Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 40 (11.11.1914)
- Date
- 1914-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahra. XV Erscheint jeden Mittwoch Nummer 40 Mslhk AMsßiMk. iS-;-M Bezugspreise: j Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620־ j ganzjährig.Kronen 12•— Deutschland, ganzjährig ..Mark 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel K — Ballan, Frankreich ..Franks 14 — @Noc^) Herausgeber: Max Hickl m-׳— - Redaktion und Administration: Brunn, Adlergasse!). Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipstg. Inserate: die Vspaltige Petitzeile 30 h. | Unverlangre redaktionelle Beiträge werden nicht hono- | riert. — Manuskripten ist Rückporto beizusügen. 8- Wien-Budapest. Brünn, £ ״י“״״ Prag—Lemberg. Don Josef Nassi.*) Von Tr. M. H. Friedländer. Eine der herrlichsten, mit den schönen Weiblichen Tugenden reich geschmückte Persönlichkeit war Tonna Gracia Mendisa, die, einer hochachtbaren portugiesischen Maranuensamilie entstammend, 1 r»lf> in Portugal geboren wurde. 'Als ihr Gatte, Fransco Mendcs. der Besitzer eines groszen weit renommierten Bankhauses war und daher mit Königen und Fürsten in Verbindung stand, ungefähr 17/64 das Feitlichc gesegnet, sah sie sich aus Furcht vor der damals auch in Portugal eingeführten Inquisition veranlasst, mit ihrer Familie »ach Antwerpen aiiSzuwanderii, wo ihr Schwager, Tiogo Meudes, der jüngere Bruder ihres verblichenen Gatten, einer von ihm gegründeten Filialsabrik Vorstand. In ihrem Gefolge befanden sich eine Schwester tmd die beiden Neffen Ioao Miques (Joses Nassi» und Agostin Enriques. Allein auch hier behagte es ihr nicht sonderlich, weil sie es autf) da nicht wagen durfte, die Maske des Ehristentums. die ihr unerträglich war, ab,׳,ulegen. Ihrem Perlangen gemäß entschloß sich ihr Schwager, der mittlerweile ihre Schwester geheiratet hatte, mit ihr und ihren Verwandten nach einem Lande aiiszmvaitdern, wo es ihnen gestattet sein ivürde, ihren alten Glauben, dem sie noch immer mit allen Fasern ihres Herzens treu anhänglich geblieben, auch öffentlich bekennen ,׳,u dürfen. Für Ausführung dieses Planes ist es jedoch nichr gekommen, da ihr Schwager, gerade als er die Vorbereitung zur Auswanderung traf, vom Tode hingerafft wurde: und da er vor seinem Tode *) Anläßlich der Annektion der Insel Eh- Peru durch die Engländer ist dieser Artikel von Interesse. die Leitung seines großen Geschäftes seiner Schwägerin Gracia Mendesia übertragen, konnte sie vor Abwicklung der weitverzweigten Geschäfte an die Verwirklichung ihres langgehegten Planes nicht denken. Ueberdies wollte .Marl V-, au geblich weil der verstorbene Tiego Meudes heimlich dem Iudeutume anhänglich war, das Permögen des ,Hauses Meudes konfiszieren, was auch .׳,weisellos gescheheil wäre, wenn Tonna Gracia die Flucht ergriffen hätte. Nur ihrer ,Mlugheit hatte sie es zu verdanken, daß es ihr gelang, die .Monfiskation ihres Vermögens ,zu vereiteln, lind zwar teils durch Bestechung der Beamten und teils durch eine dem .Maiser an gebotene Anleihe, die ihr auch nach wenigen Jahren vollständig zurückgezahlt wlirde. ' Aach einiger Feit verließ sie Antwerpen und übernedelte in Begleitung ihres ')dessen Ioao Miques und der übrigen Verwandten nach Venedig, von wo aus sie - nachdem sie ihre geschästlicheu Angelegenheiten geordnet haben werde - - »ach der Türkei ausznwandern gedachte. Allein auch in Venedig waren sie vielen Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten ausgesetzt. Ter Senat nahm sogar ihr Vermögen in Beschlag. Ta wandte sich ihr Neffe Joses an den Sultan und bar um dessen Schutz und Beistand, der ihm auch gewährt wurde. Soliman sandte sogar auch einen Staatsboten nach Venedig mir dem Anstrage, der Tonna Gracia das konfiszierte Vermögen ansznliefern und sowohl ihr als ihren Verwandten die Uebersiedlnng nach der Türkei anstandslos zu gestatten. Im Jahre 17,7.) kamen ne tiach.Monstantinopel, wo es ihnen erlaubt war, sich öffentlich zum Judentum zu bekennen. Ioao Miques nahm hier den Namen Joses Nassi an und vermählte sich ein Jahr nach seiner Ankunft in .Monstantinopel mir der ihrer seltenen körperlichen und geistigen Vorzüge wegen allgemein bewunderten Feuilleton. Rzeszow. Eine Plauderei von ungefähr für mutige Menschen. Von Ignaz Rosenseld, Wien. ׳ (Schluß.) Tenn die Polinen sind nur schön am Abend, wenn tiefe, unbestimmte Farben ihren gelblich-weißen Teint herabstiminen und ihiil den Beiz des IIndefinierbaren geben. Tennoch lieben sie Moutraste und kleiden ihren weichen .Mörper in grelle Farben. Hast Tn das noch nicht bemerkt? Sic machen eS genau so, wie die dunklen Blumen drüben in Indien, die in schwülen Nächten betänbeude Tüste anshancheu und die unglücklichen Schmetterlinge zum süßen Bluinenliebcstod locken. Tie Toilette der lebenden Blumen Galiziens ist auch so ein duftiger Wegtveiser in der Nacht, llnd klug sind sie auch, weißt Tu das? Eine bei Frauen iiianchnial unangenehme Eigenschaft, weil sie zur Rechthaberei, zur Selbstüberhebung ausartet. - Aber zum Glück sind immer kluge Frauen unschön, wenn auch nicht unschöne Frauen immer klug, sonst würden unschöne Frauen so klug sein, lieber schön sein wollen. Und heute kann man doch gleich schön sein, wenn man will. Und noch eine große Tugend haben die Polinen, sie können lieben. Tu verstehst das Wort nicht, ich eigentlich auch!licht, aber eine Polin ist die Priesrerin davon. sie versteht es mit ihrem verborgensten Gedanken, sie durchglüht es mit dem heiligsten Gefühl, sie durchlebt es mit dem heißen PuIs'Rlag ihres Herzens, mit dem Leid ihrer Seele nnd der Freude ihrer Sinne. Eine schöne Polin ist eine Offenbarung der Liebe. Laß Tich mal voil ihr lieben und Tu wirst nicht mehr mit nüchterner Erhabenheit und kalten Lächeln schöne Frauen- Hände ansehen.Tie Liebe einer schönen Polin nämlich ist international. Sie könnte auch einmal auf Tich verfallen, Tlt bist schon so ein Glückskerl. Sie selbst aber ist Ehauviuistiu lind dabei sentimental. Es kann Tir sogar bei ihrer Liebe (oder trotz ihrer Liebe» passieren, das; sie Tir die feinsten Leckerbissen nationaler Ergüsse vorsetzt. Und aus Teiner Ausdauer und Langmut, aus Gediegenheit Teines Magens und guten Appetit schließt sic auf die Tiefe oder Höhe Teiner Liebe. Und rechneil kann sie auch. Teshalb wird sie nicht gleich auf Tich zählen. Sondern allmählich wird sie Tich'gewinnen zuerst für sich und dann für ihre nationalen Fwecke. Sie hat nämlich etwas von der Verführungskunft der Schlange im Paradiese und schade ist nur, daß mau ihre Gedanken nicht sehen kann. Sonst aber ist sie harmlos und beißt auch nicht bei jeder Gelegenheit. Taraus erkennst Tu. daß sie auch einen ökonomischen Sinn hat. Außerdem könnte sie gut kochen, wenn sie mit Tochter seiner Taute Tonna Gracia, namens Tonna Regna. Josef wurde durch bervorrage ade und einflußreiche Staatsmänner dem Sultan wäriustens empfohlen, daher dieser keinen An• gen bl ick An stand nahm, ihn an seineiu Hos als Beamten zu ernennen. Hier lern e!:an der Mrouprinz Selim keuueu nitd gewanu i!»t so lieb, daß er fein vertrautester Freund geworden. Josef spielte eine bedentende Rolle an! Hei des Sultans Sulaimai: und gewann mit jeden: rage mehr nnd mehr die Gunst des Monarch., ob gleich erbitterte Neider und Hasser unans, ent bemüht waren, ihn zu rerleninden, zu verdacht! gen und zu vernnglimpsen. Snlaiman schenkte ihm einen Strich Landes am Tiberiaiee in Pa läftina. Als Selim nach dem Tode seines Vaters Snlaiman selbst ־111,׳ Regierung gelangte, gewann Ton Josef Nasn noch mehr an Macht mid An sehen. Er nahm lebhaften Anteil an den wichtig sten Staatsangelegenheiten nnd entwickelte da bei große Gewandtheit und diplomatische Be gabnng. Seinem Rate folgend entschloß sich Se lim zu einem .Mriege mit Venedig, wobei es il,»> gelang, Ehpern l 17.71»» zu erobern. Selim be lohnte seinen Liebling Ioset reichlichst, ernannte ihn zum Herzog von Naros und übergab ihn! twöls Inieln des ägäischen Meeres, als: Naros. Vapos, Äelo. Santorino. Andros nilv. als Le Heu. In seiner hohen Stellung, die er bis an sein Lebensende einnahni, vergaß er an seine Glaubensgeuon.m nicht, nainn den inuigsieu An teil an ihren Schicksalen nitd war gleich seiner edlen Schwiegermntter Tonna Gracia. ans allen Mräste» bestrebt, die jüdischen Gelehrten zu n» terstützen ltnd die Literatur zu fördern, wofür ׳ich ihm midi die hervorroaennen Rabbiner der damaligen Feit sehr dankbar ׳.eigten. Als ein jüdischer Arzt namens Tavid. der als Leibarzt des türkischen Hofes tätig war. ׳ich eisrigit be mühte, den Herzog Josef durch Ränke und In Salz und Pfeffer sparsamer nmginge. Tiefe Ge würze wären nämlich Teine estizige» Nebenbnn ler. Es darf Tich nicht überraschen,!nein Lieber, wenn Sie Tich reizt mit ihnen und Teinem zeitweilig müden Gefühle Salz surrogiert. Tenn Tn musst immer parat sein für sie mid ihre Lau neu. Tiefe Tugend teilt sie nämlich mit allen schönen Frauen der Erde. Man gewöhnt sich an sie, wie an den Schnupsen, weil sie beide vergäng lich sind. Siehst Tn, mein Lieber, jetzt bin ich über zeugt, daß Tn selbst Teiner politischen Gesinnung wenn Ttl e׳»e hätieii, untren ivürdeft, um Tich an den vollen Busen einer Polin drücken zu lassen. Tenn die liebt Gesaltr.n, die dem Blute prickelnde Geschwindigkeit geben, wie ich Teine Genu niiiigslongkett hochschätze. Tenn jede politische Überzeugung ist ein ,Merker, in dem die Freiheit seis der Bewegung. seis des Gedankens, der Seele gefesselt ist und je dunkler der Farben um .Mlerikalen lebe» im schwersten. Tn aber hait der Gesinnung ist. desto schwerer der Merker. Tie eine politisch unbeschriebene Seele, die jedem nt! befangen, fast einfältig-gut entgegensliegt und treu ist. Und macht es nicht glücklicher, man ni ein unbeschriebenes Blatt, als daß ans seinen goldenen Lettern der Geiser klebt der neidischen boshaften Gegner und sie verwischt? Und glücklich zu sein ist Vas Problem, deren Lösung Tich zum Lebenskünstler macht. Tenn glaub nicht, daß ein ״farbloser" Mensch einen stener-