Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 34 (17.9.1914)
- Date
- 1914-09-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34. ״Jttisch, «,!r»sti»«e». Seite 5. Ein Tapferer des Krieges 1870-71. Im ״Daheim" veröffentlichte fängst Generalmajor z. D. A. v. W r o ch e in einen Brief, in dein er ehrend eines füd. Soldaten namens K a r f u n k e l st e i n gedenkt. Dieser häßliche, kleine, jüdische Füsilier" galt als ein schlechter Soldat und hatte hierdurch und infolge seiner losen Zunge ein langes Strafregister auf seinem Konto. Bei der Mobilmachung 1870 sollte er in der Garnison Zurückbleiben, — doch er wehrte sich mit aller Macht dagegen und erreichte cs, mit ins Feld ziehen zu dürfen. Was er dort leistete, darüber heißt es in dem Briefe: ״Ich will den weiteren Gang der Schlacht hier nicht schildern, nur soviel darf ich sagen, daß Karfunkelstein sich durch seine Kaltblütigkeit und seinen Mut auszeichnete, daß er in den schwierigsten Augenblicken des Gefechtes seine Kaineraden durch seine schlechten Wide aufheiterte und den Verwundeten in seiner Nähe trostreiche Worte sagte. Als später der tapfere Oberstleutnant von Grolman, trotz seiner schweren Verwundung sein Battalion zum letzten Sturm gegen den feindlichen Schützengraben vorführtc, war Karfunkelstein unter den ersten am Feinde und stach den französischen Offizier nieder, der seinen Revolver gegen den Oberstleutnant gerichtet hatte. Ta der Oberstleutnant viel Blut verlor und ich ihn nicht verbinden konnte, weil ich Km rechten Unterarm auch leicht verwundet war, :gab ich Karfunkelstein den Befehl, einen Laza- Eettgchilfen oder Krankenträger vom Verbands- 'platz zu holen. Er führte den Befehl sofort aus und erschien nach einer halben Stunde wohlbehalten mit zwei Krankenträgern, obwohl er den Weg in der Feuerzone hatte zurücklegen müssen. Während der Marschtage nach der siegreichen Schlacht von St. privat wurden von den Kompagnien Vorschläge zu Auszeichnungen für Mannschaften verlangt, die sich besonders hervorgetan hatten, und da sämtliche älteren Offiziere der 10. Kompagnie schwer verwundet waren, so hatte ich diese Vorschläge zu machen. Außer dem Feldwebel und einem anderen Unteroffizier nannte ich auf der Vorschlagsliste auch den Füsilier Karfunkelstein. Hierzu aber schüttelte der Negimentskommandcur den Kopf und ließ mich u. den Füsilier zu sich kommen. Nach anerkennenden Worten über sein tapferes Verhalten, sagte er diesem, daß es vorläufig nicht anhängig sei, einem Manne, dessen Führung bis vor kurzem so schlecht gewesen, eine Auszeichnung zu verleiben. Er solle sich aber weiter brav halten, denn nun sei sein Schuldkonto ausgeglichen, und er werde von jetzt ab wie jeder andere gute Soldat behandelt werden. Karfunkclstcin aber zeigte volles Verständnis für die gütigen Worte des Obersten von Zaluskolski und beschloß, danach zu handeln. In den nächsten Wochen bot sich ihm dazu keine besondere Gelegenheit, da das Regiment Elisabcth in den Schlachten von Beaumont und Sedan nur wenig zur Tätigkeit kam. Umsomehr aber waren die Verhältnisse bei der späteren Zernierung von Paris geeignet, die Entschlossenheit u. Intelligenz des einzelnen Mannes zur Geltung zu bringen, und da Karfunkelstein diese beiden Eigenschaften besaß, so gelang es ihm bald, sich bei Patrouillengängen und Erkundigungen durch seine Verwegenheit und Schlauheit so anszuzeichnen, daß der Kompagnieführer ihn wiederum für seine Auszeichnung in Vorschlag brachte, und diesmal mit Erfolg. Aus der Hand des Obersten selbst erhielt Karfunkelstein am 28. Oktober das Eiserne Kreuz, und Freudentränen glänzten dabei in seinen Augen." Der Brief schließt, indem er schildert, wie Karfunkelstein bei Le Bourget den Heldentod 'starb. Vermischtes. Eine jüdische Frau als Ulanenwachtmeister und Ritter des Eisernen Kreuzes. Während der Jahre 1813 und 1813 fochten im preußischem Heere, abgesehen von den 00 Ausgehobenen, nachweisbar 300 Juden — wahrscheinlich aber gegen 000 — als Freiwillige mit. Im Jahre 1815 haben wenigstens 731 Juden aus Preußen in der Armee gedient. Von diesen jüdischen Soldaten sind zu Unteroffizieren befördert worden 21, zum Portepe-Fähnrich 1, zu Sekondeleutnants 19, zu Premierleutnants 3 — alles junge Soldaten, die frühestens im Frühling 1813 unter die Fahne getreten waren. Im ganzen haben während der drei Feldzüge 1813, 13, 15 nicht weniger als 72 Juden das Eiserne Kreuz für Kombattanten erhalten; unter letztereu befindet sich eine jüdische Frau Ester Manuel aus Hanau, verheiratete Grafemus, über deren höchst wunderbare, fast unglaublich klingende Geschichte zeitgenössische Berichte erhalten sind, deneu wir folgendes entnehmen: Tie im Jahre 1785 zu Hanau geborene Ester Manuel hatte einen gewissen Grafemus geheiratet und ihrem Gatten zwei Kinder, ein Mädchen und einen Knaben, geschenkt. Ter Ehemann verließ sie. ging nach Petersburg und nahm dort Kriegsdienste. Im Jahre 1813 beschloß die damals 28jährige Frau, ihren Gatten anfzusnchen, da sie erfahren hatte, daß dessen Truppenteil in T-eutschlaud einrückte. Sie bediente sich männlicher Kleidung u. kam zunächst bis Berlin. Tort faßte sie den kühnen Entschluß, als Ulan in das Königsberger 2. Landwehr-Ulanenregimeut des Majors von Her- .mann einzutreten. Als Freiwilliger machte sie die Feldzüge 1813 und 1813 mit und wurde im Lause des Krieges zum Wachtmeister befördert. Zweimal verwundet, erhielt sie auf dem Marsche durch Holland 1813 im Armeekorps des Generals Grafen Bülow von Tennewitz das Eiserne Kreuz. Am 29. März 1813 traf die tapfere Jüdin uuvermutet mit ihrem Manne bei Paris zusammen, verlor ihn aber schon am folgenden Tage durch eine Kanonenkugel. ״Mit ehrenvollen Wunden 1t. Auszeichnungen bedeckt", so schrieb die ״Vossische Zeitung" am 9. Dezember 1815 über diese seltene Frau, ״mit ehrevollen Zeugnissen des Wohlver- Haltens entlassen, ist sie seitdem vom Regiment abgegangen und kehrt nun nach einigem Aufenthalt in Berlin, nach Erfurt oder Hanau, ihrer Heimat, zu ihren Kindern lein Mädchen, jetzt 10 Jahre, und ein Knabe, jetzt 8 Jahre alt» zurück. Möge sie dort ihre Mutterpflichten mit eben der Treue erfüllen, die ihr als Krieger den Beifall Seiner Majestät des Königs und des preußischen Heeres erwarb!" Aus dem Aufruf eines jüdischen Obersten zum Kampf gegen die Russen im Jahre 171)4. Es ist bekannt, daß bei den Unabhängigkeit-:׳- kämpfen der Polen unter Kosciusko die polnischen Juden gemeinschaftlich mit den Christen in Warschau die Russen bekämpften und jede Gefahr init ihnen teilten. Einer ihrer tapfersten Streiter, Berek Jasielowicz, erbar in Oiemeinschuft mit seinem Kampfgenossen Joseph Aronowicz von Koscinßko die Erlaubnis, ein jüdisches Freikorps zu errichten. Ihrem Wunsche wurde entsprochen und am 1. Oktober des Jahres 171* 1 erließ Oberst Berek einen Aufruf, aus dem wir folgende Stellen linieren ins Feld ziehenden Glaubeusgenosseil in Erinnerung bringen möchten: Höret Kinder aus dem Oieschlechte Jsra cls! Wer den Ewigen und Allmächtigen in seinein Herzen trägt und helfen will zu streiten für daS Vaterland, welches alle Menschen tun sollen, der strenge jetzt seine Kräfte an. denn die Zeit dazu ist gekommen.... Und warum sollten wir, die in der Knechtschaft sind, nicht zu den Waffen greifen, da wir mehr als alle Menschen der Erde bedrückt sind? Erhebet Euch also und rufet den Allmächtigen um Hilfe an; er wird unser Schirm lind Schutz sein. Ter Gott, der uns ans einer größeren Sklaverei gerettet har, wird auch jetzi unser Helfer sein. . Eines ist nötig, Einigkeit und mutige tapfere Seelen. Gott der Allmächtige ist mit Euch — u. ich bin Euer Führer. In der größten Gefahr sollt Ihr mich an Eurer Spitze sehen und nur dann sollt Ihr mir nachfolgen. Ich habe das Glück gehabt, von dem Oberbefehlshaber zum Obersten ernannt zu werden. Auf, folgt mir und helft mir das bedrängte Polen zu befreien. Treue Brüder! Laßt uns für das Vaterlaud streiten, solange noch ein Tropfen Blutes in unseren Adern ist. Warschau, den 1. Oktober 17!>3. Berek Jsaielowicz. Oberster. In der Tat folgten viele Juden diesem Aufrufe; das von ihnen gebildete Regiment zeichnete sich durch seine Tapferkeit sehr aus. Oberst Berek erfocht sich auf dem Schlachtfelde noch das poliiische Militarkreuz. Nach der Niederlage und Gefangennahme Kosciußkos verteidigte das jüdische Freikorps Bereks die Wälle von Warschaus Vorstadt Praga heldenmütig gegen den stürmeudeu Suworow. Es fiel dabei bis auf den letzten Mann; nur Berek entkam, lieber sein weiteres!beschick berich let die jüdische Zeitschrift ^Sulamiili", Jahrgang 1803 und 1809. folgendes: Warschau. Herr Berek, jüdischer Religion ans Praga gebürtig, der im Jahre!791 inner dem General Koscinßko hier ein jüdisches Frei korps errichtete, nachher bei der polnischen Legion in Italien als Hauplinanu diente, und lieh in allen Schlachten als ein braver Offizier anszeichnete, ist bei dem Kavallerieregiment des Herrn Oleneral von Turn als Eskadron Chef angestellt!vordem Und ferner: Warschau. Ter polnische Riltmeister Berek, welcher seit fünfzehn Jahren mehrere Feldzüge in Italien, Tentschland und Polen mitmachtc. ist nuläugsr in Galizien in einem t^et'echte geblieben. Er starb den Tod eines Helden und wird sehr bedauert. Er war der erste Israelit in Polen, welcher freiwillig iei nen Glaubensgenossen ans der Balm der Ebre voranging. rum devorstehenäen Neujahrs-Feste empfehlen wir uns zur Anfertigung von Visitkarten mit hebräischem Aufdruck in jeder Qualität. Jtid. Buchu Kunstverlag, Brünn, Adlergasse 9. Jlwullchau. Gegen den Zar. In der heiligen Schritt ist «bei freier Aus legungsweise» angedentet. daß Teulschland in diesem .Kriege den Sieg erringen wird. Im!. Buch Mose Kap. l«>. 9. beißt es: ״Wenn Ihr in euerem Lande zum Kriege ziehen werdet, «al ha Zar *1 bazorer etlichem« gegen den Z,ar, der euch bedrängt, io sollet ihr Lärm blaien mit den Trompeten und iln־ werdet bedacht werden vor dem Ewigen euerem OkoUe. und es ״ivird euch ge bolfen werden vor eueren Feinden." Ehrcilprämic» für jüdische Soldaten im Kampfe gegen Rußland. Tie jüdische Tageszeitung ״Ter Tag" in Krakau veröfseiulichr einen Aufruf au die öister reich,ischen Inden, mit Rücklicht auf die besondere Begeisterung, mit »velcher die Inden in den Kampf gegen Rußland zieben. E!׳rel1vrämie-l zu 1«»> Kronen für diejenigen jüdu'-.hen Toldaien zu stiften, ׳.velche «in» im .Kanipfe gegen Oi 11 :0י in irgend einer Weste besonders anszeichneu. T:e Prämien sollen dem Oberkommando der t. n. f. Arniee zur V-er׳üg!!»g gestellt werden und von demselben zur Verteilung gelangen. Tie :'kamen der Stifter sowie der ansgezeichneten Soldat sollen pfsiziel! veröffentlicht iverden. In den ja bischen Kreißen itat diese Anregung eine be geisterte Ansnalane gefunden. Abg. Ludwig Frank. T!e KtUldc von dem Heldentode des Reist.-.׳- selderu Frautreirhs nun; uns Inden mit oanz besonderem Schmerz erfüllen. Tenn Frank »vor einer der unseren. In seiner ganzen Wesensart kam iei» Judentum zum vollen Ausdruck: de־׳ glühende Idealismus, der •Im׳, erfüllte, leine Liebe zu den Leidenden und llnterdrückie». «eine Begeisterung nir die Ideale der 0»erecht;gke>: und Gleichheit. all dies läßt iln! als einen Inden er scheinen, der mit den besten Tugenden unseres Volkes geadelt war. Aber Frank emmand auch beivnßt als Jude: iveun Hm auch leuie allgemeine politische Tätigkeit keine Muße ließ für die '■!0 schäfrigniig mit jüdischen Fragen, io blieb er dock! ׳stets ein vollbewi.ßter Jude, der die großen ja bischen Probleme unserer;seit mit Interesse und Ausuierksamkeit verfolgte. So beklagen wir den״ *1 Tas liebräii'che Wort Zar beiß! ״Feind". ״Bedränger".