplatz den Heldentod fand, ist vom ,Kaiser die eiserne Krone 3. Klasse mit der Kriegsdckoration verliehen worden. Die Heldenmütige Führung des Bataillons in einem Ngchtgefccht wttrde in unserem Blatte eingehend geschildert. Heldentaten jüdischer Soldaten in der deutschen Armee. Andre Ruf, der Sohn des Großkaufmannes Ruf aus Mühlhausen, der vor zwei Monaten das Eiserne Kreuz zweiter Klasse erhielt und;11111 Offizier-Stellvertreter befördert wurde, erhielt nun auch für besondere Leistungen auf dem westlichen Kriegsschauplätze das Eiserne Kreuz erster Klasse. Bon Königsberger Inden erhielten bisher das Eiserne Kreuz: Assistenzarzt Dr. Siegfrieb Rosenbaum, Assistenzarzt Dr. Walter Bennigson, Stabsarzt Dr. Harry Moses, Füsilier Adolf Reumann, Oberveterinär Alfred Arnsdorff. Stabsarzt Professor Dr. Theodor Eohn. Der bekannte jüdische Schriftsteller Dr. Felir Theilhabcr in München erhielt das Eiserne Kreuz. Dem Gefreiten d. R. Sally Goldschmidt in Idstein überreichte der Kaiser persönlich das Eiserne Kreuz. Der Oberst vom Infanterieregimcnt Rr. 25> sandte nach der ״Köln. Ztg." den Eltern des Hertz, der als Rekrut die von den Franzosen den Deutschen genommene Fahne in der Nacht wieder abnahm und für diese Tat zum Unteroffizier befördert wurde und auch das Eiserne Kreuz erhielt, als Anerkennung für tapfere Tat ihres Sohnes 50 Mark. Rach der ״Iüdischen Volkszeitung" in Breslau haben bisher :;70 Juden, darunter die Oesterreicher Leutnant Jacob Ornstein und Fähnrich F. Tutimann das Eiserne Kreuz erhalten. In die Budapestcr Bürgcrgardc sind unter Anderen auch mehrere bekannte orthodore Persönlichkeiten eingetreten, so das Mitglied des Misrachi-Präsidinms Leopold Lebowitsch, Dr. Deutsch, Dr. Tauber nsw. Tic jüdisch-akadcmischc Verbindung Jvria. Lieber Bundesbruder! Die Verbindung -mtbictct den Bundcsbrüder«, welche im heiligsten Kampfe für Kaiser 'und Land in treuer, heldenhafter Pflichterfüllung ihrem österreichischen Vaterlande und ihrem jüdischen Volke Ehre und Ruhm erwarben, Anerkennung und bundesbrüdcrlichen Gruß. Insbesondere aber spricht der B. O. den Bundesbrüdern, die sich durch Tapferkeit und Aufopfcrung bereits Auszeichnungen erwarben, Bewunderung und Dank aus. 62 Jvrianer sind cingerückt! Dänintcr 36 Alte Herren (von 70); 11 inaktive Burschen (von 11); 7 aktive Burschen (von 8); 8 Füxe (von 11,darunter 4 freiwillig). Von den Eingcrückten sind 23 Offiziere, 8 Acrztc, 2 Beamte, 1 Ingenieur, 28 Mannschaftspcrsoncn. An der Front stellen 38; in Garnisonen sind 24 (davon 11 in Einj.-freiw.-Schulen und 8 in Spitälern). Mit größtem Stolze vcrzcich- «eil wir bereits 4 Auszeichnungen: A. H. Dr. Otto Eisler (Ottek): Goldene Tapferkeitsmedaille; A. H. Dr. Albert Schönhof (Juvek): Silbcrnc Tapferkeitsmedaillc unter gleichzeitiger Beförderung zum Leutnant; mcd. Kalman: Silberne T. M. II.; ing. Tuttmann: Eisernes Kreuz (vor Antwerpen, nach privaten und Zeitungs- Meldungen). A. H. Dr. Löw (Vinccnz) wird leider vermißt). — Verwundet wurden bereits 0, erkrankt sind 4 Bundesbrüdcr, u. zw.: Dr. Brand (Abesch), Phlegmone am Fuß (Kremsier); Dr. Ehrlich: Ischias (in Wien)); Dr. Eisler (Ottek): Bauchschuß (in Weachowitz); Ing. Goldschneidcr (Fcdor): erkrankt; Tr. Hahn (Gog): Schrapnell- Brustschuß (in Wien); Dr. Hausmann: verwundct (in Wien); Tr. Korplus, Bajonettstich Fuß, (in Wien); Dr. Körner (Klofacz), Ruhr, wieder im Felde; Koch (Lozzi), Unterschcnkelschus; (in Wien); Lenk (Gyegcs): Schrapnell-Brust- Lnngenschuß (in Karlsbad); Roth (Korek): Vajonettstich Wade (in Ostrau); Ing. Schallingcr (Schälet): Knieschuß (in Tarnow); Steiner (Sigi): Oberschenkelschnß (in Wien). Antisemitismus im englischen Heere. Der ״Jewish Chronicle" berichtet aus London: ״Juden meldeten sich zum Heer als Freiwillige. Man wollte sie aber nicht annehmen. Es ist interessant, den Grund zu hören, den der Nekrutierungsossizier für die Ablehnung angegeben hat. Er bedauere sehr, erklärte er, daß er die Juden.ablehncn müsse, er tue es — aus Mitleid mit ihnen. Tie jüdischen Rekruten hätten sehr viel in der Armee von ihren nichtjüdischen Kameraden zu leiden. Die Engländer spotten über sie, machen sich über ihre Namen lustig und beleidigen sie auf die gröbste Weise. Er werde sich aber bemühen, besondere jüdische Freiwilligenscharen zu bilden, damit die Juden nicht mit den Engländern in Berührung kommen müssen! . ." Solches Ansehen genießen die Juden im freien England, und Herr Israel Zangwill fordert die Inden der ganzen Welt auf, für England einzutreten. . . . Konferenz der nationalen Organisationen in Amerika. Das American Iewish Eommittee hat zum 2.7. Oktober nach New short eine Konferenz von Delegierten der nationalen Organisationen einberufen, um die Einvichtung des amerikanischen Hilsswerks für die Juden in Palästina und Enropa zu besprechen. Wie die amerikanischen Blätter hervorheben, soll bas Hilfswerk einen ansgesprochen nationaljüdischen und palästinensischen Ebarakter tragen. Verbot jiddischer Truckschristcn in Paris. Die Pariser Behörden haben die Verösfent-! lichung von Kriegsnachrichten in jiddischer Sprache verboten, da es zurzeit keinen des Jiddischen kundigen Zensor in Paris gibt. ״Der Iid in« Paris" und andere jiddische Plätter habe!׳ ihr Erscheinen cingestellt. Arürmee NaiHricfiten und Wut, hat eine grandiose Liebestätigkeit für unsere wackeren Soldaten und deren Familien ausgelöst. Wir sind uns dessen sicher, daß auch diese Opfer des Krieges ihr Plätzchen in unserem Herzen finden werden. Dies ist umso notwendiger, als sich bereits hartherzige Menschen finden, die von der großen Schädigung sprechen, die uns durch unsere Gäste droht. Besonders beliebt ist die Angst vor einer durch den Andrang so vieler Menschen entstehenden Teuerung der Lebensmittel. Ja, viele scheuen sich nicht, zu behaupten, daß die Frauen der Flüchtlinge die anderen Käuferinnen am Markte überbietcn. Schreiber dieses hat diesen Vorwurf lange Zeit hindurch überprüft und konnte nicht einen einzigen Beweis für die Nichtigkeit dieser Be- Häuptling eruieren. Hingegen wurde konstatiert, daß die Händler besonders am Krautmarkt und am Hühnermarkt gerade an die Flüchtlinge unerhörte Preisfordcrungen stellen. Es wurde beobachtct, daß von einer jüdischen Frau für einen Bund Grünzeug, der sonst 2 Heller kostet, 8 Heller verlangt wurde. Wenn die Brünner Frauen dieses Vorgehen sofort verhindern, eventuell die Intervention eines Marktamtsorganes herbeiführen und so die armen fremden Frauen unterstützen wollten, dann wäre eine Teuerungsgefahr nicht vorhanden und den Händlern würde bald die Lust vergehen, die Notlage dieser Armen auszunützen. _ Vergessen wir nicht, welche Pflichten die Gastfreundschaft auferlcgt und kommen wir den Bedauernswerten überall so entgegen, wie wir es sonst nuferen Gästen gegenüber tun! I. Sch. Spende. Herr Erich Weinberger hat als Ergebnis einer Sammlung den Betrag von K 00.— dem Hilfskomitee überwiesen. .Klciderspcnde. Die Neligionslehrcrsgattin Frau Fanny Blau in Wsetin sammelte bei nachstehenden Damen eine Kiste sehr guter Kleider und sandte selbe an den Verein Machsike Hadas zur Verteilung. Frau Sofie Glcsinger, Fräulein Olga Donath, Frau Flora!Reiß, Frau Therese Schrötter, Frau Regine Schön, Frau Melanie Knöpfclmacher, Frau Malvine Grünwald, Frau Fanny Blau, Frau Ncgine Weinstein. Die Böhmische Jndnstrialbank subskribierte für eigene Nechnnng 1 Million Kronen der 5'/-"/»- igcn österreichischen Kriegsanleihe vom Jahre 1014. Gäste. Unsere Stadt beherbergt seit Wochen in ihreu Mauern eigenartige Gäste. Wir glauben uns in eine Stadt Ostgaliziens versetzt. Der fürchte!׳- liche Krieg, der die Landesgrenzen verwischt hat, zerstörte auch vielfach die zwischen den Mensclien bestehenden Gegensätze und wir konstatieren gerne, das; unsere armen, doppelt bedauernswerten Brüder aus dem Osten überall liebevoll Aufnahme finden. Der Krieg, eine Anhäufung von Haß Russisch-jüdische Soldaten. Von Bergingenieur L. Rosenthal, Basel. Sind sie nicht zu bedauern diese Armen? Ihrer dreimalhundcrttausend kämpfen im russischeu Heer gegen Deutsche und Oesterreicher, gegen Kultur und abendländische Gesinnung. Siegt Rußland, so wird die Lage der Juden keines- Wegs besser, im Gegenteil dürfte der russische Uebermnt dann noch üppiger ins Kraut schießen und noch ärgere Bedrückungen zur Folge haben. Und wird Rußland geschlagen, dann wehe erst recht unseren unglücklichen Glaubensbrüdern im Osten*). Schon jetzt, wenn es irgendwo schief geht, heißt es: ״Die Juden haben uns verraten, — sie halten es mit den Feinden. Schlagt sie tot!" Und die Kosaken und Kalmücken, diese geborenen Mordbrenner, lassen sich das nicht zweimal sagen. Allerdings will man von oben herab jetzt keine wohlorganisierten Pogrome — die könnten in England und Frankreich böses Blut machen —, sondern überläßt cs lieber den einzelnen Hordenführern, ihr Mütchen an den machtlosen jüdischen Einwohnern zu kühlen. Und daß das in reichstem Maße geschieht, bedarf Wohl keiner besonderen Versicherung. Konnte man cs doch sogar in den Zeitungen lesen, daß bei dem Sturm auf Przemysl hauptsächlich polnische und jüdische Soldaten vorgcschickt wurden, lieber vierzigtausend sollen dort dem Tod und Verderben speienden Fcstnngsvulkan zum Opfer gefallen sein. So sorgt Väterchen für ״seine lieben Inden". Israel Zangwill ist freilich jetzt anderer Ansicht. Ich betone das ״jetzt", weil cs den Anschein hat, als ab er seine früheren Auslassungen Herrn Grey gegenüber wieder gutmachen möchte. Dieser hat *) Dieser Schluß braucht nicht angenommen zu werden, denn wenn Polen van Rußland losgetrennt wird, dann ist auch mehr als drcivieriel der russischen Judenheit gerettet. D. Red. A

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.