Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1914-07-30 · Heft 29 (30.7.1914) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XV (1914)
Issue
Heft 29 (30.7.1914)
Date
1914-07-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2621806-2621897-2621926--2937-2624076
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 ״Jüdische Bolksstimme" Nr. 29 Hub cs ist ruhig, ttill, von Zeit zu Zeit eine schöne Rebc, ein Volksober feierlicher Acbnd, sonst kein Lebenszeickcn, bis wieder eine .Konferenz oder der Kongreß die Gemüter stärker bewegt, wieder fließen sentimcnta- Ic oder kriegerische Reden, dann fahren alle auscinander. um wiederum Stoff zu neuen Reden oder neuen Vorwürfen zu sammeln. Wir haben keine Führer. Wir führen keine Aktion. Wir dürfen auch nichts verlangen von andern. Wie haben wir mit dem Boykott gekämpft? Mit Mieden und Artikeln, die schnell verhallen. Und was tun ivir jetzt in Galizien, wenn sich der Boykott hier zu verbreiten beginnt? Wenn neue antisemitische Zeitungen entstehen, die die öffentliche Meinung gegen die Juden immer mehr verfeinden, wenn uns in de» nächsten Jahren, Ivic ich bereits oben erwähnt habe, ein ökonomischer Ruin droht, ivas tun ivir. ilin dem jüdischen Volke entsprechende Waffen in die Band zu geben, um es zu organisieren und für cs zu kämpfen? An den Völkerverhältnisscn entscheidet die Macht. Wer mächtiger in, der siegt und lebt. Ein Volk, das leben ivill, »luß kämpfen. Wo sind die gewählten Führee, die zum schon entflammenden Kampfe führen sollen? Cime eine große, bedeutende Volksaktion wird sich unser Verhältnis zu den Polen niemals verbeffern. Wir werden keine Gleichberechtigung finden. An den öfscntlichen Aemtern werden wir noch lange keinen Zutritt finden. An dem Landesausschujse werden wir noch lange keinen Einfluß zugunsten der jüdischen Antcrcsien ansüben dürfen. Lind wir denn gewiß ein Volk? Lehen ivir aus wie ein organisiertes, betvußtes Ganze? Was bindet das ganze Volk zusammen? Tie Religion? Was mehr? Und ist das genug, um für sich politische Glcichbcrcchtigung zu verlangen und zu gewinnen? Haben wir uns vorbereitet, arbeite» wir heute, um für das jüdische Volk blechte zu erobern, lvie es die Ruthcncn erlangt haben und andere? Mit diesen Fragen schließe ich meinen Ariilck. Vielleicht tvird mir jemand einen Vorlvurf machen, daß ich zuletzt mich vom Thema entfernt habe. Darauf antivorte ich: ich bade nur zeigen wollen, daß das Vcrhältnis der Pole» zu den Auden ein Verhältnis eines Volkes zu einer mehr weniger unbestimmten und nicht organisierten religiös-nationalen Masse ist; die Aufgäbe unserer ״oberen Zehntausend" ist cs, sie zu einem Volke zu verbinden und ihm moderne Waffen in die Hand zu geben. Damit wird man wieder eine der Ab- Normalitäten in der jüdischen Lage beseitigen. M. Kornsrkd. Gegen verdorbenen Magen, Darmträgheit und Gicht. ״Sternhofer Bitterwasser“ Mild, doch zuverläßlich. Sternhof. Post Sokolnitz bei Brünn. Eine galizische Tragödie aus den 1890er Jahren. Von Bernhard Horowitz, Kralau. Er ist verwirrt. Seine Ttirnlocken sind in Unordnung. Eine Gier und Ungeduld beengt sein Gemüt. Wicktige Ereignisse erwarten ihr. Heute soll der langersehnte Gast kommen. Es ist der Herr, der ihn prüfen tvird, um ihn zu feinem Eidam zu bestimmen. Ein Tag von Lebenswichtigkeit für ihn. Wird er dem Kreuzverbör, dem gründlichen Erame» im Talmud jtandhallcn können? Er denkt über seine Vergangenheit, seine zurückgelegte Lebcnslaufbahn: diese ist mit dem Geig, den Ansckauungen und Tatzungcn des Talnmds bis auf den Rand gefüllt. Nichts hat er außer aclit gelassen, die Comentare, die Eomentarcs-comentare des Talmuds. Aetzt schlägt die Stunde der Verwcrtnng feiner Mühe und Arbeit. Er schaut in den Spiegel, zum ersten Mal in seine!» Leben, glättet sich die Ltirnlocken und denkt über den Eindruck, den seine Person auf de» Gast machen ivürde ... Es erscheint ein Bote vom Hotel mit der Meldung, daß ein Gast feinen Besuch ankündige. Die Mutter wirst sich in die Feiltagskleider, räumt hie und da der £rdnung halber etwas weg und schaut von Zeit zu Zeit auf ihren Einzigen, der den Anhalt ihres Lebens, ihrer Träume ausfüllt. Ter Gast erscheint. Ein runder gutgcpflcgter Vierziger. Einzelne Silberliaare schlängeln sich auf seinein dickten schwarzen Barte. Inneres geistiges Nollleben sprüh! aus feinen Auge», doch bietet seine ganze Erscheinung ein Bild der Verschlossenheit, einer übermenschlichen Verklärtkcit. Tie Worte entschlüpfen seinein Munde kurz und berechnet und scheinen durchgeisiigt zu sein. Materielle Wohlhabenheit ist in ihm mit philosophischer Reserve gepaart. Das Fragen und Antworten, das talmudische Duell dauert eine Zeit. Der Gast ist sehr vergnügt und gibt gleich seiner Zufriedenheit beredten Ausdruck. Die näheren Bedingungen werden besprochen und zu Papier gebracht. An diesem Abend wurde die Vorverlobung gefeiert und der Bräutigam mit einem reichen Geschenke beehrt. — Nach Hause angelangt, erzählte er seiner Frau von den Wundern seines Auserwähltcn, wie er seinen Antcntionen entspreche und mit allen Vorteilen ausgestattet sei. Die Mutter, eine hübsche, jedoch etwas verblühte Frau mit dem Ausdrucke engelhafter Güte und Milde, nahm die Worte ihres Mannes schivcigsam, jedoch mit verhaltenem Kummer zur Kenntnis. . . . Als er ihr sagte, sie solle heute abends ihre Tochter nach dem Abendeffcn mit dem Geschehenen bekannt machen und dann zu ihm schicken, erklärte sie, daß die Tochter heute etwas unwohl sei und sie sie nicht mit dieser Nachricht noch mehr aufregen wolle. Das Wort ״ausregcn" machte den Vater gleich stutzend, er beherrschte sich jedoch und schwieg. Am nächsten Tage wiederholte er sein Ansuchen, die Frau gab jedoch wieder einen Vorwand schützend an, so daß der Wunsch des Vaters wieder nicht in Erfüllung gegangen ist. Als er das dritte Mal seinen Wunsch wiederholte, konnte die arme Mutter bereits keine Ausreden finden und so versprach sie cs für diesen Abend. Nach dem Abendessen, bevor der Vater seine Nachtlektionen in der talmodischen Literatur genommen, führte die Mutter ihre einzige Tochter aus ihrem Kabinett vor den Vater hin. Das Mädchen, ein Prachtbild jugendlicher Frische und Anmut, jedoch mit einem für ihre Jahre überrcifcn Gcsichtsausdruck schritt gelassen zu ihrem Vater. Obzwar sic jüdisch sehr wenig verstand, begriff sie vollinhaltlich die weittragende Mitteilung ihres Vaters. Ohne ein Wort zu antworten empfahl sie sich, gute Nacht wünschend und ging in ihr Zimmer. Die Mutter spähte mit Argusaugcn die Mienen ihrer Tochter, diese waren jedoch vcrmumt, so daß sie nichts hcrauslesen konnte. Den Vater begannen Zweifel zu beschleichen... * * * Ein schöner, herrlicher Sommertag. Ausgegossen lag aus allen, was die Natur hcrvorgebracht, das sengcnde Licht der Sonne. Eine harmonische Weihe prangte aus dem großen Panorama des Universums. Hie und da schrillten die Töne einer Lerche in die monotone weiche Stimmung der Natur hinein. Am Saume eines Waldes saßen nebeneinander zwei junge Geschöpfe. Er: Was hattest du mir gestern zu sagen, das dir über die Lippen nicht wollte? . . . Sic: Eine Uebcrraschung'. Er: Was? Sie: An unseren Zweibund kam ein Dritter! Er: W . . . a . . . a . . . s . . .? Sie: Gestern zeigte mir mein Vater meine Verlobung an. Er: Mit mir? Sie: Mit einem kleinstädtischen Talmudjünger, über den mein Vater Pracktdinge erzählt. Er: (Skeptisch.) Tu lvillst meine Liebe zu dir auf eine Probe stellen! . . . Sie: Tie reine Wahrheit hörst du! An einigen Monaten soll die Hochzeit jtattfindcn. Er: Und du? Sie: Ach?! Er: Und du? Tie: Zweifelst du an meinem so oft an dich verpfändeten Worte? Er: «Sich zusammennehmcnd.) Keine Spur! Einzigc! ... * * * Ähre Zusammenkünfte mit ihm waren jetzt sparücher. Ter Vater, durch die letzten Vorfälle aus seiner Reserve aufgeschrcckt, ruhte nicht mehr. Er ahnte etwas wie Tonnergckrach, das über seinem friedlichem Heime platzen und ihm die Freude für ewig rauben würde. Er suchte immer Gelegenheit sich mit der Tochter, in Ab- Wesenheit der Mutter, denn diese wollte er nicht kränken, allein zu treffen und mit ihr Gedankenaustausch zu pflegen. Er traf sic eines Tages auf ihrem Bette liegend mit einem polnischen Roman in der Hand. Sie war im Buche so vertieft, so weltentrückt, daß sic das Nahen des Vaters nicht bemerkte. Er stand eine Weile regungslos vor ihr und betrachtete aufmerksam, wie ihre Seele mit dem Anhalt des Buches schmolz, wie sie anderen Gedanken, anderen Gefühlen lebte — himmelweit entfernt von demjenigen Standpunkte, auf dem er sie vermutet hatte. In den paar Minuten seines Nachdenkens rollte ihm eine ganze Gedankenwelt vorüber, er! sah, daß er sein Kind nie gekannt. Dennoch war er so weltfremd in Bezug auf die Hallunzinationen junger, moderner Mädchen, daß er des Kampfes gegen ein ihm unbekanntes Element sich gewiß war, jedoch die Sache nicht für verloren gab. Ter Vater nannte ihren Namen halblaut. Sie erschrack und war im ersten Moment ganz sprachlos. Dann kam sic zu sich und fragte den Vater nach seinem Verlangen. (Fortsetzung folgt.); Eiteralur. Gestalten aus der Kongrctzzeit, Skizzen und Siudien von Strobl von Navclsberg, herausgegeben mit einer Einleitung von Edith Gräfin Salburg. M. 3.—, geb. M. 4.—. Leipzig, Verlag. B. Elischer Nachf. 238 S- — Strobl von Navclsberg hat als Historiker einen guten Namen. Gerade die Zeit des Wiener Kongresses muß er mit guten und sicheren Farben treffen. Sein dreibändiges Werk ״Metternich und seine Zeit" beweisen ihn als gründlichen Kenner des sogenannten Wieners ״Vormärz". Sein Studium über Metternich war ein tiefgründlichcs, so daß cS uns nicht wundernehmen kann und darf, wenn hinter allen seinen Gestalten — mehr oder minder das diplomatische Antlitz des größten Diplomaten zum Vorschein kommt. Gräfin Salbyrg ist weit über die schwarz-gelben Grenzphäle bekannt. Sie ist eine der besten Kenncrinnen des österreichischen Hochadels, hat sich um seine gerechtere Beurteilung des unglücklichen Benedck — zu dessen Popularisierung ihre Romane sehr viel beitrugen —, (dessen Großnichte sie übrigens sein soll), große Verdienste erworben, wenn auch nach dem jüngsten Erlaß des Innsbrucker Korpskommandos den Offizieren ihr Verkehr untersagt wurde. So befinden sich die Skizzen und Studien Strobls in guten Händen. Die Einleitung, mit der sie Strobls Buch einbcgleitet, — stellt uns Alt- und Neuwien in Gestalt zweier junger Mädchen dar. Bildet also gleichsam das Präludium dieses großen Festes, das ja eigentlich der Wiener Kongreß war. So manche Gestalt des Wiener ״Vormärz" begegnet uns als alter Bekannter. Grillparzer, der schüchterne und bescheidene Dichter und Beamter der Hosbibliothek, der die Aufgabe hat, der Gräfin Herberstein und der russischen Gräfin Bernstorss — die Bernstorff sollen eine linke Linie der Koburgcr sein und nach russischen Mitteilungen jüngsten Datums Karaiten — den Cicerone abzugeben. Wir sehen ein Stück des literarischen Berliner Salons in Wien, verkörpert durch Rahe! Levin, die den Düsseldorfer Varnhagen von Euse geheiratet hat. Sie bewohnt das Haus ocr hochadeligen Wiener Stistsdamen — wenn ich nicht irre in der Johannesgasse — in dem nur Aristokratinnen mit mindestens 16 Ahnen aufgenommen werden. Der ewig junge König Dänemarks Friedrich, der sich in Abwesenheit seiner Frau in Wien eine neue Königin in Person des jungen Peperls anschafft. — Die schönste und gleichsam Oesterreich verkörperte Gestalt des Buches ist Leopold, im Kapitel ״Träume eines Idealisten" —; der zum Kriegsdienst — durch diesen, untauglichen Jüngling will seinem Batcrland nun mit der Feder dienen. Er rennt alle Türcn ein, vom Prinzen Liechtenstein angefangen bis zur gefallenen Größe Thugut, um statt Aufmunterung, Entmutigung zu finden, so daß er sein Leben mit eigencr Hand beendet. Was brauchte Oesterreich Männer, die aus idealen Gründen schreiben wollten, cs konnte nur Journalisten und Schriftlleller vom Schlage des Herrn von Geuh benötigen. Stellt man diese zwei Männer gegenüber, den unglücklichen Leopold und den nach Oesterreich cingcwandertcn Geutz, so findet man, daß das System der Korruption von alter Dauer ist. Geutz ist das Prototyp des Korruptionisten. Er nimmt das Geld, woher es kommt. Heute für seinen Chef Metternich arbeitend; morgen für dessen Gegner Talleyrand. Hofrat Geutz versteht cs, mit eben solcher Spitzfindigkcit für einen gut bezahlten Vorschlag des Zaren zu schreiben, mit welcher Spitzfindigkeit er ihn nächstcns im Golde Englands. Talleyrands, widerlegen wird — und das war die rechte Hand Metternichs. Das ist der Mann, dessen Briefe noch heute mit besonderer Liebe von der österreichischen Historik gesammelt und ediert werden. — Die Charakteristik der Kongrctzzeit ist sehr gelungen. Wir sehen sie diese hohen Herren alle, wie sic tagsüber ihre Luftfahrten machen, abends sou- Pieren, sich amüsieren, bis sie eines Morgens viele noch zu Bette, die Nachricht, überrascht: Napoleon sei entkommen — ״denn während der römische Senat beratschlagtc, war Sagnut gefallen." Gustav Kohn. Juden! Verlanget in allen Kurorten die ״Jüdische Bolksstimme". *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.