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Jüdische Volksstimme · 1914-11-19 · Heft 41 (19.11.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 41 (19.11.1914)
Date
1914-11-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrg. XV. Erscheint jeden Mittwoch Nummer 41. Olslhk N«lW««k. s Bezugspreis e: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 ganzjährig. —׳12 Kronen . Deutschland, ganzjährig. . Mark 12 - Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. Herausgeber: Max Hickl ü-—N Redaktion und Administration: Brünn, Adlergdsse 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die Ospaltige Petitzeile 3V h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. &-a Wien—Budapest. Brünn, 19. November 1914 30. Cheschwa» 5675 Prag—Lemberg. Georg Brandes und die Polen. Georg Brandes veröffentlicht in der dänischeu Tageszeitung ״Politiken" eine Artikelserie ״Zustände in Polen", die besonders interessant׳ durch ihre Tendenz ist. Brandes hat jahrzehntelang zu den Borküinpsern der polnischen Freiheit gehört, wie er denn überhaupt während seincs ganzen Lebens ein Anwalt der unterdrückten Bevölkerung gewesen ist. Er hat ein Buch über die Polen geschrieben, das von Begeisterung für das Land überqnoll, und das zu einer Zeit, als die Polenfrage nicht auf der Tagesordnung stand und nur ganz wenige Personen seine Gefühle teilten. Und er hat vor einem Menschenalter geschrieben: ״Man liebt Polen nicht, wie lilan Deutschland oder Frankreich oder England liebt, sondern wie inan die Freiheit liebt. Denn, was heißt das, Polen zu lieben, anderes, als die Freiheit zu lieben, eine tiefe Sympathie für das Unglück zu empfinden, und den Mut, sowie die streitbare Begeisterung zu bewundern! Polen ist das Sinnbild alles dessen, was die Besten der Menschheit geliebt und wofür sie gekämpft." Nur für ein einziges Volk hat Georg Brandes nie seine Stimme erhoben, und das war das Volk, dem er selbst entstammte, dessen eigenartige Begabungsmerkmale sein ganzes literarisches Schaffen kennzeichnen, nämlich das jüdische Volk. Wenn er seht glaubt, für diese unterdrücktesten Parias Rußlands gegen die Polen eintreten und ihnen warnende Worte zurufen zu müssen, so kann man ermessen, zu welchem Grade des Elends und der Verzweiflung die russischen Juden getrieben sein müssen. Brandes gibt zunächst eine geschichtliche Ucbersicht der Beziehungen zwischen Juden und Polen. Er erinnert daran, daß seit alten Zeiten gerade in Polen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsklassen und -Stämmen ein außerordeutlich herzliches Verhältnis bestand und daß Feuikketon Hela. Von N. I. Quittner. Freitag Vorabend. Alle Zimmer im Hause des reichen und frommen Ära lauer .Kaufmannes Reb Moses Wolf waren hell beleuchtet. Ter Familienvater init seinen zwei Söhnen waren schon längst in die Synagoge gegangen, um den heiligen Sabbat zu empfangen. Die Hausfrau Gitel, welche wie jeden erew Schabbath, eine weiße Bluse und eine weiß gestickte Schürze angelegt hatte, begab sich in die Küche, um die Einteilung der Fische, die von der Magd vorgenommen wurde, zu überwachen. Im elektrisch beleuchteten Speisesaale begann die jüngere Tochter des Hauses, die fünfzehnjährige Tila, den langen Tisch zu decken. Nur in einem Zimmer des Hauses herrschte Dunkelheit. Es ist das Zimmer der älteren Tochter Hela. Aus dem Sofa lag Hela schon seit einigen Stunden bewegungslos, ohne daß cs der Familie gelang, sie ar»s der Lage zu bringen. Ter kluge Vater sprach zu ihr mehr als eine Stunde und erklärte, daß es eine Sünde Gottes ist, sich auf solche Weise zu ärgern und noch dazu am heiligen Sabbath, aber es schien, daß seine Worte in ihre Ohren nicht drangen, denn wie geistesabwesend starrte sie vor sich hin die Inden in der polnischn Geschichte wie in der polnischn Literatur eine ganz hervorragende Nolle gespielt haben. Bereits im Jahre 1794 kämpfte unter Kosoiszko ein Negiment jüdischer Freiwilliger, dessen Oberst im Jahre ISO!) fiel. Als im Jahre 18(»1 von den Nüssen in Warschau ans die knieenden Volksmengen geschossen wurde, welche das Vaterlands-!ied ״Z dymen pozarow" sangen, folgten die Inden ihren Rabbinern in' großen Mengen in die katholischen Kirchen, ebenso wie die Ehristen im großen Mengen in die Synagogen zogen, um dasselbe Lied anznstimmen. Dieser lebte Zug, die Prozeüionen der Glaubensbekenntnisse in die Kirchen der anderen Konfessionen, machte ans den großen nordischen Dichter Henrik Ibsen einen so tiefen Eindruck, daß er in Unterredungen immer davon sprach, als von dem Größten und Schönsten, das er je erfahren. Und Adam Mickiewicz bat in seinem berühmten Nationalepos ״Pan Tadeusz" einen jüdischen Gastwirt zu einer der sympathischesten Hauptperson des Gedichtes gemacht. So haben die Vcrhältilisse früher gelegen. Heute spricht man in Polen von den Juden als von Todfeinden. Und der Abgeordnete Kucharewsly hat öffentlich erklärt, daß er in die Duma gewählt zu werden wünsche, ״lim für die Ansrottung der Inden aus Polen zu wirken". Wer denkt nicht unwillkürlich dabei an das Zarenwort: ״Jl saut ecraser laPologne?" Und all dieser Haß ist ans dem fehlgegangenen polnischen Nationalgesühl entstanden, das ein Polen nur für die slavischen Polen wünscht, allen anderen Stäinmen. die das Land bewohnen, in engherziger Beschränktheit gegenübertritt und. während es selbst einen Freiheitskamps kämpft, die Freiheit der anderen Stämme beschneiden möchte. Seit den Wahlen des Jahres 1012, als man jenen selben Kucharcwsky, der die Inden auSrotten wollte, zum Kandidaten für die Duma aufstellte und ver- und gab von sich keinen Laut. Der betrübte Moses mußte sie in diesem Zustande znrücklassen und befahl, alles im Hanse wie immer vorznbereiten, um den heiligen Sabbath nicht zu stören. * Hela, der es gelungen war, nach schweren Familenkämpfen sich glücklich zu verloben, hatte die Nachricht bekommen, daß ihr heißgeliebter Rafael bei der neuesten Musterung assentiert, wurde und bald auch einrücken müsse, seinem geliebten Kaiser u. Vaterlande seine Dienste zu leisten. Diese Nachricht zerschmetterte sie wie ein Blitzschlag. Wie viel hat sie init ihren radikalfroininen Eltern um Rafael, der zwar ein sehr guter Jude, aber schon ein moderner ist, kämpfen müssen! Hat sie doch selbst init einen: geheimen Verlassen des Eltern- Hauses drohen müssen, auch des modern gewordenen Hungerstreikes bediente sie sich, bis der sonst harte Moses weich geworden und selbst zugegeben, daß diese Liebe eine göttliche sei und den! Liebespaare seinen Segen erteilte. Wie glücklich war sie nach diesem bitteren Kampfe! Sie konnte sich vom Rausche ihres Glückes noch immer nicht befreien, obwohl schon inehr als 3 Monate vergangen waren und nun kam der Krieg und nimmt ihren Teueren von ihrer Seite. Ob er vom Kriege noch zurückkommen wird? Wer weiß es? langte, daß die Juden ihm ihre Stimmen geben sollten, ist der geschäftliche und gesellschaftliche Boykott gegen die Juden erklärt. Tenn die Inden, die selbstverständlich nicht ihren eigenen Henker zu ihrem Vertreter wählen konnten, bewirkten die Wahl des Sozialdemokraten Jagiello und zogen dadurch den Haß der fanatischen Nationalpoien in verstärktem Maße ans sich. Dieser Boykott ist in Formen dnrchgeführt worden, wie sie bisher in der Geschichte der Wirtschastsbewegungen unerhört sind. Aber auch an Gewalttätigfeiten bat es nicht gefehlt. Man hat harmlose alte Männer gemordet, in der Stadt Welnn Häuser mit Petroleum begossen und angesteckt, die ungebildete Dorfbevölkerung durch die Beschuldigung aufgehetzt, die polnischen Juden hätten ״nnlängst" den Heiland ermordet. In ganz Rußland waren es fast nur die polnischen Blätter, die nach dem Beilis-Prozeß die Eristenz des Ritualmordes als solchen für erwiesen erklärten. Bergebens hat Ladislaus Mickiewicz unter Tränen seine Landsleute, die doch schon Feinde genug haben, beschworen, nicht noch obendrein als Feinde der Juden anfzntreten. die stets ihre Freunde gewesen seien. Seine Worte haben so wenig genutzt, daß zu Beginn des Krieges große polnische Blätter, z. B. ״Glos Lnbelski" in fetten Lettern die Kunde verbreiteten: ״In England große Pogrome gegen die Inden, die englische Regierung bindert sie nicht." Tie Tendenz war klar, es wurde ein Beispiel zur Nachfolge aufgestellt. Polnische Blätter haben die Inden beschuldigt, nach Kriegsbeginn, als das Metallgeld in Polen knapp wurde, in einen: Sarg eineinbalb Millionen Gold-Rubel nach Deutschland geschmuggelt zu haben. Sie haben jiddisch abge faßte Proklamationen abdrucken lassen, worin die Juden zum Aufruhr gegen Rußland aufgefordert wurden. Sie haben die unschuldigsten den Russen als österreichische Spione denunziert und so ihre Erschießung verschuldet, so in den Städten Reb Moses kehrte von der Synagoge nach .Hause zurück, alle Familienmitglieder versaininelten sich um den reichlich bedeckte!: und hell beleuchteten Tisch des Speisezimmers, nur Hela fehlt noch. Der Vater schickte um die junge Dochter, um sie zu rufen, aber diese kehrte bestürzt und weinend zurück und meinte, die Schwester sei nicht mehr dein: Leben. Alles eilte nun lamentierend ins Zimmer der Unglücklichen, zünde ten gleich das elektrische Licht, obzwar es Sabbath war und begannen die Scheintote zu wekken. Hela aber rührte sich nicht. Sie öffnete nur ihre starren Augen, glotzte die Umstehenden an und sagte nichts. ״Ach Gott! Sie ist von Sinnen" jammerte der unglückliche Pater, ״man soll gleich den Arzt holen". Der ältere Sohn eilte, um den in der nächsten Nähe wohnenden Arzt herbeizuholen. Aber auch dieser war ganz machtlos diesen! Zustande gegenüber. Er erklärte zwar, die Patientin bei normalem Puls und guten: Zustande zu finden, ihre seelische Aufregung aber nur mit telS Schlaf zu beseitigen sei. Man soll ihr Ruhe geben, damit sie cinschlafen könne. Aber Hela fiel es gar nicht ein, einzuschlafen. Ihr (tzehirn begann vielmehr intensiver und uugestört zu arbeiten, als man sie alle׳:: gelassen hatte. Man hat sie eigentlich früher nur gestört, ihren Plan, den sie zu entwickeln begonnen hatte, zu vollenden. Zuerst durchflogen fürchterliche Gedanken ihren Kops und schreckliche Szenen sah sie

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