Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 39 (4.11.1914)
- Date
- 1914-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«r. SV. Seite 2. k V ' Attische »,tt,Vl««e» sche Disposition erkält in jüngster Zeit nicht nur, wie bislang, durch die Gemeinsamkeit des Leidens Nahrung, sondern durch ein von Tag zu Tag durchdringendes Gefühl des Stolzes auf die sich mehrende Zahl der sich in diesem Kriege altszeichnenden Juden, eines Stolzes, der sich diesmal also auf im Mittelpunkte des allgcmeincn brennenden Interesses stehende Tateil bczieht, ein Gefühl, das mit jugendlicher Stärke und eindruckssrischer Intensität bei vielen von ihnen als Gegenwert in den Kampf tritt gegen den bisherigen Glauben von der jüdischen Mindcrwertigkcit. Gelingt cs uns, in behutsamer Pflege die vorhandene seelische Disposition zu kräftigen, die vorhandene Sehnsucht nach nationaler Einheit zu stärken, das bestehende Verlangen nach innerer Gceintheit zu intensivieren, so wird diese Zeit für unsere nationale Idee, für unser Zionsidcal von unendlichem Werte sein. Und es kann uns gelingen, die Zeit dazu ist günstiger denn je: Diesmal führt die Juden nicht nur die Not zusaminen, auch der glückliche Stolz bringt sie sich näher. E r n st L e b c n h a r t. Jüdisch-polnische Flüchtlinge im Jahre 1648 in Mähren. Im Jahre 1648 wurden die Juden in Polen und in der Ukraine in allgemeinen Bluthabe nt hingeschlachtct. ״Das Jahr 1648", schreibt Zunz, ״ein Fricdensjahr für Mitteleuropa, ein Frcihcitsjahr für England, ein Christusjahr nach den Verheißungen Piere de la sous, ein Messiasjahr nach dcnt Sohar, wurde ein Unglücksjahr für die Juden in Polen und Ukraine. Die Kosaken und ihre Verbündeten, die unter Bogdan Chmelnicky gegen Polen Krieg führten, verwüsteten die Städte und erschlugen die Juden, die sich nicht retten konnten, oft mit erfinderischer Grausamkeit. Das Haar sträubt sich bei den Beschreibungen; die Qualen übertreffen die des Mittelalters, die Anzahl der Opfer hält der vom Jahre 1348 die Wage. Die Zerstörung der Gemeinden erinnert an den hadrianischcn Krieg. Viele Tausende flohen nach der Türkei, nach Deutschland und Holland. Aus lange Zeit war der Wohlstand jener Gegenden, ihre Kultur auf noch längere vernichtet. Tie Verwüstungen und die Mordtaten lvaren vornehmlich in den Jahren 1648 und 1646, und dauerte bis zum Jahre 1656". (Die synag. Poesie. 344). Auch nach Mähren haben damals viele polnische Juden ihre Zuflucht genommen, wo sie — gleich ihren Leidensgenossen in andern Ländern — von ihren Glaubcnsbrüdern in Herzlichster Weise liebevoll ausgenommen. sorgfältig verpflegt, bekleidet, kräftig unterstützt, besänstigt, beruhigt und getröstet wurden. Unter diesen Exultanten befanden sich auch ntehrerc talmudische Coryphäen, denen Rabbinatssitze in angcsehenen mährischen Judengeineinden übertragen ihre weißen, schlanken Finger, die sich anschmicgtcn an die Deinen, wie Liebesgedichte und ihre Seele, ihre duftende, lyrische Seele, so sehnsüchtig ausgchaucht, hätten und — Gott! Bist Tu eilt Grobian. Siehst Du, eine Polin hätte das nicht geduldet, eine richtige Polin mit schwarzem Haar, das herunterflicßt über ihren Nacken wie geheimnisvoller Mantel, und tnit den brennenden Augen, in denen Leuchtkäfer aufglühen, so oft Du hineinschanst, ttnd mit dcnt heißen Herzen, in dein eine ewige Wunde blutet. Nein, eine echte Polin hätte nicht so ruhig gewartet mit zitteruden Lippen und stillem Sehnen. Eine Polin ist wie das Meer, in dem Du ertrinken mußt, trohdein Du schwintmen kannst. Es kost sich schmeichelnd ltcran und küßt Dich gleich und lullt Dich ein in einen Wicgcsang, wie eine Mutter, und nimmt Dich in die Arme und trägt Dich fort unter Küsseit und Deine Sinne schwinden und über Dir ist ein silbriges, lachendes Klingen, wie Glück, wie Sieg und glühende Leuchtkäfer.... ja, ja, mein Lieber.eine echte Polin sprüht Leben, sic wartet nicht. Und in Rzeßow gibt cs lvcnig sprühendes Leben. Ein kalter Lustzug von Rußland weht oft herüber und ertötet cs. Ucberhaupt siehst Du es nicht. Nur einmal oder zweimal in der Woche am Samstag und Sonntag bekommst Du die schönen Polinen zu Gesicht. Und das so gegen Abend, gegen verschwimmendc Dämnterung (Schluß folgt.) wurden. Wir wollett hier nur die Namen Sabbatai Kohcn. ״schach", Gersan Aschkenasi und Ephraim Kohen nennen. Sabbatai Kohen aus Wilna (bei Mcir, geh. 1622, gest. 1663), 1>cr schon im zwanzigsten Lebensjahr als scharfsinniger Talmubist allgemein bewundert wurde, kant nach Straßnitz( Mähren), wo er von der dortigen Gemeinde einstimmig zu ihrem Rabbiner ernannt worden ist. A!S sechs Jahre später, ungefähr 1654. das Rabbinat der altehrwürdigen Gemeinde Holleschau erledigt wurde, versuchte er cs sich um dasselbe zu bewerben. Ter Vorstand der Holleschauer Gemeinde zog daher über ihn bei dem damaligen mährischen Landesrabbiner R. Mcnachein Mendl Krochmal, Verfasser der Resp. Zemach Zedek, in Nikolsburg schriftliche Erkundigung ein. Zufälligerweise befand sich Sabbatais Lehrer, der berühmte R. Josua Heschel, der Verfasser des ״Megine Schlomo" und der Ncsp. Pcne Jehoschua in Nikolsbnrg bei Krochmal zu Besuch, als der Holleschauer Brief anlaugte. Krochmal machte seinen Gast mit dem Inhalte seines Briefes vertraut und stellte zugleich die Frage an ihn, ob er den Sabbatai Kohen kenne. ״Sollte ich meinen würdigsten und vorzüglichsten Schüler nicht kennen?" eiltgegnete rasch der Gefragte. ״Ihr würdet meines Dafürhaltens klug handeln, wenn Ihr Euch entschließen könntet, das HolleschauerRabbiuat selben zu überuchmcn und das Nikolsburger Landesrabbinat dem Sabbatai Kohen zu übertragen". — In seiner großen Bescheidcnhcit teilte Krochmal R. Heschels Antwort dem Holleschauer Vorstände wörtlich mit, infolgedessen wurde R. Sabbatai Kohcn einstimmig zu nt Holleschauer Rabbiner ernannt. Gerson Aschkenasi, der ebenfalls zu den vorzüglichen Schülern des 3i. Jehoschua Heschels gehörte, wurde von der damals sehr angesehenen Gemeinde Proßnitz zu ihrem Seelsorger ernanut. Daselbst starb ihm seine erste Frau. Er heiratete dann die Tochter des Landesrabbiners Krochmal. Als dieser am 2. Schcbat 1661 von dem Schauplätze seiner überaus segensreichen Tätigkeit abbcrufen wurde, wurde Aschkenasi von der Nikolsburger Gemeinde zum Landesrabbincr ernannt. Könnt hatte er dieses hochwichtige Amt ein Jahr innc, als er von der hochangesehenen Wiener Kultusgemeinde zu ihrem Rabbitter gewählt wurde, welches Amt er bis zu dem verhängnisvollcu Jahre 1670 taktuitd würdevoll bekleidete. Als jedoch in diesem Jahre Kaiser Leopold die Juden aus Wien und;Niederösterreich ausweiscn ließ, mußte auch R. Gerson Aschkenasi zum Wanderstab greifen und als Erulant die Welt durchziehen. Gott aber verläßt die Seinen nicht. Aschkenasi wurde bald von der großen weltberühmten Gemeinde Metz zu ihrem religiösen Oberhaupte ernannt, wo er bis zu seinein 1004 erfolgten Tode segensreich wirkte. Seine Schriften Abodat Hagerschnni, ״Tifcret Hagcrschuni" zeugen von Scharfsinn uttd tiefer Gewährsamkeit. R. Ephraim Kohen (Katz) aus Wilna, Vorfasset׳ der bekannten Resp. Schaar Ephraint, wurde von der (Gemeinde Trebitsch, die damals ebenfalls zu den angesehensten Gemeinden der Provinz zählte, zu ihretn Rabbiner ernannt, wo höchst verdienstoll gewirkt, bis er im Jahre 1606 von der altehrw. Gemeinde Ofen, der damaligen Metropole Ungarns, berufen rvurde, das h. Amt eines Seelsorgers in ihrer Mitte zu bekleiden. Höchst tragisch war das seines Schwiegersohnes R. Jako Aschkenasi aus Wilna, der auf der Flucht von den Seinen getrennt, von den wütenden Kosaken ergriffen und wie durch ein höheres Wunder vont Tode gerettet wttrdc, und nach lattger Wanderung endlich nach Trebitsch zu seinen Schwiegereltern und Gattin gelangen konnte. Diesen hier erwähntet! und vielen anderen ähnlichen rabbiuischeu Autoritäten der damaltgen Zeit hatten es die jüd. Gemeinden Mährens zu verdanken, daß in ihrer Mitte bis aus die moderne Zeit das religiöse Leben sich der schönstcn Prosperität zu erfreuen hatte, daß sie in aller Welt als Mustergeineinden galten, die bei ihrer Wahl Parnasiw, Rabbanitn, Chasanitn, Schochtim, Mclamditn und Saferim nicht bloß auf gediegene Fachkeuntnis, sondern Vorzugsweise auf einen streng religiösen, moralischen, sittlich reinen Lebenswandel Rücksicht genommen, daß sie für unwürdige Subjekte gleich der Festung von Jericho verschlossen, versperrt, verrigelt* und verrammelt waren. Im Vorworte zu meiner im Jahre 1878 erschienenett Schrift״ .׳Schilderung aus deut inneren Leben der Juden in Mähren in Vormärzlichen Zeiteit" heißt es unter anderem: ״Tie Generation der Jetztzeit, welche Dank der gilt!- gen Vorsehung ,im Bollgenuße bürgerlicher Rechte lebt und daher die unzähligen Hemiiinisse, Beschränkungen und Ausschließungen, die ihre Ahnet! als Juden im allgetneinen und als mährische insbesondere zu erleiden und zu erdulden hatten, kautn dein Natnen nach kennt, utöge aus dieser Schrift erkennen, das; dieselben trotz des unsäglichen Druckes, unter deut sie lange geschmachtet, sich stets als treue, wackere, opserwillige Anhänger des Glaubens ihrer Väter bcwährt, und ein höchst ntusterhästes» sittlich-reines Fainilienlebcn (Straels heiligstes Paladium) zu jeder Zeit geführt haben. Wohl biit ich mir bewußt, daß viele Eigenheilen, Sitten und Gebräuche, welche ich von den mährischen Inden in dieser Schrift hier schildcre, nicht spezifisch mährisch-jüdisch sind, sottdern bei den Inden aller Länder und Provinzen aiigetrossen werden, wie dies bei Glatibensgenosscn, die aus einer und derselben Religionsquelle schöpfen selbstverständlich ist; nichtsdestoweniger hielt ich mich verpflichtet, auch diese in einer Schilderung aus dem Kulturleben der Inden Mährens enthaltenett Schrift nicht niicrwähnt lassen, um jedenfalls zu konstattcren, daß auch selbe trotz der besoudereu rassinierteu Bedrückungen und zur Entsittlichung angelegten harten Beschränkungen, wie es. tim eines nur zu nennen, das sogeitauute ״Familieugefestz" war, denen sie sich ttttterworscn sahen, von ihnen mit aller Innigkeit und Willigkeit im häuslichen Familienkreise, wie int öffentlichen Leben heilig gehalten und vollzogen werden." Schade, daß die meisten jüdischen Gemeinden Mährens die sich früher des blühensten Wohlstandes erfreuten, während der letzten Dezennicn stark deziniert wurden und daher nicht mehr wie ehedem in der Lage sind für die Fürderung des religiösen Lebens, für die Verbreitung der Kenntnis der Thora, wie für die Er- Haltung der religiösen und hnmaititärett Anstalten und Institutionen große materielle Opser zu bringen, chval al dcabdiu. Professor Jakob Barth gestorben Geheimer Negicrungsrat Professor Tr. Jakob Barth, außerordentlicher Professor an der Universität Berlin, ist am 24. d. M. nach kurzem schweren Leiden int Alter von 65 Jahren gestorbeu. Er lehrte au der Berliuer Universität seit Jahrzehnten semitische Philologie, iusbesoudere Arabisch, und war ein Orientalist von Weitruf. Von den zahlreichen Werken, die er herausgegeben hat, sind zu nenuen: ״Die Nominalbildtuig in den semitischen Sprachen", eine als grundlegend anerkannte Schrift, ״Wnrzeitintersuchungen znttt hebräischen ttnd aramäischen Lerikou", ״Etymologische Studien, sprachwissenschastliche Untersuchungen". Professor Barth war ein Schwiegersohn Rabbi Esriel Hildeshcimers, des bekannten Vorkämpfers des gesetzestreuen Judentums in Deutschland. Er gehörte zu den führenden Männern der Berliner Adas; Jisroel-Gemeinde und war auch Dozent au dem von feinem Schwiegervater begründeten Rabbtnersemittar. Aus seiner Lehrtätigkeit an dieser Anstalt gingen u. a. die Schriften ״Beiträge zur Erklärung des Buches Hiob" ntid ״Beiträge zur Erklärung des Jesaja" hervor. Unsere geschätzten Gesinnungsgenossen Lazarus Barth, früher Vorsitzender der Berliner Zionistischen Vereinigung. Arnold und Leo Barth - letzterer zurzeit im Felde — verlieren in dem Heimgegattgenen ihren Vater, unser Gesinmingsgenosse Rabbiner Tr. Arthur Levy — ebenfalls aus dem Kriegsschauplatz als Feldgeistlicher tätig — betrauert in deut Verewigte!! feinen Schwiegervater. Ein besonders tragisches Geschick hat cs gefügt, das; kurz vor dem Tode des Professors Barth sein Sohn. ttnsetJ treuer Gesinnungsgenosse, der Unterarzt Tr. Heinrich Barth, aus dem Kriegsschauplätze siel, nachdem er erst wenige Tage vorher mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war. Dr. Heinrich Barth war Vorstandsmitglied der Berliner Misrachi-Gruppe. — Wir sprechen der so schwer hcimgesuchten Fatnilte Barth -unsere herzlichste Teilnahme aus. \ * IMJMIIMiT