Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 37 (21.10.1914)
- Date
- 1914-10-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 ״Jttlfchr V»lk»ßi««e". Seite S. Schuldigkeit fragte, lehnte Herr Dr. Katholizky die Annahme eines Honorars entschieden ab, da er es als seine Mcnschenpflicht betrachte, den unschuldigen Opfern des Krieges nach Möglichkeit zu dienen. — Wir können nicht umhin, uns den Tankiagungen der Patientin aus vollem Herzen azuschließen und die Großherzigkeit des inenschenfreunolicheit Arztes Herrn Dr. Kotholizky zu rühmen. GMMGMGMGMG!lG1sG!jG!lGWlG Wil! 1-60 den zu beziehen Hebräisch-deutsch ä durch iiid. Buch• u. Kunstverlag, Brünn. ihrer Obhut überantwortet wurden, um so den ״heiligen, furchtbaren Tag"," in einem jüdischen Milieu zu verleben. In der Lobgasse wurden sie einquartiert und nach Jointof in innig brüderlicher Weise bewirtet. Berlin. Kürzlich besuchte die Kaiserin die im israelitischen Krankenheim (Adaß Jisroel) befindlichen Verwundeten. Las Krankenheim hatte Vcnt Roten Kreuz den größeren Teil seiner Betten zur Verfügung gestellt, und waren dort auch bereits nach der Schlacht bei Tannenberg alle verfügbaren Betten belegt worden. Naö^em ein Teil der Verwundeten vor etwa vierzehn Tagen in ein Erholungsheim entlassen werden konnte, kamen vor acht Tagen neue Patienten an, die im Westen gekämpft hatten- Wiederholt war die Oberhofmeisterin Gräfin v. Brockdorfß zum Besuch erschienen, und jetzt kam die Kaiserin persönlich in Begleitung ihrer Hofdame Gräfin v. Rantzau und deren Gatten. Sie kan, gegen 2 Uhr im Automobil vorgefahren und blieb nahcz^zwei Stunden. Sie wurde von den Chefärzten Sanitätsrat Dr. Adler und Professor Dr. Blumenthal empfangen und durch die Räume geführt. D!e Kaiserin unterhielt sich mit jedem einzelnen der Verwundeten und übergab ihnen Bilder mit eigcnhändiger Unterschrift und Blumen. Besonders interessierten sie zwei Langfuhrcr Husaren, die unter der Führung des Kronprinzen an der Erstürmung von Longwy teilgenommcn haben. Ihr Interesse erregten auch die Röntgenaufnahmen, an Hand deren sie sich die Wirkung der Geschoge erklären ließ. Hamburg. Das Ha in b u r g e r Eentralkomite des Bikur-Chokim-Hospital zu Jerusalem bittet uns, bekannt zu machen, daß es sich infolge des Weltkrieges gezwungen sieht, seine Tätigkeit einzustellen, da das Koiniie unter den obwaltenden Umständen eine fruchtbringende Arbeit nicht leisten kann, andererseits es der Perwaltung in Jerusalent eriuöglichen will, von dorr aus direkt in neutralen Ländern die Sammlung fortzusctzen. Lodz. Daß man im Judenrayon nach der Schreckensherrschaft durchziehender Kosaken in den deutchen Truppen die Erlöser gesehen l-atte, hat keinen Wunder genommen. Man war sich aber darüber anderseits atich klar, daß diese Gesinnung von den Russen nicht ungeahndet bleiben wird. Das trifft nun leider hier und da ein. In Pabianice (zwischen Kalisch und Lodz) waren einige Zeit deutsche Truppen aufgetreten, die sich später wieder zurückzogen. Als dann die Russen den Ort, der eine Fabriksbevölkerung von etwa :iö.OOO Seelen zählt, wieder besetzten, erließ der Kommandeur der russischen Truppen folgende Bekanntmachung: ״Angesichts dessen, daß die deutsche und jüdische Bevölkerung den Deutschen einen allzu freundlichen Empfang bereitet, ihnen die Waffen ausgeliefert, sich deutschen Geldes bedient und überhaupt alle Forderungen der Denkscheu erfüllt hat, wird den deutschen und jüdischen Einwohnern eine Kontribution von 30.000 Rubel auferlegt." Bis zur Bezahlung der Summe sind zwei Geiseln, ein Deutscher und ein Jude, eiligezogen worden. Ärünner Racktrichten ״Heiße Würstel!" Wir registrieren folgende Tatsache ohne jeden Kommentar: ״An einer hies. Mittelschule hält der Schuldiener wie an den meisten Anstalten eine Kantine und verkauft 1111־ ter anderem auch ״heiße Würstel". "Run hat es der Katechet der betreffendeil Anstalt von feinem religiösen Standpunkte durchgesetzt, daß am Freitag als Fasttag Würstel nicht verkauft werden durften. Heuer wurde aber eine Neuerung eingeführt. Wenn ein Schüler am Freitag Würstel fordert, so fragt ihn die Schuldienerin: ״Sind Sie mosaisch?" Bejaht er diese Frage, so kann er die Würstel kaufen, verneint er sie, so ist ihm der Genuß dcrselbeil vcrbotcil. Ein menschenfreundlicher Arzt. In unserer Redaktion erschien eine Frau, die aus ihrer oftgalizischen Heimat infolge der Kriegsereignisse fliehen mußte. Diese Frau tvar erkrailkt uud> litt große Schmerzen. Sie begab sich in die Behändlung des Herrn Tr. .Katholizky, dessen Tüchtigkeit ihr gerühmt worden tvar. Der Arzt führt die Be- Handlung in liebevoller und aufnierksamer Weise durch u. als zmil Schlüsse die Patientin um ihre ben mein ganzes «ein peitschten, — ich war ja ausgew Der Versöhnuugstag in der deutschen Armee. Der ״Vüssischen Zeitung" wird berichtet: Wie Kaiser Wilhelin dein religiösen Bedürsnisse seiner im Felde stehenden israelitischen Solbaten anläßlich des höchsten jüdischen Feiertages, des Versöhnungstages, Rechnung getragen hat, geht aus einem Armeebefehl hervor, der auf Anordnung des Kaisers am :!«>. September streng ausgeführt wurde. Danach mußten sich sämtliche israelitischen Soldaten, sosern sie sich nicht in der Feuerlinie befanden und daher unabkömllili h waren, unter Führung jüdischerReserveoffiziere und Offizier-Stellvertreter bei ben einzelnen Beigaben an einem bestimmten Punkt am Morgen des Versöhnungstages einsinden, um dann eine hinter der Front gelegene Stadt auszusuchen. Da in Nordfrankreich nirgends Synagogen vorbanden waren, wurde der Gottesdienst für die jüdischeu Soldaten der einzelnen Armeekorps in kath. Kirchen abgehalten. Die Feier begann morgens um halb S llhr und dauerte bis zum Eintritt der Dunkelheit. Die Feldrabbiner predigten zweimal, vormittags und abends, und stimmlich begabte Soldaten fungierten als Vorbeter. Tie meisten Besucher der Gotteshäuser fasteten und hielten bis zum Schluß der Andacht ans. Dann erhielten sie ans eigens zu diesem Zwecke berbeigeichassten Feldküchen ein kräftiges Essen und kehrten in oer Nacht noch zu ihren Regimentern zurück. Aus vielen Feldpostbriefen, die jüdische >׳ol-. daren an ihre Angehörigen in der Heimat schrie׳ ben, geht hervor, daß ne niemals einer so erzre.'- senden Andacht beigewohnt hätten wie an;0:10:11 Tage in Frankreich. Die gegen Rnßlav.d käinpsenden israelitischen Krieger waren am ::0. Sevte.nder für den ganzen Tag beurlaubt und konine» den Gottesdienst mit ihren Glaubensgenossen in den Grenzstädten Ostpreußens begehen. In der Heimat. Skizze von Jenny Stiebel-Fulda. Fuhause — nach Jahren, welch Wohlgefühl durch, strömt da die Brust. Lilli Stein dehnte sich in dein weichen Federbett; draußen durch die geöffnete Küchenlüre hörte man den Kasfeekessel summen, und nebenan im Wohnzimmer war der Kaffeerisch gedeckt. Lilli erhob sich rasch, machte Morgentoilette und begrüßte Mütterchen; da kam auch gerade der Briefträger. ״Wie an mich?" Lilli betrachtete den Brief. ,Na, wo kann der Herkommen?" Ach, es war nur eine Drucksache, unb jetzt lachte sie laut auf. ״Denk Dir nur, Mutter, eine Einladung zum SimchaS-Tora-Ball, ist das nicht ulkig? Tic wollen tvohl sehen, ob ein Fräulein Tottor auch tanzen kann?" Frau Stein furchte die Stirne. ״Aber Lilli, Tu wirst doch die Einladung nicht annehmen?" — ״Aber warum nicht. Mutier?" — ״Tu fragst noch Lilli?" Tas rosige, blühende Gesicht des etwa 26jährigen Mädchens wurde tiefernst. ״Ich weiß, Mutter, Du dcukst, ich hätte cs vergessen, daß man fui־ her hier nie wußte, daß ich doch eigentlich auch ein junges, nach Bergnügen lechzendes Menschenkind war; aber wir waren sehr arm und öfter auf Untersliiyungen angewiesen, mithin waren lvir nicht gcsellschastsfähig — meinst Tu, Mütterchen, ich künnie es vcrgessen — wie wir gegenüber voni Vcrgnügungslokale wohnten, und tvic die heitere» lustigen Weisen da drüschlossen: aus welchem Grunde? fragte mein junges stürmisches Herz. In solchen Nächten konnte ich keinen Schlaf finden, in meinem dunklen Zimmerchen stand ich am Fenster, krampfbaft beide .Hände gegen das heftig pochende Herz gedrückt. Ta drüben, da drüben. - leickr wie Feen schwebten die lustigen Gestalten an den hellerleiichieten Fenstern vorüber. ich aber preßte den heißen Kopf an die kalten Scheiben und weinte so lief, tig, als sollte mein Herz brechen. TaS Alles habe ich nicht vergessen, liebe Mutter, aber weißt Tu, schloß ne lachend, das ist schon lange her: und ich liebe nicht nach zutragen, und dann, wenn ich zum Ball gebe. will ick, mich ja nur überzeugen, ob die Menschen eben noch lvie damals sind, und drittens können sie mir beule nichts anbabcn, jetzt stehe ich über diesen Menschen, sie können mich nur noch lachen machen n»d jetzt lvollen tvir Kaffee trinken. Mütterchen." Tamit faßte sic ihre Mutter um die Taille und zog sie an den KasseeOsch. So tvar das Simchas-Tora-Fest berangekomiiieii. Lilli Stein machte am Ballabend sorgfältig Toilette - sie wollte einmal sehen, ob nicht immer das Kleid den Mann mache. — S,c wählte also zu diesem Versuche ein duftiges, weißes Kleid: für gewöhnlich liebte sie die größte Einfachheit, aber beute! -Ter Ballsaal zeigte nock, immer sein alles Gesicht: längs de» Wänden die Ballmütter, i'iolz aus ihre geputzte», erhitzten Töchter blickend. — Tie Kapelle intonierte einen flotten Wal zer. verführerisch klang die Musik, da kam auch schon so ein Balllöwc. machte eine Oese Verbeugung »nd forderte die junge Aerztin zum Tanzen ans. Eine Scknnde überlegen — beinahe hätte aiigenomme». nein, das durfte sie nicht, wäre er oder Seinesgleichen vor zehn Jahren erschienen, dann halte sie mit ihm ge tanzt. - - zu spät kam er. viel zu spät — Lilli Stein bedurfte seiner nicht mehr! — Frau Stein war ausgcbliebcn. batte ans ihre Lilli gewartet. Ta kam sic endlich. ״Tn iioch aus. Muttert" — ״Ja, Kind, ich muß doch l'öre».!vie es -war?" ״Sehr schön, und so gemütlich, hörte ich die!leinen Provinzmädchen ansrnscn", sagte Lilli ״Ol spöuiich verzogenem Munde. — ״Al׳o Tll halt Tick, nicht mim jieri", forschte die Mutter weiter. ״Ich ivollie mich nicht amüsieren", erwiderte Lilli, indessen sie ihre eleganten langen Handschuhe abitrciste. - zu mir lvaren sie Alle lieb und nett", fuhr sie mehr lvie zu sich selbst gelvendet fort, ״ich habe ja beute eine angesehene Stellung, und ich halte ein seines .Kleid an". - zornig ,chleaderte sie ihren seidenen Kopsshal ans einen Sessel - dann fuhr sie fort, ״ick, halte mir zu». Beobachten ein etwas au serntes Eckchen a1.׳c׳gesncht. aber >vas tvar das? Ta laß ein junges Mädchen von ungefähr IS Jahren ein blasses, ängskliches Genchtclien. und so ärmlich a!1ge-,> gen, weiße Bluse, dnnkelblaner block. - in den großen schöllen Angel, slanden Tränen: Mutter, ich haue an, schreien mögen, vor Weh. mir lvar. als säße ick, nock, vor zehn Jahren da. . Am lii-tma, balle ul, da-, kleine Mädel in meine Arme genoinmen lind gerröslel: aber so schnell ging das nichl: aber lanasani, unau> fällig fing ick mich mir ihr zu unterhalten an. ein Oa bes. kluges Ting. - Um lü Uhr kain ihr Valer sie ab zukvlen. Taß lvar das gaucciile Svraengejichl: in lvie deutlichen Lettern Hand die Sorge um Brot in des Mannes :Zügen geschrieben. Ta ׳lieg der heiße Wunsch in mir alls, diese Aermüen ans Stunden ,venigsreiis einmal ihr Leid vergesse» z,1 mache», es lvar ja Sun chas-Tora - beute. -- Ich ließ Sekt komme» und lvar io lieb zu der Kleinen: da taute sie den» bald ans und erzählte nur. daß sie viele kleinere Geschwister haue, und viel arbeilen müsse, tag ans. tag ein, — der Alte nickte venaii geno dazu, unb sagte, er selvil haue seine Tockier gebete», de» Ball zu besuchen. >ie hülle eine Eililadiingo karte erhalten, aber lvenn er gelvußr hau.- - die M» r k Eintrittsgeld sei so schon ein Tpier gelvesen. ■ Tcr Kleinen traten schon tvieder die Tränen in die Augen, •״ ick, llöüeie >o gut. als ich vermochre. - - 0״r war aber sellit so traurig;״ Mure bauen denn d,e,e Menschen gar!eine Ahnung von ihrer Handluugs weise? - Sie feierten die Tora und :ralen l!,rc crilen und heUiglien Gebote, die hohe, hehre Nach,'teilliebe mit Fähen. - Tieie Scham empiand ich für meine '.Klau, bcnsbrüoer. - Simchas-Toru? Wie kann!nan iicl! mu einem Gesetze freue״, dessen Satzungen mau durch ,'eine Haiidlnugsiveise nicht anerkcnnt? - C lvenn sie nur denken möchten, nur ein einziges Mal. - Ta draußen in der Groß,'ladt. da gab es dvch Menßhen, die sich über ihr Handeln klar zu werden suchten, hier in der He! mal :!icbi! vier herrschten Vorurteil. Kaneng>-i>l und Hcrz lvsigkcit. hier iu bet Heimat!