Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 39 (4.11.1914)
- Date
- 1914-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2621806-2621897-2621936--3022-2624171- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jahr«. XV. Erscheint jeden Mittwoch Nummer 39. Wische MksfliMk.! Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig 20־6 Kronen . Redaktion und Vldmi»is>raliou: Brünn, Adlcrgasse 9. Buclchäodlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. —־12 Kronen . Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. . Rubel 6 — Unverlangt redaktionelle Beiträge werden nicht hono- —׳14 Franks . riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brünn.Prag—Lemberg. Unsere. Zeit und unsere Idee. Noch nie wohl während der Diaspora ist di» Iudcmhi.׳its- und Indsutumsuot so tief einpsniideii -- nicht nur fesche stellt ־ — worden, wie jetzt, da die sich uberhasrendeil Eroigiiisso mit elementarer Wucht unser tiefstes Ich aufwühkm. noch nie haben wohl die Juden in dieser Zeit das Unnatürliche ihrer Lage so tief gefühlt, das Unnatürliche ihrer Laste, das nicht nur ihren Brüdern in den verschiedensten Ländern unter den verschiedensten Bedingnnsten die schwersten Leiden anf;wingt. sondern sie auch noch in geradeln sich selbst überbietender Teufelei gegeneinander treibt, den Bruder den Bruder (;u töten zwingt; noch nie haben wohl wir Vollsnden s o tief diese unsere Not enipfunden --- - - aber auch noch nie haben wohl in dieser Zeit s o viel e Juden diese Not empfunden, noch nie ist so vielen Juden der Manstel unserer Einheit so deutlich fühlbar steworden in seinen furchtbaren Folgen, noch nie ist so vieler Juden nationales Gewissen gleichzeitig wachsterüttelt Denn das ist nunmehr stescheben. D furchtbare Tragik, die so manchem inoucheu Bruder, der im Feindesland lebt, so plötzlich tcnd gegen sein innerstes Empfinden?,um Todfeinde aufziviiigt, das gesteigerte Elend unserer Brüder im eigenen Laude, sie haben einen nachhaltigen Eindruck auf viele der Juden -- die sich bislang nicht gerne dazu bekannten —- ausgeübt, sie haben eine eigene seelische Persassung derselben herbeigeführt, ein oft ganz nnheivnßtes Stehenbleiben in ihrem bisherigen Tun, ein gan,; verwundertes Insichhineinhorchenein erstauntes Fragen ob des eigenen nunmehrigen Empfindens, dessen sie sich nie für fähig gehalten hätten, über das sie erstaunt sind I und bas sie nicht znrückdämmen rönnen. Man i kann täglich und stündlich jetzt beobachten, das׳. Inden, die bisher kaum Neligionsjnden gewesen sind, die sich im ^choße einer fremden Nativualität geborgen fühlten und höchstens am Per söhnltiigstage in deit Tempel kamen, das; Juden, denen es peinlich war, voll ihrem Judentum oder von Inden überhaupt ,;n sprechen, die keine Juden sondern höchstens jnifs kennen wollten, das; Indeit. die jede jüdische Peranstaltnng als einen bedauerlichen Nuswuchs einer ,;n beklagen den Separation der Inden bezeichneten, das; diese Inden sich auf einmal über das unglücklich» Periiängliis beklagen, das Juden;11111 stampfe gecfc'ii Inden zwinge. das: sie ein inniges Mit gefühl für jene empfinden, die aus den vom Feinde bedrängten Gegenden in ihre Städn kommen, das; sie ein tiefes Perlangen ja ge rade.;n die Perpflichtuug in sich fühlen, diese» Inden ,;>! helfen, das; einzelne von ihnen die Perpflichtuug so stark empfinden, das; sie selbst ein Zerwürfnis mit ihrer bisherigen Umgebung nicht fürchten, ja sich nicht scheuen, offen;11 be kennen, das; sie Jude n doch den Inden helfen müs;ten. das; ihr bisheriges angewöhntes Reagieren sie im Stiche läßt uns ein neu Empfinden!11 ihnen immer stärker wird. D ist der Eindruck, den man jetzt allgemein von diese» Jude» empfängt und den mir besonl eine unlängst von diesen .streiten zu Gtinsten jüdischer Flüchtlinge arrangierte Veranstaltung vermittelte, die sich einer besonderen Beteiligung dieser .׳»kreise erfreute .... die die jüdischen Gedichte -- eines jüdischen Dichters, der ivolil das erstemal seine jüdischen Gedichte für einen jüdischen Zweck vortrng mit lebhaftem Bei fall aufnahm (das wievielte Mal wohl in ihrem Lebens!), die ein hebräisches Poe»! das sie doch nicht e: 11:1ml verstehen konnten J begeistert begrüßte». Und da id> einen von diesen — sonst ein gros;er Deutscher und Atheist fragte: ״Weshalb beteilige» sie sich an dieser Iudeiiaktiou. ^:ie sind doch Deutscher und Re ligionsjude sind sie doch erst recht nichts" meinte er ״Lasse» Sie's gut sei», über solche Tinge lässt sich nicht streiten". Wie »tancher von den Nn wesenden mochte sich »>ol!I ebenso wie dieser der Halbheit seiner bisherigen Stellung belvusst ge worden sein, da er über das sich ihm so plötzlich regende Empfinden staunte, das ihm bis nun so ferne lag. Diese seelische Disposition kündet sich an»t> nnbeivnfst in den Erzähluugeu. die kursieren, deren eine ich gerne wiedergeben möchte, da sie mir besonders drastisch erscheint, wobei ich be tonen lstöchte, das; es gar nicht darauf ankommr, ob die ihr;!! Grunde liegende Begebenheit sich wirklichereignet har: denn selbst wenn dies nicht der Fall ist. verdankt doch die Erzählung eben dieser seelischen Disposition ihre Entstellung und sieht sie doch in ihr die Gewähr fiir 11׳.׳ Glaube,, au sie. Man erzählte mir also von einem jüdischen Studenten, der voin striegs schauplave verrückt;nrückgekommen sei: er liabe in der Schlacht bei Lublin bei einen! Bajonett angrisi einen russischen Juden getötet, der in! Sterben Adouoj um .Pilse . iür!eine;11 Dev In all den! kündet sich eilt Erwarben des nationalen Gewissens. des nationalen Emviin dens in iveileren .»»reisen, kündet sich das Fori bestellen des einen jüdischen Organismus, der!voll! geichivächl und dessen Idee nabt g!e׳ lebenskräftig sind, aber doch stark 1: ־ ״;1׳ ihren äußern»׳!! AuslälIeru gros;e E ׳ » gen gleich;» en!pfiuden. Diese also unleugbar bei vielen uns is!etzi »iemlich fernstehenden Inden vorhandeile ieeli ^cuilleiv». Rzeszow. Eine Plauderei von ungefähr für mutige Menschen. Bon Ignaz Rosenfeld, Wien. Bitte, mein Lieber, mach nicht wiederum so ein Gesicht, wie wenn Du Lebertran getriinken hättest. Du weißt, in solchen Zeiten trinkt man keinen Lebertran. Und noch dazu, wenn mau so ivenig Grund hat, wie Du. Ich will mich Dir ja ohneweiters legitimieren fiir diese Plauderei. Ich war nämlich dreirnal in Rzeßow während meines bisherigen Lebens. Und es wirb bald ein Vierteljahrhundert, seitdem ich ntich und Dich und uns alle auf dieser Erde heruinplage.... Die ersten beiden Male als stind. Und an diese Zeit habe ich nur eine verschwommene Vorstellung. Ich weiß nur, daß ich viel über bucklige Dächer herumgekrochen bin und die Militärinusik den Takt gab zu diesen Akrobatenstückchen. Es gibt aber Menscheu, die die Erinnerung an ihre.Kindheit sich herüberretten in ihr fernes Leben und sie mit sich führen, wie schöne Frauen einen diskreten Spiegel, in dem sie sich Zulächeln. Tein Leben,!nein Lieber, ist auch schon, von schöner Erinnerung parfümiert. Diese Menschen, sagt man. haben ein Herz, das nie altert, das ewig jung und oft dnmut bleibt. Aber ich glaube nicht an die Weisheit der Iugendloseu.... Das letzte Mal war ich im vorigen Sommer in R;es!ow. lEigeutlich hatten >vir im Vorjahr keinen Sommer». Ich könnte Dir gerade so gut eine andere galizische Stadt nennen. Denn alle haben die verteufelte Eigeuschait. da»׳ sie sich ver teufelt ähnlich sehen. Wenn Du so hiufährft durch flache, reizlose Gegend der Nordbah» spürst Du plötzlich, das; Du in Galizien bist. Ich weis; nicht,;voraus inan das spürt. Aber irgendwo beginnt das Gefühl, wenn vor Deinen Augen diese rotziegeligen Bahnstationen vorüberlaufeu, wenn strohgedeckte, baufällige Hütten sich a» Deinen Weg drängen, wenn magere stübe und armselige, schinutzige MinDc'v Deinen Zug ans stumpfen Augen ausstarren und wenn Du aus der^Sprache Gesang hörst, jenes feine Vibrieren der ׳stimme, das in einem leisen Auftakt ausklingt, der immer höher wird, je weiter Du nach Dsten dringst. Vielleicht täuscht sie die Sprache über die Niedernngen des Lebens, wie Poesie. Hebt sie empor. Dann kommst Du in die Stadt. Eine!niltelgroße ^tadt. (Galizien hat nur mittelgroße oder kleine Städte undzahllose Dörfer.» Es sind Gassen drinnen, enge, manchmal gepflasterte Gassen mit Namensbezeichnnngen, die aber nieuiaud kennt. Fraast Du jemand nach einer bestimmten Gasse und ist er wahrheitsliebend, so sagt er. er kennt sie nicht und gehört zu den Menschen, die alles wissen — und es gibt doch solche Artikel — so weist er Dir eine falsche. Das ist genau sonnit den Straßenschildern, wie mit den Di-:-;ir!ar Vorschriften in der Schule. Sie hängen der Wand, mau gellt so oflnia! vorüber und ne nicht an. Wo;u ouchk :»Nun kommt >m Le >m ohne üe durch. Trotzdem aber!ragen die Straßen Namen, lieberall liegt ein Stück Natiouali -.n!fgelrageu. Große. polnische Dichter. .»» a nowski, Mickiewic;, Freiheitshelden .stoscinßco. große.»tönige, Sobieski treten Dir ans der Sira ßenecke entgegen und begrüßen Dich. Außerdem gibt es in jeder galizische!! Stadt eine strakauer gaffe mir Ausnahnie strakans und eine Lember oergaise. mir Ausnahme Lembergs. Wenn Tu also auf;usällige. örtliche Verschiebungen nicht gibst, so hast Du mit dem Besuche einer eiu;igeu <:tadt gan; Galißen erledigt. Nun lächelst Tu iräeder. Siehst Du, dieses Lächeln, das so verstohlen »»! Deine schmalen Liv pen gleitet, das liebe ich am meisten an Dir. lind wärst Tn, eine schöne Frau, mein Lieber, ich würde jetzt ״ach Deiner Hand lange» und sie küs sen. Denn Tn mußt wissen, hier, in Wien, küßt man schönen Frauen;uminde't die Hände und aus der Art. wie t>nd wo D»c schöne Frauenbünde küßt, verrät sich der Grad der Vertrautheit.... Du aber bist ein Grobian, ohne Intelligen;.... Denn sonst.... Wie kau» mau auch wleine schöne, schlanke Hand so gewissenlos ruhig in der seinen halten. Wie gemeißelt »vor sie. aus mal tem. bleichem Marmor, voll Ergebung lag sie in der Deinen und Du sahst hinunter auf sie. aus