Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XV (1914)
- Issue
- Heft 31 (27.8.1914)
- Date
- 1914-08-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrg. XV. Erscheint jeden Mtttvoch Nummer 31. üksche Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620׳ ganzjährig.Kronen 12־— Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig.Rubel 6 — Balkan, Frankreich.Franks 14 — Mit der hebräischen Beilage המצפה Herausgeber: Max Hickl. mm. f :itt'burtiün 1111b Vlfiminijti'iuion: Brium, .1 die 1 nasse!1.; I Buchhä-idlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig, j j Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. j Unverlangre redaktionelle Beiträge werden nicht hono- | riert. — Manuskripten ist Rückporto beizusügen. j Wien-Budapest. Brunn, f®“4 Prag—Lemberg. A» msm Leser! Um uns, in der kritischen Zeit, das Erscheinen unseres Blattes zu erleichtern, bitten wir um gefällige umgehende Zusendung des Abonnementbetrages. Verlag Jüd. Volksstimme. Der Weltkrieg! In ganz Europa wütet der Krieg und hat manch blutiges Opfer bei Freund und Feind gekostet. j Wann das schreckliche Ringen zu Ende fein wird das weiß nur Gott, der das Schicksal des' einzelnen und der Völker bestimmt.! Rach den bisherigen unzweifelhaften Be-! richten von den Erfolgen unserer Truppen und' der Truppen unseres Bundesgenossen, kann es keinem Zweifel unterliegen, daß der Sieg endgiltig auf unserer Seite sein wird, zu unserem' Heile und zum Heile aller Völker, die gegen uns! in den Kampf geführt werden. Es war nicht der Wunsch jener Völker, welche ihre Waffen gegen uns richten, daß der Kampf beginne. Rur niedrige Gewinnsucht größerer oder kleinerer Gruppen, nur die erbäimlichsten Motive schlechter Menschen, welche Macht und Einfluß besitzen, l>at den großen Brand entzündet, der Stadt und Länder einäschert. Es sind jene scheinheiligen aber gottlosen Elemente, welche in Rußland und Frankreich durch Lug und Trug die Leidenschaft der urteilslosen Menge aufpeitschten und gegen Recht und Menschlichkeit anfboten. Durch Fahre baden diese gewissenlosen Brandstifter den ihnen zugänglichen, seelenvertvandten Mob an alles niedrige und verächtliche gewöhnt; durch so viele Fahre wurde den Massen der Antisemitismus eingeimpft, bis sie das menschliche Empfinden für Recht und Unrecht vollständig einbüßten und schließlich auch den Mord an Angehörigen des besten christlichen Fürstenhauses für etwas selbstverständliches und gerechtes hinnehmen lernten. Wenn aber das Strafgericht über die irregeleiteten Völker hereingebrochen sein wird, so werden auch die Verführer ihrer strengen Züchtigung nicht entgelten. Frohen Mutes und voll Zuversicht wollen wir den Tag entgegensehen, da das Schwert nach vollbrachter Arbeit zur Ruhe gelangt. Einstweilen wollen wir uns nach dem Worte unserer heiligen Lehre verhalten: Hisjazwu, u'rn es jeschnas Adonai. Haltet srill und sehet die Hilfe des Herrn. Adonai, jilochem lochein, w'atem tacha rischnn. Gott, der Herr wird für Euch kämpfen — ihr aber schweiget. Elul. V o n B enja 111 i 11. Sommereuke. Tie Ratar. wie im liefen, schweren Schlafe versunken, als wäre in ihr ein Sabbat der Sabbate oder als lväre alle Taseins energie ans ihr geschwunden. Alles verschrnmpn und trauert und venvelkt und verdorrt. Fene, die beständig ihre Arbeit in Anspruch nimmt, re: scheuchen damit diese Erscheinungen. Rur iver noch freie 'Augenblicke in seinem Leben und seiner Arbeitsecke tiar. muß?1,111011 und finnen. Und manchmal mochr ich ein Maler sein, ein Maler im vollen Sinne des Wortes, nicht daß ich den See mit dem Flusse von Fordan und Kineret zeichnen wollte, wie ne sich vereinigen und weiter unten scheiten, die steilen Krummwege an der Fusel von Kinert und auf dem Wege, ivo man die Abhänge jener Berge sielit. die gegen Femah lFemah itt eine Kolonie in Galiläa! fribreu? Fhr irrt meine Lieben, mein;>i01 ist noch schirr rer und problematischer. Wäre ich rin Maler und nicht nur Photograph, der Linien führt und in Farven schwimm:, dann wählte ich ganz eigene Farben und Mischungen, und erzählte in dieser Farbensprache ohne Wort und Lipvenwerk von der unendlichen Traurigkeit, die in diesen Tagen über diesen Bergen und Talern schwebt, von dieser großen Verlassenheit und er schünernden Venvaistheir. Einmal erzählte mir eine englische Tarne, daß am Ende des Sommers, ireuu die Ernte vorüber iß, und die Felder der Garben beraubt sind, es il,r schwer sei, über die leeren und einsamen Felder ui ge Heu. Tas Bild des Verwelkens, des Siechens und des Sterbens bedrückt ihre Seele. Ein nnbetann «feuiflehm. ״Die Augen für Amerika". Skizze von Abraham Reisen. In dem kleinen Städtchen, wo er seine ganze Kindheit und ein Stück seiner Jugend verbrachte, suhlt sich der kleine Gerschon jetzt so einsam, so verlaßen, und ein unstillbares Sehnen erfüllt ihn nach einer neuen Heimat, nach Amerika. Es zieht ihn dorthin, zu Bater und Mutter, zu Brüdern und Schwestern, zu den Oheimen und Muhmen, die nach und nach einzeln, paar- oder gruppenweise allesamt nach Amerika hinübergefahren sind, einander mit Schiffskarten aushelfend. Er allein ist zurückgeblieben. Keineswegs etwa, weil die Seinen ihn nicht gern hatten, auch nicht, weil sein Name zufällig in der Schisfskarte fehlte׳, nein, wie die der übrigen, war auch sein Name auf der Karte vcrmerkt, und nian hatte ihn gleich den andern Kindern lieb: dennoch konnte er nicht mit den andern genommen werden. Die Verwandten, die aus New Aork das Passagebillett geschickt hatten, warnten auf's Eindringlichste, daß, wer kranke Augcn hat, sich nicht nach Amerika wage. ״Hierzulande" — so schrieben sie — ״sind die Augen die Hauptsache. Aus die Augen gibt man mehr acht, als wie auf den Kops, wenn schon auch der sauber sein mutz. Mit den Augen aber ist es noch schlimmer." So begannen die Eltern denn die Augen ihrer Kinder zu mustern, und dabei wurden sie zu ihrem Schrecken gewahr, daß der älteste Schn Gerschon wirklich schlechte Aeuglein hat . . . ״Weh' mir, was sollen wir mit ihm tun?" jammerte die Mutter und rang die Hände. ״Vielleicht mir Bleiwasscr waschen!" ries der Vater. ״Was Bleiwasscr? Weh' mir!" nöhnte die Acuttcr. ״Man muß mit 4hm zum Doktor." Der Doktor untersucht Gerschon» Augen und stellte Trachom fest. ״Tie Ausheilung 11111!'׳, lange dauern fügte er hinzu. ״Lange dauern?" jammerte die Mutter. ״Die Schiffskarte läuft ja bald ab." Der Arzt war unerbittlich und erwiderte so kaltblutig tvie ein Mörder: ״Ihr werdet ihn znrücklassen müssen: man läßt ihn drüben nicht hinein." Gerschon schluchzte laut auf. ״Weine nicht! Weh' mir!" mahnte die Mutter. ״Du verdirbst sie dir ja noch mehr." ״Gewiß darf er nicht weinen", bekräftigte der Arzt. So mußte denn Gerschon Zusehen, wie Vater und Mutter, Brüder und Schwestern ihre Sachen packten: mit Entsetzen empfand er den Gedanken, daß er allein, ganz allein bleiben würde: aber er würgte die anfguellenden Tränen nieder — er durfte ja nicht weine». Auch nicht, als alle weggefahren waren, und er ganz allein blieb bei einer weitläufigen Verwandten, die gleichfalls auf eine Schiffskarte wartete und ihn mitnehmen sollte, nachdem seine Augen ausgehcilt waren. Wenn die Tränen ihn zum Eriiicken würgten, hege,::!! er auf Amerika zu schimpfen: ״Böses Land, fcluccuU Land! Was gehl es sie dorten an, daß ich schieckne .!■> gen habe? Tut cs etwa ihnen weh? Mir tnl's ja ivel!. nicht ihnen." Aber bald berichtigte er sich selbst: ״Es in ja nicht wahr, es tut wie ja gar nichl weh . , . stch Hab' ganz gesunde?tilgen: ich 1eh' doch die kleinste» Buchstabe» 1m Siddur." In solchen Momenten erfaßte!hu die Lnii, ii>b über die Däclier zu erheben, nach dem Lande ieiner heißen Sehnsucht zu fliehen, nach Amerika, um dar! allen 1t 1 •1c Augen zu zeigen, ivie gut er sieln. ..',.'״׳m läßt mich nicht hinein!" scbcie er dann ans und zornig, wie einst ans den ihn müit m die Sunagoge hineinlassen wollie. als ein fremd 1 El>״ fcn zur Probe vorbc tele. ,ylml:.-11 wotve c e ans ׳Amec, ta. lieber das Land, in dem seine Ellern mti> ׳.׳!יי schivisier, seine L Heime und Mntniie» ivohne»? . . Nein, er wird nicht sliictien »ns Amerika: iveinen. ivei neu möchte er aber er darf j>1 nichl ivciiien. Indessen, als der ersie Brief von den Semen eintras. als er :׳.׳וי ersten Worie: ״Mein lieber Sohn" gelesen Kalle, da hielt es ihn nichl länger: die lange znriickgedränaie-l Tränen rollten über seine Wangen, und jede?um-׳ schien ihn tueiler, immer!veiler von Amerika zu em fernen. Darüber weinie er e 11 ׳ r rechi wieder und 11031 heiliger . . . Soeben erschienen: ״Hickls jüd. Volkskalender".